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Ein stereoplay Artikel von 1980 - und natürlich
"Die drei teuersten Systeme der Welt"

Mit jeder weiteren "Headline", die den Gigantomatismus herausstellte, verlor die stereoplay bei den Hifi-Normalos an Akzeptanz und gewann vielleicht bei den Träumern an Zuspruch. Immer nur das Tollste, das Beste, das Teuerste, das wurde auf die Dauer auch langweilig, weil nichts mehr so richtig Fundiertes dahinter stand. Und eine Woche später hatte das ja sowieso nicht mehr gestimmt. Die Schreiberlinge unterminierten ihre eigenen Artikel ja bereits in der nächsten Ausgabe, wenn sie den gestrigen Superlativ irgendwie nochmals durch den nächsten weiter gesteigerten Superlativ steigern mussten. Doch irgendwann machte die Deutsche Sprache dem einen Strich durch die Rechnung, wenn der Schreiber ganz oben am Gipfel der Superlative angekommen war.

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Vergleichstest Tonabnehmer (stereoplay 1/1980)
"Gelobt sei, was hart ist"

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  • Anmerkung : Dieser Spruch könnte fast schon aus einer Beate Use Werbung stammen, so zweideutig war er damals und so ist er auch noch heute noch.

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Der heiße Tip vom Redakteur :

Bauen Sie mal in Ihren Plattenspieler einen der besten Tonabnehmer der Welt ein - Sie werden staunen, was Sie damit alles aus den Platten holen, stereoplay testete die drei teuersten Systeme der Welt.
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Peter Tschaikowskys Ouvertüre „1812 op. 49"

(es war keine Direkt-schnitt Platte)

Hören Sie sich doch mal die Böllerschüsse in Peter Tschaikowskys Ouvertüre „1812 op. 49" auf der neuen Digital-Pressung von Telarc an - wenn Sie überhaupt so weit kommen. Die Mehrzahl der Tonarme und Tonabnehmer wird nämlich den Dienst verweigern und einfach aus der Rille hüpfen. Derartige "Brutalpassagen" (schon mit bloßem Auge lassen sich die extrem breiten Rillenabstände erkennen) tasten nur die hochwertigsten Kombinationen ab.

Aber dann beginnt das Erlebnis: Die majestätische Musik bleibt sauber und durchsichtig, die Schüsse knallen derart aus den Lautsprechern, daß es einen ohne Vorwarnung erschreckt aus dem Sessel reißt. Spätestens jetzt merken Sie, wie wichtig die Kombination von Arm und Tonabnehmer ist - und daß es sich auf jeden Fall lohnt, relativ viel Geld in beide zu investieren.
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  • Anmerkung : Das obige "Tun" war seit ein paar Jahren bei einigen (kleineren) Labels in Mode gekommen, eine Plattenschneidmaschine bis an deren physikalische Grenzen auszusteuern. Dabei hatte der dortige Ingenieur bewußt sämtliche Grenzen und Normen überschritten, wohl wissend, daß 98% aller Abtaster diese Platte so nie abtasten konnten und können.

    So ähnlich war es auch mit den ersten AUDI TT Sportwagen, die reihenweise in die Gräben, an die Leitplanken und an die Bäume geklatscht worden waren. Da hatten die Konstrukteure auch keine Rücksicht auf die physikalischen Grenzen der Bodenhaftung (in Verbindung mit dem Eigengewicht des Wagens) genommen. Und bei den AUDI TT Unfällen gab es mehrere Tote, weil die Bäume dann doch härter waren, bei der TELARC 1812 LP zum Glück nicht.

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Man nehme die teuersten . . . .

Zwecks Demonstration nahm sich stereoplay drei der teuersten Tonabnehmer des Weltmarkts in einem exklusiven Test vor: das japanische Dynavector Karat Diamant für rund 1900 Mark, das gleichfalls japanische Koetsu für etwa 2000 Mark und das amerikanische Grado Sigma, das immerhin auch noch um 1300 Mark kostet.

Das sind Preise, für die man normalerweise ein komplettes Laufwerk bekommt. Lohnt sich also der Kauf? Bringt die hohe Ausgabe wirklich mehr Musik in die HiFi-Anlage? Mit jedem der drei Modelle ist eine Geschichte verbunden.

