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Wieder ein kompetenter Artikel aus 1979

Es scheint zwar schade, daß man sich aus diversen Artikeln die Wahrheit selbst zusammensuchen muß, aber es ist zumindest erfreulich, daß ausgewiesene Fachleute so frei von der Leber erzählen, was beim Schneiden einer sogenannten "Lackfolie" wirklich abgeht. Daß die Grenzen sehr eng sind, hatte mir in 2012 Herr Brüggemann vom Schneidstudio Brüggemann in Frankfurt ausführlich erzählt.

Hier sind die Schallplatten-Fachleute von 1979 nochmals befragt worden. Der fragende KlangBild Redakteur Franz Schöler muß sich mit der Problematik der Plattenqualität schon Jahre vorher beschäftigt haben - sehr ähnlich zu den Kollegen der schweizer Zeitschrift "Hifi Scene".

In dem anderen Artikel vom Besuch im TELDEC Werk in Nortorf erfahren wir auch noch weitere Informationen über das Schneiden von Folien.

Darum hier nochmal für Laien die Erklärung : Diese im Text unten so genannten "FOLIEN" sind schon lange keine (Kunststoff-) Folien mehr, es sind präzise plan geschliffene und mit Lack beschichtete Alu-Scheiben.

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HiFi on the Rocks - KlangBild Dezember 1979

Massen-Präzision I - Fertigungsqualität von Schallplatten
Teil 1 von 2

Drei maßgeblich Beteiligte äußern sich zur Fertigungsqualität von Schallplatten.

Vor Weihnachten bilden sich jedes Jahr lange Schlangen vorden Kassen der Schallplatten- abteilungen, die Schallplatten- Kauffreude ist ungebrochen. Bei den hohen Stückzahlen und dem enormen Zeitdruck kann man mit der Fertigungs- qualität schnell Probleme bekommen. Wir wollen hier einmal Schwachstellen aufzeichnen. Jedem Leser sei geraten, auch die abschließende Bemerkung dieses Beitrags nicht außeracht zu lassen.

von Franz Schöler

Eine scheinbar merkwürdige Mitteilung :

Kürzlich verschickte die Plattenfirma TELDEC an alle in ihrem einschlägigen Bemusterungs-Verteiler gespeicherten Kritiker eine Mitteilung mit folgendem Inhalt (Bild):
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  • text zur LP 6.23794 - stop
    betr.: hot passion - black jack, diese LP, von der teldec bereits bemustert, kommt ihnen heute nochmals auf den tisch. aus technischen gruenden musste diese heisse disco-scheibe nochmals ueberspielt werden, bitte tauschen sie bisherige LP gegen diese neue aus. - mit freundlichem gruss - TELDEC

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Es fehlte aber der trifitge Grund ......

So sieht eine Überspielanlage von Tonband auf Lackfolie aus: im Vordergrund die Tonbandmaschine, links und Mitte hinten die eigentliche Schneidmaschine, rechts das Verstärkergestell für den Schreiber und die Abhörlautsprecher.
Die Schallplattenschneidmaschine VMS 80 von Georg Neumann.
Ein Blick von oben auf die Lackfolie, rechts von der Mitte der Schreiber, links das Mikroskop (mit aufmontierter Fernsehkamera)
Der Schallplattenschreiber SX74 von Georg Neumann. Sein Frequenzgang beträgt ±0,5dB zwischen 15Hz und 16kHz und ± 1dB zwischen 10Hz und 20kHz. Die Übersprechdämpfung liegt zwischen 40Hz und 16kHz bei mind. 35dB. Die maximale Auslenkung des Stichels beträgt ±150 Mikrometer.

Welche technischen Gründe vorlagen, das Mutterband noch einmal neu zu überspielen, darüber schwieg sich die Notiz geflissentlich aus.

Man kann nur vermuten, daß die erste freigegebene Überspielung, obwohl technisch nicht defekt, nicht den Klangvorstellungen von Interpret und/oder Produzent entsprach.

