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(4) EMIL BERLINER GEHT IN DIE BREITE

In einem kleinen Labor an der schnurgeraden, blitzsauberen New York Avenue in Washington roch es scharf und stechend nach Säure, süßlich und schwer nach Wachs, atembeklemmend und durchdringend nach Benzin.

Der kleine Mann in khakigelbem, strenggeschnittenem Überrock schaute durch einen blitzenden Kneifer auf seine schwere goldene Uhr.

»Noch eine halbe Stunde Zeit!« sagte er zu sich selbst und rückte sich den Schalltrichter einer seltsamen Maschine zurecht, an der vor allem eine runde Scheibe und eine gläserne Flasche auffielen. Und während er eifrig eine Kurbel drehte, rief der kleine Mann »Hallo, hallo« in das Mundstück hinein.

Dann begann er mißtönend und in gutturalem, gebrochenem Englisch, das seine hannoversche Herkunft offenbarte, zu singen: »Twinkle, twinkle, little s-tar, flimmere, kleiner S-tern . . .«
Er brach ab, weil es an die Tür klopfte.

Gaisberg und Golden stehen vor der Tür

»Kommt nur herein«, rief er fröhlich, »kommt nur herein, ich habe es geschafft. Hallo, Billy!«

»Hallo, Mister Berliner«, begrüßte ihn Billy Golden, Kunstpfeifer und Walzensänger, »hier habe ich Ihnen Fred Gaisberg mitgebracht, einen phonographischen Fachmann.«

Emil Berliner schüttelte auch dem fremden jungen Mann herzlich die Hand:
»Gleich werden Sie etwas erleben! Ich habe jetzt die richtige Geschwindigkeit heraus, siebzig Umdrehungen in der Minute, das klingt . . . Doch warten Sie nur einen kleinen Augenblick, und Sie werden selbst sehen . . . hören ist wohl richtiger.«

Berliner eilte geschäftig zu der seltsamen Maschine, hob eine Zinkplatte ab, die er beiseite legte, schob einen großen Glasbottich weg, nahm eine neue Zinkplatte und goß eine Flüssigkeit darüber. Während er die Platte hin und her schwenkte, roch es auf einmal ganz stark nach Benzin.

»Das stinkt scheußlich«, lachte Berliner, »ein Gemisch von Wachs und Benzin. Das Benzin verdampft, und ich bekomme eine dünne Wachsschicht auf meine Platte, die den Schall aufnehmen soll.

Die Premiere der Schallplatte - zur Dritt

So, jetzt ist sie fertig.« Er legte die Platte auf das Gerät, stellte die runde Membran, an der ein Stichel befestigt war, auf den Rand der Scheibe und drehte sich zu Golden um: »So, Billy, du sollst die erste Schallplattenaufnahme machen, du sollst Emil Berliners Erfindung einweihen.«

Dann lächelte er durch funkelnde Gläser zu Gaisberg:
»Und Sie, junger Mann, sollen Zeuge dieses historischen Momentes sein! Außerdem können Sie sich am Klavier betätigen.«

Dabei zeigte er in eine dunkle Ecke, in der ein wackeliges Piano stand, dessen Resonanzboden durch einen elefantenrüsselähnlichen Schlauch mit der Aufnahmemaschine verbunden war.

Berliner befestigte einen ähnlichen Rüssel, der in einen Sprechtrichter auslief, an Goldens Mund, stellte sich neben seine Maschine und fragte: »Sind Sie beide fertig? Wir spielen und singen das >Lied vom kleinen Stern<. Also?«

Billy Golden nickte, und Berliner begann zu kurbeln. Als die letzten Klavierakkorde verklangen, hörte er auf.

Die Schallinien in das Zink ätzen

Dann goß er die Flüssigkeit ab, die während der ganzen Aufnahme aus der Glasflasche auf die Platte gelaufen war, um die vom Stichel herausgeschnittenen Wachsstreifen wegzuspülen, und tauchte die Platte in ein Säurebad.

»Hier in der Chromsäure werden die Schallinien unauslöschbar in das Zink geätzt. Mit der Zinkplatte kann ich Musik oder Worte unendlich häufig wiedergeben und sogar Kopien aus Hartgummi davon herstellen lassen. Außerdem werden Sie hören, daß meine Methode der Schallaufzeichnung viel besser und viel naturgetreuer ist als die Edison-Methode.

Mister Gaisberg, Sie verstehen doch etwas davon - nun sagen Sie, ob ich nicht recht habe. Edison hat die Schallinien von oben nach unten in das Stanniol oder Wachs eingegraben, ich zeichne meine Linien von rechts nach links auf. Die Schnittiefe ist bei mir gleichbleibend, während die seitlichen Kurven keinerlei Begrenzung haben. Dadurch erziele ich bessere Aufnahme- und natürlich auch Wiedergabemöglichkeit, und vor allem kann ich Kopien aus Hartgummi machen, Kopien, soviel ich will!«

Berliner brach ab und zog die Platte aus dem Säurebad. Sorgfältig spülte er sie mit Wasser ab und entfernte das restliche Wachs.

Es hatte funktioniert, die Schallplatte war fertig

Wie eine Kostbarkeit legte er die Zinkplatte, deren Oberfläche von einer Spirale feinster Linien überzogen war, auf ein zweites Gerät mit großem Schalltrichter und begann an der Kurbel zu drehen, so als müsse er ein ganzes Pfund Kaffee mahlen.

»Twinkle, twinkle, little star«, erscholl Billy Goldens kräftige Stimme aus dem Trichter, und klar und deutlich konnte man auch das begleitende Klavier erkennen.

