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Soll man Vinyl-Platten "trocken" oder "naß" abspielen ?

März 2011 - von Gert Redlich - Diese Frage beschäftigte die Hifi-Gurus seit Anbeginn der ersten richtig guten Hifi- Stereo Schallplatten, seitdem die Schweizer Lenco Leute ein billiges Wasser- Alkoholgemisch für teures Geld verkaufen wollten. Wie macht man es richtig ?

Das Material Vinylit und die Physik

Die "modernen" 33er Langspielplatten mit den "Mikrorillen" wurden und werden aus Vinylit gepresst. Dieser Kunststoff hat die (physikalische) Eigenschaft, sich statisch aufladen zu können und dann Staubpartikel aus der Luft oder von der durchsichtigen PVC-Plastikhülle im Platten-Umschlag "magisch" anzusaugen. Auch Fettfinger tragen dazu bei, daß sich Staub in nicht mehr zu vernachlässigenden Mengen ansammelt und so in die Rille gelangt.

Und nichts ist für den Hifi-Freund lästiger oder regelrecht genussfeindlich, als wenn die Musik von fortlaufendem Knacken und Kratzen mehr oder weniger überlagert wird.

Jetzt gibt es, wie immer, zwei Möglichkeiten:
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  1. man akzeptiert das Knacken und blendet es mit dem Gehirn aus
  2. oder man tut etwas dagegen . . . .

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Es war und ist eine Glaubensfrage . . .

Telefunken M10 16-Spurgerät

In der schrumpfenden Gemeinschaft der Vinyl-Anhänger kämpfen Religionen oder Gläubige gegen die Physik. Die erste absolute (weltanschaulich neutrale) Tatsache ist doch, daß eine Platte (oder besser gesagt "Die Aufnahme") nie besser wiedergegeben werden kann als direkt vom originalen Mutterband, auf welches sie jemals auf- oder überspielt wurde. Und das, völlig egal, wie jung (oder alt) die Platte und wie teuer der Plattenspieler ist.

Mehr über diese Grundlagen steht auf diesen beiden Seiten:
Die Audio-Qualität und über die Schallplatten-Schneidtechnik.

Weiterhin: Die Gläubigen werden nie nass spielen, es muss ja schließlich knistern.

Der technisch versierte Musikliebhaber trifft eine andere Entscheidung:

Er spielt seine 33er Platten nass ab - bzw. er "fährt" nass. Auch hierbei muß er einige Grundregeln beachten. Sein Abtastdiamant muß alkoholfest sein. Der Kleber, mit dem der Diamant in den Nadelträger geklebt ist, darf sich nicht auflösen. Das muß !! der Bediener vorher evaluieren, erst mal egal, wie und egal, wo.

Das erste mir bekannte Produkt etwa um 1972, das es damals zu kaufen gab und das diesen Glaubenskrieg ausgelöst hatte, war die Flüssigkeit "Lenco-Clean".

Die Chemie ist einfach: "Lenco Clean" ist eine ganz simple Mischung aus destilliertem (bzw. entmineralisiertem) Wasser (Regenwasser) und reinem Alkohol (genannt Isopropanol) etwa halb und halb.

Wie geht das ?

Der Alkohol macht das Wasser etwas "flüssiger", ähnlich wie beim Zeitungsdruck und hilft dazu, vor und bei dem Abspielen harte Staubpartikel aufzuweichen und später das jetzt nicht mehr benutze Wasser schneller zu verdunsten.

Das Wasser hingegen ist so schwer
, daß es in die Rille bis unten hin auf den Rillenboden einschwemmt. Die aufgeweichten Staubpartikel sowie der eventuelle Abrieb des Vinyls schwimmen oben auf der Oberfläche des Wasserspiegels, jedenfalls für die kurze Zeit, bis es fast völlig verdunstet ist.

Darum darf da auch kein Spülmittel rein !! wegen der Oberflächenspannung, die offensichtlich durch den Alkohol meines Wissens nach nicht allzusehr beeinflußt wird.

Weiterhin wirkt das Wasser auch als Schmiermittel und reduziert die Reibung des Diamanten an der Rillenflanke. Jede noch so geringe Reduktion der ganz erheblichen Reibung ist von Vorteil für die Lebensdauer der Platte an sich.

Lesen Sie etwas darüber hier : Die Auflagekraft.