Genau das war jedenfalls der Grund dafür, daß Disco-Produzent Frank Farian die letzte LP der von ihm betreuten Gruppe Boney M., Oceans of Fantasy, ebenfalls vor wenigen Wochen zum zweitenmal von der Plattenfirma Ariola mit einem Aufkleber verschicken ließ, auf dem zu lesen stand: „Achtung! Neuüberspielung - bessere Soundqualität".

Das Rezensionsexemplar wies allerdings so kräftige Verwellungen auf, daß es fast die Form eines Pfannkuchens hatte, und darum mochte ich meine teuren Tonabnehmer nicht ungebührlich mit dieser LP strapazieren, um die klanglichen Verbesserungen im Vergleich nachvollziehen zu können.
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Die Qualität verschiedener Pressungen überprüfen

Solche Vergleiche habe ich in den letzten Jahren immer wieder angestellt, um die Qualität verschiedener Pressungen derselben Einspielung zu prüfen. Denn Schallplatten unterscheiden sich nicht nur in ihrer mechanischen Fertigungsqualität, sondern auch und leider nicht so selten in der Qualität der Überspielung, wie an dieser Stelle (KLANGBILD August 1978) schon einmal kurz erläutert wurde.

Während des Überspielvorgangs, also beim „Transponieren" des Mutterbandes auf die Lackfolie, werden nämlich neuerdings mehr und mehr nachträgliche Eingriffe mittels Equalizer vorgenommen (und nicht mehr 1:1 überspielt), so daß dieselben Produktionen in englischer, japanischer, deutscher oder amerikanischer Pressung durchaus nicht gleich „klingen" müss(t)en.

Wenn scheinbar gar nichts mehr "stimmt"

Ganz abgesehen davon, daß manche erheblich mehr rauschen als andere, weisen sie auch eine hörbar andere Entzerrung auf, und bisweilen muß man sogar von erheblichen Klangfarben-Verfälschungen sprechen, die der Überspieltechniker - aus welchen Gründen auch im mer - zu ließ.

Solche Verfärbungen treten kraß zutage, wenn man die sogenannten „Half-Speed Master" - bei halber Geschwindigkeit vom originalen Mutterband (!) überspielte Platten -, die neuerdings Firmen wie EMI/Toshiba, A&M Tokio und Mobile Fidelity Sound Lab anbieten, mit den massenhaft gefertigten Normalpressungen vergleicht.

Diese aus Japan kommenden audiophilen Pressungen sind zwar aus speziell hochwertigem Vinyl gefertigt, neben der mechanisch hervorragenden Qualität weisen sie aber auch eine hörbar bessere Überspielqualität auf.

Im Herbst 1979 - bei den Experten nachgefragt :

Der Schreiberantriebs-Verstärker SAL74 (das steht für Schreiberantriebs-Logik). Pro Kanal stehen 550 Watt zur Verfügung (laut Herrn Brüggemann sind es nur 2 x 500 Watt Sinus). Die Differenztonverzerrungen betragen über den Schreiber gemessen max. 0,3 Promille. Großer Aufwand mußte getrieben werden, um den Schreiber wirksam vor Überlastung zu schützen, verträgt er doch im Dauerbetrieb mit Heliumkühlung „nur" 40 Watt.

Die Gesprächsteilnehmer: Günter Lützkendorf, Martin Fouque und Ernst Rothe

Was es mit der Überspielung und den anschließenden Fertigungsvorgängen in der Galvanik auf sich hat und wo die Probleme liegen, dazu befragten wir fünf Techniker in drei Firmen, die für die Qualität ihrer Produkte sogar weltweit bekannt sind:

  • zunächst Dipl.Ing. Günter Lützkendorf und Ernst Weiss von der Berliner Firma Georg Neumann GmbH, die etwa 90 Prozent aller in der Welt benutzten Überspielanlagen liefert und technologisch auf diesem und dem Mikrofonsektor führende Position einnimmt; dann
  • Professor Martin Fouque, Cheftonmeister bei der Teldec in Berlin, und
  • Dipl. Ing. Horst Redlich, den technischen Direktor derselben Firma, die mit 25 Prozent an Neumann beteiligt ist und in enger Kooperation an Weiterentwicklungen der Schallplatten- Fertigungstechnik arbeitet; und schließlich
  • Ernst Rothe, Cheftechniker bei der Electrola in Köln, die sich genauso wie die Teldec einen Ruf als Hersteller sehr hochwertiger Schallplatten erworben hat.

