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aus der FUNK-TECHNIK Nr. 18/1949 (2. Sept. Heft)
Schallplatten - hier und anderswo

In manchen Jahren (Anmerkung: gemeint ist die Zeit vor dem II. Weltkrieg) setzten die Einzelhandels­geschäfte in (Gesamt-) Deutschland 30 Millionen (Schellack-) Schall­platten im Wert von über 80 Millionen (Reichs-) Mark um.

Der Verkauf dieser „Musikkonserven"
stellte damals ein einträgliches Geschäft dar, soweit der Fachhändler die notwendigen Voraus­setzungen mitbrachte - nämlich: Kenntnis des etwas schwierigen Marktes und genügend Kapital zum Aufbau eines Lagers. Daneben mußten Vorführkabinen vorhanden sein und - ge­duldiges Personal, denn der Schallplatten­freund der Vorkriegszeit war wählerisch und prüfte oft ein halbes Dutzend und mehr Platten, ehe er sich - zum Wiederkommen entschloß!

Heutzutage geht das Geschäft in Schall­platten
genau so an Krücken wie manche andere Zweige der Radio- und Elektrobranche. Vor der Währungsreform (Anmerkung: Mitte 1948) war es wie überall: die Schallplatten wurden hinten­herum gehandelt bzw. sie waren wohl auch offiziell zu haben, aber die Abgabepflicht an alten Platten stieg manchmal auf ein un­gesundes Maß.

Gegenwärtig krankt das Ge­schäft in zunehmendem Umfang an der Geld­knappheit weiter Kreise der Musikliebhaber bzw. - anders herum betrachtet - am ver­hältnismäßig hohen Preis der Platten. Beim Kauf einer Schallplatte sollen immer noch eine oder manchmal auch zwei Altplatten ab­geliefert werden - wer das nicht kann oder will, muß einen Zuschlag von 0,50 bis 0,75DM zahlen, so daß schließlich der Preis von 3,90 bis 5,75DM für die 25cm bzw. 5,50 bis 7,75 DM für die 30cm Platte herauskommt. Das ist viel Geld, und der Schallplattenfreund in den Westzonen und Berlin überlegt sich mehr als einmal, ob er den Verdienst von 3 bis 5 Arbeitsstunden für eine einzige der schwarzen Platten ausgeben kann.

Ausreichende Produktion

Unter den geschilderten Umständen ist es nicht verwunderlich, daß die Produktion der deutschen Schallplattenfabriken, wenigstens im Westen und in Berlin, den begrenzten Be­darf bereits wieder decken kann. Sie kann dies trotz der noch immer bestehenden Rohstoffschwierigkeiten, die sich im immer noch aufrechterhaltenen „Abgabezwang" von Alt­platten oder Plattenbruch ausdrücken. Man hofft jedoch, in Kürze genügend Schellackimporte hereinzubekommen, so daß die Roh­stoffdecke breiter wird. Andererseits soll es auf dem grauen Markt genügend Schellack geben - und somit wäre denn auch die Mög­lichkeit, an Stelle von Altplatten einen be­stimmten Betrag zu zahlen, hinreichend erklärt.

Die heutige Produktion zugrunde gelegt, dürfte die Erzeugung an Schallplatten in allen vier Zonen rd. 6 Millionen Stück im Jahr be­tragen. Verglichen mit jenen 5 Millionen Stück, die im Jahre 1934 die Werke verließen, ist diese Menge recht ansehnlich; sie stellt aber kaum 60% der heute noch vorhandenen Preßkapazität dar.
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Im Einzelnen liegen die Verhältnisse etwa wie folgt:

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  • Deutsche Grammophon-Gesell­schaft mbH. Hannover: Nachdem die Blockade die Westberliner Firmen in Schwierigkeiten gebracht hatte, wurde die Deutsche Grammophon Gesellschaft mbH. der wichtigste Lieferant der Westzonen. Ihre Erzeugung dürfte heute auf das Jahr um­gerechnet - etwa 2,5 Millionen Schallplatten betragen, trotzdem nur etwa 40% der vor­handenen Kapazität der Pressen ausgenützt werden. Neben der ursprünglichen Fabrikmarke (die für klassische Musik bestimmt ist) werden Tanzplatten der Marke „Bruns­wick" sowie Platten mit Unterhaltungsmusik unter der Bezeichnung „Polydor" hergestellt. Es bestehen Austauschverträge mit der Decca-Record Comp. in England, so daß die Deut­sche Grammophon Gesellschaft mbH. auch über erstklassige englische Aufnahmen ver­fügt. In letzter Zeit hat die Gesellschaft die Herstellung von Kofferplattenspielern und Musikschränken aufgenommen; die letzteren sind zum Teil mit Plattenwechslern ausge­rüstet. Daneben werden Tischplattenspieler gefertigt. Die Gesellschaft verfügt zum Glück noch über das gesamte vor und während des Krieges aufgenommene Repertoire.
  • Telefunken Platten GmbH. Berlin-Hannover: Die Kriegsschäden der Berliner Anlagen sind erheblich, so daß die Fertigungskapazität stark abgesunken ist. Die westdeutschen Produktionsstätten in Hannover-Linden befinden sich noch im Auf­bau. Wie verlautet, hat Telefunken mit einer maßgebenden amerikanischen Firma Verträge über den Austausch von Matrizen abge­schlossen; man übernimmt als Gegenlieferung für klassische Musik moderne Tanzmusik.
  • Electrola und Carl Lindström AG (Odeon), Berlin; Beide Firmen schlossen nach dem Krieg eine Produktions­gemeinschaft, nachdem die Electrola GmbH. durch Kriegseinwirkungen ihre Fabri­kationsanlagen verloren hatte. Beide Gesell­schaften zusammen pressen gegenwärtig rund 2 Millionen Platten jährlich; die Fertigungs­bedingungen haben sich nach Aufhebung der Blockade wesentlich gebessert, und die bis­weilen stockenden Anlieferungen der fertigen Platten in Westdeutschland sind flüssiger ge­worden. Ausländische Matrizen werden vom englischen Mutterkonzern (E.M.I.) importiert.
  • „Tempo"-Schallplatten, Berlin: Unter dieser Handelsmarke liefert die „Metrophon"-Gesellschaft mbH. monatlich etwa 30.000 Schallplatten aus. Entstanden ist die Firma aus der TEMPO-Schallplattenfabrik O. Stahmann, Potsdam-Babelsberg. Eine ehe­malige Produktionsstätte dieser Gesellschaft in Ehrenfriedersdorf (Sachsen) firmiert heute unter „Lied der Zeit GmbH."
  • Union-Record (München), Al­bert Vogt (Diepholz), „Austroton" (Hamburg). Diese drei Firmen sind kleinere Produktionsstätten, die zum Teil Warenhäuser und Einheitspreisgeschäfte beliefern. „Austroton" widmet sich besonders der Pflege österreichischer Musik und bringt eine Reihe beliebter Aufnahmen Wiener Künstler.

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Geringe Ausfuhrmöglichkeiten

Unbeschadet der Beliebtheit deutscher Schall­platten und deutscher Musik im Ausland sind die Ausfuhraussichten sehr gering. Selbst unter der Annahme, daß trotz des Umrech­nungskurses von 30 (Dollar-) Cents je DM keine Hindernisse von der Preisseite her auftreten, bleiben die ausländischen Märkte mit ge­ringen Ausnahmen (z. B. Schweiz) für deut­sche Schallplatten verschlossen. Die noch immer nicht aufgehobene Dollarklausel zwingt unsere Abnehmer, kostbare harte Währung für den Einkauf in Deutschland zur Ver­fügung zu stellen. Das kann natürlich nie­mand, und da auch keine Kontingente in den zweiseitigen Handelsverträgen zwischen der Bizone und den ausländischen Staaten vor­gesehen sind, waren die bisherigen Ausfuhr­erfolge sehr gering.

1947 gingen kaum 0,1 Mil­lion Platten ins Ausland gegen 14 Millionen im besten Vorkriegsjahr (1929), in dem der Exportanteil fast 50% der Produktion er­reichte. Auch in der letzten Zeit zeigten sich nirgends günstigere Aussichten, so daß als einzige Hoffnung der Austausch von Ma­trizen bleibt. Bei Geschäften dieser Art können durch entsprechende Verträge einige Devisenbeträge verdient werden.

