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Nicht nur "wir hier" dürfen kritisieren, andere dürfen das auch.

von Gert Redlich im April 2017 - Wie Sie auf vielen dieser Museen-Seiten bereits gelesen haben, sind wir mit Kritik auch nicht zimperlich, denn es gab und gibt viel Humbug und Unsinn bei diesen "Tests". Auch scheinen viele der damaligen (und auch der heutigen) Tests irgendwie befangen oder gar beeinflußt (auf Deutsch "gekauft") zu sein. Manchmal muß man es zweimal lesen, um die geschickt suggeriert und entspechend bewertete Aussage zwischen den Zeilen zu verstehen, die aber unser Unterbewußtsein durchaus bereits kapiert hatte.

Hier in dieser Kritik der beiden STEREO Redaktuere steckt viel Wahrheit drinnen
, denn das Thema ist sehr komplex und unter den konkurrierenden Hifi-Magazinen ebenfalls sehr umstritten. Aber lesen Sie selbst :

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"Gelesen und gestaunt" aus STEREO 1978

von STRATOS TSOBANOGLOU und VOLKER SIEDENBURG in 1978 - In zunehmendem Maße berichten fachfremde Zeitschriften über das Medium HiFi. Nicht immer sind aber - nach unserer Meinung - derartige Artikel mit der technisch nötigen Akribie verfaßt worden. STEREO nimmt deswegen an dieser Stelle solche Berichte kritisch unter die Lupe.

Es geht um unser "Testinstitut"

Daß man sich als "Testinstitut" bei der Beurteilung von Industrieprodukten zum Wohle des so oft zitierten „Verbrauchers" nicht nur Freunde macht, bekommen auch wir des öfteren zu spüren - wenn ein Hersteller glaubt, in einem Test ungerecht behandelt worden zu sein.

Schlecht getestet = sofortiges Meckern

Die Reaktionen lassen sich in zwei Grupen unterteilen: Die einen meckern sozusagen berufsmäßig, meist sind es PR-Leute, die von der Technik selbst keine Ahnung haben, aber ihr Produkt gefährdet sehen, die anderen sind kritische Techniker, die, oft zu Recht, Anmerkungen liefern, die geprüft und diskutiert werden müssen. Deshalb sind sämtliche seriösen Fachzeitschriften interessiert, ihre Meßmethoden so „wasserdicht" wie möglich zu machen und keine Schwachstellen bloßzulegen.

Testet mit Steuergeldern - Stiftung Warentest

Die Stiftung Warentest, hierzulande das größte Unternehmen dieser Art, ist inzwischen mit kräftiger Starthilfe aus Steuergeldern zu einer Institution geworden, die von der Industrie mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrachtet wird. Der größtenteils heilsame Druck, den die „Stiftung des privaten Rechts" auf die Industrie ausübt, kommt in erster Linie den Verbrauchern zu Gute.

In der Regel macht es Sinn und ist auch notwendig

Nicht selten wurden gefährliche Produkte auf Grund der Beanstandung in „test" zurückgezogen und Schaden verhindert. Die Notwendigkeit eines unabhängigen allgemeinen Testinstituts ist deshalb unbestritten. Die von der Stiftung Warentest durchgeführten Tests zeichnen sich meist durch sorgfältige und gewissenhafte Prüfungen aus.

Ab und zu geht es daneben

Nur selten kommt es vor (wie etwa bei einem Test von Super-8-Filmen, „test" 1/76) daß eine Prüfung wegen Unregelmäßigkeiten wiederholt werden muß. In der Regel ist es dann die Industrie, die darauf dringt, daß ein weiterer objektiver Vergleich durchgeführt wird. In letzter Zeit werden neben Waschmaschinen, Kühlschränken, Kameras usw. in stärkerem Maße auch Produkte aus dem HiFi-Bereich von den Berliner Prüfern unter die Lupe genommen.

