Die Legenden über die Auflagekraft
Als ich um 1969 meinen ersten Lenco L75 hatte (da war ich 20 Jahre alt), brauchten wir über 4 Gramm Auflagegewicht, damals noch nicht in Pond angegeben, um eine 33er Stereoschallplatte einigermaßen "sauber" abzutasten. Und hören konnten wir das sowieso nur "rudimentär", denn unsere nachgeschalteten Anlagen samt Lautsprecher (ver-)zerrten schon von sich aus mit deutlich über 1% Klirrfaktor.
Viel früher bereits, nämlich Anfang 1962 kam die erste Hifi-Zeitschrift raus und Dipl. Ing. Karl Breh testete später (etwa ab 1964) in seiner Zeitschrift Hifi Stereophonie, mit wieviel Kraft (oder Gewicht) muss (müsste) die Nadel "in die Rille" gepresst werden, damit es doch nicht oder noch nicht zerrt. (All diese Tests wurden übrigens bei der Braun AG in der Hifi-Entwicklung bei Wolfgang Hasselbach auch wiederholt durchgeführt, um damals den PCS 1000 zu entwickeln.)
Jetzt trafen Welten von Scharlatanen aufeinander, die behaupteten, daß man deutlich unter 1 Gramm oder Pond gehen könnte und es wäre dennoch alles super klar und unverzerrt.
Erst mit dem Shure M75-E und später mit dem Shure V15 (alle Varianten von Typ1 bis Typ IV) konnten wir das dann selbst mal "versuchen". Ich spreche bewußt nicht von Testen, denn wir hatten weder ein hochwertiges Oszilloscope dran hängen noch die Super-Anlage samt Boxen, um das auch zu hören, noch eine intakte Meßschallplatte mit den reinen Signalen drauf. Wir hatten Nichts außer unserem ungeschulten und unvollkommenen Gehör, wie die meisten (99,9%) aller Hifi-Jünger zur damaligen Zeit.
Darum glaubten wir auch Alles, das in den Tests so seriös vorgetragen und mit bunten Bildern und tollen Diagrammen so qualifiziert und kompetent untermauert war.
Juli 2010 - der Profi spricht völlig Anderes !
Erst recht spät (in meinem Leben) habe ich den richtigen Schallplatten- Vollprofi und Qualitäts- Guru kennengelernt. Herr Brüggemann hat in der Frankfurter Nordweststadt ein richtiges Schallplatten Schneidestudio mit zwei der edelsten, größten und irrsinnig teuren Neumann Platten-Schneide-Maschinen, die es jemals auf der Welt gab.
Und er schneidet seit weit über 20 Jahren Vinyl-Platten, also die Rohlinge, die sogenannten Folien, die Master. Und er schneidet heute noch (März 2011) edle Klassikplatten für EMI, CBS und Decca und andere.
Ich zitiere hier aus einem langen Gespräch einige seiner Erfahrungen. Die Frage von uns alten Hifi-Qualitäts-Künstlern, von mir und auch aus dem Braun Umfeld war : Könnten wir uns eine eigene neue Meßschallplatte selbst zusammenbauen und in erträglichen Stückzahlen pressen lassen ? Wir brauchen eigentlich nur eine Frequenzgang-Seite und eine Antiskating-Abtast- und Klirrfaktor- Seite.
Die Erfahrung und die Wahrheit sind ernüchternd.
Vor Jahren hatte Herr Brüggemann auf seinen Maschinen eine Referenz-Frequenzgangplatte geschnitten und davon einige Exemplare pressen lassen. Bei Auflagekräften von deutlich unter 2 Pond sind mit seinem Shure V15-II (am SME 3009) Frequenzen über 8 KHz schon nicht mehr sauber abtastbar.
Dieses Shure System am SME 3009 braucht mindestens 3 Pond Auflagekraft, egal, was der Herr Diplomingenieur Karl Breh oder die vielen anderen Gurus aus der Auto Motor Sport Presse (die hatten bis etwa 2008 fast alle Hifi Magazine aufgekauft) dazu sagen.
Viel schlimmer noch:
Selbst mit diesem sehr hochwertigen System kann man nur Frequenzen bis 5.000 Hz über hunderte Male in gleicher Qualität abspielen, bereits ab 8.000 Hz sinkt der Pegel ab der 20. Abtastung meßbar, aber noch nicht hörbar ab. Bei Frequenzen über 12 KHz sind nach über 20 Abspielungen diese hohen Frequenzen um mehr als die 2 bis 3 (messbaren) dB abgefallen, von den Frequenzen um und über 18 KHz Bereich wollen wir gar nicht mehr reden..
