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16 Gedanken zu Surround-Aufnahmen

Vortrag gehalten auf der 22. Tonmeistertagung 2002
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Stiefkind Audio

Seit Beginn der Audiotechnik haben sich der Kinoton und der Ton im Heim wechselseitig Impulse gegeben /1/. Die Surround-Technik hat im Kino begonnen, wo inzwischen bereits mit noch mehr Kanälen als 5.1 gearbeitet wird. Dabei ist die Filmindustrie ein so starker Werbeträger für den Mehrkanal-Ton, dass DVD-Videos inzwischen in vielen Wohnzimmern Einzug gehalten haben.

Für reine Audio-Anwendungen gibt es aber kaum Werbung, schlimmer noch, dem Fachhandel fehlt meist sogar die Kompetenz, mit der beim Endverbraucher der Wunsch nach Musikproduktionen in Surround geweckt werden könnte.

Erfolgsbremsen

Leider werden den Videokunden oft Anlagen mit Minilautsprechern verkauft, die manchmal in Kombination mit dem Bild noch recht gut wirken, aber bei reiner Audiowiedergabe den falschen Eindruck erwecken, dass Surround nichts taugt. Es muss klargestellt werden, dass Mehrkanalanlagen klanglich nur dann mit guter Stereowiedergabe konkurrieren können, wenn Lautsprecher gleicher Qualität verwandt werden. Dementsprechend muss auch der Preis höher sein. Auch das Filmerlebnis profitiert von besseren Lautsprechern.

Die Hi-Fi-Fachpresse leistet ihren Lesern und auch sich selbst einen schlechten Dienst, wenn sie dazu animiert, Geld in „goldene Kabel“ und allerlei sonstigen Voodoo zu investieren, statt die große Bedeutung guter Lautsprecher und deren Aufstellung zu proklamieren.

SACD und DVD-Audio sind beide gut gemeint, aber der Systemstreit verunsichert viele potenzielle Käufer derart, dass sie lieber nichts kaufen. Als guter Kompromiss dienen derzeit oft DTS-codierte CDs.

Die Diskussion um den Sinn des Center-Lautsprechers ist ebenfalls schädlich. Beim Heimkino ist er eine Notwendigkeit und auch bei Audio ist er eine Bereicherung, wenn er richtig aufgenommen wird /2//3//4/. Dann ist der Center allerdings auch unentbehrlich. Wer mit nur zwei Lautsprechern wiedergeben will, muss auf Stereo umschalten, ebenso wie eine gute Stereoaufnahme das Umschalten auf Mono erfordert, wenn keine Information verloren gehen soll. Dies bedeutet im reinen Audiobereich ein Umdenken. Einfach ist dieses Umschalten allerdings auch nicht, da die Kompatibilität zwischen den beiden „Qualitäts-Formaten“ 5-Kanal und 2-Kanal problematisch ist /5/.

Die Nutzung des Center-Lautsprechers wird übrigens auch durch die Geräteindustrie provoziert, weil fast alle DVD-Player für die Bedienung ihres on-screen displays (OSD) einen Fernseher benötigen. Da der Center aber für Video unerlässlich ist, kann man ihn doch auch gleich für Audio nutzen. Mit drei kleinen aktiven Studiomonitoren und einem Subwoofer ist das Aufstellungsproblem oftmals nicht mehr so groß wie oft behauptet wird.

Verlockungen des Surround-Erlebnisses

Klang und Tiefbass
Bevor die Stereofonie die Klangwelt bereicherte, erfreute sich der Hörer an „High Fidelity“. Der Filmton entspricht diesem Ideal gelegentlich etwas weniger, aber dessen überzogene Tiefton-Wiedergabe kann auch Spaß machen. Dies ist natürlich kein spezielles Merkmal von Surround, aber ein satter Bass wirkt im Zusammenhang mit Surround besonders gut. Im Kino wird dies ausgiebig genutzt.