3 Geschichten stehen dahinter,
Joseph Grado

Joseph Grado, (in 1980 war er gerade 55), zum Beispiel gehört zu den amerikanischen HiFi-Pionieren. Schon 1955 baute er ein dynamisches System (moving coil), für dessen Konstruktion er sogar ein inzwischen abgelaufenes Patent besitzt. Was ihn allerdings kaum kümmern dürfte, denn Patente besitzt der Mann, dem Freunde eine seltene Mischung aus Ehrlichkeit und Schlitzohrigkeit attestieren, in Hülle und Fülle.

Um seinen Qualitätsbegriff zu untermauern, erzählt Joseph Grado auch gern von seinem Mercedes 450, den er komplett zerlegt habe, um „hier und da noch ein paar Verbesserungen anzubringen ....."

Vor zwei Jahren präsentierte er dann einen Tonabnehmer namens Signature, der immerhin 3.000 Mark kostete (Anmerkung : nur hier bei uns in Deutschland), in Handarbeit gefertigt wurde und die amerikanischen Fans in Verzückung versetzte. "stereoplay" kam im Test freilich zu dem Urteil: Gut, aber viel zu teuer für das, was es im Vergleich zu anderen guten Tonabnehmern bringt.

Das Sigma System gilt nun als Nachfolger des Signature; sollte Joseph Grado eingesehen haben, daß sein Preis überzogen war? Es ist wie der Vorgänger nach dem "Moving Iron"- Prinzip aufgebaut: Statt des Magneten, den ein "Moving Magnet"- System besitzt, ist ein winziges Eisenstück mit dem Nadelträger verbunden, das die Schwingungen in Tonsignale verwandelt. Laut Hersteller Grado soll das Prinzip einen besonders ausgeglichenen Frequenzgang erzeugen.
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Noburo Tominari

Das Karat Diamant hingegen gehört zur Gattung der dynamischen Tonabnehmer, bei denen statt des Magneten winzige Spulen schwingen - daher der Name moving coil. Vater des Dynavector ist der Japaner Dr. Noburo Tominari, der schon mit einigen ungewöhnlichen Entwicklungen - darunter der Tonarm DV 505 oder exzellente Röhren-Vorverstärker - von sich reden machte.

Er verkürzte den Nadelträger des Karat radikal auf 2,5 Millimeter - ein neuer Rekord. Denn normalerweise sind diese Stäbchen, die aus dem Gehäuse herausragen, sechs bis sieben Millimeter lang. Noburos Theorie: Da sich die Schallwellen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit im Nadelträger fortpflanzen (Laufzeitunterschiede), sollte dieses Teil so kurz wie möglich sein, um Fehler zu verringern. I

Außerdem fertigte er nicht nur die Nadel aus Diamant, sondern gleich auch den Nadelträger, der bei anderen Tonabnehmern aus Aluminium, Beryllium oder auch Bor besteht. Diamant, das härteste Material überhaupt, ist laut Tominari ideal.

  • Anmerkung : Das stimmt so nicht. Es gibt erhebliche Unterschiede in der Härte eines Diamanten, abhängig von der Ausrichtung der kristallinen Strukturen und natürlich der Herkunft.


Der "Karat-Winzling" weist noch einen anderen Vorteil auf. Durch die Kurzbauweise des Gehäuses geriet die Masse extrem gering; das System wiegt nur fünf Gramm. Und dank des kurzen Nadelträgers rutschte die Eigenresonanz auf 50 Kilohertz, weshalb das Karat keine zusätzliche Dämpfungseinrichtung in Form des sonst üblichen kleinen Gummirings braucht. Das müßte, mindestens theoretisch, eine vorzügliche Höhenwiedergabe bringen.

Tatsuo Sugano

Auf stolze elf Gramm Gewicht bringt es der Dritte im Bunde, das gleichfalls japanische Koetsu. Es ist im Grunde eine Weiterentwicklung des Supex 1000; der Konstrukteur Tatsuo Sugano, inzwischen 70 Jahre alt, war früher Chefentwickler beim Hersteller Supex. Drei Koetsus pro Tag, so heißt es, baut er zusammen mit seinem Sohn. Zwei bleiben in Japan, eins geht in den Export. Nach Deutschland liefert das Kleinst-Unternehmen jährlich nur 36 Systeme aus.