»Großartig, Mister Berliner«, sagte Fred Gaisberg voll jugendlicher Begeisterung, »ich habe schon viele Walzen gehört, aber an diesen Klang ist noch keine herangekommen! Mister Berliner, wenn Sie je einen Job für mich haben, sagen Sie es mir, ich komme sofort.«

Berliner schüttelte beiden glücklich lachend die Hände: »Fred, wenn es soweit ist, schicke ich Ihnen eine Postkarte.«

16 Jahre vorher - Emil Berliner und sein Mikrofon - Die teuerste Seifenschachtel der Welt

Vor damals genau sechzehn Jahren, 1870, war der zwanzigjährige Emil Berliner aus Hannover nach Amerika eingewandert. Er hatte in den verschiedensten Berufen gearbeitet, bis er Flaschenspüler im Labor des späteren Sacharinkönigs Fahlberg geworden war und dort Interesse am Erfinden bekommen hatte. Das lag damals in der Luft, denn jeder strebsame junge Mann wollte es dem Genie Edison gleichtun, der gerade sein Labor in Menlopark (nähe New York) eröffnet hatte.

Genau wie sein großes Vorbild interessierte sich auch Berliner für Elektrizität und Akustik, und durch intensives Studium in den Bibliotheken von New York und Washington erwarb er sich die theoretischen Grundlagen, die er für seine Versuche benötigte.

Im dritten Stock einer gutbürgerlichen Pension, die von einer Witwe mit drei Kindern geführt wurde, experimentierte der junge Deutsche mit Drähten, Batterien und komplizierten Schaltungen. Er legte eine Leitung von seinem Zimmer bis in die Küche hinunter, über die er in seinem schlechten Englisch seine Wünsche mitteilte. Von Tag zu Tag wurde die Übertragung seiner Stimme deutlicher, bis er endlich mit einer Seifenschachtel unter dem Arm in den Büros der Bell Telephon Company erschien. Diese Seifenschachtel war den Telefonleuten ganze fünfundsiebzigtausend Dollars wert - enthielt sie doch das grundlegende Prinzip aller erfolgreichen Mikrofone der Vergangenheit und Gegenwart.
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Bruder Joseph Berliner baute eine Telephonfabrik

Drei Jahre später reiste Emil Berliner mit den nötigen Lizenzen in der Tasche wieder nach Hannover und begründete in seiner Heimatstadt mit seinem Bruder Joseph die Telephon-Fabrik-Berliner, die den deutschen Markt mit Fernsprechern versorgte.

1883 fuhr Emil Berliner über den großen Teich zurück nach Washington und widmete sich ganz der Entwicklung der Schallplatte.

1889 - Deutschland ist eine Reise wert

Die Mitglieder des Elektrotechnischen Vereins in Berlin hatten aufmerksam den Trompetenklängen gelauscht, die aus dem Trichter des Apparates kamen, den der lebendige, kleine Mann mit dem Zwicker im Jahre 1889 vor ihnen aufgebaut hatte.

Emil Berliner hörte mit dem Kurbeln auf, fuhr sich mit einem bluten weißen Tuch über die Stirn und begann:
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  • »Meine Herren, Sie hörten soeben die Klänge einer Trompete, die vor acht Wochen gespielt wurden, und zwar in Washington. Mein Grammophon hat diese Klänge aufgenommen und gibt sie jetzt wieder. Es gibt sie so oft wieder, wie Sie oder ich es wünschen.

    Bei meiner Erfindung fußte ich auf den Entdeckungen des Franzosen Leon Scott, der 1859 zum erstenmal die Schallwellen der menschlichen Stimme als Linien auf einer mit Ruß geschwärzten Walze festhielt. Ich benutzte als Schallträger jedoch nicht eine Walze, sondern eine flache Scheibe. Von dieser Platte kann ich so viel Kopien ziehen, wie ich will, und jede Kopie ist eine dem Original gleichwertige Schallplatte.

    Man wird mit Hilfe meines Grammophons ein Menschenleben in zwanzig Minuten auf Platten zusammenfassen können. Fünf Minuten lang Kindergebrabbel, fünf Minuten für das Jauchzen des Knaben, fünf Minuten für die Gedanken des Mannes und den Rest für die schwachen, letzten Äußerungen auf dem Totenbett. Dieses Tonbild wird eine ständige Erinnerung sein. Man wird die Stimme der Patti für alle Zeiten festhalten können, und prominente Sänger, Sprecher und Schauspieler werden durch den Verkauf ihrer >Phonoautogramme < zu einem Tantieme-Einkommen gelangen können. Wenn ich Ihnen jetzt das Technische meiner Erfindung erläutern darf...«

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Auch Mitglieder des Elektrotechnischen Vereins in Berlin waren begeistert

Emil Berliner sprach begeistert und flüssig. Er hatte hier in Berlin das gleiche, sachverständige Publikum wie vor einem Jahr, am 16. Mai 1888, im Franklin-Institut in Philadelphia, wo er den gleichen Vortrag und die gleiche Demonstration mit großem Erfolg durchgeführt hatte.

Und als ihn nach Beendigung seiner Rede die klatschenden Vereinsmitglieder umringten, hörte er den geflüsterten Kommentar:

»Ich halte das Grammophon für ausssichtsreicher als die ganze Walzengeschichte, obwohl sie schon viel perfektionierter und fortgeschrittener ist.«

Edison bereiste auch Europa

Edison, der Urheber der »Walzengeschichte«, hatte gerade Europa bereist. Unter der Bezeichnung »Neuerungen an Phonographen und Phonogrammen« hatte er hier ein neues Patent angemeldet. Seine Sprechmaschine war mit einem kleinen Elektromotor ausgestattet worden, der einen gleichmäßigen Lauf der Walze sicherte und durch verschiedene Geschwindigkeiten die Tonhöhe beeinflussen konnte.

Einer seiner Aufnahmeleute war zu Johannes Brahms in die Wiener Karlsgasse 4 vorgedrungen, der eine Walze mit dem Fragment einer »Ungarischen Rhapsodie« bespielte. Und der Komponist äußerte sich anerkennend über die Wiedergabe.