Gegen „Konkurrenz" nichts einzuwenden

Gegen diese „Konkurrenz" von staatlicher Seite haben wir nichts einzuwenden, solange sowohl Fachleute aus unseren Reihen als auch aus dem Umkreis von anderen seriösen Fachzeitschriften und Instituten mit den dort angewendeten Methoden einverstanden sind und glauben, daß diese Tests dem interessierten Käufer helfen, die beste Wahl für sein Geld zu treffen.

Sehr unterschiedliche Ansätze und Kriterien

Doch bereits bei der Beurteilung der Lautsprecher (test Nr. 11/76) hatten wir Zweifel, ob die Methoden, die dort angewandt wurden, geeignet sind, die Klangcharakteristika einer Box richtig aufzuzeigen, sie qualitativ richtig einzustufen. Das „test"-Ergebnis sprach auch für sich. Wenn bei den getesteten Modellen mehr als zwei Drittel (77 %) das Prädikat „zufriedenstellend" für die klanglichen Eigenschaften bekommen haben, und man selbst schon einen Großteil der Boxen aus diesem Feld im direkten Vergleich und unter optimalen Testbedingungen gehört hat, so muß man sich fragen, wie um alles in der Welt so teils stark unterschiedliche Klangreproduktionen dieselbe Beurteilung erhielten . . .

Und hier - ein ganz difiziles Thema - Abtaster

Unter der Überschrift „Nur für musikalische Feinschmecker" ist im Heft 12/77 ein Test von 22 magnetischen Tonabnehmersystemen veröffentlicht, der den Ausschlag zum Verfassen dieses Beitrags gab.

Genauso wie eine Cassette abhängig vom jeweiligen Gerät ist, darf man den Tonabnehmer nicht für sich allein betrachten, sondern muß ihn in Verbindung mit dem Tonarm sehen. Wie in STEREO des öfteren dargelegt, ist der Komplex Tiefenresonanz ein wichtiges Kriterium für den optimalen Betrieb des Systems. „Weiche" Tonabnehmer in einem schweren Arm sind genauso schädlich wie der umgekehrte Fall von „harten" Systemen in leichten Armen.

Und es gibt Zweifel an der Kompetenz der Tester

Wen wundert's deswegen, wenn das für den Dual-Arm optimierte und ausschließlich in der dafür vorgesehenen Halterung nur in diesem verwendbare Tonabnehmersystem M 20 (Hersteller Ortofon) mit am besten wegkommt, wogegen prinzipiell nichts einzuwenden ist.

Doch wie sieht es in der Praxis aus? Der Großteil der „test"-Leser zieht den Testbericht beim Kauf eines neuen Systems mit heran und geht mit dem „Test-Kompaß" in den Laden. Setzt ihm dort ein Fachmann auseinander, daß das von ihm ausgewählte System nicht in seinen Plattenspieler paßt oder für seinen Tonarm ungünstig ist, so wird der von „test" überzeugte Kunde diese Beratung auf Manipulationsversuche des Verkäufers zurückführen.

Wenn der Kunde glaubt, er sei "schlau"

Verstärkt wird sein Verdacht wohl, wenn ihm statt des Dual M20 ein Ortofon VMS 20 EMUII empfohlen wird, das - obwohl weitgehend baugleich mit dem M20 - lediglich das Prädikat „gut" erhielt.

Zwar haben die Tester der Stiftung Warentest nicht nur den anerkannt guten Tonarm des Plattenspielers 721 verwendet, sondern daneben auch das Braun-Gerät 450, doch stutzt man, wenn die Meßergebnisse von zwei verschiedenen Tonarmen zusammengeworfen werden, da doch bekannt ist, daß die Konstruktionsmerkmale, die für die Qualität mit ausschlaggebend sind, bei beiden Geräten verschieden sind.

Die Bewertung der FIM-Werte

Mit Staunen liest man beim M20 von Dual, daß dessen FIM-Werte im Braun-Gerät ermittelt wurden, wozu die Tester wohl erst ein spezielles Adapterstück basteln mußten, denn für eine Befestigung in diesem Plattenspieler ist der Dual-Tonabnehmer gar nicht vorgesehen!...