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Die erste Frage nach dem Winkel

Die erste Frage in diesen Interviews bezog sich immer auf den Winkel, mit dem heute Schallplatten geschnitten werden. Unter HiFi-Fans geht nämlich die Legende um, daß man die Tonarmhöhe und damit den vertikalen Einfallwinkel des Abtastdiamanten je nach Platte ändern müsse, um eine optimale Abtastgeometrie zu erzielen.

Und Tester von "Fach"-zeitschriften stellten des öfteren fest, daß auch Frequenz- und Verzerrungsmeßplatten der verschiedenen Anbieter offenbar durchaus nicht immer mit demselben Winkel geschnitten sind, so daß sich für die Werte der Frequenzintermodulation und der harmonischen Verzerrungen k2 und k3 jeweils andere Daten ergaben.

Schneidwinkel: Richtwert 20°

Dazu meint Günter Lützkendorf:

  • „Unsere Schreiber sind bezüglich des Schneidwinkels innerhalb der Serie hundertprozentig austauschbar. Und wir haben den Winkel mit sehr exakten 22° ermittelt. Der Schneidwinkel ist ja in der IEC genormt worden mit 20°. Es ist ein ganz flaches Maximum, das man da bekommt, und darum ist es auch relativ schwer zu messen. Insofern hat man die 20° auch nur als Richtwert aufgefaßt.
  • Die anderen beiden Schreiber, die neben unserem noch irgendwo in der Welt in Betrieb sind, sind die von Ortofon und Westrex. Die Winkel dieser Schreiber unterscheiden sich kaum und liegen in der Nähe von 20°. Die Toleranzen liegen etwa bei ±2°. Wenn jemand nun mit irgendeiner Meßplatte ermittelt, der Winkel des Tonabnehmers betrage 23,5°, dann fragen wir uns: Wie will er das denn gemessen haben?
  • In den geringen Restklirrfaktor, den Sie da haben, gehen schließlich so viele Parameter ein, daß es ganz andere Ursachen haben kann, wenn die Verzerrungen je nach Platte unterschiedlich hoch sind. Man muß berücksichtigen, daß solche Messungen mit einer gewissen Ungenauigkeit behaftet sind!"

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Auf ein anderes Toleranzproblem beim Schneiden von Platten weist Horst Redlich hin. Er verweist auf den Zusammenhang zwischen Schneidstichel und Lackfolie, die nach dem Mutterband das „Ausgangsprodukt" für die Fertigung von Schallplatten ist, und sagt:

  • „Die Toleranzen, die man beim Schneiden durch die Rückfedereigenschaften der Lackfolie bekommt, sind sicher größer als die zwischen den verschiedenen Apparaturen von Neumann, Westrex, Scully oder Ortofon. Je nach Alter und Qualität der Folie kann der Winkel sogar - wenn man's schlecht macht - um mehrals ±5° abweichen! In unserem Hause schneiden wir mit einem Stichel etwa zehn Platten, dann schmeißen wir ihn raus. Es gibt Häuser, in denen man mit einem Schneidstichel 40, 50, sogar 100 Platten schneidet."

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Ganz miserable Platten

Als ich frage, ob die Qualität des Schneidstichels entscheidend sei, meint Horst Redlich:

  • „Unter anderem auch, und ich gebe Ihnen recht, wenn Sie sagen, daß es ganz miserable Schallplatten gibt. Dann nämlich, wenn der Stichel schlecht war, die Folie nicht in Ordnung, der Rückfederungseffekt sehr hoch und der Pegel so übersteuert, daß der Rillenkontakt verloren geht. Dann kann der Klirrfaktor bis zu zehn Prozent und mehr ansteigen, und das hört man dann natürlich vor allem in den Innenrillen."


