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Das Westerbach Center
Quadrophonie bei Braun

19. Mai 2010 - Der Braun Förderverein hatte eingeladen:
Quadro-Vinyl Platten hören und staunen

In Kronberg im Hause der Firma Braun gibt es einen Braun Förderverein, der sich um das Hifi Erbe der Firma Braun bemüht. Und dort werden in unregelmäßigen Abständen Sonderveranstaltung mit einem gewissen Seltenheitswert anberaumt.

Solch eine Veranstaltung mit demThema "4 Kanal Quadrophonie aus den 70ern" fand am 19. Mai 2010 im Ausstellungsbereich der Firma Braun im Westerbachcenter in Kronberg statt.

Titel: Quadrophonie - ein gigantischer Flop

1972 - JVC propagiert CD4

In den frühen 70er Jahren steuerte die Unterhaltungsindustrie auf eine Delle nach unten zu und brauchte einen neuen "Verkaufsschlager". Und just zu der Zeit hatten Physiker und Ingenieure mehrere Methoden zu Codierung von 4 Musikkanälen auf oder in einer Schallplattenrille entwickelt. Leider waren am Ende 4 oder mehr Verfahren ausgetüftelt worden, vermutlich mit einem zu großen finanziellen Aufwand, um eventuell anstelle des eigenen Systems die Entdeckung der Konkurrenz zu übernehmen.

Am Ende ist es zu einem großen Flop ausgeartet und die Firmen hatten allesamt Millionen in den Sand gesetzt. Damals waren Millionen auch noch Millionen wert und es tat selbst japanischen Großunternehmen weh, hier eine ganze Generation von edler Technik abschreiben zu müssen.

Der Abend bei Braun

in den Raum passen fast 80 Gäste
Herr Wild moderiert gerade

Zwei Sammler und Fans dieser alten Technik haben sich mit Unterstützung der Mitglieder des Fördervereins mit dem Aufbau der historischen Qaudrotechnik im Vortragssaal beschäftigt und eine Menge an Musikbeispielen vorbereitet. Auch wenn durchaus 4 Stunden eingeplant waren, zu viel kann auch der begeisterte Musikfan nicht aufnehmen, also wurden einige prägnante Beispiele ausgesucht.

Die einführenden Vorträge hielten der Vorsitzende des Vereins und der damalige Entwickler dieser Quadrotechnik damals bei Braun.

Die Musikbeispiele wurden von Herrn Bechthold moderiert, der auch das Bandgerät bediente. Anfänglich kam keine richtige Hifi-Freude auf, weil die Boxen zu tief aufgestellt waren. Das war natürlich schade. Man sieht auf dem zweiten Bild deutlich, daß die Front-Boxen selbst aus fast 2m Höhe kaum zu sehen waren.

Die Quadro Technik der 70er:

Die beiden Quadrosound Master
Herr Wild lädt zum Buffet ein
2. Runde mit hochgestellten Boxen
toller Sound von der 4Kanal Tascam

Die Programmquellen, die ja mal Goldesel werden sollten, waren ja mal die Schallplatten. Von den Vierkanalbändern hatte sich 1974 nur sehr wenig bis gar nichts durchgeschwiegen. Jedenfalls mir als Autor waren damals kaufbare 4Kanalbänder gar nicht bekannt geworden. Und von der MD-Technik hatten damals nicht mal Visionäre geträumt.

Es standen also Platten, Bänder und MDs zur Verfügung. Dazu gab es den Braun Quadrovorverstärker mit Decoder und 4 aktive Braun LV720 Lautsprecher, quasi die Braun L710 mit je drei eingebauten Endstufen. Fast alle Geräte kommen nahezu neu oder neuwertig aus den geheimnisvollen Funduskellern des Horst Kaupp, der sie über die langen Jahre gerettet und auch gehütet hatte.

Dazu standen eine Tascam 4Kanal Bandmaschine und ein 4Kanal MD Spieler neben dem Braun Quadro-Plattenspieler zur Verfügung.

