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Im Jahr 1990 wurde die mittlere Netzspannung europaweit auf 230 Volt ~ angehoben oder "festgelegt". - - - Na und ?

Blaupunkt Manila 23 aus 1959
Schaltplan aus 1980 mit 220 Volt ~

Die alte Toleranzgrenze von 220V~ mit bis zu +10% oder bis zu -6% gab es bereits seit 1945. Eigentlich müss(t)en alle technischen Geräte diese Überspannung (zumindest kurzzeitig) verkraften. Denn die 230 Volt sind seit 1990 immer noch innerhalb der (alten) Toleranz.

Doch damit hat es einige Haken.
Im Museums- Bereich Fernsehmuseum werden inzwischen sehr oft die allerersten (bzw. die ältesten) Röhren-Farbfernseher (von Philips, Grundig, Blaupunkt, Telefunken und all den anderen Herstellern) aus 1967/68/69 zu historischen Aufnahmen oder Rückblick-Sendungen angefragt und für wenige Tage angemietet.

Dort hat die Erfahrung gezeigt, daß diese Geräte in 2010 ohne einen Vorschalt-Netzstabilisator auf 220 Volt~ nur wenige Stunden leben und dann leicht qualmend den Geist ausatmen.

Die Recherche unseres Reparaturteams hat heraus- gefunden, daß die gesamte Elektronik damals schon aus Preisgründen "auf Kante genäht" war. Manche Hochspannungstrafos, Endröhren, Kondensatoren "konnten" zum Beispiel genau 50 Volt= (Gleichspannung) und kein Volt mehr !!! und die wurden ja bereits mit 48 Volt= "gefüttert". Aber jetzt sind es (in diesem Beispiel) 51 Volt. Bei der Hochspannung in alten Fernsehern ist es weit dramatischer, weil der Knall so laut ist.
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Es sind doch nur ca. 4,5% mehr ? - Was macht das schon ?

geplatze Kondensatoren im 1959er Fernseher

Bei den Fernsehern sterben die Netzteile bei dieser geringen Mehrlast. Auch die Hochspannungstrafos fangen an zu spratzeln und zu zischen und dann macht es "peng" und die Kiste ist tot.

Inzwischen haben wir bei den hochwertigen Hifi- Rund- funkgeräten
und Hifi-Verstärkern und großen Receivern vieler Hersteller sogar aus den 80er Jahren ein ähnliches dickes (Abwärme-) Problem mit den Netzteilen. Daß die Konsumer- geräte aus den 40er bis 60er Jahren "tolerant" betrachtet werden müssen, sollte klar sein. Aber daß relativ moderne Geräte ab den 1970er Jahren auch diese Macken haben, ist schon betrüblich.

Es trifft alle Geräte "querbeet".

Nach bisherigen Unterlagen und Erfahrungen sind nicht nur Kraft- oder Voll-Verstärker und Receiver davon betroffen, auch Vorverstärker, Tuner, Plattenspieler, Bandgeräte und Kassettengeräte haben die gleichen Überhitzungsprobleme.

Ein Beispiel: Der Grundig Receiver R3000 aus 1981

Der sehr aufwendige R3000
3 analoge Spannungsregler haben innen drin nichts zu suchen
3 rote Spannungen stabilisiert
2 Transistoren und 1 IC Regler

Dieser Grundig Receiver R3000 zählt zu den ganz edlen und gar nicht mal so teuren Spitzenprodukten seiner Klasse. UKW und MW mit Digitalanzeige der Frequenz und 7 Stationstasten und 2 x 50 Watt Sinusleistung mit einigem weiteren Komfort samt einer tollen zeitlosen Alu-Frontplatten-Optik, das war damals 1980 überhaupt nicht Standard. Das war für ein deutsches Gerät "Made in Germany" von der Qualität her und insbesondere von Max Grundigs Preisen her einsame Spitze.

Doch innen drinnen schlummert eine Zeitbombe. Schon aus der Ansicht des Schaltplanes bzw. bei dessen Studium hätte es bei mir "klingeln" müssen.