Schneidstichel müssen beim „Beschreiben" der Lackfolie beheizt werden. Wo die Probleme auftauchen, erläutert Günter Lützkendorf so:

  • „Als man 78er Platten geschnitten hat, wurde der Schneidstichel nicht beheizt, weil die Eigenerwärmung beim Schneidvorgang groß genug war. Man hatte automatisch die richtige Temperatur, um eine glatte Rillenwand zu bekommen. Beim heute verwendeten Nitrozelluloselack muß man den Stichel beheizen. Trotz vielfacher Filterung ist der Lack nicht absolut frei von Störstellen.
  • Verunreinigungen, Staub und sonstige Dinge können da drin sein. Außerdem müssen Lösungsmittel zugegeben werden, und die dampfen ja aus. Es kommt auf den Trockenvorgang an, ob da drin nicht eine Blase entsteht. Wenn diese Blase durchschnitten wird, gibt's beim Abspielen ein Geräusch.
  • Darum ist es, wichtig, Lackfolien mit extrem hoher Konsistenz zu erhalten. Die drei großen Hersteller von Lackfolien in der Welt sind Pyral in Frankreich und in Amerika Capitol Magnetics (früher Audio Devices) und Transco. Man weiß in der Branche, daß die Qualität der Lackfolien von allen drei bisweilen schwankt und schlechter wird, so daß man immer wieder mal den Lieferanten wechselt.
  • Es hat aber immer wieder böse Zeiten gegeben, in denen Lackfolien zu knapp waren. Darum hat "Capitol Records" als großer Hersteller von Platten die "Audio Devices" gekauft, um sicherzugehen, daß sie nicht plötzlich serienmäßig miserable Platten fertigen müssen, sondern im eigenen Labor die Qualitätskontrolle der Folien durchführen können.
  • Viele Großverbraucher von Lackfolien, also die führenden Plattenkonzerne, haben versucht, in eigenen Laboratorien Folien zu produzieren oder äquivalente Materialien auszuprobieren. Aber alle Lösungen waren mit ähnlichen Problemen behaftet, und man könnte schließlich nicht zu günstigeren Preisen Folien herstellen als die etablierten Lieferanten."

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Der beste Schneidstichel ist noch nicht gefunden

Daß Schneidstichel auch minimale Toleranzen aufweisen können, normalerweise sogar weit besser sind als die bei Tonabnehmer verwendeten Diamanten, sollte klar sein: Die besten heute für Tonabnehmer gefertigten Diamanten kosten um die 22 bis 25 Mark, Schneidstichel aus Saphir oder Rubin um die 60 bis 110 Mark und die neuerdings aus Diamant gefertigten, mit denen man derzeit experimentiert, gar um die 1000 Mark.

Trotzdem meint Günter Lützkendorf, daß der „beste" Schneidstichel noch nicht gefunden sei, daß man gar von einem solchen „besten" Stift nicht reden könne:

  • „Die Frage nach der absoluten Güte eines Schneidstichels ist nicht ein für allemal zu beantworten. Ich glaube, es traut sich zur Zeit noch keiner zu sagen: Dieser Schneidstichel ist garantiert brauchbar. Denn Schneidstichel und Folie bilden ein System. Nicht die Geometrie des Stichels steht zur Diskussion, die kann man unter dem Mikroskop leicht prüfen.
  • Aber es passiert immer wieder, daß man einen völlig in Ordnung befindlichen Stichel einspannt und zu schneiden beginnt: Die ersten fünf Rillen sind einwandfrei, und dann beginnt ein sogenannter Mitreißer. Es gibt Dutzende von Untersuchungen darüber, warum das so ist. Einmal, weil beim Schneiden des Spanes eine Art Staub entsteht, der auf der Konterfacette des Stichels festbrennt, einige Rillen lang Mitreißer produziert und plötzlich selbst wieder abgerissen wird.
  • Nach einer anderen theoretischen Vorstellung, die auf Untersuchungen von Philips basiert, können sogar mikroskopisch winzige Teilchen von weniger als 1um Korngröße zu Mitreißern führen. Teile dieser Größenordnung sind im Lack immer nachweisbar, die kann man gar nicht rausfiltern. Wenn Sie sagen, ich will eine Platte machen und Musik darauf haben, dann geht das immer. Nur ist eben die Rille pro Plattenseite sehr lang. Und wenn man die Extremforderung stellt und sagt, ich will auf diesem Weg - und da handelt es sich um Bruchteile von um - keine einzige Unebenheit haben, wird's heikel.
  • Ich kenne keine Technik, die sich zutrauen würde, diesen Toleranzbereich gegen Null gehen zu lassen."