Da ich als Gast mit einem der ganz ganz seltenen Vinyl-Schneidespezialisten im Auto (dem inzwischen verstorbenen Herrn Brüggemann) etwas zu spät kam, konnte ich die sehr unglückliche Lautsprecheraufstellung nicht mehr frühzeitig bemängeln. Die Boxen standen für dieses (sitzende!) Auditorium viel zu tief und bereits die Zuhörer in der 3.Reihe konnten nur noch bescheidene Stereoeindrücke erhaschen.

Nach der Buffet-Pause wurde es
auf meinen dezenten Einwurf hin ganz schnell mit zwei Unterbauten deutlich verbessert. Eigentlich hätte das den "Experten" bereits beim Aufbauen auffallen müssen. Es wunderte mich auch im Nachhinein noch, daß das keinem der "geladen Experten" aufgefallen war, bzw. daß das Keiner frühzeitig moniert hatte.

Nach der Pause, die durch das fantastische Buffet über die Maßen verlängert wurde, war der Quadro Effekt im hinteren Bereich auch im Sitzen ohne Anstrengungen sehr gut zu erfassen.

Nach 40 Jahren ist es schwierig, NICHT die heutigen Maßstäbe anzulegen.

2. Runde quadro-optimiert
Testplatten auch von Philips

Der Initiator mußte sich auf eines dieser Quadro-Verfahren beschänken. Gleich beim ersten Stück, einer Vinyl-Platte mit Beethovens 5. Symphony wurde deutlich, wie alt diese Technik ist oder wie gut sogar unsere heutige Normalo- Hifi-Technik geworden ist. Der Plattenspieler hatte auch noch ein Reibrad- Grufti- Dauerbrummen oder Rumpeln. Die Platte klang dazu stumpf und ohne Dynamik. Es könnte natürlich sein, daß diese Platte öfter "gehobelt" wurde, also die Rillen schon leicht abrasiert waren. (Anmerkung: Inzwischen wissen wir, daß die benötigten 35 KHz Signale einer Quadroplatte bereits nach dem 5.Male Abspielen Vergangenheit sind.)

Von Bandgerät kam dann Gershwins Rhapsody in Blue, ein erstes tolles Klangerlebnis mit fast schon überzogenem Quadroeffekt. Die Klangqualität war um Dimensionen besser als von der Beethoven Platte. Bei der folgenden Platte kamen die Schwächen dieses Saales zum Tragen, es wummerte und dröhnte tüchtig in den letzen Reihen in Kopfhöhe. Nach dem Aufstehen (ich bin 197 groß) war es deutlich angenehmer. Hier hat die partielle Raumresonanz in Verbindung mit den Bassresonanzen der Boxen zugeschlagen. Auf der L710 Seite steht mehr über diese Schwächen.

Hifi mit Kompromissen

Wir bekamen noch mehrere Musikbeispiele mit und ohne Gesang präsentiert, die teilweise an die ersten Ping-Pong Stereoplatten von 1964 erinnerten, teilweise aber erstaunliche Klang-Qualitäten hatten.
Auch zeigten sich bei klanglich besonders guten Aufnahmen die Grenzen der aktiven Braunboxen selbst mit 60 Watt Bassendstufen. Entweder schlugen die Schwingspulen am Magneten an oder der (die?) Verstärker startete(n) bzw. landeten im Clipping. Hinten hörte man es besonders deutlich.

Die MD Vorführungen während der zweiten Session zeigten ganz deutlich die Eigenschaften der modernen Technik trotz Kompression und sonstigen stets verteufelten Eigenschaften. Der Klang war nocheinmal deutlich gesteigert im Vergleich zum Band. Die Platten waren so oder so deutlich abgeschlagen.

Dieser MD Recorder ist jetzt nocheinmal eine Generation jünger und weiter verbessert, der macht über 90dB Dynamik und die 70dB (4-) Kanaltrennung ganz locker.

