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Digitalaufnahme - ein Qualitätsprädikat?

Eine Betrachtung aus der Hifi-Stereophonie 1983 Heft 03
von Ingo Harden im Frühjahr 1983

Der Fortschritt in der Tonaufzeichnungstechnik heißt Digitalisierung - daran besteht kein Zweifel. Wunder allerdings darf man nicht erwarten. Gegen ein mittelmäßiges Orchester, einen schlechten Saal oder eine ungünstige Mikrophonaufstellung ist auch ein quasi fehlerfreies Aufzeichnungsverfahren machtlos. Aber wenn alles andere stimmt, trägt die Digitaltechnik zum Genuß ohne Reue zweifellos entscheidend bei.

Konträre Meinungen über „Digitalaufnahmen"

Einige sind begeistert, andere enttäuscht. „Digitalaufnahmen", wie sie seit einigen Jahren auf Langspielplatten angeboten werden, gelten vielen als das Schallplattenheil, das uns nun endlich gekommen ist.

Aber es hat auch böse Worte gegeben: Digitalaufnahmen seien beileibe nicht „der größte Fortschritt in der Tonaufzeichnungstechnik seit Edison", sondern nicht viel mehr als des Kaisers neue Kleider, nämlich eine Verbesserung der technischen Papierform ohne praktisch erkennbaren klanglichen Gegenwert.

Zwischen diesen Extremen hat sich ein breites Meinungsspektrum gebildet, aus dem hier nur eine Stimme herausgegriffen sei. Als die Deutsche Grammophon ihre ersten Digitalaufnahmen auf LP veröffentlichte, schickte sie sie mit dem abwiegelnden Satz auf die Reise - ich zitiere dem Sinne nach: Wenn einem trotz der überlegenen neuen Technik zu den bisherigen analogen Aufnahmen kein so großer Unterschied auffalle, dann möge man doch bitte bedenken, daß es bisher auch schon ganz gute Aufnahmen gegeben habe ...

Nicht automatisch besser

Wer hat denn aber recht: Fortschrittler, Vorsichtige oder Gegner? Wenn man sich an die Symptome hält: jeder von ihnen.

Denn wie stellt sich dem kritischen Beobachter die Szene heute dar? Es gibt ganz ohne Zweifel Digitalaufnahmen, die knapp mittelmäßig oder sogar miserabel klingen, es gibt andere, die sich unauffällig in das Spitzenfeld bisheriger LPs einordnen lassen, und es gibt welche, die an der obersten Grenze dessen liegen, was man bisher auf Tonträgern zu hören bekommen konnte, und die diese Grenze sogar noch um ein Stückchen hinausgeschoben haben.

Das Prädikat „Digitalaufnahme", das einem von vielen Neuveröffentlichungen mehr oder weniger auffällig und einladend entgegenleuchtet, ist also offenbar kein Qualitätsindiz, wie es diese Etikettierung (und der höhere Preis für die meisten dieser LPs) suggeriert und wie es viele Schallplattenkäufer zu meinen scheinen; es ist keine Gewähr für eine besonders gute Klangqualität.

Die Aufzeichnung allein tut's nicht

Warum sollte die Digitaltechnik solches auch zu leisten vermögen? Digitaltechnik: Das Wort zeigt an, daß die Tonaufzeichnung auf Magnetband in neuartiger, eben „digitaler" oder ziffernmäßiger (die Franzosen sprechen von „enregistrement numerique") Weise erfolgt.

Aber die Aufzeichnung ist bekanntlich nur die letzte Station einer Studioproduktion. Davor steht die Wahl des Aufnahmeraums und der „Aufbau" des Klangbildes durch den Toningenieur. Auf diesen Stationen wird die klangliche Erscheinungsform des Endprodukts weit stärker geprägt als durch eine mehr oder weniger perfekte Aufzeichnung auf Magnetband, und in diesen Bereichen hat sich durch die neue Speichertechnik überhaupt nichts geändert - was sich übrigens bis heute nicht einmal alle Schallplattenkritiker hinlänglich bewußtgemacht zu haben scheinen. Wo ein muffig klingender Saal gewählt wurde, wo künstlicher Hall zugemischt wurde, wo - etwa bei einer Klavier oder Orgelaufnahme - kein erstrangiges Instrument zur Verfügung stand, wo nicht die optimale Mikrophonaufstellung gefunden wurde, schlägt sich das negativ im Klangergebnis nieder - und natürlich auch bei einer „Digitalaufnahme", sprich: bei einer digitalen Speicherung von Musik auf Band. Und zwar deutlich.

Im Konzert sei man "befangen"

Als Besucher eines Konzerts ist man durch die „vorfabrizierten" eigenen Klangvorstellungen von „dem" Klavier, „der" Geige, „dem" Orchester so vorgeprägt und außerdem von der optischen Komponente des Musikmachens so beeinflußt, daß einem die tatsächlich vorhandenen Klangunterschiede zwischen Saal und Saal, Flügel und Flügel usw. bei weitem nicht so stark auffallen wie beim sozusagen „puren" Abhören von Klängen über eine HiFi-Anlage.