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Das„Speckbraten"

Trotzdem hat die Lacktechnik bei der Plattenherstellung einen so hohen Grad an Perfektion erreicht, daß Günter Lützkendorf sie nachdrücklich verteidigt:

  • „Die Lacktechnik ist nach wie vor gut, und eine gute Folie läßt sich nach wie vor nicht durch etwas Besseres ersetzen. Aber um noch einmal die Probleme zu resümieren: Verunreinigungen im Lack, Unebenheiten des Trägers und Mitreißer durch den Schneidstichel.
  • Normalerweise sind aber die Verweilungen, die den Verbraucher ärgern, durch Probleme beim Auskühlen oder der Lagerung der gepreßten Platte entstanden. Die Platte ist doch schließlich eine symmetrisch verspannte Sache, und wenn irgendwo die Spannung nicht symmetrisch zu einer anderen ist, tritt ein Verzug auf.
  • Daß der Schneidstichel nicht zu stark beheizt werden darf, ist klar. Die Schneidtemperatur muß auf die Folie hin beim Probeschnitt optimiert werden, sonst beginnt das sogenannte ,Speckbraten'. Dann brennen Partikelchen an, und das hört man als Zischgeräusche. Es klingt wie Speck in der Pfanne beim Braten von Spiegeleiern. Zu geringes Beheizen gibt einen rauhen Schnitt, was sich als höheres Rillengeräusch äußert. Und dazwischen liegt irgendwo das Rauschminimum."


Warum nicht nur das „Speckbraten", sondern schon die unterschiedliche Qualität des Lacks ein so heikles Problem darstellt, erklärt Professor Fouque so:

  • „Der Lack ist ja leider etwas, das - einmal hergestellt und auf den Aluträger aufgetragen - nicht konstant bleibt, sondern weiter in sich arbeitet. Man kann wegen des Zusammenhangs von Folie und Stichel also nicht sagen, daß eine Stichelart ganz besonders gut wäre. Es gibt Lacksorten, bei denen der Stichel nicht mal eine Seite hält! Wir haben an den Folien der einzelnen Firmen natürlich Untersuchungen angestellt und für die einzelnen Fabrikate optimale ,Verbrauchsbedingungen' unsererseits festgestellt. Die sind nämlich nicht gleich. Man kann die Folien des Herstellers A nicht unter denselben Bedingungen schneiden wie die des Fabrikanten B."

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Immer wieder Probeschnitte

Warum man immer wieder Probeschnitte durchführen muß, um eine möglichst gleichbleibende Qualität bei der Plattenfertigung zu erhalten, erläutert Horst Redlich von der Teldec :

  • „Es gibt Saphire und Rubine, die je nach der Art des Programms - denn davon ist die Standzeit auch abhängig - zehn Plattenseiten halten, und andere, die mit gleichbleibender Qualität 40 oder 50 Seiten schneiden. Neuerdings verwendet man darum Diamant, weil da eine längere konstante Standzeit gewährleistet ist.
  • Der Spurwinkel ist nur noch vom Schneidmaterial abhängig. Man muß also wissen, wie die Viskosität der Lacks beschaffen ist, wann die Folie hergestellt wurde, wie lange sie abgelagert ist, bei welcher Temperatur sie lagert und bei welcher sie geschnitten werden soll usw. usw. Da gehen unheimlich viele Parameter mit ein, und man kann nur durch zwischenzeitliche Probeschnitte gleichbleibende Qualität überprüfen.
  • Schneidstichel und Folie müssen zusammen betrachtet werden. Die Kante des Stichels muß konstant bleiben. Die Folie ist ein Material, das dauernd arbeitet; ihr Zustand kann gar nicht konstant gehalten werden. Nicht mal in der Fertigung der Folie. Es gibt also Zeiten, in denen man von bestimmten Firmen keine Folien kaufen kann."

