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Über die Bildung von Legenden am Beispiel von "Klangfilm".

In mehreren anderen Artikeln und Web-Seiten habe ich bezüglich der "Anfänge der High-Fidelity in Deutschland" auf die Wurzeln der damals beeindruckenden Musikwiedergabe im Kino verwiesen.

Richtigen tollen gewaltigen Sound oder gar Ähnlichkeiten mit Hifi gab es vor 1960 fast nur in manchen größeren oder ganz großen Kinos. In den allermeisten Kinos (fast jeder Größe) reichte es, wenn der Film auch einen einigermaßen vernünftigen Ton hatte. Alleine die Kombination von Bild und Ton verklärte jeden Qualitätseindruck.

Erstens waren die damals speicherbaren Ton-Quellen im Vergleich zu dem heute in 2010 oder dem bereits um 1965 Machbaren absolut ungenügend. Ein Frequenzgang von 80 bis 7000 Hz bei einem Rauschabstand von 45 Dezibel war das Optimum der Kinowiedergabe bis zum ersten Magnettonfilm um 1954.

Und zweitens; selbst wenn eines dieser damals tollen Telefunken oder Ampex oder Studer Studio-Magnetbandgeräte bereits 40 bis 15.ooo Hz aufzeichnen konnte, in normalen Wohnungen und selbst in großen Sälen gab es fast keine Apparaturen, diese Qualität so oder zumindest so ähnlich wiederzugeben.

Übrigens, Klangfilm war ab 1928 eine Siemens Tochterfirma zu Zeiten des Tonfilm Kartells von 1927. Später nach dem 2. Weltkrieg (1945) war es ein Label im Siemens Konzern und ganz später stand nur noch Siemens drauf.

Mehr zu Klangfilm kommt auf den Film-Seiten im Fernsehmuseum - denn es hat viel mit dem Kino und dem damals neuen Tonfilm und den speziellen Ton-Film-Bildwänden oder Leinwänden zu tun ... (bald).

Im Kino klang es überwältigend, jedenfalls in großen Kinos.

3 Lautsprecherkombinationen hinter der Cinemascope Bildwand
ein modernes Kino mit 7Kanal Lukas Sound
1954 - Die Magnettonspuren eines Vierkanal Magnettonfilms

Es gab damals kaum Vergleiche (zum Beispiel mit frühen Rundfunk- Studio-Lautsprechern) und so klang im Kino zu jener Zeit sowieso alles super. Als um 1954 die ersten großen Kinos auf Cinemascope (mit Magnetton) umgerüstet oder neu gebaut waren, es war ein teurer Umbau, wurde erstmalig (bis auf wenige frühere Versuche) eine deutlich bessere Qualität als der bislang benutzte Lichttonfilm angeboten. Cinemascope stand für eine 3+1 Stereo-Technik. Und ganz vorne hinter der Bildwand befanden sich jetzt 3 Lautsprecher oder Lautsprecher- kombinationen und ganz hinten im Saal waren für den vierten Effekt-Kanal wenige kleinere Effektlautsprecher installiert.

Der Cinemascope Film (als Magnettonkopie) konnte in etwa 40 bis 12.000 Hz wiedergeben, wenn es die Verstärker und die Lautsprecher auch konnten. Das war aber nicht immer oder überall so. Nur die großen Filmpaläste konnten sich wirklich solche "Super-" Anlagen leisten. Und auch nur dort standen die großen Klangfilm- oder Zeiss Ikon Schallwände mit gewaltigen 48cm Lautsprecherchassis und riesen großen Hörnern oben drauf. Und wenn wir von Frequenzweichen reden, da wurde lediglich der Hochtöner und/oder Mitteltöner mit einem Kondensator (in Reihe geschaltet) gegen tiefe Töne "geschützt".

Dazu kam auch noch, daß der Film-Vorführer äußerst sorgsam mit seinen Magnetton- Apparaturen umgehen mußte, sonst war von dem ganzen Film (oder einzelnen Rollen) ganz schnell ein Teil der Tonspuren oder gar Alles gelöscht. Und waren die Magnettonköpfe bereits leicht verschmutzt, war die Wiedergabe ebenfalls recht schnell stark beeinträchtigt. Aber das kennen wir von den alten Tonbandgeräten auch.

Welcher ernsthafte Vergleich war wirklich möglich ?

Liest man heute Aussagen von Klangfilm- Liebhabern oder anderen Kinoton- Liebhabern oder Sammlern, wie toll diese oder jene Lautsprecher damals waren und heute noch seien, so ist ein große Menge Skepsis angesagt.

Damals gab es keine richtigen Hochleistungsverstärker über 50 Watt Sinus. Die ersten 100 Watt Röhrenverstärker kamen aus der qualitativ anspruchslosen ELA Technik und auch erst in den späten 1950er Jahren, meist Mitte der 60 Jahre raus. Darum wurde (insbesonders vor 1939) extremer Wert auf besonders große Effizienz der Lautsprecher (und der Chassis) gelegt. An geschlossene Boxen war überhaupt nicht zu denken, zumal diese Technologie damals nur Wenigen bekannt war.

Und eine Besonderheit vergessen die "Lobenden" sehr gerne. Die Kinolautsprecher standen immer hinter einer (bzw. der) Bildwand und mußten ihren Sound (oder Klang) durch dieses Material ins Auditorium abstrahlen.