Wenn wir diese alten Geräte bekommen, prüfen wir, ob die Kondensatoren noch ok sind oder schon am Platzen sind. Dabei werden die Geräte offen auf den Labortisch gestellt und durchgemessen. Bei einigen Modellen fällt auf, daß sie innen drinnen nach einger Zeit glühend heiß werden, so auch dieser R3000 (wir haben 2 davon - inzwischen drei).

Es gibt da mitten drinnen ein (mehr oder weniger) kleines Kühlblech
, an dem 2 Stück Klein-Leistungstransistoren und ein Linear-Spannungsregler befestigt sind. Dieses Kühlblech wird bereits beim offenen Gerät sehr heiß, also über 60 Grad. Anfassen geht da nicht mehr.

Der Schaltplan sagt aus, daß dort die sekundärseitigen 82V= auf 55V= runter stabilisiert werden, die 15Volt= werden auf 5V= stabilisiert und die 29V= werden dann noch zu 15V= stabilisiert. Es sind also für Tuner und Vorverstärker wirklich genügend Reserven für Untersspannungen eingebaut. Doch bei Überspannung wird es eng mit der thermischen Wärmeabgabe ohne Lüfter. Für ehemals kurzzeitige 230 Volt~ war das sicher nie ein Problem, aber für 230V~ Dauerspannung jetzt über mehrere Stunden ?
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Wenn die Geräte wieder zugeschraubt werden und dann bei uns etwas länger Power-Musik leisten sollen . . . .

Wir wollen ja die Qualitäten der historischen Geräte durchaus in Orchesterlautstärke vergleichen, da müssen die End-Verstärker sowieso mit fast voller Leistung ran. Verstärker ab ca. 2 x 35 Watt Sinus sind bei uns das unterste Qualitäts-, nein, besser Leistungsniveau, mit dem sich ein Vergleich in kräftiger Zimmerlautstärke untereinander wirklich durchführen läßt.

Das mit der "neuen" Heizung (aus dem Röhrenzeitalter) da innen drinnen war nicht vorgesehen. Wir müssen da für den Eigenbedarf eine Lösung finden, die das Betreiben über längere Zeit erlaubt.

Ein Grundig Vorverstärker MX 100
Dieser Regler hat jetzt zu wenig Kühlung
ein Bild aus 1984

Es trifft sogar Vorverstärker:

Damals 1981 wurde der kleine MX100 Vorverstärker von Grundig in den höchsten Tönen gelobt. Aus meiner Erfahrung weiß ich noch, daß ich zufällig mal einen Accuphase vor die damals neuen Grundig XSM 3000 Aktivboxen geschaltet hatte und es taten sich neue Welten auf. Der Rückschritt zum MX 100 war wie ein Absturz in den Abgrund.

Und als ich den Vorverstärker jetzt in 2011 geöffnet hatte zum Fotografieren, da fiel auf, daß der Bereich um den Spannungsregler an einem kleine Kühlblechlein ganz braun angelaufen war. Auch hier wird jetzt bei 230 Volt deutlich mehr Leistung verbraten, als damals geplant war. Daß der Vorverstärker hinten immer so heiß wurde, fiel nie auf, denn er stand bei den Eltern sogar in einem hölzernen (Musik-) Schrank auf oder neben dem damals ersten CD-Spieler und die Eltern fassten die Köpfe immer nur vorne an.
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damals bie 220V mit ± 5 %
und selbst 230V ± 5 %

Es gibt natürlich eine Menge Ausnahmen ....

.... denn viele Trafo-Hersteller hatten tüchtige Ingenieure und die industriellen Kunden wußten das zu schätzen. Das sind also die Vollprofis, bei denen die Geräte in den Schaltschränken von Kernkraftwerken oder Walzstraßen oder Notstromsystemen über Jahre tagein-tagaus laufen mußten.

Auch in großen Telefonanlagen waren solche Trafos drinnen, darum hier nur ein paar Beispiele:

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