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Der Grundig SV140/SV200 Vollverstärker (1968) vom Sperrmüll

Unser Sperrmüll nach 40 Jahren.
Und so sahen sie mal neu aus.

November 2010 - Der Grundig Vollverstärker SV 140 war zu seiner Zeit wirklich Weltspitze und dazu (mit 1249.- DM für eine gewisse Schicht) auch bezahlbar.

Unser trauriges Exemplar (das mit dem "traurigen Zustand" wußte ich aber bereits vorher) eignet sich nur noch für ein paar Fotos der Innereien, der (oder die) Vorbesitzer hat (haben) einige Reparatur(en) vorgenommen und dann frustriert das Netzkabel abgeschnitten.

Nichts ist von dem ehemaligen Glanz dieser Boliden übrig geblieben. Optisch gesehen war 1969 die Kombination Grundig RT 100 (Radio- oder Rundfunk Tuner) und SV 140 (Stereo Verstärker) absolut progressiv und modern und leistungsmäßig Spitzenklasse.

Und das mit den Flachbahnreglern und den beiden Zeigerinstrumenten, das suggerierte den "Studio"-Look und assoziierte die (erträumten und wünschenswerten) Studioqualitäten dieses Gerätes. Der optisch aufgehübschte SV200 (samt RT200) hatte 1 Jahr später nur den schwarzen "Look" auf der Frontplatte, sonst war es - nach bisherigem Wissen - exakt das gleiche Gerät.

Darum schaun wir jetzt mal rein, was da übrig geblieben ist.

Der SV 140 von unten offen
damals ein ganz dicker Brocken
die Endstufentransistoren gemixed

An unserem (Muster-) Verstärker wurde mehrfach die Endstufe repariert. Ahnung von dieser Technik hatte der Reparateur offenbar wenig, Geld hatte er scheinbar auch nicht und so war der Frust vorprogrammiert.

Damals 1969 waren die mit über 2 x 50 Watt Sinus recht "dicken" Verstärker noch rar und sehr teuer. Unter 2.500.- Mark war da fast nichts zu machen. Die großen und guten Japaner kamen gerade erst bzw. erst ein paar Jahre später.

1969 gab es auch nur wenige Fachleute, die sich mit dieser Technik ausgekannt hatten. Der Autor hatte sich nämlich im Frühjahr 1974 selbständig gemacht, weil es in Wiesbaden zwar "1000" Fernsehreparateure gab, jedoch ein richtiges Vakuum bei hochwertigen Röhren- und Transistor- Hifi-Verstärkern von Braun und Grundig zum Beispiel. Und nach ein paar Monaten (es waren nur 6 !) war damals in Deutschland die Garantie rum.

Daß man bei bestimmten Endstufen-Schaltungen die dicken Leistungs- Transistoren paarweise tauschen musste und zwar mit vorher akribisch ausgemessenen Pärchen, das wußten damals nur die Wenigsten - die "Fernsehmenschen" wußten das schon mal gar nicht. Das kam im Fernseher einfach nicht vor.

Hier auf dem Bild sieht man, wie es nicht sein sollte.
Auch ist es für mich als Ingenieur sehr merkwürdg, daß ein Pärchen Transistoren der Type 2N3055 mit einer spezifizierten Dauerleistung von je 50 Watt so schnell den Geist aufgibt. Da stimmt etwas Anderes nicht, vielleicht schwingt diese Schaltung.

Sofort fällt auf, es gibt nur ein Paar DIN Lautsprecherbuchsen

Das war 1969 schon das erste Manko, doch damals war es in Deutschland üblich, genau nach Norm zu bauen, und war die Norm auch noch so miserabel, ein Deutscher widerspricht nicht. Basta.
Wenn man dann noch die 0,35 qmm (Quadratmillimenter) Drähtchen sieht, die von der Platine zu den Lötösen der beiden Buchsen führen, dann war klar, da geht die gewaltige Impulsleistung dahin. - Schade. Mit diesem dicken Netzteil wäre mehr drin.

Das Konzept des SV140 war super - insbesondere für 1969

Hier die Rückseite mit Abdeckung
eigentlich toll gemacht - doch :
schade - da zirkuliert keine Luft
so groß wären 1970 Kühlkörper für 1 x 50 Watt Sinus

Erstens gab es nur wenige solcher Boliden "zum Abkupfern" und zweitens wurden die Grundig Ingenieure immer wieder auf die (spätere) Massenfertigung hingewiesen. Und das haben sie sehr sehr gut unter einen Hut gebracht.

Alle Anschlüsse, Pegesteller und Schalter sind hinten, zwar in DIN, aber "wir Deutschen" kannten bis dahin nichts Anderes. Das gesamte "Hinterteil" des SV140 ist ein massiver Alu-Druckgußblock ganz speziell für dieses Gerät gefertigt (vielleicht auch noch für den kleineren Bruder SV85).