Die (neue) Vinyl-Langspielplatte in USA (von Columbia Records)

Dies "moderne" Langspiel-Schallplatte enthält fast 20 Schellackseiten

Der größte Schallplattenmarkt der Welt - der nordamerika-nische - wird gegenwärtig von einer heftigen Umstellungskrise ge­schüttelt. Deutschland ist von ihr bisher aus naheliegenden Gründen noch fast unberührt geblieben, während in England, den Benelux-Staaten, Schweden und der Schweiz die ersten Wellen der Dünung anlangten.

Es begann im April 1948, als Columbia, einer der größten US-Schallplattenproduzenten, mit der neuen (12" = 30cm) Langspielplatte für 33 1/3 U/min herauskam. Auf Grund eines neuen Schallplattenmaterials aus Vinylharz mit Gleitmitteln (etwa ähnlich Mipolam oder Igelit) konnten die Platten­geräusche (Nadelgeräusche) der „Vinylite-Platten" nach Messungen der Deutschen Grammophon-Gesellschaft um etwa 6db gegenüber dem bisher verwendeten Schellack­material gesenkt werden. Die Hersteller be­haupten nun, daß dieser Erfolg die Dynamik und auch den Frequenzumfang der neuen Platten trotz der engeren Rillenabstände und der hierdurch bedingten geringeren Rillenauslenkungen gegenüber den Standardplatten (78 Umdrehungen) verbessert.

ein monophones Pickup System
der neue Mikrorillen Saphir

"Maßgebende Fachleute" in Deutschland bestreiten dies - und es ist auf Grund einfacher technologi­scher Überlegungen auch nicht zu erwarten, daß die Qualität der neuen Langspielplatte besser als die der bisherigen Platten ist. Ihr Vorteil liegt in der Möglichkeit, 17 Minuten Musik auf einer Plattenseite unterzubringen, während als Nachteil die andere Umdrehungs­zahl anzusehen ist und der Zwang, besonders leichte Tonabnehmer mit Dauerspielnadeln (Saphire) zu verwenden, die speziell für die engen Rillen der Langspielplatte einge­schliffen sind.

„Microgroove" nennt sie Columbia, zu deutsch „Kleinstrillen"
, ihre Breite beträgt nur noch 0,07mm gegenüber 0,12mm bei der (78er) Standardplatte, während der Abrundungsradius des Rillengrundes von 0,05mm bei der Normalplatte auf 0,005mm bei der Columbia-Langspielplatte gesunken ist. Die Nadel muß also extrem dünn sein. Es ist aus naheliegenden Gründen unmöglich, die feine Spur mit der dicken, bisherigen Nadel „durchzupflügen", während anderer­seits die haarfeine, eingeschliffene Nadel des Columbia-Tonabnehmers den gröberen Rillen der Standardplatte nur höchst unvollkommen folgen würde.

Die 33er Langspielplatte - sie hatte übrigens vor Jahren ihre erfolglosen Vorgänger - war eine Frage an den ewig neuheitenhungrigen amerikanischen Markt. Die Antwort fiel überzeugend genug aus: in wenigen Monaten setzte Columbia mehr als drei Millionen der neuen Platten ab. Dieser Erfolg ist um so höher zu bewerten, als die Abspielvorrichtungen von den Plattenkäufern ebenfalls erst neu zu erwerben waren. Die Radioindustrie reagierte positiv, denn es machte keine Schwierigkeiten, einen umschaltbaren Motor (78 und 33 1/3 U/min) zu konstruieren und zwei Tonarme im Fonoteil des Radio-Grammofons vorzusehen. Soweit schien sich die An­gelegenheit zufriedenstellend zu entwickeln und der nach Geräuschkulisse hungrige Ame­rikaner kann nunmehr fünf Jazzstücke ohne Pause und ohne Plattenwechsel hinterein­ander hören.
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RCA-Victor wollte sich das nicht gefallen lassen.

Die Musik kommt jetzt mit 45er Platten

Nun erschien aber ein zweites, neues System auf dem Markt. Die RCA-Victor kündigte im April des Jahres (1949) in einer großzügigen Werbe­kampagne neue Schallplatten mit 45 U/min an.