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Probleme mit der „Folie"

Dieselbe Erfahrung machte auch Ernst Rothe von der Electrola, der deutschen „Schwesterfirma" des amerikanischen Herstellers Capitol Records, der unter den Plattenkonzernen bemerkenswerterweise der einzige ist, der mit der Tochterfirma "Capitol Magnetics" (ehemals audio devices) über eine Lackfolienproduktion verfügt. Rothe über die Probleme der Folien-Beschaffung:

  • „In all den Jahren haben sich nur wenige Hersteller gefunden, die wirklich brauchbare Lackfolien produzieren. Zwischendurch läßt auch bei denen aus irgendwelchen Gründen immerwieder mal die Qualität nach. Warum, ist kaum nachzuvollziehen. Aber das zeigt eigentlich nur, wie schwierig die Fertigung der Lackfolie in dieser ungeheuren Präzision, die man braucht, ist.
  • Schon Dicken-Unterschiede von 10um müssen beim Schneiden berücksichtigt und korrigiert werden. Auch wenn man den Empfehlungen der Hersteller folgt und die Folien zwei Tage vor dem Schneiden offen stehenläßt und das Lacklösemittel so weit raus sein sollte wie nötig, können immer noch kleine Blasen auftreten, die man dann durchschneidet.
  • Bevor man zu schneiden beginnt, muß man eine sehr präzise optische Inspektion der Folienoberfläche vornehmen - am besten dann, wenn man die Lackfolie auf die Schneidmaschine legt und das Spiegelbild in der Folie betrachtet. Man darf keinerlei Schlieren oder Schwankungen sehen. Der Techniker muß eine ganze Reihe von Kniffen beherrschen, damit er einen optimal glatten Schnitt erzielen kann.
  • Das beginnt bei unterschiedlichen Temperaturen, mit denen je nach Charge eines Herstellers der Schneidstichel beheizt werden muß. Auch bei der Größe der Facetten des Stichels gibt es Unterschiede. Eine Firma bietet sogar Stichel mit drei verschiedenen Facetten-Größen an, damit man wählen kann, welcher für die jeweilige Folie in Frage kommt. Die Facette dient ja dazu, den Schnitt etwas ,weicher' zu gestalten.
  • An sich wäre der sauberste Schnitt mit einem Stichel ohne Facetten, allerdings nur in einem Material, das nicht elastisch ist und nicht nachfedern kann, etwa Metall. Aber das kann man nicht schneiden."

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Warum ist Popmusik besser ?

Inzwischen wird schon eine große Anzahl an
Super-(Sound-)Singles angeboten.
Diese Platten in der Größe der normalen LP (30 cm Durchmesser)
haben nur einen Titel pro Plattenseite
wie die normalen 17cm Singles auch.
Durch den reichlich vorhandenen Platz und die höhere Drehzahl von 45 U/min ergeben sich Vorteile.

Warum sowohl statistisch wie technisch gesehen bei Klassik-Platten das Rillengeräusch als deutlich störender empfunden wird, erklärt sich Ernst Rothe so:

  • „Ob und wie häufig Mitreißer entstehen, hängt auch von der geschnittenen Amplitude ab. Bei Popmusik kommen erfahrungsgemäß weniger Mitreißer vor als bei Klassik, weil ... Also man kann sich das so vorstellen, daß durch die ständige hohe Amplitude und die dauernd wechselnde Frequenz der Schneidstichel sich gewissermaßen von selbst reinigt, weil er so stark hin- und hergeschüttelt wird.
  • Bei Pianissimo in der Klassik kann man in der Rille oft unter dem Mikroskop kaum erkennen, ob da nun eine Modulation drin ist oder nicht. Da entstehen leider häufiger Mißreißer, und die hört man natürlich beim Pianissimo stärker."

