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Auch in KlangBild wird nachgedacht und recherchiert

Ein Artikel in Klangbild 1976 Heft 10 - über den aktuellen Stand der analogen Schallplatte. An die spätere digitale Platte - unsere CD - hatte man noch keine ernsthaften Gedanken verwandt.

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Die Schallplattentechnik macht Fortschritte

Die Schallplatte hat eine mächtige Konkurrentin: die MusiCassette. Der qualitative Vorsprung, den die Platte in den Kindertagen der Cassette, die ja nur für Diktatzwecke gedacht war, unbestreitbar hatte, wird immer wieder angeknabbert. Die Platte muß sich also besinnen, wie sie ihre Qualität weiter steigern kann, wenn sie sich auf Dauer gegen die bespielte Cassette behaupten will.

Dabei reichen ausgefuchste Technologie und allergrößte Sorgfalt beim Prozeß des Schneidens, Galvanisierens und Pressens allein nicht mehr aus. So erfreulich auch die Fortschritte sind, die durch das Dolby-Verfahren erzielt worden sind: der Apparat vor der Schneidemaschine, die Magnetbandaufzeichnung, mußte neu überdacht werden. Sie stellt eine Schranke dar zwischen dem Musiker und dem Hörer.

Über das Rohmaterial

Das, das die Musiker und Sänger in das Mikrofon „liefern", gilt bei Produzenten und Technikern vielfach nur als Rohmaterial. Erst das Schneiden und dann noch viel mehr das Abmischen der 24 oder noch mehr Tonspuren machen den Sound.

Dabei wird das ursprüngliche Signal mehrfach hin und her überspielt, und dabei lassen sich Verluste bzw. unerwünschte „Zutaten" nicht vermeiden. Bei der herkömmlichen Bandaufnahme wird der Ton magnetisch in Wellenform gespeichert, wobei die Informationen in den Eigenheiten der Wellenform, wie Amplitude, Frequenz und Phase, enthalten sind.

Gerät und Bandmaterial aber sind nur in gewissen Grenzen in der Lage, solche komplexen Informationen aufzunehmen. Das Bandmaterial bringt unvermeidlich ein Eigenrauschen in das Programm.

Die Schwächen des Magnetbandes

Die Aufnahmebereitschaft des Bandes entspricht (Anmerkung : bislang ohne Dolby) einer Dynamik von etwa 60 dB, darüber klippt das Band - klassische Musik, vom Orchester dargebracht, umfaßt aber 100 dB oder mehr. Bei gewissen steilflankigen Impulsen kommt es zwischen Magnetkopf und Band zu Zeitverzögerungen und damit zu Phasenverschiebungen.
Mehr über diese Probleme beschreiben die Polygram Ingenieure in diesem Artikel.

Alle diese „Sünden" addierten in Los Angeles Techniker, Produzenten und Musiker und beschlossen daraufhin, die ganze Bandaufzeichnung aus dem Studio hinauszuschmeißen.

Die "neuen" Direkt-Schnitt Platten von Sheffield

So entstanden die berühmten Platten der Fa. Sheffield Records, Santa Barbara, Calif. 93 108 (Vertrieb in Deutschland: Audio INT'L, Hermann Hofmann, Postfach 560229, 6 Frankfurt 56).

Die Produktionsweise des direkten Schnitts bedingt, daß alle beteiligten Künstler zusammen ins Studio kommen und ihre Nummer komplett und fehlerfrei spielen, denn das Programm geht nach dem Mischpult direkt in die Schneidemaschine. Ein Nachbessern ist nicht möglich.

Das Füllschriftverfahren funktioniert dann aber nicht

Besonders heikel dabei ist folgendes: Beim konventionellen Schneiden der Folie vom Magnetband kann ein spezieller vorgesetzter Tonkopf den Pegel abtasten und so dafür sorgen, daß bei lauten Stellen die nötigen Rillenabstände gewahrt bleiben. Das geht natürlich beim Direktschnitt nicht, denn es existiert ja kein Band. Also muß der Techniker - hier muß man besser sagen: der Künstler - den Vortrieb des Schneidstichels beim Schneiden von Hand regeln.

Eine Füllschrift ist nicht möglich, zumal die Sheffield-Leute bewußt auf die Hilfe von Filtern, Begrenzern und Pegelkompensationen verzichtet haben.

Es gehen daher weniger Minuten auf die Seite

Verständlich, daß so „weniger Musik" auf eine Plattenseite aufgezeichnet wird. (Auf der Sheffield-Platte Nr. 3, „Lincoln Mayorga & Distinguished Colleagues", sind auf jeder Seite 4 Nummern.)

Kommt noch hinzu, daß die Zahl der Platten, die gepreßt werden können, begrenzt ist. Die Lackfolie hat, bis die Preßform entstehen kann, einige galvanische Prozesse zu überstehen, und darunter leidet sie. Die eine oder die zwei Folien, die bei einer Einspielung entstehen, verlieren irgendwann an Qualität; so mußte man zum Beispiel die Pressung der Platte Nr. 1 („S9") im Februar 1973 einstellen.

Die Qualität ist im Vergleich überragend

Dafür aber ist eine direktgeschnittene Platte ein wunderbares Erlebnis: Brillanz, Dynamik, Rausch- und Verzerrungsfreiheit sind unübertrefflich - die Sheffield-Platten sind ein Wunder an High Fidelity.