Im Brüggemannschen Schneidstudio wird jede Kalibrierung und Überprüfung auf der Hülle (auf der Schutzhülle der Platte) akribisch ins jeweilige Plattenprotokoll per Strichliste eingetragen, ähnlich wie bei den Reinigungsbändern in der DLT und LTO Magnetbandtechnik, die auch nur etwa 20 Male laufen dürfen. Dabei werden diese hohen Frequenzen ja noch lange nicht bei Vollaussteuerung geschnitten, es sind mindestens -6dB oder sogar -12dB unter dem bei hohen Frequenzen üblichen Normpegel.
Bei der umgehenden probeweisen Abtastung der frisch geschnittenen Folie kann man nicht "nass" spielen, deshalb relativiert sich Zuhause die Anzahl der späteren Abspielungen bei normalen nass gespielten Platten etwas, aber wieviel ist unbestimmt.
Also die ultimative Qualität der analogen Scheiben . . . .
bekommt man nur wenige Male von funkel nagel neuen Platten runter. Dazu müssen Sie mit höheren Auflagekräften "gefahren" werden, als allgemein bekannt oder empfohlen wird. Bereits nach 10 mal Abspielen ist auch die feinste Platte fast schon "gehobelt". Dazu wird die effektive Audioqualität zur Mitte der Platte auch immer schlechter, die Kreisbahn der Rille wird ja immer kürzer.
Das wird den Verfechtern der Analog Technik natürlich gar nicht gefallen, doch die sollen ihren Traum ruhig weiter träumen. In den großen Plattenfirmen und beim Rundfunk (zumindest bei der Meßtechnik) war das schon lange bekannt und es gab einen Grund, die frühe Digitalisierung voranzutreiben.
Wenn man also die Pressung und die später folgende Abtastung der Platte beim Digitalisieren vermeiden kann, also direkt vom damaligen Masterband über den (hochwertigen modernen Studio-) A/D Wandler eine analoge Bandaufname mastert, dann kommt mit garantierter Sicherheit eine deutlich höhere Qualität aus den Lautsprechern, als es mit analogen Scheiben jemals möglich war oder sein würde. Wichtig: Das war in Anfängen der CD von 1982 bis 1995 nicht immer der Fall.
"Grenzwertige" Übertreibungen bei den "direct cut" Platten:
Bei den Direktschnitt-Platten Ende der 70er Jahre wurden dann auch noch die Grenzen der Schneidstichel- Systeme bis an die physikalischen Randbereiche ausgereizt, egal, ob die meisten Abtaster das nachher konnten oder nicht. Die überwiegende Anzahl selbst der guten Tonabnehmer konnte diesen weiten Auslenkungen aber gar nicht mehr folgen und die Nadel hüpfte aus der Rille. Auf den Platten stand dann irgendwo ganz ganz klein drauf, man solle mindestens "six grams" einstellen.
Dann jedoch waren diese Platten bereits nach 20 Malen garantiert gehobelt. Auch das wollte "keiner" von den Gurus hören.
Von einem ehemaligen Mitarbeiter mehrerer Presswerke bekam ich zu hören, daß dort, solange "sie" die Folie noch selbst vom Masterband überspielt und geschnitten hatten, die Auslenkung der maximalen Bass-Amplitude auf 50 um begrenzt war. Bei Nicht-Klassikplatten ist das heute noch eine gültige Vorgabe.
Damit konnten "Normalos" mit normalen Plattenspielern (z.N. einem einfachen Dual 1012) die James Last Non-Stop-Dance-Party zumindest einigermaßen durchgängig, wenn schon nicht unverzerrt abspielen. Und wir Experten optimierten unsere Abspieler auf 90um oder besser und fühlten uns grossartig, was wir die ganze Nacht hindurch geleistet hatten.
Daß das Schneiden von hochwertigen Klassik-Platten nicht trivial ist, ist Ihnen jetzt bestimmt etwas geläufig geworden. Doch wie kompliziert der Toningenieur das alles vorbereiten muß, das steht auf diesen Seiten vom Studio Brüggemann.
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