Lokalisation
Auch wenn nicht jedermann Wert darauf legt, einzelne Schallquellen aus verschiedenen Richtungen wahrzunehmen, ist die Lokalisation ein besonders wichtiges, Freude machendes Merkmal der Stereofonie. Wer wäre schon bereit, links und rechts zu vertauschen? Bei Surround wird darüber hinaus das Hörerlebnis durch Eindrücke zwischen vorne und hinten in besonderer Weise aufgewertet. Detailliertere Erklärungen zur Lokalisation folgen im Kapitel „Kernthema Lokalisation.“

Hörzone / Stabilität von Phantomschallquellen
Die klassische Stereofonie hat den Mangel, dass die Lokalisation nur in einem schmalen Bereich um die Mittelachse zwischen den beiden Lautsprechern möglich ist. Surround darf nicht dazu führen, dass dieser Bereich durch einen Punkt, den „sweet spot“ ersetzt wird. Das Gegenteil ist für den Erfolg von Surround nötig und möglich /6/. Phantomschallquellen können in einer größeren Hörzone stabil wahrgenommen werden.

Räumlichkeit und Umhüllung
Ein weiterer Parameter der Stereofonie ist die Empfindung in einem anderen, meist größeren Raum zu sein, als dies tatsächlich der Fall ist. Bei Surround besteht dabei die Gefahr, dass der Gesamteindruck in „Vorn + Hall von hinten“ zerfällt. Gute Aufnahmen müssen daher eine Umhüllung vermitteln, wie wir sie von realen großen Räumen gewohnt sind.

Kategorien von Surround-Aufnahmen

Wer aufmerksam Surround hört, kann die Produktionen in vier Kategorien einteilen:

1. Effekt-betonte Surround-Aufnahmen
Viele akustische Eindrücke im Kino imponieren durch den Einsatz von Effekten. Aber auch im Audio-Bereich ist deren Anwendung nicht neu. Man denke nur einmal an die Beatles-Produktionen, bei denen der Gesang nur im linken Kanal übertragen wurde und die Gitarre im rechten. Damit wurde auch „Otto Normalverbraucher“ klar, was Stereo bewirken kann. Ohne substanziellen Informationsverlust konnte man entweder nur richtig zweikanalig hören oder mono. Die Kompatibilität war auf diese Weise auch in besonderer Weise gegeben.

Natürlich ist eine derartige „Holzhammermethode“ nicht auf Dauer Erfolg versprechend, aber vielleicht wenigstens für eine Demonstration geeignet, was man mit dem Center-Lautsprecher machen kann. Aufnahmen, bei denen z.B. eine Solostimme trocken im Center übertragen wird, können sehr überzeugen /7/. Wer diesen Center weglässt, dem wird etwas fehlen.

2. Risikolose Surround-Produktionen
Natürlich gibt es auch Produzenten, die sich sorgen, dass eine Fehlanwendung beim Verbraucher (z.B. fehlender Center-Lautsprecher) zu einer schlechten Beurteilung der Aufnahme führen könnte. Um dies zu vermeiden, kann man allen Kanälen sehr ähnliche Signale liefern, die z.B. unterschiedlich verhallt sind und eventuell auch verschiedene Frequenzgänge aufweisen. Niemand kann dann reklamieren, dass z.B. ein Kanal ohne Signal ist, und wenn ein Kanal ausfällt, schadet es auch kaum. Leider muss man aber sagen, dass mit einem solchen Lösungsansatz die Chancen von Surround vertan sind. Ähnliche Ergebnisse lassen sich mit den in guten Surround-Receivern eingebauten Matrizen bzw. Surround-Prozessoren aus vorhandenen zweikanaligen Quellen ableiten.

3. Künstlerisch basierte Surround-Produktionen
Mit Recht betonen viele Tonmeister den künstlerischen Wert ihrer Aufnahmen. Ohne diesen wäre wirklich alle Mühe sinnlos. Es gibt auch bereits Produktionen, bei denen Richtungsinformationen, wie sie nur durch Surround vermittelt werden können, erfolgreich in die Gestaltung der Aufnahme einbezogen werden /8/.

4. Wissenschaftlich basierte Surround-Produktionen
Rein künstlerisch angegangene Aufnahmen unterliegen der Gefahr, keine „Maximalleistung“ der Surround-Technik zu erzielen. Technik ist immer dann besonders erfolgreich, wenn sie durch physikalische Gesetzmäßigkeiten untermauert ist. Während zwei Kanäle noch durch reines Experimentieren optimiert werden konnten, ist dies bei fünf und mehr Parametern höchst unwahrscheinlich. Dies sei ein Plädoyer für die Zusammenarbeit von Künstlern und Ingenieuren mit Kenntnissen der Hörphysiologie.