Nach den Erfahrungen, die wir mit der Größe der FIM-Verzerrungen sammeln konnten, liegen die Werte der Stiftung Warentest etwas hoch, was auf den dort verwendeten Meßaufbau und die jeweilige Schallplatte zurückzuführen sein kann.

Die Bewertung des Frequenzgangs

Wie relevant dieser Wert für die Beurteilung eines Systems aber ist - die Stiftung Warentest gewichtet ihn neben dem Frequenzgang am höchsten - ist selbst unter Fachleuten umstritten. Zwar ermitteln auch wir diesen Wert, sind uns aber der Tatsache bewußt, daß er stark von der Stellung der Nadel in der Rille, das heißt, im wesentlichen vom vertikalen Spurwinkel und bei elliptischem Schliff der genauen Ausrichtung der Nadel abhängt. Welchen Spurwinkel letztlich die Musikschallplatte aufweist und damit das Maß der Verzerrungen festlegt, ist weitgehend umstritten.

Hier hat die zuständige Norm eigentlich mehr „Charakter einer Empfehlung" mit der Hoffnung, sämtliche Produzenten halten sich an sie. Auch mit welcher der verschiedenen Meßmethoden, die immer zu unterschiedlichen Ergebnissen führen, der tatsächliche vertikale Spurwinkel gemessen werden soll, bleibt Thema von Diskussionen.

Das Thema FIM usw. kann man nicht vereinfachen

Zusammenfassend läßt sich aber erkennen, daß die Rillengeometrie mit ihren Auswirkungen auf die Verzerrungen keineswegs eindeutig beschrieben ist. Deshalb sehen wir eine zu starke Gewichtung der FIM-Verzerrungen als problematisch an. Der andere für die Bewertung wichtige Punkt, der Frequenzgang, reizt ebenfalls zum Nachdenken.

Wenn die Qualität der Meß-Schallplatte zu schlecht ist

So wurde das Urteil „sehr gut" dann vergeben, wenn die Abweichungen gegenüber der Mitte des Toleranzfeldes bis 16 kHz höchstens ±3dB betragen haben. Der Hersteller der Frequenzgang- Meßschallplatte läßt aber bei 16 kHz bereits Exemplarstreuungen von ±4dB zu. Theoretisch könnte also ein noch so guter Tonabnehmer mit „brettgeradem" Frequenzgang aufgrund der Plattentoleranzen nie das Prädikat sehr gut erhalten.

Für unsere Tonabnehmertests haben wir aus mehreren Lieferungen von Testplatten letztlich drei Stück herausgefunden, die dem optimalen Fall, glatt über den gesamten Frequenzbereich, sehr nahe kommen.

Wer stellt die Auflagekraft "richtig" ein ?

Daß die Abtastfähigkeit bei Tiefen und hohen Frequenzen mindestens ebenso wichtig ist wie ein gerader Frequenzgang oder geringe Nichtlinearitäten, sollte sich inzwischen bis nach Berlin durchgesprochen haben. Ebenfalls die Tatsache, daß diese stark von der Auflagekraft abhängt. Weil aber nur wenige Hersteller eine optimale Auflagekraft angeben, bei der die beste Abtastfähigkeit erreicht wird, und viele lediglich den Bereich nennen, in dem das System arbeitet, ist es zwangsläufig, daß nur wenige Tonabnehmer optimal betrieben wurden.

Sinnieren über die Geschicklichkeit der Leser

Vielleicht lassen sich die „test"-Tester von dem Gedanken leiten, daß es die Geschicklichkeit der Leser übersteigt, wenn diese durch Eigenversuche die richtige Auflagekraft bestimmen sollen und haben dem Punkt optimale Auflagekraft keine weitere Beachtung geschenkt.

Andererseits hat man bei der Sektprobe auf Seite 46 der Dezember-Nummer den Prüfern auch kein lauwarmes Schlabberwasser kredenzt, sondern bei allen Proben optimal gekühlten Sekt eingeschenkt. Optimale Bedingungen für jeden Prüfling, auch wenn sie nicht ganz einfach zu ermitteln sind, sind Voraussetzung für eine stichhaltige Testaussage!