Ein Triangel, eine Klavier- oder Gitarrensaite, eine Pauke werden angeschlagen - und stehen im Zimmer-so unmittelbar, so rein, so klangvoll und natürlich, als säße man in einem guten Konzertsaal. Das Zusammenspiel der Instrumente offenbart eine Differenziertheit, die mit Mischungstricks nicht zu erreichen ist.

Es leuchtet ein, daß das Verfahren des direkten Schnitts niemals eine allgemein angewandte Form der Schallplattenproduktion sein kann - rein aus wirtschaftlichen, künstlerischen und organisatorischen Gründen. (Stellen Sie sich nur einmal vor, man wollte auf diese Art eine Verdi-Oper auf Platten aufnehmen - das ist gar nicht vorstellbar.)

Über Jahre wurde intensiv nach Alternativen gesucht

Wenn man nun schon nicht um die Bandaufnahme bei der Plattenproduktion herumkommt, so haben die Techniker der Firma Denon gedacht, dann müssen wir hier etwas verbessern.

Und sie haben sich die PCM-Technik zunutze gemacht, die seit einigen Jahren zur Nachrichten- und Datenübertragung verwendet wird. PCM ist die Abkürzung für „Pulse Code Modulation".

Das bedeutet: Der bisher in Wellenform auf dem Band gespeicherte Ton wird beim PCM-Verfahren in ein digitales Kurzsignal verschlüsselt und als reine Rechteckimpulse auf ein Videoband aufgezeichnet.

Eine sehr vielversprechende neue Technik

Gerät und Bandmaterial brauchen nunmehr nur noch auf die An- oder Abwesenheit des Impulses anzusprechen. Dadurch werden Band und Gerät nicht mehr mit einer komplexen analogen Information, sondern nur noch mit „Ja" oder „Nein" konfrontiert.

Die Nachteile der konventionellen (analogen) Tonbandaufnahme - wie zum Beispiel Modulationsverzerrung, Gleichlaufschwankungen, Kopierverluste und Geistersignale (Vor- und Nachecho) - werden stark vermindert bzw. völlig ausgeschaltet.

PCM-Aufnahmen - Wie es funktioniert

Das Signal durchläuft beim PCM-Verfahren folgende Stufen:

Mikrofon- Mischpult- PCM-Aufnahmegerät (hier werden die Töne in Impulse umgesetzt, die auf Videoband aufgezeichnet werden)- PCM-Wiedergabegerät (das die Impulse wieder in analoge Informationen umwandelt und wiedergibt - mit halber Geschwindigkeit übrigens!)-und dann die Schneidemaschine.

Die Nachteile des Direktschneidens gibt es hier also nicht. Die verschiedenen Kopiervorgänge beim Abmischen werden verlustlos mit dem „digitalen" Programm durchgeführt, und Cutten, Abmischen, Vorabtastung des Pegels und das nachträgliche Schneiden beliebig vieler Folien sind ohne weiteres möglich.

Ein Dynamikumfang von mehr als 75 dB

Aber auch die Nachteile der konventionellen Tonbandaufnahme sind überwunden. Der Dynamikumfang ist auf mehr als 75dB erweitert, die Übersprechdämpfung beträgt mehr als 80dB, am Ausgang zur Schneidemaschine ist der Klirrfaktor geringer als 0,1%, und der Frequenzgang ist geradlinig über einen Bereich von 0 bis 20.000 Hz. (Um möglichst viel von diesen hervorragenden Werten in die Lackfolie einzubringen, erfolgt der Schneidvorgang mit halber Geschwindigkeit.)

Eine deutlich verbesserte Plattenqualität

Eine längere Hörprobe beweist, daß die PCM-Platten qualitativ den konventionellen Platten weit überlegen sind. Zum Beispiel Klaviersonaten: kein Vorecho, kein Rauschen, enorme Dynamik, kein Jaulen, kaum Verzerrungen - das ist rundum das Beste, was man technisch auf einer Platte hören kann.

Anmerkung : Das stimmt leider nur teilweise, wie die Polygram Ingenieure 1979 in ihrem Labor nachgewiesen hatten.

Der Vergleich mit der direktgeschnittenen Platte wurde natürlich gemacht. Nun ist das eigentlich nicht statthaft, denn die vorliegende 3. Platte („LAB 1") aus den Sheffield-Labs ist Pop-Musik, die vorliegenden PCM-Platten kommen aus dem Bereich der Klassik, und das sind eben zwei ganz verschiedene Musizierweisen.

Doch der Vergleich hinkt (Anmerkung : in 1976 hinkt er noch)

Interessant ist der Vergleich aber doch. Es stellt sich heraus, daß die Sheffield-Platte nicht zu übertreffen ist. In Anbetracht der enormen Schwierigkeiten aber, die bei der Produktion einer direktgeschnittenen Platte auftreten und die so gravierend sind, daß sie die künstlerische Konzeption der Platte festlegen, scheint uns das PCM-Verfahren eine richtungsweisende Methode für die Produktion von Schallplatten derSpitzenqualität zu sein.

(Vertrieb dieser über PCM Maschinen aufgenmmenen Platten in der Bundesrepublik: Fa. Bolex GmbH, Oskar-Messter-Str. 15, 8045 Ismaning bei München, bisher 14 Titel.)

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