Ein anderer Vertreter, der in »Sachen Phonograph« Westpreußen bereiste, machte jedoch schlechte Erfahrungen.
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Ein Agent berichtete nach Amerika:

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  • »Die Bevölkerung betrachtete den Phonographen als Teufelsgerät. Man weigerte sich, mir in Gasthöfen Unterkunft zu geben, so daß ich in meinem mitgeführten Zelt übernachten mußte. Die Geistlichen verboten der Jugend, meine Vorführungen zu besuchen, da der Versuch, die menschliche Stimme naturgetreu wiederzugeben, sündhaft sei.
    In einem Ort versuchte die empörte Bevölkerung, mein Zelt anzuzünden und den Phonographen zu zerstören, so daß ich unter Zurücklassung eines Teils meines Gepäcks flüchten mußte. Ich brach vorzeitig meine Rundreise ab und fuhr zurück nach Berlin.
    Dort ist der Verkauf der Phonographen gut, seitdem die Preise gesenkt wurden. Besonders gut verkaufen sich die Walzen...«

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In Europa blieb für Emil Berliner der Erfolg aus

So war die Lage auf dem Walzenmarkt, als Emil Berliner mit den Inhabern der Puppenfabrik Kämmerer & Reinhardt in Waltershausen einen Vertrag über die Herstellung von Grammophonen mit Handkurbelbetrieb abschloß, bevor er neuerlich nach Amerika ging. Diese Geräte kosteten ungefähr acht Gulden, und für diesen Preis wurden noch sechs Platten gratis mitgeliefert. Der Preis einer Einzelplatte betrug vierzig Kreuzer. Doch das erhoffte große Geschäft blieb aus.

Die Platten hatten nur eine Spieldauer von einer Minute - Edisons Walzen spielten bereits drei Minuten lang -, und der Handkurbelantrieb war den Leuten zu mühsam, denn nur ein geübter Kurbier konnte eine einigermaßen anhörbare Tonwiedergabe erzielen. So lagen bei jedem Grammophon Warnzettel: ACHTUNG! MIT 70 UMDREHUNGEN KURBELN! JEDE UMDREHUNG MEHR ODER WENIGER VERÄNDERT DIE TONART!

So hatte Emil Berliner weder Deutschland noch Europa bis zu seiner Rückreise nach Amerika für das Grammophon gewinnen können.

Gaisberg bekommt die versprochene Postkarte

Kaum hatte Berliner wieder amerikanischen Boden unter den Füßen, schrieb er an Fred Gaisberg: »Ich mache mein Versprechen wahr. Wenn Sie wollen, können Sie sofort bei mir anfangen. Ich engagiere Sie als Leiter der künstlerischen Produktion.«

Gaisberg war damals genau einundzwanzig Jahre alt. Sein erster Platten-Bestseller wurde das »Vaterunser«. Die Idee zu dieser Aufnahme, die der ehemalige Straßenhändler John O'Terell in den Aufnahmetrichter sprach, stammte von Berliner.

»Ich sage Ihnen, Fred, diese Aufnahme wird ein Erfolg. Das weiß ich ganz genau«, sagte der Firmenchef lächelnd zu seinem zögernden Produktionsleiter.
»Das kann ich mir nicht denken«, erwiderte Gaisberg, »das >Vaterunser< kennen doch alle Leute!«
»Eben darum«, meinte Berliner geheimnisvoll.
»... Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen«, tönte es gequetscht und verzerrt aus dem Schalltrichter. Doch die Besucher, die sich im engen Labor drängten, waren begeistert.

»Eine großartige Aufnahme, man kann jedes Wort verstehen«, lobte die hagere Gattin eines Senators, und ihr Nachbar nickte bestätigend mit dem Kopf: »Eine deutliche, klare Wiedergabe!«

Emil Berliner lächelte Gaisberg zu, und als die Besucher den Raum verlassen hatten, sagte er triumphierend:
»Was habe ich gesagt? War es ein Erfolg oder nicht?«
»Die Leute waren begeistert, das gebe ich zu«, antwortete Gaisberg, »aber die Aufnahme ist schlecht. Wir sollten keine Wortaufnahmen machen.«

»Wir werden auch sonst keine machen«, pflichtete ihm Berliner bei. »Aber von hundert Menschen kennen neunundneunzig das >Vaterunser<, und weil sie es kennen, glauben sie, sie verstehen jedes Wort. Deshalb wird diese Platte ein Erfolg.«
Berliner verkaufte von dieser Platte viele Tausend Exemplare.
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Die "United States Gramophone Company" von Berliner

Ein kleines Schild am Hause Nummer 1410 der Pennsylvania Avenue in Washington zeigte an, daß hier die United States Gramophone Company ihren Sitz hatte. Berliner hatte diese Gesellschaft zur Auswertung seiner Patente gegründet, doch herrschte Ebbe in der Firmenkasse.

Von einer seiner häufigen Finanzexpeditionen kehrte der Firmenchef nicht so niedergeschlagen wie sonst zurück.
»Jetzt haben wir es geschafft, meine Freunde«, verkündete er glückstrahlend, und der praktische Gaisberg fragte gleich: »Haben Sie Geldgeber gefunden?«

Berliner winkte ab: »Nein, aber den neuen Stoff, aus dem wir unsere Platten herstellen werden!«

Aus dem Hintergrund kam neugierig ein kleiner, dicker, weißhaariger Mann.
»Einen neuen Stoff?« erkundigte er sich. »Hoffentlich ist er besser als das verdammte Hartgummi!«

Biskuits aus Schellack

Man sah Werner Suess nicht an, daß er schon fünfundachtzig Jahre alt war. Er hatte für Bunsen und Helmholtz Apparate gebaut, hatte in England für Huxley und Tyndall Modelle entworfen und galt in der wissenschaftlichen Welt als Genie auf dem Gebiet der Mechanik. Am liebsten erzählte er von der Aufführung in der Frankfurter Oper vor ungefähr dreißig Jahren, in der er auf einem Stuhl stehend zwei Kohlestäbe aneinanderhielt und so die erste elektrische Beleuchtung in einem Theater erstrahlen ließ. Dieser einfallsreiche Mechaniker arbeitete für Berliner, weil er an dessen Erfindung glaubte.