Produktionsformen

Surround ist die neueste und beste Form von Stereofonie. Für eine erfolgreiche Aufnahme müssen zuerst allgemeine Voraussetzungen erfüllt sein, wie vor allem gute Künstler, und bei Musikaufnahmen ein guter Raum. Dann erst kommt qualitativ hochwertige Technik ins Spiel wie insbesondere auch die Mikrofone, die aber immer jemanden erfordern, der damit umgehen kann. Dabei gibt es mindestens zwei grundsätzlich verschiedene Ansätze, die beide ihre Befürworter haben:

1. Man kann das Schallereignis mehr oder weniger trocken aufnehmen und mittels technischer Maßnahmen in das Endprodukt einbauen. Der bekannteste und häufigste Weg dieser Art ist die Polymikrofonie mit Mischpult, Panoramareglern, Halleinkopplungen usw. Bei Surround kommen ferner Algorithmen ins Spiel, die theoretisch untermauert sind, aber oft nur dem jeweiligen Hersteller bekannt sind.

2. Die zweite Möglichkeit geht von einem natürlichen Schallfeld aus, das es wert ist, aufgenommen zu werden. Darin sind direkter Schall, Erstreflexionen und Nachhall derart enthalten, dass Raumeindrücke originalgetreu vermittelt werden können /9/. Dieser Vorstellung liegen Hauptmikrofone zugrunde. Wenn das Hauptmikrofon seine Bedeutung behalten soll, verzögert man gegebenenfalls die Signale zusätzlicher Stützmikrofone derart, dass die erste Wellenfront nicht durch sie übertragen wird.

Kernthema Lokalisation

Die folgenden Betrachtungen zur Lokalisation beziehen sich vorwiegend auf die letztgenannte Möglichkeit (Ableitung aus dem natürlichen Schallfeld).

Bei fünf Lautsprechern in einer Ebene ist es verständlich, dass auch die Lokalisation in der Ebene stattfindet, obwohl es durch Lernprozesse z.B. beim Hören von Flugzeugen eindrucksvolle Elevationseffekte gibt. Zur perfekten Lokalisation gehört ferner der Abstand zur Schallquelle. Bei gutem Surround kann man die räumliche Tiefe besser abschätzen als bei zweikanaligen Stereoaufnahmen /9/. Bei Aufnahmen, die kaum Abstandshören wohl aber seitliche Richtungen der Schallquellen vermitteln, sprach man schon gelegentlich von „Lateralisation“ statt Lokalisation. Wie bei anderen Parametern der Stereofonie wäre eine mit Beispielen untermauerte Begriffsbestimmung wünschenswert.

Wenn drei vordere Lautsprecher sinnvoll genutzt werden sollen, könnte man auf die Idee kommen, z.B. jedem Instrument eines Trios jeweils einen Lautsprecher zuzuordnen. Das Ergebnis wäre effektvoll und aufnahmetechnisch mit den oben erwähnten alten Beatles-Aufnahmen vergleichbar. Jedermann würde auch begreifen, wozu die drei Lautsprecher dienen.

Leider ist dies aber nur ein Spezialfall, der nicht allgemein befriedigen kann und der keinerlei Tiefeneindruck vermittelt. Was wäre, wenn statt des Trios ein Quintett spielte? Dann würden wir erwarten, dass je ein Instrument den Raum zwischen der Mitte und den außen stehenden Lautsprechern ausfüllt. Weil dort aber keine Lautsprecher stehen, müssen sie durch Phantomschallquellen ersetzt werden.

Die Gesetzmäßigkeiten dafür kennen wir von der Zweikanal-Stereofonie. Obwohl jeder äußere mit dem zentralen Lautsprecher nicht das bekannte gleichseitige Dreieck formt, an dessen einer Ecke der Hörer sitzen sollte, funktioniert die Phantomschallquellenbildung. Alle Theorien, die das Ziel einer korrekten Lokalisation verfolgen, betrachten Sektoren links und rechts von der Mitte oder auch rundum, die jeweils nach den Gesetzmäßigkeiten der Stereofonie zur Lokalisation von Phantomschallquellen führen.