Die sogenannten Bildwände waren anfänglich aus grobem Leinen gewebt
(Der Monopolist hieß "Mechanische Weberei") und erst später aus fein gelochtem und speziell beschichtetem gummierten Kunststoff- Gewebe oder gar aus gelochtem Kunststoff.

Die möglichst helle (bzw. effiziente) Darstellung des Bildes, also die Reflexionseigenschaft der Beschichtung) hatte im Kino immer Vorrang vor dem Kino-Ton.

Für den oder die Hochtöner war das also besonders mühsam, sie brauchten deutlich mehr Power und darum wurden die Höhen immer erheblich überbetont.
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Sie glänzen eigentlich nur durch höchste Empfindlichkeit.

Diese Kino- oder Bühnen- Lautsprecherchassis glänzen durch ihre sehr hohe Effizienz, ihr Alter und ihre Legenden. Das war's dann fast auch schon. Die damals verarbeiteten Materialien waren im Vergleich zu heute recht unvollkommen und, da meist aus Pappe, sehr feuchtigkeitsempfindlich. Die Magneten waren zwar dick und groß und besonders schwer und dennoch - sie sind mit heutigen Magnetstärken bzw. erzielbaren Feldstärken überhaupt nicht zu vergleichen. Dazwischen liegen inzwischen Welten.
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Ein Beispiel aus Wiesbaden, das "UFA im Park" in 1965.

Die Ernemann X Projektoren
Die Bildwand für Breitbild
Die Projektoren nach dem Umbau

Mit 16 Jahren hatte ich im damaligen Wiesbadener Kino "UFA Palast" das Vorführen erlernt. Dort standen zwei damals hypermoderne Zeiss Ikon Ernemann 10 Projektoren beide mit Klangfilm Magnettonaufsatz (Nachrüstung) und ein 4 x 25 Watt Zeiss Ikon (Röhren-) Verstärker. Hinter der dortigen - auch heute noch realtiv kleinen - Cinemascope- Bildwand hingen 3 große Schallwände, dicke flache Holzplatten mit etwa 2,5m x 2,5m Fläche und je einem Tieftöner in der Mitte.

Ob die Hochtöner jetzt Hörner waren oder normale Membran- lautsprecher, ist mir nicht mehr genau in der Erinnerung. Jedenfalls selbst bei monumentalen Magnettonfilmen wie "Das war der wilde Westen" war die Klangqualität bescheiden. Mehr kam aus dieser Zeiss-Ikon Kombination einfach nicht raus. Für die damals 950 Plätze des Kinos war es bereits grenzwertig (also zu knapp dimensioniert).

Mein Vater Gerhard Redlich hatte diese (UFA-) Kinos teilweise gebaut bzw. betreut und mir später erzählt, daß der Unterschied beim Ton zwischen Zeiss-Ikon-, Klangfilm- und Philips- Anlagen gar nicht so groß war, wie er heute immer wieder dargestellt wird. Die genaue Abstimmung der jeweiligen Verstärker auf die jeweiligen Lautsprecher war damals viel wichtiger.

Weiterhin war die Leitungslänge vom Vorführraum, in dem der oder die Verstäker standen bis zu dem oder den Lautsprechern hinter der Bildwand ganz ganz wichtig. Auch dort ging bereits Lesitung verloren. Es ist also ein gerüttelt Maß an Legendenbildung dran.

Vor allem - selbst in recht großen Kinos - wurden nicht nur damals die Sinne des Hörens von dem visuellen Eindruck der bewegten Bilder überflügelt. Das galt - wie weiter oben bereits erläutert - ganz besonders für die ab 1954/55 neuen Cinemascope- und anderen Breitbildfilme mit 4 Kanal Magnettontechnik.

In vielen Publikationen wird Klangfilm in einem Atemzug mit GE, EV und JBL genannt.

Unbestritten war die Firma "Siemens / Telefunken" = Klangfilm vor 1939 mit ein globaler "Player", wie es so schön heißt. Und unbestritten spielten die vier oben genannten Firmen weltweit in der Spitze der Theater- und Kinotontechnik mit. Doch das ist 80 Jahre her. Und in dieser Zeit hat sich sehr sehr viel geändert und verbessert.

Nach dem April 1945 (Kriegsende) hatte sich das sowieso fundamental geändert.
Da war für Klangfilm der Einzugsbereich Deutschland West erstmal der sehr begrenzte machbare Heimmarkt. Und nach 1961 war das Geschäft mit Kinos und Kinoausstattungen sehr schwer geworden bzw. zu einer Nische geschrumpft.

Und so leben die hochgelobten technischen und akustischen Qualitäten
in den Legenden weiter und werden gehegt und gepflegt und jeder Andersdenkende wird sofort unter vollen Beschuss genommen (und möglichst versenkt).

Ein Beispiel ist mein eigener Versuch mit der "Verklärten Wahrheit der Erinnerung" am Beispiel der angeblich legendären Braun L710 Lautsprecherboxen aus 1969. Ein Sturm der Entrüstung brach los, als ich meine aktuellen Eindrücke nach 40 Jahren und meine Erinnerung von vor 40 Jahren miteinander verglichen habe.

Lesen Sie bitte hier weiter über die "Verklärte Wahrheit der Erinnerung".
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