»Viel besser als Hartgummi, Mister Suess«, beruhigte ihn Berliner. »Es ist ein Gemisch aus Schellack, Gesteinsmehl, Ruß und Fasern. Es läßt sich unter Druck und Hitze leicht verformen und wird dann steinhart. Die Bell Company benutzt es seit neuestem für ihre Telefonapparate. In drei Tagen werden wir die ersten Platten aus dem Schellack-Kuchen bekommen, denn ich habe eben eine in Zink geätzte Aufnahme zum Pressen in die Fabrik gegeben.«

»Warum sagen Sie >Kuchen<, Mister Berliner?« wollte Gaisberg wissen.

»Weil die Masse in flachen Kuchen - die Hersteller nennen sie Biskuits - verarbeitet und gepreßt wird.«

Wieder eine Weltpremiere - Schellack

Mit großer Spannung wurde drei Tage später die erste Sendung in Empfang genommen. Mit zitternden Händen legte Berliner die erste Schellackplatte auf den Teller des Abspielgeräts. Und dann erklang »Flimmere, flimmere, kleiner Stern« so klar und so schön, wie dieses Lied noch nie aus dem Trichter einer Sprechmaschine erklungen war.

Der alte Suess klatschte vor Freude und Vergnügen in die Hände, während Berliner seinen Assistenten Gaisberg umfaßte und wie ein Kind mit ihm um das Grammophon tanzte.

Das neue Plattenmaterial, das Töne hervorbrachte, die bisher unhörbar waren, sollte in den nächsten sechzig Jahren die Stimmen berühmter Sänger und Schauspieler, die Werke großer Musiker, das musikalische Repertoire einer ganzen Welt zum Klingen bringen.

Das Geld ging zur Neige - jeden Tag gebratene Leber

»Jetzt sind wir aus allen Schwierigkeiten heraus«, hatte Emil Berliner nach dem Abspielen der ersten Schellackplatte beglückt ausgerufen. Mit zwanzig Neuaufnahmen und einem Kaffeemühlen-Grammophon wartete er auf den Ansturm der Geldgeber.

Gewiß, es kamen viele Neugierige und Spekulanten, und alle waren begeistert. Doch sie waren nicht überzeugt und wollten ihr Geld nicht riskieren.

»Wenn kein Wunder geschieht, muß ich meine Firma schließen«, orakelte Berliner, als er Gaisberg zum zweitenmal sein Gehalt nicht zahlen konnte. Doch der junge Produktionsleiter beruhigte ihn:

»Wegen meines Geldes brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Ich spiele abends wieder in Cafes Klavier, dann brauchen wir wenigstens nicht zu verhungern. Außerdem kenne ich einen Mann, der ganz phantastische Beziehungen hat. Ich bringe Sie mit B. F. Karns zusammen.«

Ein Lichtblick - Mister Karns

Mister Karns war ein mächtiger Mann, der beim Kongreß einen Eisenbahnplan durchzubringen versuchte. Er ging, wie er versicherte, bei Rockefeller und Pierpont Morgan ein und aus und wollte diese milliardenschweren Männer für das Grammophon-Geschäft interessieren. Aber entweder war das Schicksal Berliner nicht hold, oder Mister Karns hatte übertrieben. Es kam keine Besprechung mit den Königen des Geldes zustande. Einmal hatte Rockefellers Frau die Masern, dann bekam Mister Morgan Familienzuwachs, oder wichtigere Geschäfte erlaubten es beiden Herren nicht, sich mit so nebensächlichen Dingen wie der Schallplatte abzugeben.

Berliner war verzweifelt, und auch die Tatsache, daß jeden Tag auf seinem Speisezettel Leber stand, weil das Pfund nur zehn Cents kostete, heiterte ihn nicht auf.

Sie verlangen eine sprechende Puppe

Nach sechs Wochen trostlosen Wartens kam Mister Karns aufgeräumt in Berliners Labor: »Machen Sie mir mit Ihrem Apparat eine sprechende Puppe, und ich besorge Ihnen eine Million Dollars.« Berliner winkte ab.

»Das Grammophon ist zu schade für Spielereien. Ich sage Ihnen, es ist zu viel mehr bestimmt. Es wird die ganze Welt mit Musik versorgen, es wird die Musik der großen Meister selbst in den abgelegensten Teilen der Erde zum Klingen bringen. Es wird... für immer verschwinden, wenn wir kein Geld auftreiben«, setzte er resignierend hinzu.

Er beschloß, selbst einen neuen Finanzierungsversuch zu machen und fuhr zwei Tage später mit Gaisberg nach Boston. Sie hatten ein erstklassiges Grammophon, einige Schellackplatten und die Taschen voll Empfehlungsbriefen bei sich. Im großen Sitzungssaal der mächtigen und reichen Bell Telephon Company saßen sie den Herren gegenüber, die schwere Havanna-Zigarren rauchten, französischen Kognak tranken und sich gerührt »Twinkle, twinkle, little Star« anhörten.