Wer allerdings in der Lage ist, Klangphänomene trotz aller Hörerfahrung unbefangen aufzunehmen, statt sie mit Hängen und Würgen in ein paar vorgeformte Schubladen seines Gehirns, Abteilung Akustik, hineinzupressen, wird schnell feststellen, wie jeder Saal, jedes Instrument, ja sogar die Positionierung eines Instruments im Raum und natürlich auch der Standort des Zuhörers den klanglichen Eindruck - manchmal drastisch - verändern.

Die Mikrophone reagieren ähnlich, und es ist schon verblüffend, was eine Verschiebung ihrer Aufstellung um 10cm nach vorne, hinten, oben, unten oder zur Seite für das Klangbild bewirken kann.

Die Wahl und Aufstellung der Mikrophone ist dabei nur eine der Variablen einer Aufnahme. Die „richtige" Klangbalance eines Ensembles - ob sie nun durch die Aufstellung eines Mikrophonpaares bewirkt ist oder durch die spätere Abmischung einer Vielspurauf-zeichnung - ist ein berühmtes Dauerthema aller Schallplattenfans und -fachleute.

Die Digitaltechnik kann auch nicht zaubern

Es braucht also wirklich niemanden zu überraschen, daß Platten mit der Kennmarke „Digitalaufnahme" auf dem Cover genauso mager, stumpf oder unklar klingen können wie manche der traditionellen, „analog" gespeicherten Aufnahmen. Wenn ein Tonmeister (oder Dirigent) einen stark halligen Mischklang gewollt hat, dann klingt die Aufnahme eben stark hallig und verschwommen - keine Aufzeichnungstechnik dieser Welt kann daraus ein Muster an Transparenz und klarer Zeichnung zaubern.

Im Gegenteil, je hochrangiger die Aufzeichnung ist, desto weniger macht sie sich überhaupt bemerkbar. Und hat „die Technik" ein unbrillantes Klangbild produziert (ungewöhnliche Nachhallcharakteristiken eines unbekannten Abhörraums lassen Aufnahmeteams da manchmal ganz schön ins Straucheln kommen), dann kann ihm zwar nachträglich aufgeholfen werden - aber mit der digitalen Aufzeichnung hat solche Nachbesserung nicht das mindeste zu tun.

Eigentlich alles beim alten gelassen

Für den eigentlichen Aufnahmevorgang hat die Einführung der neuen Speichertechnik alles beim alten gelassen. Mag sein, daß die Digitalisierung wegen ihrer technischen Überlegenheit auf die Toningenieure stimulierend wirkt und sie häufiger versuchen, ihr Bestes zu geben. Aber dazu gehört auch Zeit. Und Zeit - also Studio-, Techniker-, Musikerzeit - ist heute teurer und in unserer wirtschaftlichen Lage daher auch rarer denn je. So kommt es, daß die neuen „Digitalaufnahmen" mittlerweile in Klangcharakter und -qualität ungefähr ebenso stark streuen wie die „alten" Analogaufnahmen.

Aber was ist denn mit all den vielgepriesenen Errungenschaften der neuen Technik, den Null-Verzerrungen, der „unerhörten" Transparenz des Klangbildes, der neuen „naturgetreuen" Dynamik auch bei großer Orchestermusik, der absoluten Störfreiheit? Ja doch, man kann sie gelegentlich hören, auch über die „alte" Vinyl-Langspielplatte.

Man kann es hören

Mir selber trat der Fortschritt vielleicht am deutlichsten vor Ohren, als ich die neuen Beethoven-Einspielungen von Emil Gilels mit den Vorgängerplatten dieser Berliner Serie verglich: Am selben Ort aufgenommen, zeigen sie ein buchstäblich entschleiertes Klangbild, die Konturen des Klaviertons treten klarer hervor, härter, uneingelullter durch jenen Effekt eines feinen Seidenschleiers, den Analogtechnik über die Aufnahmen legt - er hat das sogenannte Modulationsrauschen als Ursache. Ich vermute, daß hier die Vorzüge der neuen Digitaltechnik durchschlugen.

Ähnlich wird man auch in den vielen digitalen Neuaufnahmen mit den aufwendigen Prunkstücken unserer Orchestermusik - Strauss, Mahler, Ravel, Strawinsky - oft eine größere Transparenz der Mittellagen bemerken können. Die Farben der verschiedenen Instrumente sind eine Nuance genauer gegeneinander abgesetzt, kommen unverklebter. Ich vermute auch in diesen Fällen, daß die Digitalaufzeichnung die wichtigste Ursache dieses Fortschritts ist.