Die Befürchtung, dass dies nur im so genannten „sweet spot“ funktioniert, ist übertrieben. Man bedenke z.B., dass der Direktschall einer Schallquelle, die nur vom mittleren und dem linken Lautsprecher wiedergegeben wird, auch dann noch links geortet wird, wenn man bereits weit rechts steht. Dies ist natürlich nur eine vereinfachte Betrachtung, aber sie zeigt, dass zusätzliche Kanäle die Hörzone erweitern können. Die Wahl geeigneter Signale ist dabei allerdings sehr bedeutsam. Das OCT-Verfahren /4//9/ ist dafür besonders prädestiniert.
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Sinnvolles Center-Signal

Andererseits lassen sich gängige Stereo-Hauptmikrofone nicht derart durch ein zusätzliches Center-Mikrofon ergänzen, dass die Lokalisation verbessert wird. Das ist etwa so, als ob man einen dreibeinigen Tisch durch ein viertes Bein stabilisieren wollte. Die zusätzliche Montage am unveränderten Tisch würde immer einen „Krüppel“ ergeben.

Ebenso wie man beim dreibeinigen Tisch zwei Beine an anderer Stelle befestigen würde um daraus einen „Vierbeiner“ zu machen, müssen für eine Surround-Aufnahme-Anordnung das linke und rechte Mikrofon anders stehen als bei einfachem Stereo. Ein Stereomikrofon ergibt alleine eine Phantom-Mitte. Eine zusätzliche Mitte durch ein Mikrofon hilft nicht sondern stört. Stereo + C /10/ erfüllt in dieser Beziehung eine Alibi-Funktion, indem der Mittenkanal ein Signal liefert, das eigentlich nicht gebraucht wird. Es stört in diesem Fall wenigstens nicht, aber eine verbesserte Lokalisation mit vergrößerter Hörzone kann dadurch nicht entstehen.

Anbei sei hier vermerkt, dass der Wert eines Center-Signals nicht einfach nur durch Ein- und Ausschalten ermittelt werden darf. Die damit verbundene Lautstärkeänderung muss gleichzeitig ausgeglichen werden.

Das IRT-Kreuz, ein „Ambience“-Mikrofon

Die Möglichkeit den Aufnahmebereich in Sektoren zu teilen, ist nicht nur auf den vorderen Bereich beschränkt. Wenn z.B. die Aufgabe zu lösen ist, ein Schallereignis 360º rundum zu lokalisieren, ist 5.1 keine gute Wahl. Dafür ist es auch nicht gedacht. Stattdessen genügen vier Lautsprecher, die dann allerdings am besten in den Ecken eines Quadrats aufgestellt sein sollten /11/. Je nach Ziel erfordern alle Aufnahmesituationen die jeweils für sie geeignete Übertragungsform.

Bei der Rundum-Übertragung führt das IRT-Kreuz (Abb.1) zu einem guten Ergebnis. Vier Mikrofone mit Nierencharakteristik sind hier an den Eckpunkten eines Quadrates von ca. 25 cm Kantenlänge angeordnet. Ihre Achsen verlaufen in Richtung der Diagonalen des Quadrats. Zwei benachbarte der so angeordneten Nieren ergeben einen Aufnahmewinkel von 90º. Er ist in diesem Fall also gleich groß wie der Hauptachsenwinkel der Mikrofone (Offset-Winkel = 0º, /12/). Damit ergibt eine Schallquelle, die auf der Achse eines Mikrofons einfällt, genau die Pegel- und Laufzeitunterschiede zum benachbarten Mikrofon, die für die Lokalisation in Richtung des entsprechenden Lautsprechers nötig sind.

Wenn die Schallquelle von links nach rechts wandert, wird die Phantomschallquelle dieser Bewegung folgen, bis die Lokalisation aus Richtung des rechten Lautsprechers wahrzunehmen ist. Wie zuvor äquivalent auf der linken Seite ist dies rechts der Fall, wenn die Schallquelle in Richtung des rechten Mikrofons einfällt.