  • Anmerkung : Das stimmt so auch nicht, die RCA PLatte mit 45 U/min wurde im Januar 1949 vorgestellt und zwar von den Herstellern der Roh-Platten, der Folien.


Auch bei ihnen bildet Vinylharz den Plattengrundstoff und der Vorzug der Geräuscharmut wird ausgenutzt, so daß man ebenfalls „Langspielplatten" herstellen kann. Jedoch - die RCA-Victor- Platten haben nur einen Durchmesser von 17,5 cm mit einem großen Mittelloch von 3,8 cm. Sie spielen ca. 5 Minuten, also ebenso lange wie eine 30cm (78er) Platte. Für ihre Wiedergabe ist ein besonders leicht und einfach aufgebauter und daher billiger (RCA-) Plattenwechsler mit sehr schneller Wechselzeit entwickelt worden.

Die RCA-Victor-Schallplatten werden aus farbigem und unzerbrechlichem Preßstoff auf Vinylite-Grundlage hergestellt, sie sind sehr leicht und dünn, so daß eine Bibliothek aus Plattenalben nur noch 20% des bisher auf­zuwendenden Raumes einnimmt.

Die Farben der Platten kennzeichnen zugleich den Cha­rakter der Musik:

  • rubinrot - klassische Musik
  • dunkelblau - seriöse Unterhaltungsmusik
  • tiefschwarz - populäre Musik (Tanzmusik)
  • zitronengelb - Kinderlieder und Märchen
  • grasgrün - Cowboy-Lieder (westernmusic)
  • himmelblau - internationale Aufnahmen
  • kirschrot - Blues und Spezial-Tänze.


RCA-Victor ist entschlossen, den Kampf mit Columbia aufzunehmen. Andererseits verteilt sie Bonbons an die erschrockenen, nach vielen Millionen zählenden Besitzer von Abspiel­geräten für Standardplatten, indem sie mit Nachdruck erklärt, alle Neuaufnahmen in Zu­kunft auf beiden Systemen - 45 und 78 U/min - herauszubringen. Die Fabrikanten von mit Plattenspielern kombinierten Radiogeräten stehen dagegen vor schwierigen Entscheidun­gen. Man kann wohl durch einen umschalt­baren Motor und mit Hilfe zweier Tonarme „Microgroove"- und Standardplatten auf dem gleichen Plattenspieler wiedergeben - für die neue RCA-Victor-Platte muß man aber den neuen Plattenwechsler verwenden und ihn daher zusätzlich einbauen *).

*) Erst in jüngster Vergangenheit gelang es einigen Firmen, darunter Admiral, einen Plattenwechsler für alle drei Systeme zu kon­struieren. Bei diesem Modell ist der Motor auf die drei Geschwindigkeiten (78, 45, 33 1/3) umschaltbar eingerichtet. Standardplatten werden mit einem Saphir in üblicher Aus­führung abgespielt, bei der Wiedergabe von RCA-Victor- und Columbia-Langspielplatten muß er gegen einen dünnen Saphir ausge­wechselt werden. Zusätzlich ist das Auf­setzen einer 3,8cm dicken Mittelspindel auf den Plattenteller erforderlich, wenn RCA-Victor-Platten gespielt werden sollen. Diese Spindel enthält in gleicher Weise wie beim Original-RCA-Plattenwechsler die technische Einrichtung für den Plattenwechsel. Diese Lösung ist brauchbar, aber doch noch recht kompliziert und daher unbefriedigend.

Langspielplatte und Programmgestaltung

Auch in Deutschland gab es dann 45er "Langspielplatten"

Das Spiel ist noch nicht zu Ende! Seit einiger Zeit bringt Columbia noch eine neue Lang­spielplatte für 33 1/3 U/min heraus. Ihr Durch­messer ist etwa 15cm und sie spielt ebenso­lange wie eine der 25cm (78er) Standardplatten, nämlich rd. 3 1/2 Minuten. Diese Neuschöpfung ist eine Kapitulation vor dem Käufer, ein Zugeständnis, das die RCA-Victor bereits von vornherein einkalkuliert hatte. Markt­untersuchungen in allen maßgebenden Län­dern der Erde hatten etwa das gleiche Er­gebnis: 75 ... 80% aller verkauften Schall­platten sind mit Tanz- und Unterhaltungs­musik der populären Sorte bespielt - und diese Art Musikstücke haben durchweg eine Spieldauer von 3 1/2 bis 5 1/2 Minuten = eine Seite einer 25cm oder 30cm Schallplatte üblicher Art.