Qualität hat nicht immer mit Digital zu tun

Allerdings gibt es, wie man gerechterweise hinzufügen muß, auch analoge Aufnahmen von hervorragender Durchhörbarkeit und, siehe oben, digital gespeicherten Mulm. Was wiederum nichts anderes besagt, als daß der Vorteil der „zahlenmäßigen" Speichertechnik etwa in derselben Größenordnung greift, in dem auch die übrigen aufnahme- und fertigungstechnischen Prozesse die Qualität des „Endprodukts" bestimmen. Sie kommt daher am wirkungsvollsten zum Tragen, wenn mit einer Aufnahme auch sonst „alles stimmt"; die besten „Digital Recordings" sind tatsächlich um einiges durchsichtiger, klarer, bei größeren Lautstärken störungsärmer abhörbar als entsprechende analoge Spitzenproduktionen. Eine Klasse besser, wenn man so will.

Nur (und noch einmal): Eine LP ist beim heutigen Stand der Technik nicht allein dadurch schon „eine Klasse" besser, wenn ihr eine Digitalaufzeichnung zugrunde liegt. Insofern ist die Gleichsetzung von „Digitalaufnahme" und „Spitzenprodukt" eine Vereinfachung, die gegen jede Kritikererfahrung steht.

Gibt es auch negative Effekte bei Digital ?

Kann man nicht sogar den Spieß umdrehen? Gibt es nicht klangliche Eigenarten der neuen Aufzeichnungstechnik, die eher negativ zu Buche schlagen?

An manchen der neuen Aufnahmen ist zum Beispiel ein auffällig harter, „stählerner" Klang bei hohen Tönen zu registrieren. „Digital" sei eben nicht so „musikalisch", haben einige Hypersensible flugs postuliert. Das erinnert mich ein bißchen an die anfänglichen Diskussionen über die angeblichen Nachteile der Stereophonie, die ja vor allem im „klassischen" Schallplattenland Großbritannien ebenfalls zuerst von vielen schief angesehen wurde.

Die Wahrheit ist wohl, daß in diesen Fällen die „Abstimmung" des Klangbildes auf die Möglichkeiten des Speichers noch nicht perfekt glückte. Die computerisierte Aufzeichnung, die praktisch frei bleibt von Stör- und Nebengeräuschen, erfordert ein gewisses Umdenken bei der Aufnahme selber. Um dem Ideal eines quasi natürlichen Klangbilds nahezukommen, muß der Toningenieur jetzt ein bißchen anders mit den Mikrophonen umgehen, um etwa bei hohen Streicherklängen Brillanz ohne Schärfe zu bekommen. Für meine Begriffe also eine Sache, die bald vergessen sein wird und nichts mit dem neuen System selber zu tun hat.

Es gibt noch manches zu verbessern

Die avantgardistischen Tonbandamateure, die bereits mit Digitaladapter und Videorecorder anstelle der alten Spulentonbandmaschine operieren, und die Techniker der HiFi-Testlabors haben inzwischen das systembedingte Ansteigen von Verzerrungen bei leisen Passagen ins Visier genommen.

Bei LPs mit Digitalaufnahmen ist mir derlei noch nicht störend aufgefallen. Da kommt wohl neben professionell sorgfältiger Aussteuerung ins Spiel, daß der alte Tonträger LP ja der neuen Aufzeichnungsart nicht mehr voll gewachsen ist. Die LP zeigt trotz aller Verbesserungen der Schneid- und Preßtechnik, die uns die jüngste Vergangenheit noch einmal brachte, nach wie vor ein Eigenrauschen, das erheblich früher hörbar wird als das Analogon der digitalen Aufzeichnung, das Quantisierungsrauschen.

Das aber bedeutet, daß der Effekt eines Musikeinsatzes, der „aus dem Nichts" kommt, nur bei erheblich geringeren Lautstärken nachzuvollziehen ist als mit dem originalen Band oder dem qualitativ ebenbürtigen neuen Tonträger Compact Disc und daß ein völlig klares Klangbild wegen des technisch bedingten „Bindemittels" eines (leichten) Grundrauschens der LP nie völlig reproduzierbar ist - von allen sonstigen LP-typischen Störungen wie Rumpeln, Echos, Verweilungen, Qualitätsverschlechterung zur Mitte hin und individuellen Preßmängeln einmal ganz abgesehen.

Digital pur - die Wachablösung

Seit März 1983 muß die LP sich auf der Qualitätsleiter also mit dem Platz auf der mittleren Stufe begnügen. Die digitale CD-Platte hat sie in der Rolle des qualitativ hochwertigsten Tonträgers abgelöst. Der neue kleine Silber-Diskus vermittelt die „Botschaft" zum erstenmal seit Edison und Berliner ganz ohne zusätzliche mediumbedingte Stör-und Schmutzeffekte. Von solchen Beigaben in Form von Rauschen, Knistern, Knacken, Rumpeln und anderem ist die LP nicht völlig frei. Aber trotz ihres „Hofs" von Störungen vermittelt auch sie die (hoffentlich in Zukunft immer besser aufgenommenen) interpretatorischen Botschaften ohne schwerwiegende, verzerrende Abstriche.

Ich denke, man kann noch ganz gut eine Zeitlang mit ihr weiterleben.

von Ingo Harden im Winter 1982 / Frühjahr 1983
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