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Zukunftssicher (-heit) ? Bei Elektronik ? Was ist das ?
40 Jahre Erfahrung - und ein paar Erkenntnisse . . .

Ein besonders teurer Bolide
Philips BDX64C sind sehr rar

In der Stereoplay 06/1991 schrieb zum Beispiel der Redakteur Johannes Maier auf Seite 8 : "Dieser (Burmester) 909 ist in jeder Hinsicht zukunftssicher." Es ist so aber kein Bericht, es ist eigentlich eine 4-seitige Verkaufs-Anzeige - und mit mindestens 1 falschen Aussage. Gemeint war damals dieser große schwere Aluminium-Klotz rechts.

Wir schreiben inzwischen 2016 und die alten Hifi-Geräte geben so langsam ihren "Geist" auf. Immer mehr Anrufe in der Museums-Werkstatt laufen ein : "Können Sie helfen ?"

Die Recherchen sind sehr oft enttäuschend. Die Halbleiter-Bauteile von damals gibt es gar nicht mehr (also schon sehr lange nicht mehr) und die eventuell verfügbaren Ersatztypen kommen aus dubiosen Quellen, allermeist irgendwo aus China. Und "die Chinesen" nehmen es mit "den alten Dingern" nicht mehr so genau. - Eine der wichtigsten Eigenschaften der dicken starken Leistungstransistoren ist die Grenzspannung, wann der Chip durchschlägt, also schmilzt. Das testet der Hersteller, indem er ausprobiert, wieviele Volt das "Die" aushält und wann es "knallt". Dazu verbrennt/verschmort er bestimmt hunderte der Chips und benennt (spezifiziert) dann die "Collector-Emitter Spannung" dieser Type - mit etwas Reserve. Der Kunde muß es (sowieso erstmal) glauben. Bei Fairchild, Motorola und RCA hatte er es immer geglaubt - und es hatte auch gestimmt. Bei unbekannter China-Ware landet man wirklich im weltanschaulichen Bereich des Glaubens.
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Das ist ein Kanal des Crown DC300A mit selektierten 2N3055

Die Gegebenheiten im "Edel-Bereich"

Bei Consumer-Verstärkern wie den Grundigs der 1980er Serien ist das Reparieren noch möglich. Die beschaffbaren Ersatz-Bauteile sind meist besser als die Spezifikationen es verlangen. Im Edelbereich ist es dagegen anders.

Da brüstete sich ein Hersteller (damals vor über 20 Jahren) in der Werbung und in den Tests damit, daß er pro Kanal 16 paarweise ausgemessene ganz besonders rare (und damit angeblich gute) MOSFET Darlington Endtransistoren "verbaut" hat und daß darum dieser Verstärker exorbitant hervorragende Qualitäten besäße.

Der (finanziell) potente Hifi- (oder Musik-) Liebhaber - oft aber ein technischer Laie - staunte tagelang, dachte bzw. denkt nicht weiter darüber nach, ist (war) begeistert, hört das dann auch noch im Studio bei einer beeindruckenden Vorführung und kauft(e) die Endstufe oder den Vollverstärker für einen 5-stelligen (DM-) Betrag. Endlich ist er (wieder) glücklich und sein Glaube hat dazu beigetragen, daß von jetzt an alle seine alten LPs ganz besonders toll klingen.
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Nicht nur das Leben, auch die Freude ist "endlich".

Dicke SAE Endstufe von 1975 - abgebrannt
BRAUN Regie 550 - 20 Jahre Dauerbetrieb heizen ganz schön
Ein Spannungsregler - Endstation

Jahre später : Irgendwann beim Einschalten kommt das böse Erwachen, da ist etwas kaputt. Die 16A Haussicherung ist rausgeflogen. Erneutes Einschalten wird mit einer kleinen Rauchwolke belohnt und es stinkt schlimm nach verbrannt.

Man kann sehr oft vermuten, daß (nur) eine Endstufenseite "den Geist aufgegeben" hat und jetzt fliegen auch innen drinnen die dicken 20A Schmelzsicherungen des Netzteils raus. Jetzt wird nach den alten 25 Jahre lang verlegten, verbummelten oder versteckten Unterlagen hektisch und akribisch gesucht - und vielleicht werden sie auch gefunden.

Erster Frust : Aha, der Händler ist seit 15 Jahren weg, nicht mehr da, plötzlich aufgehört, oder einfach "verschwunden", oder pleite usw. .....