Die winzige Stückzahl verleiht dem Koetsu eine seltene Exklusivität, die durch den Preis von 2.000 Mark noch unterstrichen wird. Das langgestreckte Systemgehäuse besteht aus Rosenholz, der starke Magnet (den jedes dynamische System braucht) wurde aus einer teuren Samarium-Kobalt- Legierung gefertigt. Den Nadelträger baute der für unsere Verhältnisse greise Konstrukteur aus einer Titan-Aluminium-Legierung auf, die neben geringer Masse eine hohe Festigkeit auszeichnen soll.
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  • Anmerkung : Achten Sie mal auf die verschiedenen Materialien, die jeweils von dem Konstrukteur angepriesen und eingesetzt werden und vom Redakteur / Texter nochmals betont werden. Also das Gehäuse bestehe aus "Rosenholz" - aber was sagt Ihnen das wirklich ? Können Sie wirklich die Eigenschaften von Eiche, Buche, Olive oder Rosenholz unterscheiden und dann auch noch qualitativ bewerten ? - Jeder hat also seine eigene Philisophie bzw. seine Religion und "verkauft" sie prächtig. Sie müssen oder sollen es einfach nur glauben.

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Also testen wir mal alle 3 an 2 Tonarmen

Viele Theorien, viele Geschichten und gewiß manche Legenden - den Ausschlag kann nur der Test geben. Dazu wurden die Tonabnehmer wechselseitig am Dynavector-Tonarm DV 505 und am britischen Hadcock-Arm GH 228 Mk III betrieben, der gleichfalls zu den herausragenden Vertretern seiner Gattung gehört. Auch für die Messungen wurden sie jeweils mehrfach umgebaut und immer wieder sorgfältig justiert.

Das Koetsu war am Dynavector-Arm kaum zu betreiben. Einerseits machten sich Resonanzen im Tieftonbereich bemerkbar, andererseits gab es Probleme beim Abtasten, so daß stark verwellte Platten nicht mehr abzuspielen waren.

Alle drei haben einen ausgeglichenen Frequenzgang

Wie die Meßergebnisse demonstrieren, wiesen alle drei einen ausgeglichenen Frequenzgang auf. Die Unterschiede beim Klirrgrad, beim Übersprechen oder beim Rechteckverhalten waren gleichfalls gering, so daß sich davon keine Urteile über die Güte ableiten ließen.

Der Hörtest

Beim Hörtest wurde recht bald klar, daß es eigentlich nur zwei Rivalen gab - das Karat und das Sigma. Denn der Koetsu-Abtaster reproduzierte die Musik von der Platte zu weich und fiel deshalb bei Klavierstücken wegen des fehlenden präzisen Anschlags und bei impulsartiger Musik mit Schlagzeug wegen des fehlenden Metallcharakters beispielsweise eines Beckens zu sehr ab.

Das Koetsu konnte Kammermusik oder ein verhaltenes Bläserensemble schön wiedergeben; dabei blieben auch die Instrumente gut definiert. Aber die Tester waren sich einig: Der zu lieblich wiedergegebenen Musik fehlte Lebendigkeit, sie wurde beim Koetsu vermißt.

Ganz anders das Grado. Die Wiedergabe mit diesem Abtaster machte an: Streicher wirkten sehr frisch und dynamisch. Ein Paukenschlag kam mit starkem Druck, und Trompeten zeigten strahlende Brillanz.

Da dieses System enorm viel Höhen bringt, sollte die Abschlußkapazität nicht unter 200 Picofarad liegen, weil sonst das Klangbild zu höhenbetont werden kann. Massierte Violinen beispielsweise neigen dann zur Schärfe. Notfalls genügt es, einen Meter abgeschirmtes Kabel als Verlängerung an das Tonabnehmerkabel anzuschließen, denn das bringt 60 bis 100 zusätzliche Picofarad an Kapazität.

