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Über die Braun LV720 Aktivbox (eine aktive L710/1)

Der Staub nach 30 Jahren
vermutlich aus dem Schlafzimmer
Die LV720 (links) ist etwas tiefer als die L710/L715
Das Basschassis samt Staub
Die Box war bestimmt lange nicht mehr in Betrieb, das ist Staub von zwei Jahrzehnten.

Warum gerade diese hier ? Der (historische) Weg der ersten erfolgreichen aktiven Boxen führt von den Braun Kalottensystemen in der LV1020 (1971) über die LV720 (1973) über die HECO P7302 SLV etwa 1975 zu den Canton Ergo Aktiv Boxen (1980) und den Grundig XSM 3000 auch etwa um 1980, wobei die LV1020 nicht so erfolgreich war wie die LV720.

Hintergrund:
Die aktiven LV720 Boxen sind bei Braun etwa 1971/72 aus den passiven L710/1 (1969) entwickelt worden. Entgegen aller Gerüchte oder Legenden war der Lautsprecherentwickler Seikritt zu der Zeit bereits gar nicht mehr bei Braun, er war bereits 1964/65 zu Heco gewechselt. Sein Nachfolger F. Petrik hatte diese Lautsprecher entwickelt.

In die LV720 wurden eine aktive Frequenzweiche sowie 3 getrennte Endstufen (aufgeteilt auf vier getrennte Platinen) eingebaut. Die Nennleistungen der drei Leistungs- Endstufen wurden mit 20W / 22W / 60W angegeben.

Laut der verfügbaren Bilder könnte der Trafo aus der 100 Watt Klasse kommen
. Das Gehäuse der LV720 ist etwa 2cm tiefer als das der passiven (nahezu gleich bestückten) L710.

Mit einem sehr ähnlichen Konzept und auch zwei Bass-Chasssis kam bei Heco etwas später 1972/73 die aktive P7302 SLV (später als Version /K für Rundfunkstudios) heraus, die sich ab etwa 1974 zu den Rundfunkanstalten herumgesprochen hatte. Diese Box "klingt" nicht (lobten die Exerten), sondern sie reproduziert elektrische Signale klangneutral in Töne.

Als dann Wolfgang Seikritt als einer von 3 Partnern im Spätherbst 1972 bzw. Anfang 1973 die Firma Canton (mit) mit gegründet hatte, kam dort etwa 1979/80 die weiter verbesserte Canton Ergo Aktiv Boxen heraus. Von  Grundig kam etwa zeitgleich die XSM 3000 heraus, aber mit kraftvollem Grundig Sound.

Alle diese Weiterentwicklungen von "klangneutralen" Aktivboxen (außer bei Grundig) haben ihre Wurzeln in der Erfahrung mit der Entwicklung der Braun Kalottenlautsprecher um 1964.

Im März 2011 sind sie eingetroffen.

Wie allermeist üblich, haben die Boxen auf der "Unterseite", also auf der Seite, auf der sie immer gestanden hatten, deutliche Schleifspuren. Alle anderen Seiten machen jedoch einen guten Eindruck. Nur die Frontabdeckung ist etwas arg verdallert. Nach dem Öffnen kommt der Schreck in der Abendstunde. So viel Staub habe ich noch nie hinter einem hölzernen Grill oder einer Bespannung oder einer Lochblechabdeckung gesehen, oder gar "in" irgendwelchen Lautsprechern. Die Chassis sind nahezu "randvoll" mit Staub und Staubflusen, obgleich diese Abdeckungen vermutlich noch nie geöffnet wurden. Auch die Endstufen waren noch nie draußen und die Chassis haben alle noch den originalen Lacktupfer auf den Schrauben.

Nach dem Absaugen mit einem Saugpinsel macht dennoch alles einen super intakten Eindruck, nichts ist gerissen oder durchlöchert. Sie sind einfach nur 38 Jahre alt.

Der erste Blick gilt den beiden Verstärker-Einschüben

Bei der Braun LV 720 sind die Leistungs-Verstärker jeweils in einem eigenen Kasten (vom Innenteil des luftdichten Lautsprecherbereiches getrennt) untergbracht.

Die Wärme wird durch die Kühlrippen des Grundchassis (es ist ein recht großer Druckgußkörper) sowie durch eine mögliche Konvektion mittels einer Menge von kleinen Löchern zwischen den Kühlrippen nach außen abgeführt. Über diese Bohrungen kann damit auch etwas Staub dort hinein kommen.

Alle Verstärker- Komponenten sind auf diesem Druckgußkörper aufgeschraubt und liegen innerhalb des Boxengehäuses. Nach draußen gibt es den Netzschalter und drei Einstellregler.

Zu den vier Lautsprecherchassis gibt es ein gemeinsames (in der Durchführung abgedichtetes) Kabelbündel.
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Die Braun Verstärker-Elektronik von 1971 war leider nicht mehr der Zeit entsprechend "State of the Art" . . .

Der Verstärker-Einschub ist modular aufgebaut und wurde für Braun (fremd-) gefertigt. Bei Braun gehörte diese "Aktiv"- Konzeption mit zum Hifi-Gesamtprogramm der Receiver-Vorverstärker und so wurden Braun spezifische Eigenschaften integriert. Die Endstufen werden vom Tuner- Vorverstärker über ein zusätzliche Leitung im NF-Kabel aktiviert. Das Netz-Relais bekommt seinen Strom über die 7polige NF-Zuleitung. Mit dem zusätzlichen Netzschalter konnte dieses Relais auch überbrückt werden.