Ein Anruf beim Hersteller ist zusätzlich extrem frustrierend. Zweiter Frust : Was für ein Gerät er denn da hätte ? Nein das kennt hier keiner mehr. Und Schaltpläne gäbe es nach 30 Jahren auch nicht mehr. Es täte ja unendlich leid, aber da könne man nicht mehr helfen. Er möge sich doch mal bei den aktuellen Produkten umschaun.
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Die Odysse beginnt - wer kann da helfen ?

Bei den Edel-Hifistudios im Umkreis von bestimmt 100km wird der betrübte Besitzer lächelnd "geläutert". Man sei ein Verkaufshaus, den Service mache der Hersteller oder dessen Vertragswerkstätten. In den Elektro- und Blödmärkten wird der Fragende - ganz erstaunt - wie ein "Homosapiens von einem anderen Stern" angesehen. Wie heißt der Hersteller bitte noch mal ? Dritter Frust : Die Enttäuschung ist riesig, also ab ins Internet und akribisch suchen.

Es gibt sie nämlich noch, die alt gewordenen Spezialisten, die wissen, was eine Kennlinie eines Transistors ist. Doch solch ein Gerät hätten sie noch nie repariert, aber das sein kein Problem. Wie schwer es denn sei, aha, 30 Kilo - da ist der Paketdienst viel zu riskant - dort nämlich sei ein freier Fall aus 2m Höhe die Norm. Dann müsse der Besítzer es eben her- oder hinbringen.

Hoffnung keimt auf, der Schaltplan ist auch noch irgendwo im Internet gefunden worden und der Gesprächspartner schürt diese Hoffnung. Er möchte das Teil natürlich gegen (großes) Entgelt gerne reparieren.
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Man könnte dem "Reparateur" jetzt "Fangfragen" stellen . . .

Eine gewaltige Endstufe BOSE 1801

Zusammen mit einem solcherart gestressten Kunden hatte ich das mal am Telefon mit 2 solcher Hifi- Werkstätten durchgespielt (in 2009 war das !). Ich hatte den "Reparateur" gefagt, ob wir denn dabei sein können (dürfen), wenn er den reparierten Verstärker durchmisst. Denn die 2 x 400 Watt an 8 Ohm solle er doch wieder "bringen" (besser gesagt: leisten). Und ob er einen Sinusgenerator mit 0,01% Klirrfaktor samt der Klirrfaktor-Meßbrücke mit ebenfalls 0,01% Genauigkeit in seiner Werkstatt verfügbar habe.

Die Telefonate waren danach nur noch bedingt wieder- gabefähig bzw. man nennt soetwas auch - sie waren "eskaliert". Jedenfalls war das Thema auf einmal ganz ganz schnell vom Tisch, bei denen und natürlich auch bei uns. "Er" hatte vermutlich nicht mal einen präzisen Hochlast-Widerstand.
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Wo liegen die Probleme wirklich ?

Grundig SV140 - Soetwas kann nicht ernsthaft funktionieren.

Bei allen diskreten Hifi-Endstufen mit mehr als einem Leistungs-Transistor-Paar müssen die parallel betriebenen Transistoren auf jeder der beiden Spannungsseiten (oft +60 Volt und +60 Volt) "matchen", also in den wesentlichen Werten sehr ähnlich sein. Auch müssen die gegenüberliegenden von der Polarität her korrespondierenden Transistoren spiegelbildlich "matchen".

Bei der Produktion war das damals überhaupt kein Thema. Der Hersteller kaufte sowieso tausende dieser (beiden miteinander korrespondierenden npn und pnp) Typen ein und konnte bereits bei der Wareneingangskontrolle grobe Ausreißer bzw. eine zu große Streuung entdecken - und dem Hersteller den ganzen Murks wieder zurück aufs Auge drücken. Keiner der damals vor 30 Jahren renomierten (Halbleiter-) Hersteller konnte es sich leisten, zum Beispiel einen Max Grundig oder die Firma SABA oder die BRAUN AG zu verprellen. Das hätte sich in Windeseile durch die gesamte Branche herumgesprochen (herumgeschwiegen natürlich). Dennoch wurden später in der Serien-Produktion sensibler Endstufen (Beispiel Grundig SV140 und nicht nur dort) diese Leistungs-Typen vor der Montage nochmals ausgemessen.

Heute ist das anders. Die Halbleiter-Hersteller liefern sowieso nur noch an die ganz großen Firmen und an Distributoren. Diese wiederum haben keine lückenlose Eingangskontrolle mehr, weder Reichelt noch ELV oder Conrad. Bei den Industrie-Lieferanten wie RS und Farnell könnte es noch sein, das hat aber seinen Preis.
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Alles ist eine Frage des Preises . . . und damit der (Arbeits-)Zeit.