Die Werbung macht aus "xxx Super Fluid" die Version MKII

Da steht dann etwas wie: "Von jetzt an 3 Zusatzstoffe enthalten". - Was das genau hätte sein sollen, darüber schwieg sich Lenco immer aus. Mindestens ein Parfumierungszusatz war dabei, vielleicht noch ein Farbstoff und letzten Endes noch ein Schmiermittel.

Experten fanden heraus, daß diese Voodoo Mittelchen dann nicht mehr rücksstandslos verdunstet waren. Alleine das Geld des Käufers verdunstete mit jeder weiteren abgespielten Platte. Die chemische Analyse bestätigte die 99,9% Wasser mit Alkohol (etwa 50% zu 50%) zuzüglich der 0,1% Verunreinigung.

Und darum, preiswerter Isopropylalkohol (5 Liter in 1L Flaschen für etwa 18.- Euro) mit destilliertem Wasser aus dem Baumarkt oder aus dem Kondens-Trockner oder auch ganz normales Regenwasser, das aber (wie auch das Wasser aus dem Trockner wegen der Flusen) zusätzlich durch ein Kaffefilter getropft ist, das reicht völlig aus. Und es ist sehr preiswert. Allein bei dem Behältnis, in das Sie die 50/50 Mischung einfüllen bzw. zusammenstellen, sollten Sie auf einen säurefesten Kunststoff achten, damit der Alkohol nicht innerhalb weniger Wochen verdunstet ist.

Und ist die Platte noch so grausam, Sie sollten das Gemisch nicht trinken.

Meine Entscheidung ist folgende:

Ich spiele alle mir wichtigen Platten nass, immer - muß man auch, weil nach dem erstmaligen Naßspielen der gesammte "Schmodder" beim Trocknen nach unten auf den Grund der Rille absinkt und austrocknet, also in den Teil der Rille, in dem der Diamant beim nächsten Trockenfahren später "rumkratzt".

Auch wird der Diamant nicht so schnell abgeschliffen, es geht durch die Schmierung mit dem ganz normalen Verschleiß etwas langsamer.
.

Der Nachteil - wenn Sie wieder trocken spielen wollen . . .

Der große Nachteil für die Gläubigen, man muß von nun an immer naß spielen oder sich solch eine Plattenwaschmaschine zulegen.

Über die Plattenwaschmaschine

Diese Methode ist überhaupt nicht glücklich, die Platten leiden irreparabel.

Es gibt verschiedene wirklich gute (und damit nicht billige) Plattenwaschmaschinen, die die Platten sorgfältig grundreinigen.

Dort werden die Platten (jetzt aber mit ! Spülmittel) eine lange Minute (oder länger) eingeweicht und dann ein paar Minuten maschinell ausgebürstet - mit einer Spezialbürste mit den ganz feinen aber harten Borsten und dann komplett aus- oder abgesaugt, akribisch. Dann wäre "die Rille" wieder "clean" fürs (nächste) Trockenspielen.

Es dauert zwar mehrere Minuten pro Platte, aber die Platte ist dann wirklich wieder sauber. Ob sie danach auch knackfrei ist, ist aber nicht garantiert, weil sich etwas größere härtere Staubpartikel auch in die Rillenflanken eindrücken können und dort nicht mit (Spül-) Wasser zu lösen sind. Zumindest alles Lösliche ist dann aufgeweicht, gelöst, ausgewaschen und weggespült.

Darüber gab es früher massenweise Artikel und Tests und Vorschläge und Strichlisten für die Glaubenskrieger, wer dafür sei oder dagegen. Die Physik oder die Chemie spielten da selten eine Rolle.

Übrigens: alle "anderen" idealen Reinigungs- oder Entknack-Versuche hatten nie funktioniert.

Da gab es antistatische Besen, die mit einem Draht am Gehäuse (der Masseverbindung) des Verstärkers und / oder des Plattenspielerchassis befestigt werden mussten, da gab es antistaische Tücher und Schwämme und Mechaniken mit und ohne Flüssigkeit und jede noch so exotische Variante, damit Geld zu verdienen.

Es wurden manche dieser Wunder sogar in diversen Hifi-Magazinen hochgelobt und bis heute weis man nicht, wie der Tester oder Rezensent zu dieser Erleuchtung kam. (Der bayerische Engel Aloisius, der der bayerischen Staatsregierung die himmlische Weisheit mit herunter bringen sollte, läßt grüßen.)

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