Das ist aber ein häßliches Spielzeug

»Eine amüsante Sache«, meinte der Vizepräsident und deutete mit seiner Zigarre auf das Grammophon. »Aber ein häßliches Spielzeug. Können Sie es nicht in eine Puppe einbauen?«
Wieder dieser Vorschlag! Berliner war einen Moment wie vor den Kopf geschlagen, dann verteidigte er seine Erfindung:
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  • »Das Grammophon ist kein Spielzeug und soll auch kein Spielzeug sein. Edison hat gesagt: >Auf Grund meiner Arbeiten ist es möglich, in der Metropolitan-Oper komplette Vorstellungen zu geben, deren Darsteller - Sänger und Musiker - längst tot sein werden. < Und meine Erfindung übertrifft an Tonqualität und Lautstärke die Edisonsche beträchtlich. Außerdem ist es bei meinen Schallplatten möglich, von jeder Aufnahme unbegrenzt viele Kopien herzustellen, die dann verkauft werden können. Wenn Sie wissen, wie schwierig Kopien von Phonographenwalzen herzustellen sind...«

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Bringen Sie uns eine Puppe

»Mister Berliner, das interessiert uns nicht«, unterbrach ihn einer der Direktoren und nippte gelangweilt an seinem Glas, »wir sind Geschäftsleute. Vor einigen Jahren brachten Sie uns eine brauchbare Sache, und die kauften wir Ihnen ab. Aber jetzt sind Sie ein Träumer und Phantast geworden, sehr schade!«

»Bringen Sie uns eine sprechende Puppe«, sagte der Vizepräsident und stand auf, »dann können wir weiterverhandeln.«

1895 - Schnee und schlechtes Wetter in New York

Von Boston reisten Berliner und Gaisberg nach New York und verhandelten mit Mister Schwartz, dem größten Spielzeughersteller der Staaten. Doch auch er wollte nur für eine sprechende Puppe Geldmittel besorgen.

Der große Schneesturm vom März 1895 hielt die beiden Grammophonverkäufer eine Woche lang fest, und obwohl ihr Hotelzimmer je Tag nur einen Dollar kostete, ging ihnen das Geld aus. Sie aßen in anderen Hotels und verließen sie, wenn der Kellner nicht hinschaute, durch den Hinterausgang, um die Zeche zu sparen.

»Ich gebe es auf«, sagte Berliner am Abend des sechsten Tages, als das Schneetreiben in den Straßen nachließ; »bevor ich vollends zum Betrüger werde, mache ich Schluß. Morgen fahren wir zurück nach Washington. Nur gut, daß wir die Fahrkarten schon in der Tasche haben.«

Der Zufalls-Glückstreffer in Philadelphia

Berliner und Gaisberg fuhren jedoch nach Philadelphia. Ein Telegramm von Mister Karns hatte sie dorthingerufen. Sie trafen sich mit dem Stahlfabrikanten Thomas Parvin, seinem Partner Max Bierbaum, dem Kleiderhersteller Joseph Goldsmith und den Kaufleuten William Armstrong und Thomas Latta.

Mit fünfundzwanzigtausend Dollars Kapital wurde am 8. Oktober 1895 die Berliner Gramophone Company in Philadelphia mit ihrem Geschäftssitz in der Filbert Street und einem Laden in der Kastanienallee gegründet.

(5) DIE PATHE-PHONISCHE EPOCHE
(Zurück nach Europa)

Die Tür flog auf, und Monsieur Lignot stürmte ins Büro. »Der Lenz ist da, mein lieber Charles!« rief er laut.

Der kleine Angestellte Charles Pathe zuckte zusammen und zupfte sich verlegen die Ärmelschoner vom abgeschabten Jackett. Der blasse Neid packte ihn jedesmal, wenn der braungebrannte und temperamentvolle Lignot ihn besuchte, der immer fidele Musiker mit den breitkarierten Modeanzügen.

Die Chance liegt auf dem Jahrmarkt

Jeden zweiten Tag kam Lignot in sein kleines Bürozimmer in der Rue de Rivoli gerannt und versuchte Charles Pathe klarzumachen, daß diese Welt kurz vor der Jahrhundertwende ein phantastisches, riesengroßes Spectaculum neuer Gründungen und Erfindungen sei. Man brauche nur zuzugreifen und mitzumachen, dann sei man im neuen Jahrhundert ein gemachter Mann.

»Schau deinen Bruder Emile an: der hat's zu einem eigenen Likör- und Tabakimport gebracht. Dein Talent ist nicht geringer, Charles. Du mußt es nur den Leuten beweisen.«
»Das heißt also, daß ich mein Talent auf den Jahrmarkt tragen soll.«
Lignot schaute ihn belustigt an. Dann rief er: »Jawohl! Jahrmarkt - das ist genau die richtige Idee! Komm mit, wir fahren nach Vincennes!«

Tatsächlich ließ Charles sich überreden. Und er sollte es später nicht bereuen. Der Tag, da er dem gewohnten Einerlei seiner öden Alltagsarbeit entfloh, wurde zum Angelpunkt seiner Karriere.

Charles Pathe wird weich geknetet

»Du weißt doch, daß ich keine Zeit habe«, knurrte Pathe.
»Ich weiß, ich weiß, mon ami!« lachte Lignot. »Du hast keine " Zeit zum Leben. Du schuftest für fremde Leute. Vertrödelst deine Jugend und merkst nichts von der Welt da draußen.«
»Was ist denn draußen los?«
»Oh, große Dinge, Herr Sekretarius! Überall wird gegründet und erfunden, gebaut und verkauft. Wer den Anschluß verpaßt, hat selber schuld. Melde dich krank, Charles, und komm mit mir!«
»Pst, nicht so laut!« zischte Charles Pathe. »Wenn das mein Chef hört!«
»Du solltest längst selber Chef sein! Herrjeh, so ein Kerl wie du! Einunddreißig Jahre alt, gescheit und ehrgeizig. Und verheiratet mit der schönsten Frau von Paris. Warum wühlst du dich hier in den Akten fest?«
»Ich muß Geld verdienen...«
»Vor genau einem Jahr hattest du sechzig Francs in der Tasche -das war am Tage deiner Hochzeit. Und hast du heute etwa mehr ? Na also. Dein Leben hat keine Musik, Charles!«

Ja, da war es wieder, dieses Wort seines Freundes Lignot. Charles Pathe dachte darüber nach... Sein Leben hatte wirklich keine Musik. Es fehlte ihm der Glanz. Er hatte eine schöne und geliebte Frau zu Hause, und er arbeitete für sie. Aber sein Gehalt würde nie ausreichen, um sie zu verwöhnen...