Und jetzt kommt das Haupt-Problem: Jüngster Versuch aus 2015 - eine B&W 600 Watt ELA-Mono-Endstufe Typ MPA810.

Es könnte jede andere Endstufe in dieser Leistungs- und Qualitätsklasse sein. Je Endstufen- Kanal werden 16 paarweise ausgesuchte MOSFETs eingesetzt.

Abgesehen davon, daß der dicke schwere Leistungsverstärker des Lautsprecherherstellers B&W mechanisch etwas "unglücklich" konstruiert ist, andere sprechen von fürchterlich verbaut, müssen später die 8+8 Transistoren (je Seite oder Kanal) alle ausgelötet werden. Denn, welcher von denen ist wirklich defekt ?

Nach meiner oberflächlichen oder groben Abschätzung würde das weitgehende Zerlegen etwa 1 Stunde dauern, jedoch mit genauer Dokumentation, wie es wieder zusammen gehört, etwa 1,5 Stunden. Die dicken Stromschienen von den dicken Elkos zu den Platinen sind massiv verlötet.
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  • Anmerkung für ebay Begeisterte : Übrigens ist dieser Verstärker nie und nimmer von der Firma Studer entwickelt und/oder produziert worden, wie in mehreren Verkaufs-Foren und Versteigerungen (preissteigernd) aber fälschlich angepriesen wird.

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Der 40Watt Weller und der 500Watt Ersa Lötkolben

So muß auch noch ein leistungstarker 500 Watt Lötkolben her. Alles kein Problem, aus dem Erbe meines Vater wäre ein 500 Watt Ersa Kolben da.
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Damit ist erst mal jede der beiden Endstufen einzeln zum Testen an den Labornetzgeräten (mit schnellster Strom- begrenzung bzw. sofortiger Abschaltung) verfügbar. Der jeweilige Verstärker wird mit +60V und -60V und erst mal ohne Last betrieben, das müssen die 30 Volt Labornetzgeräte annähernd können. Meine 4 Netzgeräte könnte ich je 2 Stück zu ±60Volt kaskadieren, also das ginge auch.

Jetzt wären die ersten 4 Stunden bereits rum und noch ist kein Ende abzusehen. Wäre die defekte Endstufe ausgemacht, müssen alle MOSFETs raus und auf den Kennlinienschreiber. Die Kurven müssen geplottet (ausgedruckt) und gekennzeichent werden, ebenso der oder die zugehörigen defekten Transistoren. Für das sorgfältige Auslöten, die Installation des Kennlinen- schreibers und für das Durchmessen sind bestimmt weitere zwei Stunden anzusetzen.
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Erst jetzt wäre bekannt, was kaputt ist .

In der Annahme, daß nur Endstufentransistoren defekt wären, vernachlässige ich mal die Vorstufen. - Aber nichts Genaues weiß man nicht. - Als nächstes kommt die Suche nach einem europäischen Lieferanten, der diese MOSFTs liefern mag und - was es kostet pro Stück. Bei Bestellungen direkt in China - das geht durchaus - ist die Rückabwicklung äußerst mühselig und vor allem zeitaufwendig. MOSFETs sind sehr empfindlich gegen statische Aufladungen - vor allem beim Auspacken und Anfassen. Der Hersteller weiß das natürlich und gibt daher keine Garantie.

Das zweite Problem ist doch, welche Charge mit welchen Daten bekomme ich geliefert ? Passen die neuen leidlich zu den alten bereits vorhandenen intakten Teilen oder sind die gänzlich anders ? Was mache ich, wenn nichts paßt ? Also wenn die 8 npn und 8 pnp Typen zwar untereinander matchen, aber mit dem jeweiligen Gegenüber völlig unterschiedlich sind ?

Wieviele bestelle ich von jeder pnp und npn Sorte, um am Ende 8 + 8 "matches" zu bekommen ? Also ich würde je 20 Stück pnp und 20 Stück npn kaufen. Das wären dann 40 x 8 Euro und damit 320 Euro - immer noch alles auf gut Glück.
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Beispiel der SONY Vollverstärker TA-F730ES

Im Winter 2016 hatten wir einen dicken schweren SONY geschenkt bekommen, weil der (Erst-) Besitzer es leid war, daß der Verstärker nach der 3. Reparatureist wieder den Geist aufgegeben hatte.