Wenn die Schallquelle im Uhrzeigersinn weiterwandert, ergibt sich für einen Hörer, der bewegungslos geradeaus blickt, das bekannte Problem der schlechten seitlichen Lokalisation. Wenn der Hörer aber die Schallquelle verfolgt und sich dreht, wird der ursprünglich rechte vordere Lautsprecher zu seinem linken und der rechte hintere zu seinem neuen rechten Lautsprecher. Damit wiederholen sich die Lokalisationseindrücke. Diese Beschreibung für die mit I und II bezeichneten Sektoren (Abb.2) lässt sich natürlich rundum für die Sektoren III und IV fortsetzen, womit die „Rundum-Lokalisation“ erklärt ist.

Natürlich ist der die Schallquelle verfolgende Hörer ein Ausnahmefall und in einer 5.1 Anlage stehen die vier „Ecklautsprecher“ nicht im Winkel von 90º zueinander. Außerdem verfolgt der Hörer die Schallquelle nicht. Dennoch empfindet der Hörer auch mit einer 5.1 Lautsprecheranordnung die „Ambience“ (Atmo), die das IRT-Kreuz um ihn herum vermittelt, als sehr umhüllend.
Erklärungen bestehen darin, dass unterschiedliche Winkel zwischen den Lautsprechern die Lokalisation lediglich unschärfer machen aber nicht aufheben und dass der Hörer sich zwar nicht dreht aber seinen Kopf mehr oder weniger stark bewegt.

Eine andere Erklärung basiert auf der natürlichen Wiedergabe von Raumreflexionen und anderen Signalen aus dem Raum, wie z.B. Klatschen /9/.

Einsatz des IRT-Kreuzes

Eine vielfach demonstrierte, beeindruckende Anwendung des IRT-Kreuzes zeigte die Surround Video-Produktion eines Eishockey-Spiels /13/. Das gesamte lärmende Umfeld eines Zuschauerplatzes in der Nähe der Bande wurde mit dem Kreuz aus ca. 4m Höhe auf die vier Eckkanäle übertragen und der Center-Kanal vermittelte den Kommentar des Sprechers. Ein derartiger Einsatz wäre auf viele andere Sportereignisse übertragbar.

Bei Musik liegen natürlich ganz andere Verhältnisse zu Grunde. Hier setzt man das Kreuz nur ergänzend für eine bessere Umhüllung ein. Die vorderen drei Kanäle müssen mit einer dafür geeigneten Mikrofonanordnung aufgenommen werden und die Signale des entfernter aufgestellten Kreuzes werden links und rechts vorn hinzugemischt. Die beiden rückwärtigen Nieren ergeben direkt die hinteren Kanäle.

Ganz ähnlich wie die Signale der vier Nieren werden manchmal auch die von Mikrofonen mit Acht-Charakteristik verarbeitet /14/. Das sogenannte „Hamasaki-Square“ hat aber sonst keine Ähnlichkeiten mit dem IRT-Kreuz.

Vergleich verschiedener Hauptmikrofone

Für Anwender, die die Zahl der Mikrofonkanäle möglichst klein halten müssen und alle, die ihre Surround-Aufnahme aus dem natürlichen Schallfeld ableiten wollen, ist die Frage nach einem Surround-Hauptmikrofon wichtig. Dabei hat die Aufnahme des natürlichen Schallfelds den Vorteil, dass auch wesentliche Parameter wie Erstreflexionen und der diffuse Schall authentisch übertragen werden. Eine Auflistung von Surround-Hauptmikrofonen mit Erklärungen befindet sich in /5/.

Es gab schon mehrfach Versuche die verschiedenen Verfahren miteinander zu vergleichen. Besonders umfassend ist der Vergleich, der 2001 vom ORF veranstaltet wurde /15/, aber man wird noch viel mehr Gegenüberstellungen brauchen, weil immer Kompromisse akzeptiert werden müssen und die Bedingungen unterschiedlich sind. Hier soll noch kurz eine Aufnahme beschrieben werden, bei der vier Surround-Hauptmikrofone eingesetzt wurden. Sie werden im Folgenden aufgelistet mit einem Kurzkommentar zu markanten Merkmalen.

1. Doppelte MS-Technik. Dies ist das kleinste System. Es leitet aus nur drei Kanälen fünf oder sogar sechs Surroundkanäle ab. Nachbearbeitung ist wie bei MS möglich.

