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1982 - 20 Jahre Hifi-Stereophonie - Ein Röhren- Nachtest

Die Coverseite von Heft 1/1982
Das Artikelbild - etwas gerupft

Klein + Hummel ist in dieser Jubiläumstestreihe gleich mit drei Geräten vertreten: Einer modernen Kombination aus Vorverstärker und Endstufe sowie dem historischen Pendant dieser beiden Komponenten, dem Vollverstärker Telewatt VS-71 aus dem Jahre 1963/64.

Nicht nur in der Anzahl der Gehäuse und im Qualitätsstandard gibt es Unterschiede zwischen damals und heute: die hier verglichenen Verstärker repräsentieren auch die Ablösung der Röhre durch den Transistor. (Das ist der unveränderte Original-Text !!)

Der Telewatt VS 71 von 1963

von Arndt Klingelnberg im Dez. 1981 - Mit dem Telewatt VS-71 startete ich meine ersten selbständigen HiFi- Hör- versuche und erfuhr dabei gleichzeitig von der Existenz einer HiFi-Musikzeitschrift: Ein Werbekärtchen der HiFi-Stereophonie lag dem Röhrenverstärker bei. Der Telewatt VS-71 signalisiert also in doppeltem Sinne den Beginn meiner Beschäftigung mit der HiFi-Stereophonie.

Die damalige Spitzenklasse, mit modernen Meßgeräten gemessen und nach praxisorientierten Verfahren ausgewertet, vermag die Fortschritte in der HiFi-Technik aufzuzeigen. Aber nicht alles ist heute besser, wie der folgende Test des Telewatt VS-71 zeigen wird.

Der Telewatt VS 71 - ausgezeichnete Verarbeitung

Die Frontplatte ist symmetrisch gegliedert. Große Drehknöpfe mit eindeutiger Strichmarkierung (wo gibt es das heute noch?) dienen für die Eingangswahl, Balance, Lautstärke, Baß und Höhen. Die Klangeinstellung erfolgt für jeden Kanal getrennt: Der rechte Kanal wird an einem Plexiglashebel eingestellt, der linke direkt am Knopf. Während sich rechts der Netzschalter und die Glimmlampe (keine LED!) zur Betriebskontrolle befinden, sind links die Stereoanzeigelampe (Stereo war damals noch selten), ein Basisbreitenregler (damit man von dem ungewohnten Stereoraumklang nicht zuviel kriegte?) und der Phonoumschalter USA/Europa.

In Deutschland verwendete man damals noch weitgehend die CCIR-Entzerrung (500 und 50us), RIAA mit 318us und 75us wurde erst später von DIN übernommen. Mit der Druckschalterreihe links kann man den linken oder rechten Kanal getrennt anwählen, auf Mono, Stereo oder Stereo seitenverkehrt schalten.

Mit der rechten Schalterreihe wollte man wohl der schon damals aufwendigen Quad-Filterschaltung Paroli bieten. Der „Multifilter" -Baustein dient als Rumpel- und Rauschfilter.

Hinsichtlich des Schaltungskonzepts den heutigen Transistorstufen entsprechend, wurden schon damals 12dB Flankensteilheit pro Oktave erreicht (auch heute schaffen das nur wenige). Das Wegfiltern von Störgeräuschen war oft notwendig, die Einschränkung des Übertragungsbereichs nicht so auffällig. So hieß es in HiFi-Stereophonie 1/62 in einem Bericht über den VS-70 von W. Hummel: „... ermöglicht das Multifilter ein scharfes Abschneiden etwa im Programm enthaltener Störsignale, ohne den Klangcharakter der Wiedergabe zu ändern."

Phono ./. Crystal

VS 71 - Hier der Prospekt
VS 71 - hier das Original

Auf der Rückseite findet man die Schraubklemmen für die Lautsprecher, getrennt für 4, 8 und 16 Ohm (getrennte Transformatoranzapfungen) sowie ein Mono-Summensignal und ein „Phantom"-Differenzsignal (auch damals schien einfaches Stereo nicht auszureichen).

Die Eingänge waren nach DIN ausgeführt:
Phono magn., Phono cryst, Mikro, Band, Radio, Radio II, Fernregler. Band und Radio II waren individuell einpegelbar. Mit einem Fernregler konnte man per Kabel die Lautstärke aus bis zu 20m Entfernung herunterregeln; ein besonderer Schaltungstrick ermöglichte dies ohne wesentliche Klangeinbußen. Ein „Brumm"-Justagepotentiometer erlaubte die optimale Erdung der gleichstromgeheizten Eingangsröhren (2 x ECC 808). Nach diesen zwei Triodensystemen verlief der Signalweg nochmals über vier Triodenstufen (4 x ECC 83).