Yamaha 4-Kanal CC Cassettenrecorder

Moderne Technik könnte es besser

Zum Vergleich: Von unserer AGFA CC Kassetten-Erbschaft hatte ich ganz spezielle Chrom-sonstwas Kassetten mit dazu bekommen, die in dem analogen Yamaha 4(6)-Kanal Bühnen-Mischpult- Recorder erstaunliche Klangqualitäten gezeigt haben. Und der ist ein ganzes Stück älter als der MD- Recorder.

Sie tischte das leckere feine Buffet auf
Herr Brüggemann, der Mann mit dem letzten analogen Vinyl-Schneid- studio in Ffm - verstorben in 2012

Genügend Zeit zum Erzählen

Erst mal möchte ich das üppige Buffet des Gastgebers Braun noch einmal loben.

Es ist heutzutage keine Selbstverständlichkeit, die Räumlichkeiten kostenfrei nutzen zu dürfen, dabei auch noch gehörig Krach zu machen und dann auch noch köstlich bewirtet zu werden. Beinahe könnte man dabei den Anlass des Treffens vergessen.

In den Reden zur Einführung wurden mehrere Gründe angesprochen, warum Quadro damals zum großen Flop wurde. In den Gesprächen kamen noch einige Argumente zum Vorschein, die viele so gar nicht gesehen hatten.

Wie bei den Veteranen der jeweiligen Technik offensichtlich normal, wurden auch alte Wunschträume mit Glorie und Mythos vermischt, die ich so nicht nachvollziehen kann. Und ich bin mit 60 Jahren ja fast der Jüngste im Auditorium gewesen. Auch habe ich diese Zeit damals sehr aktiv verfolgt, wenn auch die finanziellen Mittel nicht mal zu lowcost Varianten gereicht hätten.

Flop: analog High Definition TV 1987
Flop: Telefunken Bildplatte 1972
Immer wieder der Weg ins Ungewisse

Quadro - Ein gigantischer Flop

Nach der Aufarbeitung dieser Quadro Story von 1973 ist ein Vergleich mit dem Eureka-95 HDTV Projekt aus den Jahren 1985 bis 1992 angebracht. Auch dieses Projekt ist damals daran gescheitert, daß man diese fantastischen hochauf- lösenden Bilder nicht zum heimischen Fernseher bekommen hatte. Es ging damals einfach nicht.

Und bei Quadro sollten 4 Kanäle "in die Rille"
. Die analoge und technologisch begrenzte Vinylplatte war die wesentliche Musikquelle. Das Bandgerät spielte bei der Masse der Konsumenten eine untergeordnete Rolle, nur die Platten waren in. Und wie bei der späteren Computer-CD mit 4 Varianten kaufte der Kunde damals eben gar nichts, er war verunsichert. Welches System würde oder sollte oder müsste sich durchsetzen.

Die nächste Frage war die der Quellen
. Quadro Platten klangen auf dem normalen Plattenspieler komisch. Wie, weiß ich im Einzelnen nicht mehr, aber es weder "hüh" noch "hot".

Und hatte man dann eine solche (teure) Anlage
, spielte man zuerst die Demo Platte ab, wie damals auch 1972 bei dem Telefunken TED Bildplattenspieler. Die Eisenbahn fuhr quer durchs Zimmer, der Flieger startete einmal im Kreis herum und die Karnevals-Trommler trommelten vorne und das Publikum brüllte links und rechts im Hintergrund. Damit war erst mal der Quadro-Effekt verinnerlicht. Und wie jetzt weiter ?

Heute ist man vielleicht schlauer.

Quadro in der Theorie

Kaufen konnten (oder würden) sich damals sowieso nur potente Freaks dieses Späßchen. Oder es waren Konzert- liebhaber ebenfalls mit Geld. Auf jeden Fall wurden höhere Einkommensschichten angesprochen, also anspruchsvolle Kunden mit einem Faible für Technik.