2. Das Surround-Kugelflächenmikrofon (Bruck) /16/ ist im Vergleich mit den anderen Systemen immer noch klein und hat Merkmale des Kugelflächenmikrofons /17/. Diverse Einstellmöglichkeiten sind auf digitaler Ebene in einer Nachbearbeitung machbar /18/.

3. OCT-Surround (Theile) /9/ bietet beste Trennung zwischen dem linken und rechten Aufnahmesektor (kein „Cross-talk“). Es vermittelt eine saubere Lokalisation und Raumabbildung.

4. MMAD (Williams) /12/- erlaubt die Anwendung von fünf gleichen Standard-Nierenmikrofonen.
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Durchführung der Aufnahme

Für die Möglichkeit, die Generalprobe einer Aufführung des Schubert-Oktetts im leeren Saal aufzunehmen, sei der Musikhochschule Karlsruhe und den beteiligten Studenten herzlich gedankt. Wie erfahrene Tonmeister schon oft berichtet haben /19/, setzten sich die Musiker zunächst nicht so zueinander wie es der Toningenieur gerne hätte, sondern natürlich so, wie sie am besten miteinander kommunizieren konnten. Zum Glück konnte ein Kompromiss vereinbart werden und so saßen schließlich 8 Musiker schön nebeneinander, genauso wie man sie bei der Wiedergabe auch gerne lokalisieren möchte (Abb.3).

Die Mikrofon-Systeme wurden möglichst dicht beieinander aufgestellt (Abb.4) in einem Abstand zum Orchester, der die richtige Hallbalance versprach. Die genauen Abmessungen und die Aufnahmewinkel sind in Abb.5 dargestellt.

Außer den vier genannten Surround-Hauptmikrofonen wurden noch weitere Mikrofone für Versuche eingesetzt, darunter zwei Mikrofone mit Acht-Charakteristik, die so aufgestellt waren wie die beiden hinteren Kanäle des Hamasaki-Squares.

Die Auswertung dieser Aufnahme könnte Inhalt eines eigenen Berichts sein und wird deshalb im Rahmen dieses Aufsatzes auf das Wesentliche reduziert. Es besteht darin, dass die Unterschiede zwischen den Verfahren kleiner ausfielen als erwartet. Die Suche nach den Ursachen führt zu folgenden Erkenntnissen:

1. Da alle Mikrofone vom gleichen Hersteller stammen, dessen Entwicklungsziel eine möglichst verfärbungsfreie Übertragung ist, verwundert es nicht, dass die Klangbilder ähnlich sind. Im Idealfall gäbe es trotz unterschiedlicher Richtcharakteristika überhaupt keinen klanglichen Unterschied. Um die natürliche Schwächung tiefster Frequenzen durch Druckgradientenempfänger zu kompensieren, wurden versuchsweise auch die Signale von Kugeln über einen Tiefpass (Typ LP 40, 40Hz, 12dB/Oct.) beigemischt. Dieses Verfahren ist erfolgreich.

2. Der Aufnahmeraum war zwar gut, aber klein. Damit ist fast zwangsläufig auch der Hallradius klein /20/. So standen alle Mikrofone außerhalb des Hallradius, und erhielten daher weniger direkten als diffusen Schall. Der diffuse Schall enthält aber keine Richtungsinformation und „vernebelt“ damit die Präzision der Lokalisation. Davon kann man sich in diesem Konzertsaal auch live überzeugen. Der Effekt ist sonst oft in Wiedergaberäumen ein Problem. Deshalb haben bündelnde Lautsprecher wie Elektrostaten sehr oft Vorteile.

Für eine Surround-Aufnahme bedeutet dies, dass das Ziel einer besonders deutlichen Lokalisation neben dem geeigneten Aufnahmeverfahren auch noch den geeigneten Raum mit großem Hallradius erfordert.

Diese Bedingungen können in einem großen Studio erfüllt werden. Die CD „PerAmbiolating“ /21/ enthält Beispiele, wie beeindruckend die Lokalisation mit OCT sein kann.

Eine weitere Erfahrung bestand darin, dass der systemtypische Nachteil koinzidenter Aufnahmen, (also in diesem Fall doppelter MS), einen schwachen Räumlichkeitseindruck zu vermitteln, recht gut durch das Hinzumischen der beiden Achten in die hinteren Kanäle korrigiert werden kann.