Das Endstufenmodul (getrennt aufgebaut, für damalige Verhältnisse eine leicht ausbaubare Baugruppe) setzte eine Pentode am Eingang, eine Triode zur Phasenumkehr (ECF 80) und zwei Endpentoden in sogenannter Ultralinearschaltung (fast schon als Triode verschaltet) ein. Während der VS-70 noch mit EL 36 bestückt war, wurde der VS-71 mit den „modernen" EL 500 ausgestattet, die später durch die EL 504 und dann durch die EL 5000 abgelöst wurden. Diese Endpentoden fallen durch ihre Anodenkappe auf (Anodenanschluß oben an der Röhre). Besser bekannt sind sie mit „P"-Heizfäden aus dem Horizontalablenkteil von Röhrenfernsehern.

77.- DM je kg

Hier steht es : 2 x 35 Watt

Für diesen nominell 2 x 35-W-Verstärker mußte man (um 1963) 1.200.- bis 1.300.- DM hinlegen, entweder mit silberner Frontplatte und grauem Kräusellackgehäuse oder goldfarben im Holzgehäuse. Trotz Inflation ist das aufs Gewicht bezogen auch heute noch günstig: 16kg Trafos und Chassisblech. Übrigens war das Gerät frei verdrahtet, doch die neue Technik kündigte sich bereits an: Im Multifilter-Baustein wurde eine gedruckte Schaltung verwendet.

Kommentar zu den Meßergebnissen
(im Alter nur noch 10 Watt)

Röhrenverstärker mit verschiedenen Transformatoranzapfungen haben die Eigenart, bei allen Belastungswiderständen ungefähr die gleiche Leistung abzugeben. Der Telewatt VS-71 erreichte ca. 2 x 30W, allerdings nur bei erstklassigen neuen Röhren; bei älteren Röhren kann die erreichbare Ausgangsleistung auf unter 10W absinken !!!

Dies alles gilt jedoch nur für die 1%-Klirrgrad-Grenze. Die gehörmäßig auffällige Begrenzung des Ausgangssignals, die bei guten Transistorverstärkern schon bei weit unter 0,1% Klirrgrad einsetzen kann, liegt auch dann immer noch über 30W. Es treten insbesondere quadratische Verzerrungen auf, die als harmonische Verzerrungen kaum hörbar sind (Bildung der Oktave über dem Grundton). Im Hochtonbereich ergeben sich hierdurch aber Differenztöne, die in den unteren Frequenzbereich fallen und hörbar sein können.

Diskrepanz der Klirrwerte

Im Hochtonbereich erlebten wir eine Überraschung: Die Leistungsbandbreite (entspricht etwa 15W bis -3 dB bei 1% Klirr) betrug nur 7 kHz. Das ist für heutige Verhältnisse ein geradezu lächerlicher Wert. Mit vielen Tricks konnte man maximal 13kHz erreichen.

Das alles verwundert um so mehr, als die "Physikalisch Technische Bundesanstalt" am 15.6.1961 unter der Geschäftsnummer 144.99.61 V/K in einem Prüfbericht ermittelt hatte, daß bei 30W (22V) und 10kHz ein Klirrgrad von 0,22% gemessen wurde (bei 1kHz: 0,3%). Das betraf den Vorläufer des VS-71, den VS-70. Und auch der Test des VS-70 in HiFi-Stereophonie 2/62 schoß damals an der Praxis vorbei und ermittelte ähnlich niedrige Werte.

Die Umstimmigkeit konnte nämlich bald geklärt werden, nachdem man sich die Schaltung der Ausgangsstufe klargemacht hatte. Die damaligen Messungen erfolgten nämlich bei 16Ohm, und das war 1962 ein durchaus gebräuchlicher Impedanzwert.
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Volle Leistung nur bei 16 Ohm ????

Die Gegenkopplung arbeitet optimal nur an der 16 Ohm Trafo-Wicklung. Die schlechteren Ergebnisse bei 8 und 4Ohm verschwieg Klein & Hummel damals.

Obwohl wir auch an der 16Ohm Wicklung das gute Ergebnis von damals nicht gänzlich nachvollziehen konnten, so wird doch nachfolgend das bedenkliche Ergebnis

für 1% Klirr bei 10Hz und 20kHz
angegeben:

  • an 16 Ohm = 37 Watt / 4,7 Watt;
  • an 8 Ohm = 4 Watt / 0,35 Watt;
  • an 4 Ohm = 4,7 Watt / 0,6 Watt.

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Weitere Messwerte :

Die gleichsam hohen Intermodulationswerte sind bedingt durch Sättigungserscheinungen der Trafobleche im Baßbereich. Bei dieser Messung wurde ein Baßsignal von 40 Hz verwendet. Die Eingangswerte sind für heutige Verhältnisse bei Phono etwas unempfindlich, bei Band dagegen zu empfindlich, allerdings einstellbar, die Einstellung wird jedoch zu feinfühlig. Insgesamt können diese Ein-/Ausgangsdaten aber mit heutigen Geräten durchaus mithalten. Der DIN-Ausgang ist mit 40kOhm nicht gerade besonders hochohmig.