Es bleibt dahingestellt, ob die Originalkompositionen schon immer so kurz waren; wenn nicht, so werden sie im Auf­trag der Schallplattenfirmen von geschickten Arrangeuren hingetrimmt. Jedenfalls haben sich die Freunde der leichten Schallplattenmusik an diese Spielzeit gewöhnt und sind durchaus nicht geneigt, davon abzugehen. Wer nach konservierter Musik tanzt ist ge­nau der gleichen Meinung, denn 3 ... 5 Mi­nuten je Tour reichen aus.

Was soll man also mit jenen 17 Minuten Spielzeit der Original-Microgroove-Schallplatte beginnen? Für klassische Musik, Opern- und Operettenszenen ist die Sache recht brauchbar - aber hier stehen die fatalen 20 ... 25% Anteil im Wege, die die genannte Musik am Gesamtumsatz hat. Man versuchte daher in den USA, vier oder fünf Schlager auf eine Seite zu bringen und erreichte an­fangs manchen Erfolg damit (siehe oben), denn der Käufer freut sich selbstverständlich, wenn er an Stelle von nur zwei Tanzstücken einer Standardplatte deren acht oder zehn einkaufen kann. Die Verantwortlichen in der Schallplattenfabrik jedoch, jene Leute also, die die Kombinationen auszudenken haben, sind weniger entzückt, und so ist es nicht selten, daß Mißgriffe passieren und eine mühsam zusammengestellte Platte wegen eines oder zweier Schlager nicht „geht". Erfahrungen dieser Art haben schließlich Co­lumbia gelehrt, daß die Langspielplatte ihre eigenen Gesetze hat, die es herauszufinden gilt.

Es ist übrigens das gleiche Problem
, wie es bei der Zusammenstellung von Musikstücken usw. auftreten wird, wenn das Heim- Magnetofon etwa in der kürzlich in Hanno­ver von der AEG gezeigten Form einmal Ein­gang in die Wohnungen der Musikliebhaber findet und man Bänder kaufen kann, die eine volle Stunde hindurch pausenlos Musik wiedergeben.

Die verhältnismäßig wenigen Kunstfreunde, die sich Symphonien, Opern und Oratorien ohne störende Pausen anhören wollen, werden begeistert sein - die vielen anderen, die nun einmal die Mehrheit bilden und das wichtigste Käuferpublikum dar­stellen, dürften oftmals Grund zur Klage haben. Vielleicht wollen sie eben unter keinen Umständen den „Theodor im Fußballtor" oder die „Bauern-Rumba" auf ihrem Band hören . . .

Langspielplatten in Deutschland ? (Anmerkung 1949 !!)

Unser Lebensstandard ist weder jetzt noch in Zukunft hoch genug, daß wir uns erlauben könnten, die vielen hunderttausenden Platten­spieler kurzerhand zum alten Eisen zu werfen und uns begierig auf die Langspiel­platten dieser oder jener Ausführung zu stürzen. Auch in Deutschland steht die Ent­wicklung nicht still, aber sie muß sich nach den Möglichkeiten richten, die nun einmal gegeben sind. - Bereits vor dem Krieg entwickelte die Deutsche Grammophon eine Langspielplatte von 30 cm Durch­messer. Man nahm etwa 100 klassische Musikstücke auf - und brachte schließlich diese neue Plattensorte nicht in den Han­del! Man hatte inzwischen herausgefunden, daß auf Grund des noch nicht vorhandenen geräuscharmen Plattenmaterials eine Ver­schlechterung der Wiedergabe gegenüber der Standardplatte eingetreten war.