Charles Pathe stolpert über den Edison-Phonographen

Er fuhr also mit seinem Freund, dem Musiker Lignot, zur großen Messe nach Vincennes. Neugierig drängte er sich mit ihm durch die heitere, aufgeregte Menschenmenge.
An einer kleinen Bude blieben die beiden stehen. Ein großes, buntes Plakat verkündete den

»APPARAT, DER DIE WELT VERRÜCKT MACHT!«.
Den Edison-Phonographen!


Jung und alt, arm und reich strömten in die Bude und bestaunten den kleinen Apparat mit dem Wachszylinder und dem schwarzen Kautschuktrichter. Dieser Apparat machte Musik, ohne daß dafür eine Kapelle benötigt wurde. Drei Standardstücke standen auf dem Repertoire:
»Auf in den Kampf!« Ouvertüre zu »Wilhelm Teil« Tyrolienne
Jede Vorstellung, die dieser Apparat gab, dauerte weniger als drei Minuten und kostete zwei Sous. Der Besitzer konnte je Vorstellung von den Zuhörern etwa zwei Francs kassieren.

Charles Pathe staunte. Und er begann zu rechnen...

Wenn dieser Apparat etwa drei bis vier Stunden am Tage spielt, bringt er etwa fünfundsiebzig Francs ein. Nicht schlecht!

Aufgeregt erzählte Charles Pathe am nächsten Tag seinem Bruder Emile diese Geschichte. »Laß uns auch solche Apparate aufstellen«, beschwor er ihn. »Das wird ein Geschäft werden in deinem Bistro am Pigalle. Die Leute hören gern Musik, Emile. Und außerdem staunen sie gern über die Technik, glaub mir das.«

Emile Pathe winkte ab. Nein, er wollte mit solchen »kleinen Fischen« nichts zu tun haben. Auch nicht in seiner Kneipe.

Charles aber blieb bei seiner Idee. Und auch seine junge Frau war gleich begeistert, als sie davon hörte. »So ein Edison-Phonograph kostet tausend Francs«, erklärte er ihr. »Weitere achthundert Francs braucht man für Zubehör.«
»Aber so viel haben wir nicht«, sagte Madame Pathe. »Schreib doch mal an deine Mutter. Geh noch mal zu deinem Bruder...«

So hat er alle Freunde angepumpt

Charles Pathe bemühte sich bei seiner Familie, doch er erntete keinerlei Interesse für seine Jahrmarktspläne.

»Gut, dann bauen wir unseren Laden eben allein auf«, sagte er endlich und lieh sich das nötige Geld bei seinen Freunden. Auch der Musikus Lignot gab, was er entbehren konnte. Und zehn Tage später war Charles Pathe glücklicher Besitzer eines Edison-Phonographen. Er ließ sich Urlaub von seinem Büro geben und studierte die Bedienung des »Apparates, der die Welt verrückt macht«. Drei Tage brauchte er dazu.
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Der 9. September 1894 - Beginn eines Erfolges

Dann fuhr er mit seiner Frau gemeinsam zur »Premiere«. Mitten in Vincennes stellte er seinen Phonographen auf und ließ ihn spielen. Es war der 9. September 1894.

»Ich habe keinen Sous mehr in der Tasche«, flüsterte er seiner Frau zu. »Nicht mal ein Rückfahrtbillet. Wenn jetzt mit unserem Apparat irgend etwas passiert, können wir uns gleich begraben lassen.«

»Keine Angst!« antwortete sie und lächelte die Zuhörer an. Die Leute zahlten und wollten nun etwas für ihr Geld erleben.

Und sie wurden nicht enttäuscht! Die Sache klappte besser als erwartet. Die Pathes verdienten am ersten Tag über zweihundert Francs!

»Zweihundert!« Pathe umarmte seine junge Frau. »So viel habe ich vor kurzem im ganzen Monat nicht verdient. Es geht aufwärts mit uns!«

Charles Pathe steigt ins Musikgeschäft ein

Ein paar Tage später erhöhten die Pathes ihre Preise auf zehn und sogar auf zwanzig Sous. Und die Leute zahlten ohne Murren.

Eine Woche später war so viel Geld beisammen, daß Pathe sich einen Wagen mieten konnte. Er packte seinen Phonographen in eine mit Samt ausgeschlagene Kiste und transportierte ihn zur Notre-Dame-des-Angers. Dort blieb er acht Tage lang. Und siehe da - die Leute strömten auch dort in hellen Scharen herbei und priesen Pathes Phonographen als die Sensation des ausgehenden Jahrhunderts.

Alles auf Heller und Franc zurück gezahlt

Als er nach Paris zurückgekehrt war, konnte er seine Bürostellung in der Rue de Rivoli kündigen und außerdem das Geld zurückzahlen, das ihm seine Freunde für den Phonographen geliehen hatten. Mehr noch: er konnte eine ganze Jahresmiete vorauszahlen und den fünften Teil seiner Möbelschulden abtragen, die er sich vor einem Jahr anläßlich seiner Hochzeit aufgeladen hatte.

Lignot umarmte ihn voller Begeisterung. »Großartig!« rief er aus. »Gestern warst du noch ein Federfuchser mit Ärmelschonern - heute bist du Musikunternehmer. Ja, du hast dein Talent auf den Jahrmarkt getragen, mon ami, und das war dein Glück. Jetzt hat dein Leben endlich Musik!«

Charles Pathe legt los

Charles Pathe ruhte nicht. In den folgenden Monaten unternahm er ausgedehnte Tourneen in die umliegende Provinz. Er kaufte einem Mister Kumberg aus London vier englische Phonographen zum Pauschalpreis von dreitausend Francs ab, und bald begann er sogar für sein Unternehmen zu inserieren.

Er hatte nun so viele Phonographen, daß er sie an getrennten Orten spielen lassen konnte. Bei der Verbreitung des Geschäftes half die junge Frau Pathe tüchtig mit. So war es vor allem ihre Idee, große, bunte Sonnenschirme anzuschaffen, die die Wachszylinder vor den Sonnenstrahlen schützen und gleichzeitig das Publikum anlocken sollten.