Doch die waren scheinbar noch anspruchsvoller
als gedacht. Die Konzertliebhaber saßen in der Realität immer vor dem Orchester. Niemand aber auch niemand saß beim Herbert v.Karajan auf dessen Schoß oder bei Mantovani mitten in der Band. Das wollten die Gourmets auch Zuhause nicht. Die wollten ein Abbild einer Realität eingefroren haben.

Bei fast allen Pop-Platten wurde die neue 4kanalige Welt gnadenlos ausgenutzt, das bedeutet: maßlos übertrieben. Es klang sensationell anders, aber künstlich. Und anfänglich war es schon toll, doch nach ein paar Stunden war es nervig und auf einmal war es anstrengend.

Die ernsthaften Musikfreunde stiegen aus
- aus dieser Quadro-"Geschichte" und zwar recht schnell. Und die Hifi Freaks bemerkten auch schnell, so, wie wir an dem Abend auch, daß die 4Q Hifi-Qualität nicht an gute Klassikplatten oder aktuelle Popaufnahmen heran kam. Der Quadro Effekt war also genauso schnell verpufft wie vor vielen vielen Jahren die ersten 3D Filme in den Kinos.

Ein Vergleich mit 5-Kanal von der DVD wäre gut gewesen.

Die DIVA singt , absolut super !!

Es gibt bei mir (oder besser: für mich) eine Referenz DVD und auch die zugehörigen 2-Kanal Stereoaufnahmen, die ich fast jedem Gast aufdränge. Das ist die Arie der futuristischen künstlichen Diva aus dem Sciencefiction-Film "Das fünfte Element.", gesungen von der fantastischen Engländerin Sarah Brightman.
Das ist Quadrophonie (oder mehr) pur und qualitativ absolut edel. Diese Aufnahmen sind aber erst ca. 35 Jahre später gekommen, also kein wirklich fairer Vergleich. Doch dieser "Soundtrack" zeigt, was mit mehr als Zweikanal Stereo wirklich machbar ist. Es hätte aber mit den LV720 Boxen nur mittelmäßig unterschiedlich geklungen, denn auf der Quelle ist (unter anderem) ein fantastisch sauberer fundamentaler Tiefbass drauf, den meine beiden L710 Zuhause (auch mit allen Tricks) gar nicht wiedergeben können.

Facit der Veranstaltung um Viertel vor Zehn:

Es waren insgesamt mindestens 3500 Hifi-Jahre anwesend, denn viele der über 50 Gesichter hatten die 70 bereits hinter sich gelassen. Und mancher Hifi-Fan trauerte der damaligen analogen Quadro-Technik hinterher oder wollte sie sogar neu erwecken. Doch die Zeit ist rum und kommt so nicht mehr wieder.
Wie weiter oben bereits gesagt, hat mich fast schon erschrocken, wie kritiklos manche Hifi-Fans im Auditorium ganz links und ganz rechts Außen nahezu teilnahmslos gesessen hatten und dort von richtigem "Quadro" eigentlich gar nichts mitbekommen konnten. Auch die Hörer ab Reihe drei hatten in der ersten Hälfte einen sehr mäßigen Stereoeindruck durch die viel zu tief aufgestellten vorderen (und hinteren) Lautsprecher. Auch schien dem größeren Teil des Auditoriums kaum aufgefallen zu sein, daß relativ schnell einige Wenige aufgestanden waren und hinten standen, um diese Schwächen zu optimieren.

Die Vergangenheit ist abgeschlossen.

Nachdem ich in den riesigen Fernseh-Ü-Wagen auf der IBC 2007 in Amsterdam die professionelle digitale 8-Kanal Tonstudio-Technik gesehen hatte, dazu in den Messehallen dieses gigantische digitale Mischpult, war mir jedenfalls klar, das ist die Zukunft.

Und nachdem ich die Qualität in der Kabine dann auch noch gehört hatte, war es vollends klar. Absolut saubere digitale Wandler mit modernster Technik ermöglichen Träume, an die damals keiner gedacht hatte.

Aber leider muß man die wirklich guten Mehrkanal Musikaufnahmen immer noch suchen . . . . . . .


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