Es gibt zwei unterschiedliche Typen von Vorverstärkerplatinen, eine Type für den Mittel- und den Hochton- und eine andere für den Bassverstärker. Alle Verstärker wie auch die Frequenzweiche sind noch diskret aufgebaut, im Gegensatz zu der Heco P7302, bei der schon die modernen Operationsverstärker eingesetzt wurden. Der wichtige Netztrafo könnte ein 100 Watt Typ sein, doch da kann man von außen nicht reinsehen. Bei der Heco (nur die ersten Serien) zum Beispiel ist der Trafo arg schmalbrüstig.

Die Lautsprecher sind noch über Kondensatoren an die Endstufe angekoppelt. Das hat insbesondere im Bass erhebliche Nachteile verglichen mit direkt gekoppelten Chassis. Der Verstärker hat bei höheren Lautstärken schlechte Dämpfungseigenschaften für Eigenbewegungen und Ausschwingverhalten. Eigentlich konnten das die Braun Entwickler zu diesem Zeitpunkt schon besser.

Die Kondensatoren müssten bzw. sollten getauscht werden.

Daß Kondensatoren altern und damit ihre Funkton verlieren, ist den Elektronikern bekannt. Darum sind ja manche ebay Preise jenseits aller Vernunft. Nicht nur die dicken Elkos im Netzteil sind anfällig oder bereits defekt, auch die Kondensatoren in den Signalwegen bekommen ihre Zipperleins und dann klingt es nicht mehr oder es kommt gar kein Ton raus.

Diese Elkos datieren von der KW 04 aus 1974. Das bedeutet, diese Lautsprecher wurden im Frühjahr 1974 hergestellt.

Auf den Platinen sind jede Menge Becher-Elkos dieser Typen verbaut. Es müsste also jede Menge an Kondensatoren getauscht werden.

Treiberverstärker links
Treiberverstärker mitte
Treiberverstärker rechts

Die Lautsprecher-Stecker:

Die Lautsprecher sind mit sehr fest sitzenden Kabelschuhen auf den Treiber-Platinen aufgesteckt. Alle Kabel sind farblich markiert, wenn man sich vorher gemerkt hatte, welches Pärchen wo angesteckt war.

Darum auch hier diese Bilder. Welche Lautsprecher da dran hängen, werden wir später dem Schaltplan entnehmen.

Der Schaltplan sowie das Service Handbuch
in mehreren verschiedenen Varianten für die verschiednene Versionen sind schon eingetroffen.
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links die L710, rechts die L60
3,4 Ohm sind schon heftig niedrig

Die Last an der Bassendstufe

Die beiden LV720 Basslautsprecher mit je nominellen 8 Ohm sind parallel geschaltet und so halbiert sich der Widerstand bzw. die Impedanz.

Bei aktiven Boxen gibt es auch keine Drosseln oder sonstigen passiven Bauteile in diesem Kreis. Damit hätte sowohl der Verstärker wie auch das Chassis optimale Bedingungen.

Das gilt aber nur, wenn alle Komponenten ihre Spezifikationen einhalten. In den LV720 haben wir bei ausgebautem Verstärker niedrige 3,4 Ohm (für beide Chassis zusammen) gemessen. Das Einzelchasssis einer L710/1 hatte auch nur 6,1 Ohm. Bei einer Parallelschaltung solcher zweier Chassis kommen wir ganz dicht an die 3 Ohm Marke zuzüglich der Drossel. Das ist für eine (4 Ohm) Endstufe deutscher Bauart grenzwertig.

Und noch ein paar Fehlerquellen

Es ist erstaunlich, wie bei Braun solche Lötstellen an den Lötösen der Basschassis durch die Endkontrolle durchlaufen konnten, ohne bemängelt zu werden. Zwischen dem (Anschluß-) Drahtende in dem Löttropfen und dem metallnen Chassiskorb passte bei mir gerade mal ein Fetzen Papier einer Seite einer Tageszeitung.

Bei der geringsten mechanischen Schwingung der Anschlußdrähte hätte es im Betrieb einen Kurzen geben können. Und ob die Endstufe das wirklich überlebt hätte ? Wer hätte dann noch den zufälligen Fehler bei den Chassis gesucht und nicht auf ein Versagen der Endtransistoren getippt ? So konnte man einen Braun Händler auch damals schon zum Wahnsinn treiben.

Die Weiterentwicklungen der Spezialisten sind bereits da.

Wie wir wissen, ist der Lautsprecherentwickler Wolfgang Seikritt mit seinem Wissen um die Kalottenhochtöner 1964/65 zu Heco übergewechselt und hat dort den Vorläufer der aktiven P7302/SLV mit aus der Taufe gehoben (und ist danach sogleich als Mitbegründer zu Canton gewechselt und hat danach seine eigene Firma AXIOM aus der Taufe gehoben - die dann wieder später mit ELAC in Kiel verschmolzen wurde).

An der Heco-Box P7302 kann man teilweise sehen, was bei der Braun LV720 hätte verbessert werden können oder sollen.
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