Und dann der gewaltige M-Kern Netz-Trafo mit etwa 250 Watt Leistungsaufnahme. Auch die beiden großen Elkos sprengten unsere Vorstellungskraft. Noch heute ist sehr positiv zu vermerken, das gesamte Chassis (und sogar ohne sein Gehäuse) ist wirklich eigenstabil und verwindungssteif.
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Die Schattenseite der Konstruktion

Daß uns die Japaner später mit solch einem massiven Gußkühlkörper ihre Geräte mit 2 x 150 Watt Sinus verkaufen konnten, lag an deren großflächig durchgängiger Belüftung der Kühlrippen.

Hier beim GRUNDIG SV 140 sind die Kühlrippen nach unten (durch die lange Leiste der Eingangsbuchsen) richtig "dicht !!!" verschlossen. Dazu ist hinten noch ein "Pappe-Deckel" drauf, den man hier nicht sieht. (Das war nicht ganz korrekt, vermutlich wurde das beim SV140 erst ziemlich spät in eine außen schwarz eloxierte ALU-Platte geändert, wie von Anfang an beim SV200.) Da hinten drinnen rührt sich schonmal kein Lüftchen, ich habe es genau probiert. Auf der Innenseite ist für die unbelüftete thermische Luftzirkulation auch keine ausreichende Freifläche vorhanden.

Aber er hat ja auch nur 2 x 50 Watt Sinus zu liefern - und das im Wohnzimmer, mehr nicht. Und als Disco-Verstärker wurde der SV140 - zumindest von Grundig - nie angepriesen, das waren Fremdfirmen. Die bei Grundig wußten, was damit machbar war und was nicht.

Warum der Tester O. Diciol in der Hifi-Stereophonie 01/1969 diesen Verstärker überschwenglich für professionellen Einsatz gelobt hatte, ist mir völlig unverständlich.
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Doch die Endstufe hatte vermutlich noch andere Probleme.

Die knallroten Bauelemente sind Thermofühler
Der dicke Trafo hat fast unendliche Reserven

Beide Endstufen sind professionell gegen Überhitzung geschützt und auch gegen Kurzschluß, jedenfalls nach der Schaltung. Ob das in der Realität mit induktiven oder kapazitiven Lasten auch noch galt ? Ein lesbarer Schaltplan liegt mir nicht vor, doch an den vielen Reparaturversuchen ist zu ersehen, dieser SV140 hat jeweils nicht lange gelebt. Im ebay (recherchiert ab 2010) gibt es defekte SV 140 zu hauf - und für ganz wenig Geld.

Die Treiberstufen sind samt Wärmefühler auf ein gemeinsames großes Kühlblech montiert, die Endstufen Transistoren Paare haben diverse Hochlastwiderstände zum Stromausgleich, doch auch diese müssen abgeraucht sein, sonst erneuert man die nicht. In jeder Endstufe sind beide Versorgungsspannungen nochmals mit Schmelzsicherungen abgesichert, eigentlich ist das Alles, das man erwarten könnte.

Und der wirklich dicke 250 Watt Trafo
mit diesen beiden großen Elkos hat mehr Reserven, als man "einem Grundig" je zugetraut hätte.

Doch das Problem liegt offensichtlich bei der total blockierten Belüftung des großen Kühlprofiles, das mit thermischer Konvektion überhaupt nicht funktioniert. Vermutlich werden die Endtransistoren schon bei mittleren Lautstärken erheblich überhitzt.

Nach 40 Jahren nagt die Korrosion an "Allem".

Stand der Technik von 1969
und die Korrosion ist überall
und das hier ist irreparabel

Bei diesem Verstärker sind den Grundig Ingenieuren alle Freiheiten gegeben worden, die damals möglich waren und wir reden von 1967/68. Solch einen Verstärker entwickelt man nicht einfach so - aus dem Handgelenk. Die Silizium Transistoren waren 1967 noch gar nicht so alt, und die ICs waren gerade mal in der Entwicklung. Als das erste IC in einem Grundig Fernseher auftauchte, stand das als Super-Highlight ein (1 !!) ganzes Jahr ganz vorne in der Grundig Revue.

Mit der Anstrengung, Spitzenleistung im Hifi-Bereich zu generieren, mußten diverse Regler und Trimmpotis eingebaut werden. Die Stereo-Schieberegler hatten nur eine "erträgliche" Gleichlauf- Genauigkeit und auch nur in einem Teil des Schiebeweges. Zumindest im mittleren Bereich sollten beide Kanäle gleich laut sein. Dafür wurden bei den Eingängen Trimm-Potis eingesetzt, die aber ringsrum offen waren. "Zu teuer" ging nämlich auch wieder nicht.