Allerorten blieben die Leute vor den auffälligen Pathe-Pilzen stehen, hörten Musik, kamen näher und - zahlten! Charles Pathe war ein Manager des Musikgeschäfts geworden.

»Durch Zufall machte ich die Bekanntschaft mit Edisons Phonographen, und daraus entsprang mein ganzes Glück«, schrieb er dreißig Jahre später in seinem Buch »Ratschläge und Erinnerungen eines Parvenüs«. An anderer Stelle drückte er dieses Bekenntnis als philosophische Maxime aus: »Der Erfolg ist immer das Resultat einer Chance, multipliziert mit Energie und Kenntnissen.«
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Der Pathe-Hahn und seine goldenen Eier

Die Jahrmarktserfolge des jungen Pathe waren so sensationell, daß nun auch Bruder Emile nicht länger von »kleinen Fischen« redete. Im Gegenteil: er raffte sein mit Likör und Tabak verdientes Geld zusammen und steckte es in das aufblühende Musikgeschäft seines Bruders.

Jetzt gab es auch keinen Hinderungsgrund mehr, den Phonographen in der Kneipe an der Place Pigalle aufzustellen. Nachdem er dort im Herzen des Pariser Vergnügungsviertels seine Stimme erhoben hatte, nannte man ihn bald den »Hahn vom Montmartre«.

Dieser »Hahn« krähte so kurios, daß er den ganzen Hühnerhof der Montmartre-Bewohner in Aufregung versetzte.
»Siehst du, Emile«, sagte Charles. »Was jetzt in dein Bistro kommt, will nicht nur Aperitifs trinken, sondern auch Musik hören. Die meisten kommen sogar nur wegen der Musik, gibst du das zu?«

Emile gab es zu. Er merkte es beim allabendlichen Kassensturz: Der »Hahn« kurbelte den Alkoholumsatz erheblich an! Er lockte eine bunte und interessierte Kundschaft in seine Kneipe, die bald darauf in »Bar americain« umgetauft werden konnte.

Nach einiger Zeit kamen auch Touristen von weit her gereist und erkundigten sich nach dem »Kikeriki« des Montmartre-Hahns. Und viele von ihnen fragten nach dem Preis des Phonographen.

Die Pathes eröffneten eine Fabrik

Hand aufs Herz - diesen Effekt hatten weder Charles noch Emile vorausgesehen. Doch sie bewiesen sich sogleich als Kaufleute, die kein Geschäft anbrennen lassen, und nutzten die günstige Nachfrage aus. Im Vorort Belleville mieteten sie einen Maschinenladen, in dem sie eine genaue Nachbildung des Edison-Phono-graphen herstellen ließen. Von diesem Tag an verkauften sie nicht nur klingendes Repertoire, sondern auch Apparate.

Die Brüder Pathe waren Produzenten geworden!

Das Geschäft mit ihrem »Hahn« ließ sich so gut an, daß Charles und Emile Pathe ein Jahr später, 1896, die Firma Pathe-Freres gründeten, eine Societe für Sprechmaschinen. Frei von jeder Zimperlichkeit zogen sie ihr Geschäft in großem und imponierendem Stil auf.

Der gallische Hahn - zugleich ein sinniges Symbol für den Bistro-Phonographen - wurde zum Firmenzeichen dieser hoffnungsvollen Pariser Brüderfirma.

Eine der ersten großzügig geplanten Pathe-Taten: Charles und Emile reisten gemeinsam über den Großen Teich und besuchten in Amerika Thomas Alva Edison, den »Zauberer von Menlopark«. Als sie nach Europa zurückkehrten, hatten sie einen Vertrag in der Tasche, der ihnen den Vertrieb und die Auswertung des Edison-Phonographen, des Kinetoscope und einiger von Edison hergestellter Filmstreifen sicherte.

Film und Phonographie - das waren nun die beiden Säulen, auf denen die Firma Pathe-Freres zum Weltunternehmen wurde. Das waren die beiden goldenen Eier, die der Pathe-Hahn von dieser Zeit an voller Stolz bekrähte.

Futter für den Hahn

Wer einen Hahn hat, muß ihn auch füttern. Wer Phonographen herstellt, muß auch ein Repertoire dazu liefern. Er muß Musiker engagieren und ihre Leistungen in Wachszylinder graben.

Zur Apparatewerkstatt in Belleville mit zweihundert Arbeitern addierten die Pathes bald die Walzenproduktion in Chatou, eine Fabrik mit zunächst einhundertfünfzig Arbeitern und einer Grundfläche von vierzigtausend Quadratmetern. Aus Chatou wurde schnell die größte phonographische Werkstatt des Kontinents.

Das Hauptquartier der Firma lag in der Rue de Richelieu 98; hier residierten Charles und Emile Pathe als unbeschränkte Direktoren - wohlsanierte Männer im Frack, mit silbergrauen Schleifen.

Unter dem gleichen vornehmen Dach befand sich auch das Aufnahmestudio der Pathe-Freres. Hier gingen die Künstler der Grand Opera und der Music Halls ein und aus: Primadonnen und Chansonetten, Geiger, Komiker, Bauchredner und Heldentenöre. Die Rue de Richelieu wurde zu einem kulturellen Mekka in der an Kultur gewiß nicht armen Seine-Stadt.

1889 - Fertig zur Aufnahme!

In allen Stockwerken herrschte eine quicklebendige Geschäftigkeit. Eines Morgens schneite Monsieur Charlus, der beliebte junge Reisestar der Gaite-Rochechouart, ins Pathe-Haus und verkündete bereits auf dem Korridor, er wolle am Vormittag vierzig Aufnahmen machen.