Ich habe aus den hier Erwähnten Gründen heraus natürlich Reserven bei der Bestellung einkalkuliert. 2 x 2 benötige ich und 8 + 8 hatte ich bestellt. Mehr steht hier.
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Somit steuern wir auf das eigentliche Thema hin: Wir "Pokern"

SAE Leistungs-Transistoren sind heute ein Vermögen wert.

Nehmen wir an, die Bauteile sind endlich eingetroffen, das antistatische Armband ist angelegt, der Kennlinienschreiber ist geerdet und warm gelaufen, die MOSFETs sind ausgemessen und sind (technisch) ähnlich zu den alten damals verbauten Typen. Aufatmen ist angesagt - Glück gehabt. - Auf Glück dürfen sie aber niemals bauen. Wir sind ja noch nicht fertig.

Alle 16 Transisoren müssen auf den Kühlkörper montiert werden
- mit Wärmeleitpaste und Glimmerscheibe, übrigens immer wieder eine große "Wutzerei". Die Platine "würde" - vorher wurde das Lötzinn aller 16 x 3 relevanten Löcher abgesaugt - über die hochstehenden Beinchen gesetzt bzw. gedrückt und sorgsam vorsichtig verlötet.
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die Platine mit den MOS-Fet

Die Ungewißheit ist da, ob die Durchkontaktierungen das ausgehalten haben oder ob sich kleine Teile der Leiterbahnen abgelöst haben. Das war zum Beispiel bei vielen Grundigs der Fall. Die Platinen waren für mehrmaliges Verlöten nie ausgelegt. Also muß die verlötete Endstufenplatine mit einer großen Leuchtlupe sorgfältigst auf eventuelle Lötbrücken und Leiterbahnen- Risse untersucht werden. Wenn nur einer der 16 Transistoren nicht "mitspielt", wird das Signal bei zunehmender Leistung unsymmetrisch. Es würde verzerren.

Überlebt diese Endstufe das langsame Hochfahren der Versorgungs- spannung vorerst ohne Lastwiderstand, gehts weiter. Ohne Eingangssignal darf hinten absolut nichts raus kommen, vor allem keine Gleichspannung. Die 8 Ohm Last würde nun angeschlossen und der Eingang ganz vorsichtig mit einem 1kHz Sinus angesteuert.

Bei etwa 100 Watt Dauerlast müsste jetzt für jeden Transistor einzeln gemessen werden, welcher Strom an seinem Collector-Widerstand fließt. Erst dann weiß ich, daß alle 8 Paare parallel und symmetrisch arbeiten und kann einen Vollast-Versuch starten.

Die Erfahrung zeigt leider, daß solch ein Idealfall nicht allzuoft vorkommt. Am Ende muß die Gehäuse-Mechanik wieder zusammengebaut werden und die dicken Stromschienen verlötet werden.
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Die Erfahrungen - Was die Freude und den Spaß trübt :

DC300A - scharfe Kanten überall
Die FInger nach Tagen der Heilung

Bei der Repartur mehrerer BRAUN Regie 550 lief jedesmal das Blut. Zum Glück habe ich genügend davon und Pflaster auch. Aber der Spaß geht "flöten". Bei schwereren Geräten - wie dem CROWN DC300A - kann schon öfter mal ein Finger unter den 13 "Kilos" klemmen, das autscht auch gehörig.

Und bei dem oben theoretisch angesprochen B&W MPA 810 oder einem BOSE 1800 wird man beim Tragen/Ausladen der gefühlt mehr als 30 Kilo (es seien laut Prospekt nur 20 Kilo) bereits vorgewarnt, daß einige "Kollateralschäden" (an Händen und Fingern) einkalkuliert werden sollten. Und dann ist der Spaß ruck zuck zuende - jedenfalls bei mir.

In Verbindung mit diesen Unwägbarkeiten beginne ich jedenfalls Reparaturen an diesen Boliden nur noch, wenn nach genauer Analyse des Problems und der Materialbeschaffung die Aussichten auf Erfolg deutlich über 80% liegen.
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Das war ein Einblick in die Zukunftssicherheit von Elektronik.

Die Audio- und Fernseh-Elektronik der 1970er und 1980er Jahre ist nicht (nie) für die Ewigkeit gebaut worden. Wenn diverse Geräte trotz der 230Volt immer noch gehen, grenzt es bereits an Wunder. Vertrauen oder verlassen kann man sich darauf nie, schon gar nicht auf die Sprüche der Werbetxter und der Schreiber in den Magazinen und Zeitschriften.


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