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Es ist ein Artikel aus stereoplay 8/1980

von Gert Redlich im April 2017 - Das war die Zeit vor Karl Breh, der ja erst zum Beginn 1984 von der (in 1983 eingestellten) Hifi-Stereophonie zu stereoplay wechselte.

Bezüglich dieses Artikels hier : Damals wagte sich kaum jemand von den Ingenieuren aus den Labors der Hersteller oder der Hifi-Maganzine, an solchen "hochwissenschaftlichen" Betrachtungen auch nur zu deuteln oder gar etwas zu kritisieren. Denn da war ja auch noch ein Professor mit im Spiel. Und ein Professor der machts schon richtig. - Die verblüffenden Ähnlichkeiten mit unserem Fernseh- Mr. PAL von Telefunken, er war nämlich Professor h.c - Dr. h.c. mit Namen Walter Bruch winken geradezu herüber.

Inzwischen (wir schreiben 2017) sind aber so viele fundierte Schwachstellen- Analysen der analogen Schallplatte (sogar erstaunlich alte Artikel) veröffentlicht worden, vor allem, von ausgewiesenen Fachleuten mit langen Jahren Vinyl-Kompetenz, daß man das alles etwas anders beurteilt. Auch sind die eigenen Erfahrungen mit der ehrlichen optischen Beurteilung der Nadelspitze des Diamanten (im Jan. 2017) immer noch nicht abgeschlossen. Ein Doppel-Artikel beginnt hier.

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"Auf die Spitze getrieben" (aus stereoplay 8/1980)

Den idealen Nadelschliff für Tonabnehmer gibt es nicht. Aber der neueste Abtastdiamant, die "van den Hul"-Nadel, kommt dem Ideal schon recht nahe.
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Der Professor aus Holland - 1975

Als 1975 der holländische Physiker van den Hul eine Nadel- schleiferei in Idar Oberstein besuchte, war er fasziniert von der Welt, die sich ihm offenbarte. Unscheinbare Diamantsplitter mauserten sich in diffizilen Schleifprozessen zu präzisen Abtastnadeln, deren Spitze in Tausendstel eines Millimeters gemessen wird.

Mit der Faszination kam das Interesse für die verschiedenen Schliffarten, von denen die Hersteller mit schöner Regelmäßigkeit vorgeben, nun endlich die ideale Form gefunden zu haben.
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Die Werbe-Sprüche der Hersteller

Fast jede neue Nadel präsentieren die Tonabnehmer-Firmen mit der Behauptung, nun endlich dem dreieckigen Schneidstichel in idealer Weise nahezukommen. Das allein soll eine unverzerrte Wiedergabe ermöglichen.

Doch beim Blick durch das Mikroskop mußte van den Hul erkennen, daß die meisten Versprechungen leeres Gerede waren. Viele als bahnbrechend gepriesene Nadeln erwiesen sich als konische Exemplare mit zusätzlich angeschliffenen Flächen (siehe Bilder Seite .. - hier sind sie weiter unten).

Da die sorgfältige Verrundung der so entstandenen zusätzlichen Kanten oft fehlte, fungierten manche dieser Super-Nadeln in praxi als simpler konischer Abtaststift, denn die "Nadelzonen" !!!, die mit der Rille in Berührung kamen, waren tatsächlich konisch geschliffen.

  • Anmerkung : Das sehen Sie aber auch in den Fotos hier im Artikel. Die klitze kleine Spitze am Ende des Diamantsplitters ist der Knackpunkt bei der Abtatstung und die ist so klein bzw. so unscharf, daß man die eigentliche Verundung nur erahnen kann. In 2015 und 2016 habe ich umfangreiche Versuche gemacht, mit heutiger (erschwinglicher) optischer Technik die Nadelspitzen (fundiert gerichtsfest) zu fotografieren. Im April 2017 dauern diese Laborversuche immer noch an (weil es nicht zufriedenstellend funktioniert).

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Eine eigene (bessere) Nadel (-Spitze) muß her

Ein elyptisch geschliffener Diamant
Ein pseudo-elyptischer Diamant
viel zu viel Klebstoff
Eine Shibata nadel
Ein "van-den-hul" Schliff

So beschloß der Holländer, seine eigenen Vorstellungen von einer perfekten Nadel zu verwirklichen. Dabei ging er von der Form des Schneidstichels für die Plattenherstellung aus, einer V-förmigen Stahlspitze, deren Kanten einen Winkel von 90 Grad bilden. Die Frontfläche des Stichels war flach und die Kanten ziemlich scharf, der Ver-rundungsradius betrug je nach Hersteller zwei bis vier tausendstel Millimeter (my).

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Der Schneidstichel ist scharfkantig, also so nicht . . .