Die Gewichtung der Kriterien durch den Tontechniker

Kritik müssen wir auch bei der Zusammensetzung der Bewertung anmelden. Wurden die elektrischen Eigenschaften mit 90% gewichtet, so entfielen auf die Bedienung 10%. Gänzlich fehlt die Bewertung des gehörmäßigen Eindrucks, den die Stiftung Warentest von einem (!!) Tontechniker vornehmen ließ, nach dessen Meinung die Unterschiede für Laien kaum wahrnehmbar sind.

  • Anmerkung : Das ist korrekt : Der Tontechniker stellt die Mikrofone auf, legt die Magnetbänder auf die Bandteller und startet die ganzen Geräte. Er richtet die Technik nach den Vorgaben des Toningenieurs aus. Dieser (und nur dieser) hingegen hat die drei Jahre lang studierte Expertise, die akustische Qualität und den Klang zu beurteilen und zu optimieren. Der Tonmeister instruiert den Toningenieur, wenn das gesamte akustische Ergebnis nicht seinen künstlerischen Ansprüchen genügt. Auf all das hat der Tontechniker nicht den geringsten Einfluß.

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Dieser Zusammenhang hier stimmt nur bedingt :

Nun, unsere und die Erfahrungen von mehreren in- und ausländischen Fachzeitschriften zeigen, daß zwar die Klangqualität mehr von den Lautsprechern denn von dem Tonabnehmer bestimmt wird, doch bemerkt selbst der ungeübte Musikinteressierte nach längerem Zuhören Unterschiede.

Bei sehr guten Abtastern sind es zwar oft nur Nuancen, doch gilt es als Erfahrungs-Tatsache, daß auf längere Zeit und durch ständige Schulung des Gehörs selbst solche Nuancen als positive oder negative Eigenschaft des Abtasters auffallen.

Wirklich schlimm : Was hat die Bedienung eines Abatsters mit der Qualität zu tun ?

Deshalb haben es sich unserer Meinung nach die Berliner Tester wohl etwas (zu) leicht gemacht, den gehörmäßigen Eindruck völlig vom Tisch zu wischen. Lieber wurde dafür der (subjektive) Punkt „Bedienung" mit in die Wertung aufgenommen.

Was immer man an einem Tonabnehmer bedienen kann (uns fallen beim besten Willen keine gravierenden Punkte ein; lediglich der Nadelwechsel, fällig höchstens alle 15 Monate, geht mal leichter, mal schwerer), ist unserer Meinung nach eher der Rubrik „Schönheitsfehler" zuzuordnen, eine Beurteilung des „Ausrichtens der Nadel am richtigen geometrischen Ort" fällt wohl nicht darunter.

  • Anmerkung : Da haben die Kritiker dieses "test"-Artikels der Stiftung Warentest  vollkommen recht, das ist (war damals) völliger Unsinn, dem Abtaster ein Bedienungskriterium unterzuschieben. Das gibt es dort nicht. 98% der "Bediener" haben den Abtaster noch nie im Leben angefaßt.

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Das leichte und exakte Ausrichten des Systems im Tonkopf auf Parallelität oder Nadelüberhang ist nämlich Sache der Tonkopfkonstruktion und nicht die des Tonabnehmersystems.

Und das ist auch meine Meinung :

Zusammenfassend würden wir diesem Test der Stiftung Warentest das Prädikat „mangelhaft" geben, da unserer Meinung nach wesentliche Punkte nicht oder nur unvollständig beachtet wurden.

Daß die Industrie dazu schweigt, ist wahrscheinlich auf die Haß-Liebe zurückzuführen, die dem staatlich geförderten Institut entgegengebracht wird. Als charakteristisch kann wohl die oft gehörte Äußerung unter Vertretern der Industrie gewertet werden: „Wir sind ja froh, daß wir mit einem blauen Auge davongekommen sind". Allmächtige Stiftung Warentest ?

sid tso (in Stereo im Jahr 1978)
STRATOS TSOBANOGLOU und VOLKER SIEDENBURG
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