»Mon Dieu, vierzig!« lachten die Techniker. Aber Charlus bewies, daß er Nerven und Stimmbänder wie Stricke hatte, und machte sein Wort wahr. Alsdann nahm er ein kleines Frühstück zu sich und schickte am Nachmittag nochmals vierzig Aufnahmen in den Trichter. Danach verließ er heiser, aber ungebrochen das Pathe-Haus in der Rue de Richelieu.

Pathes Zylinder kosteten um die Jahrhundertwende 1,25 bis 2 Francs. Fünfzehnhundert Titel standen damals im Katalog.

Auf dem Boulevard des Italiens befand sich Pathes Phonographischer Salon, in dem das Publikum alle Neuerscheinungen abhören konnte. Es war ein wahrer Luxuspalast mit Seidentapeten, Fächerpalmen, roten Plüschsesseln und spiegelblanken Mahagonimöbeln. Die elegantesten Besucher kamen herein, ließen sich in den sündig tiefen und weichen Polstern nieder, warfen lässig ein Fünfzehn-Cent-Stück in den Schlitz eines Phonographen und lauschten mit dem Hörrohr der gewünschten Musik.

»Schnelle Musik! Vom Wählen bis zum Hören nur zehn Sekunden«, so hieß die Devise des Pathe-Salons. Fröhlich rotierten die Wachszylinder in der Kulturtankstelle am Boulevard des Italiens. Die Sache gefiel. Das Geschäft florierte sensationell.

Die Pathes steigen in das Filmgeschäft ein

Zur gleichen Zeit kauften die Pathes von den Brüdern Lumiere alle Rechte ihrer kinemathographischen Erfindungen und ließen in Vincennes, dem Startplatz der Karriere von Charles Pathe, Frankreichs erstes großes Filmatelier errichten.

Zehn Jahre später fanden sie eine Möglichkeit, Film- und Phonogeschäft sogar zu koppeln. Die Pathe-Freres stellten den zweihundertneunzig Meter langen »Don-Juan«-Film her, einen der frühesten Opernfilme überhaupt. Das handkolorierte »Tonbild« wurde damals mit synchroner Grammophonbegleitung vorgeführt. Es gab dabei allerdings noch einige Kinderkrankheiten. Während im Grammophontrichter noch die Abschwörungsarie des Liebeshelden erklang, war dieser auf der Leinwand bereits vom Abgrund verschluckt worden und lag stumm vor Schreck in den schönen Armen der Donna Elvira.

La Vie Parisienne!

Pathes populäre Musiktrichter (Marke »Le Coq«) verabschiedeten das alte Jahrhundert und begrüßten das neue. Sie lieferten die erregende Begleitmusik zu jener Epoche, die man »Vie Parisienne« genannt hat: die Zeit der Operette, der frivolen Lustspiele, der Chansons und der Konzertcafes. Pathe registrierte die Stars jener Zeit in Wachs und erhielt ihre Stimmen der Nachwelt.

Polin, der unvergessene »Pioupiou«, schrieb damals: »Monsieur Pathe! Ich habe das Ergebnis Ihrer hervorragenden Tonaufzeichnungen gehört, und ich will ohne Zögern sagen: das ist das Außergewöhnlichste unserer Epoche!«

Nach Polin fanden später auch andere Künstler solche Worte des Lobes: Dranem, Mayol, Aristide Bruant, Yvette Gilbert und die Mistinguett. Die ganze »Bei Epoque« pries sich glücklich, daß Pathe ihren künstlerischen Bemühungen phonographischen »Ewigkeitswert« verlieh.

Im Jahre 1902, als die Fabrik in Chatou zweihundert Phonographen herausbrachte, schrieb die große Tragödin Sarah Bernhardt an Emile Pathe: »Das, was Ihr Phonograph uns hören läßt, ist höchst bewunderungswürdig! Ich sehe meine Hoffnungen erfüllt. Alles, was ich hörte, ist sauber und höchst vollkommen. Ich bestätige Ihnen das!«

Pathe stellt auf Schallplatten um

Fünf Jahre später stellte Pathe die Walzenproduktion ein und brachte seine Aufnahmen nun per Schallplatte heraus.

Auch auf dem Gebiet der Schallplatte blieben die Pathe-Freres - später die Pathe-Marconi - die marktbeherrschende Phono-gruppe in Frankreich. Sie erreichte und überschritt als erste Firma in Europa die Millionenauflage; sie war in der Lage, dem Sänger Tino Rossi die Goldene Gitarre zu verleihen, nachdem zehn Millionen Schallplatten von ihm verkauft worden waren.

Sie machte Namen wie Yvette Gilbert, Mistinguett, Josefine Baker, Lucienne Boyer und Edith Piaf groß, später Luis Mariano, Gilbert Becaud und Gloria Lasso. Nicht geringer sind ihre Verdienste auf klassischem Gebiet; die berühmte Serie Les Gravures Illustres wurde zum Forum der größten Musikkünstler unserer Epoche.

Die Pathe-Marconi hat in hohem Maß dazu beigetragen, daß die französische Musikindustrie heute fast die Größenordnung von Haute Couture und Parfüm hat.
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1929 - Charles Pathe resumiert

1914 verlieh man Charles Pathe das Rote Band der Ehrenlegion. Und fünfzehn Jahre später konnte dieser Mann die stolze Bilanz niederschreiben:

»Jetzt haben mein Bruder und ich mit einem mittleren Kapital von zwanzig Millionen Francs glücklich dreihundertzwanzig Millionen flüssig gemacht - abgesehen von den zweihundertdrei Millionen Francs Dividenden und nicht mitgerechnet die achtunddreißig Millionen Francs, die zwischen 1918 und 1929 für die Phonographie weggingen.«

Die Weltfirma Pathe-Marconi war zum Zeitpunkt dieser Niederschrift weit über das Objekt ihres Starts, weit über die Phonographie, hinausgewachsen.

»Ich werde vielleicht wenig bekannt sein«, schrieb Charles Pathe am Ende seiner Tage, »aber ich bin sehr reich. Und das ist das wenigste, was ich bedaure.«

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