Natürlich durfte die Abtastnadel nicht genau dieselbe Form wie der Schneidstichel haben - sie würde sonst selber wie ein Schneidstichel wirken und folgerichtig beim Abspielen einer Platte regelrecht die Musik aus der Rille fräsen. Die ideale Nadel müßte also einen Kompromiß zwischen der präzisen Abtastung und einer langen Lebensdauer von Platte und Nadel sein.

Eine Anmerkung bzw. mein Kommentar zu den 5 Artikel-Bildern rechts :


Die Gretchenfrage :
Was erkennen Sie als Laie aus diesen Bildern ??


  • Wenn Sie ehrlich sind, Sie erkennen gar nichts. Selbst wenn Sie die Bilder auf die Originalgröße im Artikel vergößern (einfach auf ein Bild drauf klicken), dann sehen Sie nichts fundiert Wichtiges - es ist viel zu klein.

  • Der klitze kleine Teil, der wirklich interessiert, ist bei allen 5 Bildern von mir mit einem roten Pfeil markitert worden, abweichend von den Bildern im Artikel.

  • Dort an der kleinen vorderen Spitze des roten Pfeiles ist diese kleine jeweils unterschiedliche Verrundung, die wirklich mit den Rillenflanken der Platte in Berührung kommt. Alles andere auf den Bildern ist nur noch unwichtige Makulatur. Die Vergrößerung reicht bei weitem nicht aus. Das bedeutet, diese ganzen Fotos sind populistischer Unsinn.

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Ein Pflichtenkatalog mit 60 Punkten ???

Um dieses schwierige Problem in den Griff zu bekommen, stellte van den Hul eine Art Pflichtenkatalog zusammen, der 60 Punkte enthielt. Damit begab er sich zur Delfter Technischen Universität, (wo ?) an der er sich mit einem sehr leistungsfähigen IBM-Rechner an die Lösung seines Problems machte.

  • Anmerkung : Um 1980 war der Motorola 6809 Prozessor mit seinen 8 Bit das Maß der "bezahlbaren" Dinge im Hobby- und Home- Bereich. Die richtig großen Rechnerungetüme hatten nur Firmen und UNIs. Ein normaler Mensch (ein Student zum Beispiel) kam an diese Großrechenr nur seltenst ran.


Einige der rund 100 vom Computer als brauchbar erachteten Formen erwiesen sich als praktisch nicht realisierbar, da der Schleifprozeß zu schwierig war oder die Gefahr bestand, daß die korrekte Form bei der abschließenden Politur des Diamanten wieder verloren ging.

(Professor) Van den Hul trieb die Sache auf die Spitze und bemühte wieder den Rechner, um die Nadelform herauszufinden, die sich möglichst einfach fertigen ließ.
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Es blieben zwei Formen übrig

Schließlich blieben zwei mögliche Formen übrig. Die eine - der Querschnitt war dreieckig - verwarf van den Hul; der Schliff erschien ihm immer noch zu schwierig, und die Nadel geriet vor allem zu dick und damit zu schwer. Und das paßte nicht zu seinem Grundsatz, den er gerne mit dem Wörtchen „wenig" umschreibt, und dem er immer treu bleibt, wenn es um die Größe des Diamanten oder die richtige Klebermenge geht, mit der die Nadel am Nadelträger befestigt ist. Oft ist der halbe Nadelträger mit Klebstoff gefüllt - weniger wäre mehr gewesen.

Die zweite Version mit rautenförmigem Querschnitt bestand vor van den Huls strengem Blick: ein ganz kleiner und leichter Diamant, der schon eher an ein dünnes Blättchen erinnerte. Seitlich, "wo" er die Rillenflanken berührt, ergab sich ein Verrundungsradius von gerade 4 my, während der vertikale Radius mit 85 my erfreulich groß geriet. So liegt die Nadel fast über die ganze Höhe der Rillenflanke an, was den Verschleiß der Platte klein hält.

Der Schliff bei der Gyger AG in der Schweiz

Die bei der Gyger AG im schweizerischen Thun auf einer speziellen Maschine gefertigten Nadeln werden vor dem Schliff präzise ausgerichtet.

So liegen die besonders harten Partien der Kristallstruktur des Diamanten bei der fertigen Nadel in der Berührzone mit der Rille und verschleißen kaum. Schließlich poliert Gyger den fertig geschliffenen Abtaststift noch besonders sorgfältig und ausdauernd; erst nach zwölf Stunden ist das Soll erfüllt.

  • Anmerkung : Diese Aussagen sind sehr populistisch, denn eine Belegung einer sehr teuren Diamant-Schleifmaschine für 12 Stunden !!!  für eine einzige Nadelspitze !!! ist nicht zu bezahlen, schon gar nicht für 100 DM.

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Hier aber steht eine ganz wichtige physikalische Grenze :

Da van den Hul auch die Frequenzen über 20 Kilohertz für sehr wichtig hält, erhielt seine Nadel den sehr kleinen seitlichen Radius. Denn immerhin schrumpft eine 20-Kilohertz- Schwingung auf der Schallplatte "in der Nähe der Auslaufrille" !!!! auf eine Länge von nur rund winzigen elf "müh" (µm) zusammen.