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Die Fragen, ob einerseits Rock- und Pop-Platten schlampiger gefertigt, andererseits Klassikeinspielungen möglicherweise schlechter aufgenommen werden, als es die heutige Technik bietet, verneint Ernst Rothe:

  • „Das sehe ich nicht so. Von der Herstellung ist die Plattenqualität dieselbe, da machen wir keinerlei Unterschiede. Wenn aber in der Klassik Streicheraufnahmen belegter klingen und nicht so strahlend, liegt das wohl daran, daß man in der Popmusik generell dichter ans Instrument geht, in der Klassik aber zur Nachbildung der Raumanteile doch anders arbeitet. Hier die richtige Balance zu finden, ist genauso schwierig wie die Aussteuerung beim Schneiden.
  • Das ist eine Gratwanderung: Zu hoher Pegel bringt bei durchschnittlichen Tonabnehmern größere Verzerrungen, zu geringer Pegel einen schlechten Störabstand. Natürlich kann man heute höhere Schnellen schneiden als noch vor zehn Jahren, weil die Tonabnehmer besser geworden sind. Nicht daß man das damals nicht auch schon gekonnt hätte. Aber heute darf man's eher riskieren, ohne daß zu viele Reklamationen kommen.
  • Man kann auch andererseits etwas leiser werden, weil das Granulat doch auch besser geworden ist. Die Knackstörungen sind heute statistisch gesehen geringer."

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Sind Verzerrungen unvermeidlich ?

Daß es trotzdem bisweilen in der Rille kräftig verzerrt und daß an diesen Verzerrungen durchaus nicht immer ein zu hoher Pegel oder ein verschliffener Abtastdiamant schuld sein muß, hat wohl schon jeder Plattenkäufer gelegentlich zu seinem Leidwesen erfahren müssen.

Wie hoch theoretisch der Klirrfaktor in der Rille ist, wollte ich darum wissen. Dazu Günter Lützkendorf von der Firma Neumann, die es eigentlich am besten wissen müßte, nachdem sie die Schneidanlagen liefert:

  • „Wieviel Verzerrungen in der Rille selber enthalten sind, kann man ja nur mit Tonabnehmern ermitteln, das heißt, das Abtastsystem geht in die Messung mit ein. Man könnte also nur den Klirr des Gesamtsystems Plattenrille / Abtaster messen. Wie hoch die Verzerrungen durch den Schneidvorgang selber sind, wäre nur durch eine Spezialeinrichtung zu ermitteln, mit der man den Kurvenzug nicht mechanisch abtastet, sondern ausmißt.
  • Der Lack hat natürlich eine gewisse Elastizität, so daß es Verformungen geben kann. Aber ob das den Klirr ausmacht, weiß ich nicht. Ich kenne keine Arbeit, die bei solchen Verzerrungsmessungen auf den Tonabnehmer verzichtet hätte. Die unterschiedliche Geometrie bei der Aufzeichnung der Rille und ihrer Austastung muß Verzerrungen produzieren. Die Frage der subjektiven Lästigkeit der verschiedenen harmonischen Verzerrungen, die wir bei der Entwicklung unseres Tracing-Simulators untersucht haben, ist außerdem sehr heikel."

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An die Grenze der Abtastfähigkeit kommen vor allem rasch Abtastdiamanten mit sphärischer (kugelförmiger) Verrundung in der Kontaktzone, die in der Rille eher „klemmen" als biradial geschliffene Diamanten. Dazu Günter Lützkendorf:

  • „Bei Klemmeffekten kann man schon nicht mehr von Verzerrungen reden, daß sind richtige ,Aussetzer'. Da wird die Abtastfähigkeit der Pickups überfordert. Wir könnten in der Praxis beliebig hohe Amplituden aufzeichnen, aber irgendwann kommt der Punkt, an dem die Krümmung dieser sehr großen Amplitude den Radius des Abtasters unterschreitet.
  • Unter Umständen nimmt ein sphärischer Diamant da eine ideale Begrenzung vor, weil er die Auslenkung überspringt und nicht als Knackser hörbar macht.
  • Nicht die Schnellen sind das Problem, sondern die Beschleunigungen, in denen die Krümmung drinsteckt. Die maximalen Beschleunigungen liegen heute bei 4.000 g, gemessen an der Spitze des Schneidstiftes.
  • Man kann das aufschreiben (schneiden), aber nicht mehr abtasten. Das sind steile Ecken, denen der Tonabnehmer sicher nicht mehr folgen kann. Das Maximum sind wohl 15um Krümmungsradius."