Während des Krieges gelang es schließlich, das dem „Vinylite" entsprechende, sehr geräuscharme Plattenmaterial zu finden. Bisher gestattete allerdings die Rohstofflage nicht, die Pläne einer neuen Langspielplatte zu verwirklichen. Erst in der allerletzten Zeit ist es soweit. Die Rohstoff-Frage hat sich positiv beant­worten lassen, und die deutsche Schallplatten­industrie plant nunmehr die serienmäßige Herstellung einer Langspielplatte mit weiter­hin 78 U/min und 30cm Durchmesser, deren Abspieldauer etwa 10 Minuten betragen soll. Es können in diesem Zeitraum fast alle Ouvertüren und Opernszenen wiedergegeben werden - und im übrigen wird mit Hilfe des modernen Plattenwechslers jeder An­spruch erfüllt.

Zehn Plattenseiten zu je 10 Minuten . . ., das bedeutet mit einer ange­messenen Wechselzeit fast 1 Stunde 45 Mi­nuten Musik ohne große Unterbrechungen! Das Wichtigste aber sei zum Schluß genannt: dieser neue Plattentyp kann auf jeder bisher gebauten und verkauften Übertragungsanlage mit jedem bisher benutzten Tonarm abge­spielt werden.
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Karl Tetzner - im Aug 1949

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10-Plattenspieler „ROBOPHON"

Bei der Konstruktion dieses 10-Plattenspielers wurde besonderer Wert auf absolut einwandfreie Funktion gelegt und ein Prinzip gewählt, das bei geringstem technischen Auf­wand ein Maximum an Betriebssicherheit gewährleistet. Das Gerät ist gediegendste Präzisionsarbeit und die üblichen Toleranzen der Schallplatten in Stärke und Durchmesser beeinträchtigen seine Funktion nicht.

Der Wechselmechanismus befindet sich während des Spieles stets in Ruhe, so daß eine Ton­verzerrung durch Drehzahlabfall ausge­schlossen ist. Die Dauer des Wechselvor­ganges ist mit 8 Sekunden sehr kurz bemessen. Das Gerät wird nur als Einbau­chassis geliefert und serienmäßig mit einem Kristalltonabnehmer für Nadelbetrieb oder mit Saphirspitze ausgeführt. Auf Wunsch kann gegen Mehrpreis der bekannte TO 1002 eingebaut werden.
Hersteller: O. H. Nagel, Göttingen

Mehrfachplattenspieler kommen

Nach längerem Zögern beginnt die deutsche Industrie endlich im verstärkten Umfang mit der Auslieferung von Mehrfachplattenspielern. Nachdem 1947 das erste Modell der SANAR-Werke Polte, VEB Magdeburg auf dem Markt erschienen war, wird sich die Anzahl der Geräte in Kürze vermehren. Das lange Zögern der deutschen Fabriken hat es mit sich gebracht, daß ausländische Fa­brikate die Lücke ausgefüllt haben. Fast alle Plattenwechsler in den vielen Musiktruhen, die gegenwärtig in kleinen Serien oder in Einzelstücken von einer großen Anzahl von Firmen hergestellt werden, sind schweize­risches Fabrikat. In erster Linie wird das Modell „Multidose" von Paillard (St. Croix) benutzt, das im Bild zu sehen ist. Dieser sehr stabile und sauber aufgebaute Plattenwechsler besitzt u. a. einen Wiederholer­schalter und eine Regulierung der Wechsel­zeit, so daß zwischen die einzelnen Platten eine Pause eingeschaltet werden kann.

Der „Multidisc" ist in Süddeutschland auch im freien Handel für 275,- DM zu haben. Zur Frühjahrsmesse 1949 kam die genannte Magdeburger Firma mit einem verbesserten Zehnplattenspieler heraus, der nunmehr auch die Rückseiten der Platten abspielt, sobald die 10 Vorderseiten durchgespielt sind.

DUAL, Gebr. Steidinger in St. Georgen, wer­den ihren neuen 10-Plattenspieler im Herbst herausbringen, ein Muster sahen wir anläß­lich der Frankfurter Frühjahrsmesse im April des Jahres. Neu ist auch das Modell „PW 10" von Perpetuum-Ebner, das mit einer ähnlichen Automatik wie die Ausführung von Polte ausgerüstet ist (schraubenförmige Plattenträger, jedoch ohne Vorrichtung zur Abspielung der Rückseiten). Für 395,- DM wird es in Kürze im Handel sein.