  • Anmerkung : Von vielen audiophilen "Vinyl-Experten" wird ja schlichtweg abgestritten, daß die technisch machbare Qualität der 30cm LP ab der Mitte des Radius deutlich und dann immer mehr nachläßt. Auch die Telefunken DMM Schneidtechnik kann dieses physikalische Dilemma der sich immer mehr verdichtenden "Informationsdichte" nicht beheben.

    Es ist - absolut gesehen - eine Frage der 33er Umdrehungsgeschwindigkeit. Um dem möglichst aus dem Weg zu gehen, wurde beim Schneidstudio Brüggemann (und nicht nur dort) alles oberhalb 15kHz gnadenlos weggefiltert, auch bei edlen Klassik-Scheiben. Diese Frequenzen waren also schon auf den (allermeisten) Master-Folien nicht (mehr) drauf.


Ein üblicher konischer Diamant von 18 µm (Radius !! in müh) gleitet darüber hinweg wie ein Dampfer über leichte Wellen, ohne davon beeinflußt zu werden. Als Folge fällt der Frequenzgang in den Höhen ab, was viele Konstrukteure durch mechanische Resonanz des Nadelträgers auszubügeln suchen. Das geht freilich zu Lasten der sauberen Wiedergabe und vor allem das Impulsverhalten leidet darunter.

  • Anmerkung : Mir ist absolut schleierhaft, wie ein Konstrukteur eine nicht mehr abzutastende Frequenz durch eine mechanische Resonanz des Nadelträgers erraten kann.

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Die van den Hul-Nadel könnte theoretisch 85 Kilohertz . . .

Anders die van den Hul Nadel. Ähnlich der berühmten Nußschale, die auf den Wellen tanzt, reagiert die schlanke Form auch auf feinste Schwankungen der Schallrille. Theoretisch werden erst bei 85 Kilohertz die Wellenlängen so kurz, daß auch die van den Hul-Nadel passen muß.

  • Anmerkung : Da wird die Physik aber arg strapaziert. Bei 30kHz sind die kinetischen Kräfte (also die Schleuderkräfte) bereits so groß, daß die meisten Nadeln aus der Rille fliegen, egal, welchen Schliff sie haben.

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Jetzt die Vorzüge - jedenfalls nach den eigenen Angaben

Dank der sehr geringen Masse der Nadel rutschen auch die Resonanzen in Frequenzbereiche, in denen sie nicht mehr stören. Zudem bedämpft sie der innige Kontakt zwischen Nadel und Rille sehr wirkungsvoll.

Neben einer erhöhten Lebenserwartung der Platte hat die hervorragende Oberflächengüte eine verringerte Reibung zur Folge. Die Antiskatingkräfte können deshalb kleiner gehalten werden und bei einer gegebenen Auflagekraft ist die Abtastfähigkeit besser.

  • Anmerkung : Bei genauer Betrachtung - dieser Artikel kommt noch - ist die Kontaktfläche der van den Hul Diamantspitze mit den Rillenflanken der Platte etwas keiner als die Kontaktfläche einer normalen elyptischen Nadelspitze und etwa gleich groß zur Shibata Nadelspitze. Damit ist der Pressdruck wiederum höher und die Aussage über den Verschleiß somit zweifelhaft.


Beides bestätigte ein Tonabnehmer mit der neuen Nadel, den stereoplay mit seinem Serien-Bruder, einem Dynavector 30C, verglich.

Der Hörvergleich ergab eine sehr präzise Wiedergabe von exzellenter Durchsichtigkeit mit hervorragendem Impulsverhalten. Das bestätigten auch die Messungen, die der van den Hul- Nadel kleinere Anstiegszeiten und geringere Verzerrung bescheinigen.

Und dann gibts noch ein paar Hürden . . .

Die van den Hul-Nadel ist allerdings gegenwärtig nur in den Goldring-Tonabnehmern G900 SE und G900 IGC erhältlich, doch steht der Holländer mit mehreren europäischen Systemherstellern in Verhandlung. Wer deren Ausgang nicht erst abwarten will, kann seinen Abtaster auch bei van den Hul umbauen lassen. Kostenpunkt: um 100 Mark.

Doch vor den Hörgenuß hat van den Hul den Schweiß gesetzt: Wegen der an sich erfreulich langen Berührfläche zwischen Nadel und Rillenflanke reagiert dieser moderne Abtastdiamant empfindlicher auf Justierfehler als herkömmliche Exemplare. Nur wer sein System korrekt montiert und seinen Arm sorgfältig justiert, wird seine Qualitäten voll entfalten können.

Heinrich Sauer (im Somer 1980)
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Das Interview mit Herrn van den Hul kommt auch noch.

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