Auch bei der Definition schnitt das Grado sehr gut ab. Kein Instrument - sie wurden in der richtigen Größe abgebildet - wanderte bei wechselnden Frequenzen oder Lautstärken. Dabei war das Klangbild gut aufgefächert.

Aber dann kam das Karat Diamant. Wenn bei einem Quintett zum Beispiel mit dem Grado die Violine vor dem Cello auszumachen war, so meinte man beim Karat fast den Abstand und den Winkel der beiden Instrumente angeben zu können. Mit dem Karat geriet auch die Klangperspektive bei unterschiedlich aufgenommenen Platten präziser als mit dem Grado. Dieses Leichtgewicht hauchte der Musik derart Leben ein, daß Zuhören eine neue Dimension bekam: Die Tester fühlten sich mit von der Partie.

Auch die Höhendefinition war beim Karat etwas besser als beim Grado. Pikkoloflöten, Triangel oder Cembalo wurden "kompakter" abgebildet. Der Charakter der Instrumente wurde sehr natürlich herausgearbeitet. Es stimmte einfach alles: Farbe und Form der Instrumente, Dynamik und Klarheit.

. . . ein weiteres preiswerteres Karat im Repertoire

Was die Tester natürlicherweise neugierig machte - besitzt doch Noburo Tominari ein weiteres Karat im Repertoire, das als „Rubin" geführt wird, also statt des Diamanten ein Rubinstäbchen als Nadelträger besitzt und für nur 500 bis 600 Mark im Handel ist. Wie würde diese preiswerte Version gegen das Sigma abschneiden?

Wenn Sie es nachvollziehen wollen, stecken Sie beide mal an den Hadcock-Arm. Bei guten Platten klingen beide annähernd gleich, das Grado gelegentlich eine Spur betonter in den Mitten, ähnlich straff im Baß und eine Nuance tiefer in den Raum hineingehend, während das Rubin eher in der Breite ausleuchtet.

Nehmen Sie beim zweiten Testdurchlauf solche Platten, von denen Sie wissen, daß sie nicht ganz so perfekt aufgenommen sind - das Karat Rubin wird dem Grado Sigma überlegen sein, was die Durchsichtigkeit bei schwierigen Orchesterpassagen betrifft.

„Der Dream Set"

Nach langwierigen Hörtests, an denen auch Musiker und HiFi-Fans mit den goldenen Ohren teilnahmen, kam stereoplay zu folgendem Urteil: Das Karat Diamant am Dynavector stellt ein dream set dar, wie die US-Freaks sagen; es dürfte so rasch nicht zu schlagen sein.

Das Grado Sigma ist ein vorzügliches System, rund 600 Mark billiger als das Diamant, außerdem braucht es keinen Vor-Vorverstärker oder Übertrager, weil es genügend Signal-Spannung für jeden normalen Phonoeingang liefert, aber dem Dyna-vector-Diamant unterlegen am Klang.

Das Koetsu fällt stark ab und ist wegen des Preises nicht empfehlenswert. Und das Karat Rubin?

  • Anmerkung :Und es folgt "natürlich" wieder etwas Eigenlob:


Es wäre schön, wenn es mehr solcher stereoplay-Geheimtips gäbe ...

Gerald O Dick

Das fiel bei den Tonabnehmern auf:

Ich hätte nicht geglaubt, daß die Unterschiede zwischen dem Dynavector Karat und einigen sehr guten Tonabnehmern doch noch so groß sind. Da bringt plötzlich eine vertraute Schallplatte neue Details, die ich noch nie zuvor gehört habe. Da gewinnt ein Orchester auf einmal an Präzision und Klarheit, da treten die Formen der Instrumente präziser zutage, als ob ein Schleier abgelegt würde. Und da rücken die Instrumente etwas weiter auseinander, so daß das Klangbild breiter und tiefer wird.

Enttäuscht bin ich dagegen vom Koetsu-Abtaster. Schon vom Preis her erhebt er den Anspruch auf ein Spitzen-System, und auch eine der amerikanischen Underground-Zeitschriften lobte ihn über den grünen Klee. Für mich schönt er viel zu sehr, als daß ich ihn zur Spitze rechnen könnte.
Gerald O. Dick - stereoplay 1/1980
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