Die Störspannungsabstände lassen schmunzeln, immerhin sind die gehörphysiologisch bewerteten Ergebnisse noch diskutabel. Die Frequenzgänge der Hochpegeleingänge weisen einen sanften Baßabfall auf, unterhalb 20 Hz kippt die Kurve nach unten weg, was aber nicht so kritisch ist. Bei Phono ist der Baßabfall noch etwas ausgeprägter (USA), bei CCIR-Europa ergeben sich natürlich größere Abweichungen. Die Filter sind sauber ausgelegt, man würde sich allerdings heute weiter außen liegende Einsatzfrequenzen wünschen.

Der Laut-Leise-Schalter wirkt sehr sinnvoll.
Die Höhenanhebung könnte geringer sein, die Baßanhebung etwas tiefer einsetzen: gegenüber dem heutigen Durchschnitt der Verstärker, bei denen die Loudnesskorrektur auch bei lauter Wiedergabe die Bässe beeinflußt, eine beispielhafte Lösung. Bei der Klangregelung wird der Mittenbereich zu stark beeinflußt. Der Höhensteiler wirkt im Bereich um die Mittelposition nur schwach, so daß man aus der Stellung nur unvollkommen den Grad der Beeinflussung ablesen kann. Beides wird heute besser gelöst.

Besser als heute!

Das Übersprechen zeigt bei Stereo gute Ergebnisse, zumal der andere Kanal im Hochtonbereich ca. 10dB besser war. Äußerst lobenswert ist das geringe Übersprechen zwischen den Eingängen, das nur durch die Störspannungen begrenzt war. Hieran kranken heutige Geräte noch hörbarl

Zusammenfassung (in 1982)

Achtzehn Jahre HiFi-Entwicklung degradieren Weltspitzenklasse zur fast nicht mehr diskutablen, gerade noch (wenn überhaupt) HiFi-Klasse.

Das gilt zumindest bei einigen Daten, die heute (oft auch übertrieben) um Größenordnungen verbessert wurden. Bei manchen in der Praxis relevanten Daten muß man allerdings auch erkennen, daß selbst heute bei manchen Herstellern HiFi-Kriterien punktuell ein wenig vernachlässigt werden. Hier kann der Telewatt VS-71 von Klein und Hummel durchaus noch Vorbild sein.

Niedrigste Verzerrungswerte, linealgerade Frequenzgänge
und verschwindende Störspannungen (für eine nur sehr selten nutzbare Dynamik) sind zwar in Prospekten weit verbreitet, sind aber allein ein nur unvollkommener Maßstab für Klangqualität. Trotz einer Bewertung mit ca. 10 Punkten nach unserem heutigen Bewertungsschema ist der VS-71 durchaus noch benutzbar.

A. Klingelnberg - Hifi-Stereophonie Heft 1/1982
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Nachtrag / Korrektur in Hifi-Stereophonie Heft 03/1982

Hinweis zu Test Telewatt VS-71 in Heft 01/1982

Um Fehlinterpretationen vorzubeugen, sei hier noch einmal angemerkt, daß wir die damaligen Messungen der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt von 1961 keineswegs anzweifeln wollten.

Die Klirrgradmessung der PTB
bei 10 kHz mit einem Ergebnis von 0,22% bei 30 Watt an 16 Ohm steht in keinem Widerspruch zu unserem Ergebnis von 1% bei 37 Watt an 16 Ohm. Allerdings hatten wir auch zusätzlich an 4 Ohm nur 4,7 Watt bestimmt - bei 1% Klirrgrad.

Hierbei ist jedoch zu bedenken,
daß die PTB nach Anweisung von Klein & Hummel einkanalig an 16 Ohm gemessen hat, wir dagegen - wie heute üblich - immer zweikanalig. Diese einkanaligen Messungen bei 16 Ohm waren damals Usus, heute wird so etwas natürlich als praxisfern angesehen. Weiterhin verlangt man heute auch vergleichbar gute Daten für alle Lautsprecherimpedanzwerte.

Wir wurden auf die Unterschiede zu den Testergebnissen in „HiFi exklusiv" vom März 1979 hingewiesen. Der dortige Test ist jedoch mit unserem nicht vergleichbar. Es ist nämlich zu beachten, daß entgegen der dortigen Beschreibung ein neueres Modell VS-71 mit der modernen Leistungsröhre EL 503 gemessen wurde.

Eine weitere Besonderheit mag im Test noch aufgefallen sein, die nicht besonders erörtert wurde. Im Bild 1.1 verläuft der Frequenzgang über Bandeingang im Hochtonbereich linear, während im Bild 1.2 ein Höhenabfall festzustellen ist. Dieser Höhenabfall in 1.2 resultiert aus der dort verwendeten höheren Ausgangsleistung beim Messen. Diese beträgt, wie bei dieser Messung üblich, 5 Watt, was bei heutigen Verstärkern keineswegs mehr zu einem Höhenabfall durch Übersteuerung führt.

A. Klingelnberg im März 1982

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