Abb. 5: Aufnahmegeometrie

Schlussbetrachtung

Damit Surround auch im Audio-Bereich erfolgreich wird, muss noch einiges geleistet werden. Der Handel muss in die Lage kommen, kompetent zu beraten und überzeugende Produktionen vorzuführen. Eine weitere Unterstützung kommt hoffentlich vom Rundfunk. Auch seitens der Produzenten ist noch einiges Umdenken erforderlich. Der Nutzung der speziellen Möglichkeiten von Surround, wie vor allem sinnvoller Signale aus allen Richtungen muss ein höherer Stellenwert eingeräumt werden als der Kompatibilität mit schlechten Abhöranlagen.

Literaturverzeichnis:

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  1. Tom Holman: Paper read at the 4th International Multichannel Sound Forum, Paris, 2001
    Gerhard Steinke: Wieviel Kanäle/Signale braucht der Mensch? – Plädoyer für die Standard-3/2-Stereo Hierarchie und ihre Optimierung im Heim,  21. Tonmeistertagung Hannover, Tagungsband S. 283 ff, 2000
  2. Roland Rebscher, Günther Theile: Enlarging the Listening Area by Increasing the Number of Loudspeakers, AES preprint No. 2932, 88th Convention Montreux, 1990,
  3. Helmut Wittek, Günther Theile: Untersuchungen zur Richtungsabbildung mit L-C-R-Hauptmikrofonen, 21. Tonmeistertagung Hannover, Tagungsband S. 432 ff, 2000
  4. Jörg Wuttke: Allgemeine Betrachtungen zur Audio Mehrkanal-Stereofonie (II), Mikrofonaufsätze, 3. Auflage, SCHOEPS-Publikation, 2003
  5. David Griesinger: The Psychoacoustics of Listening Area, Depth, and Envelopment in Surround Recordings, and Their Relationship to Microphone Techniques, The Proceedings of the AES 19th International Conference, pp. 176, Elmau, June 2001
  6. Bauer Studio: Rosanna & Zelia, beigelegte DVD in Tonmeister-Informationen, Heft 2/2002
  7. beigelegte DVD in Tonmeister-Informationen, Heft 2/2002
  8. Günther Theile: Mikrofon- und Mischkonzepte für 5.1 Mehrkanal-Musikaufnahmen, 21. Tonmeistertagung Hannover, Tagungsband S. 384ff, 2000
  9. Andreas Gernemann: Stereo+C: An All-Purpose Arrangement of Microphones Using Three Frontal Channels, AES preprint No. 5367, 110th Convention Amsterdam, 2001
  10. Michael Williams: Microphone Arrays for Natural Multiphony“, AES preprint No. 3157, 91st Convention, 1991
  11. Michael Williams, Guillaume Le Dû: Konzeption von Mehrkanalmikrofonen hinsichtlich Lautsprecheranordnung und Signalübersprechen, 21. Tonmeistertagung Hannover, Tagungsband S. 347 ff, 2000, www.mmad.info
  12. Hans Schlosser: Multichannel Universe, Die Referenzdemo- und Test-DVD,   Edition 2000 des VDT, Audiobeispiele, track „Eishockey“
  13. Kimio Hamasaki: 5.1 Surround Sound Broadcasting and Recording, 5th International Multichannel Sound Forum, Paris, Oct. 2002
  14. Florian Camerer: ORF-Seminar 2001, hauptmikrofon.de
  15. Jerry Bruck: Solving the „Surround Dilemma“, 19. Tonmeistertagung Karlsruhe, Tagungsband S.124 ff, 1996
  16. Jörg Wuttke: „Mikrofonaufsätze“, 2. Auflage, Aufsatz 11, SCHOEPS-Publikation, www.schoeps.de
  17. Christian Langen: Signalverarbeitung für das KFM 360, 21. Tonmeistertagung Hannover, Tagungsband S 329 ff, 2000
  18. Eberhard Sengpiel: www.ton.UdK-berlin.de
  19. Jörg Wuttke: „Mikrofonaufsätze“, 2. Auflage, SCHOEPS-Publikation, www.schoeps.de
  20. Robin Miller, www.filmaker.com

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