Ein Spezialbericht: Telefunken Tontaster CS1

Telefunken Tontaster CS1
Telefunken Tontaster Abbildung 1

Um einen kleinen Rillenabstand und hier­durch eine lange Spieldauer der Schall­platten zu erreichen, werden die Wachs­platten unterhalb 250 Hz mit linear ab­nehmender Geschwindigkeitsamplitude ge­schnitten. Hierdurch wird jedoch das Fre­quenzgebiet unterhalb 250Hz in übertrieben starkem Maße beim Abspielen mit normalen Tonabnehmern vernachlässigt. Man verlangt nun mit Recht von einem guten Tonabnehmer, daß er diese Frequenzen um ebensoviel anhebt, als sie der Plattenschnei­der unterdrückt.

Einen solchen Tonabnehmer hat jetzt die Telefunken GmbH in Form eines sogenannten Kristall-Tontasters ent­wickelt. Seine Bauart garantiert aber auch eine angenähert gleichmäßige Übertragung bis zu den höchsten Frequenzen. Bei der heutigen Körnigkeit der marktgängigen schwarzen und braunen Schellackmasseplat­ten ist aber die Übertragung der Frequen­zen über 7.000 Hz noch unzweckmäßig, da sich das Nadelgeräusch sonst zu stark hervorheben würde.

Den Aufbau des Telefunken-Tontasters und seines Kristallsystems
zeigt Abb. 1. Sein Auflagegewicht, ohne eine Entlastungsfeder nötig zu haben, beträgt rd. 30 Gramm. Er hat eine gegen Stoß gesicherte Saphir- Dauerspielnadel mit einem polierten Kegel von 60° und 50fx Krümmungsradius.

Seine Empfindlich­keit ist 100mV/mm Lichtbandbreite bei 1.000 Hz und 2 MOhm Parallelwiderstand, bei 78 Um­drehungen je Minute und 20 ... 24° Celsius. Die Schüttelresonanz liegt unterhalb 45Hz. Sein Scheinwiderstand entspricht einer Kapazität von ca. 4.000 pF. Seine maximale Kipp­barkeit ist ± 12°, also gut geeignet sogar für Mehrfach-Plattenspieler.

Telefunken-Tontaster-CS1-Abb2
Telefunken-Tontaster-CS1-Abb3

Man hat deshalb den jetzt auf den Markt kommenden Tontaster bewußt auf 7.000Hz Grenzfrequenz beschränkt, hat aber auch Kristallsysteme, die bis zu 12.O00Hz heraufreichen. Sollten in absehbarer Zeit Schallplatten auf den Markt kommen, die neues Plattenmaterial und somit unterdrück­tes Nadelgeräusch haben, so ist durch Lösen einer einfachen Schraube am Tontaster das 7.000Hz Kristallsystem herauszunehmen und durch ein preiswertes Breitband-Kristall­system zu ersetzen. Aber allein der Fortschritt mit dem 7.000Hz System ist wegen der Anhebung der Tiefen um ca. 20 Dezibel so groß, daß die Fachwelt sich sehr mit ihm beschäftigen wird.

Abb. 2 zeigt den Frequenzgang der Spannung des Tonabnehmers bei verschiedenen Parallelwiderständen R ; ausgezogene Kurve für Breit­bandsystem, gestrichelte Kurve für Normalsystem

Abb. 3 gibt die Frequenzgänge des Telefunken-Tontasters und eines idealen magnetischen Ton­abnehmers beim Abspielen mit Normalplatte wieder, also mit unterdrückten Frequenzen unter­halb 250 Hz

Wegen des hochinteressanten technischen Aufbaues kommen wir in einem der nächsten Hefte noch ausführlich darauf zurück.

Das war ein Einblick in die FUNK-TECHNIK Nr. 18/1949 (2. Sept. Heft)

Die Funkschau-Hefte und die Funktechnik Hefte finden Sie nicht im Hifi-Museum, die stehen hier im Fernsehmuseum.
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