Und diese Trimmpotis waren dem Staub und der Feuchtigkeit und vor allem dem Nikotin schutzlos ausgesetzt. Das Silber lief an, es oxidierte und der Kontakt kam ins Schleudern. Der Grünspan tat sein Übriges und nach 20 Jahren waren thermische Aussetzer an der Tagesordnung. Vergrößern Sie die Bilder auf der rechten Seite durch Anklicken. Und wenn dann noch "einer" mit Kontaktspray rumgesprüht hatte, aber sehen Sie selbst . . . . .
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Die Kühlkörper sind verbaut
und außen richtig blockkiert
das stömt nichts Kaltes von unten nach oben

Aber zu den weiteren Highlights

Die Netzspannung wurde komplett geschaltet und zwar von ganz vorne mit einem Seilzug, denn der eigentliche Schalter war ganz hinten rechts im Eck und die 220Volt Netzzuleitungen waren damit so kurz wie nur irgend möglich. Das mussten die anderen Hersteller - auch später die Japaner - erst mal nachmachen. Der dicke Trafo war komplett gekapselt und brummte nicht.

Die niederpegeligen Ein- und Ausgänge waren zwar auch dort in der Nähe, doch die gesamte (niederpegelige) Anschluß-Leiste war elektrisch durch den Kühlkörper und weitere Metallbleche gegen den hochpeglichen Lautsprecherausgang abgeschrimt. Ein bemerkenswertes Stereo Trimmpoti (für den Phono Eingangs-Pegel) wurde gar mit einer recht langen Achse bis zur Vorverstärkerplatine durchgeführt, sehr aufwendig und gut.

Das war der erste Eindruck des SV 140

Und trotzdem war der SV140 das Highlight von 1969

Wir werden unser Exemplar in Frieden ruhen lassen und nach einem besseren Exemplar für unsere historischen Vergleichstests Ausschau halten.

Mai 2015 - Wir haben jetzt einen sehr schönen SV 200 geschenkt bekommen, nahezu neuwertig und unverbastelt bzw. "unrepariert".
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KOMMENTAR zum Bericht über den Grundig SV140 / RT100.

Dez. 2010 - Autor ist F.N. - Ein paar Anmerkungen:
Vor knapp zwei Jahren habe ich den großen Fehler gemacht, einem Freund bei der Reparatur seines Grundig SV140 helfen zu wollen. Mittlerweile habe ich drei Grundig SV140, zwei Grundig RT100 und einen Grundig RT200 zuhause, doch die Teile von allen Geräten reichen nicht aus, um daraus ein funktionsfähiges Gerät aufzubauen.

Dabei sind die Endstufentransistoren noch das kleinste Problem
- wenn man z.B. bei Bürklin gute 2N3055 kauft (nicht den ungestempelten Chinaschrott), sind die Teile sehr viel enger toleriert als zur Bauzeit des SV140 (etwa 1970).

Die Hauptprobleme bei Grundig-Geräten sind:

  • a) die teilweise kryptisch bezeichneten Halbleiter - wenn auf einer defekten Z-Diode soetwas wie "3421-5643-234" draufsteht, UND in der Servicemappe keine Spannung angegeben ist, hat man ein Problem.
  • b) die teilweise haarsträubende Qualität der Mechanik und der Leiterplatten. Bei einem meiner Grundig SV140 hing an fast jedem 2N3055 nach dem Ausbau ein Teil der Transistorfassung mit dran. Die Leiterbahnen fallen schon ab, wenn sie einen Lötkolben nur von weitem sehen. Die eigentlich gute Idee, den Netzschalter nach hinten zu legen, wird durch die labberigen und nach 40 Jahren verzogenen Plastikführungen zum echten Problem.


Grundig war mit dem SV140 nicht nur technisch ganz vorne - man hatte bei Grundig schon während der Röhrenradioära erkannt, dass Geräte nicht 40 Jahre halten müssen, wenn sie nach zehn Jahren schon technisch überholt sind. Der Schnäppchenpreis des Grundig SV140 war erkauft durch eine sehr mäßige Qualität.

Unabhängig davon ist die Kombination SV140 / RT100 zusammen mit den restlichen Komponenten eine meiner Traumanlagen für mein kleines Museum. Wenn Ihnen von diesem Päärchen noch "Schlachtgeräte" über den Weg laufen sollten, bin ich ein dankbarer Abnehmer.

Gruß FN

Nachtrag Feb 2011:
Prima, er bekommt diese beiden Geräte geschenkt. Vielleicht wird es dann doch mal einen funktionierenden SV140 geben.

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