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Aufschreiben (schneiden), aber nicht abtasten

Daß nicht die absolut gesehenen Schnellen, sondern die impulsartigen Beschleunigungen in der Rille bei hoch ausgesteuerten Platten für den Tonabnehmer das eigentliche Problem sind, betontauch Professor Fouque:

  • „Man kann prinzipiell viel mehr aufschreiben (schneiden), als man abtasten kann. Aber eine absolute Zahl für die Schnellen ist schwer zu geben. Was noch abgetastet wird, hängt davon ab, an welcher Stelle - ob mehr nach außen zum Plattenrand oder mehr zu den Innenrillen hin - die Schnelle aufgezeichnet wurde.
  • Es kommt auch auf das Spektrum an, das man aufgeschrieben hat, und die Frage, ob man starke Modulationen sowohl in den Tiefen als auch in den Höhen gleichzeitig überlagert vorfindet. Meßplatten wie die vom dhfi bieten bestenfalls Anhaltspunkte für die Abtastfähigkeit von Tonabnehmern, weil man da ja Sinusschwingungen benutzt.
  • Tatsächliches Musikmaterial kann viel problematischer für den Abtaster sein! Das Amplitudenspektrum hat sich in den letzten Jahren ziemlich erweitert. Neuerdings gibt es Platten, die extreme Anforderungen stellen, weil sie auch unter 60 Hz noch sehr hohe Amplituden aufweisen."

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Die Maxi-Singles

Das letzte fragwürdige Ergebnis im allgemeinen Run auf immer höhere Pegel auf Platten sind die sogenannten Maxi-Singles, 30cm-Platten, die mit 45 U/min abgespielt werden und nur ein einziges Stück enthalten, das dann allerdings mit etwa 3 bis fast 6dB mehr Pegel als bei den üblichen „Singles". Alle von mir befragten Techniker hielten diesen Verkaufsgag der Plattenindustrie - und verkauft werden die Maxi-Singles tatsächlich sehr gut - für äußerst zweifelhaft.

Ernst Rothe von der Electrola meint sogar:

  • „Ich finde die kontinuierlich hohen Pegel auf Platten sehr gefährlich, denn selbst mit den besten Tonabnehmern kommen doch Verzerrungen hinzu, die ja eigentlich nicht gewünscht sind. Denn wenn sie gewünscht wären, hätte der Produzent sie sicher schon in den Klang selbsteingebaut. Das kann man mit Verzerrern und vergleichbaren Geräten ohne weiteres. Es gibt doch die Theorie, daß gewisse Bänder einen bestimmten Klang erzeugen, wenn man sie total übersteuert. Ich finde, das sind alles etwas unseriöse Methoden. Aber ,Sound' wird verkauft."


Normalerweise werden Platten so geschnitten, daß sie auch auf relativ schlechten Anlagen noch "hinreichend" problemlos abgespielt werden können. Zu dieser „Qualitätskontrolle" meint Ernst Rothe:

  • „Wir machen regelmäßige Tests bei uns, lassen uns immer wieder mal neue Abtaster kommen, um festzustellen, wie weit die Technik auf diesem Gebiet ist. Wir haben auch eine Reihe von Geräten mittlerer und schlechter Qualität, damit wir beurteilen können, wie funktioniert die Platte zu Hause bei Lieschen Müller oder Tante Emma. Man muß sich da eine ungefähre Meinung bilden können.
  • Wenn wir schon bei Anlagen der Mittelklasse Springneigung feststellen, werden wir eine neue Überspielung machen müssen. Andererseits sagen wir nicht, daß jede Platte auch noch auf der schlechtesten Anlage abgespielt werden muß."

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Das Finale :
Gute „Folie", aber weniger gute Platten

Eine gute Lackfolie hat heute einen Rumpelabstand, der um etwa 10 bis 12dB besser ist als der des Endprodukts, also der Schallplatte. Exakte Messungen, so Günter Lützkendorf, sind allerdings äußerst schwierig:

  • „Wie sollen wir den Rumpelabstand der Lackfolie messen? Wenn wir heute eine Leerrille schneiden und setzen einen Tonarm drauf und lassen auch die Platten schön angesaugt, dann haben wir ja damit zu kämpfen, daß wir im wesentlichen die Schüttelresonanz des Tonarms messen. Wie soll man aber unabhängig davon den Rumpelabstand der Folie messen? Wie hätten Sie's gern?"

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