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Aus der Funkschau 1979 Heft Nr. 09
"100 Jahre Ton- und Bildspeicherung"
Artikel Nr. 38

von Prof. Dr. hc. Walter Bruch in 1977

Intensitätsstereophonie oder Pseudostereophonie

Bild 208. a) Auszug aus der Patentschrift von Blumlein [108], die 45/45° -Zweikomponent aufzeichnung betreffend,
b) Realisierung eines modernen Zweikomponentenschreibers. Durch entsprechende Matrizierung der beiden Signale (auch die Matrizierung der Signale erfand Blumlein) können damit folgende Schriften geschnitten (und abgetastet) werden:
c) Tiefenschrift nach Edison, d) Seitenschrift nach Berliner (übliche Monoschrift) und e) 45°-Flanken- schrift (im Bild ist zur Verdeutlichung nur eine Flanke mit einem Signal moduliert; wird auch die zweite Flanke moduliert, dann entsteht die Zweikomponenten- schrift, also unsere Stereoschrift)

Als die echte ,,Intensitätsstereophonie" eingeführt werden sollte, hat man sich noch einmal sehr gründlich mit der ,,Pseudostereophonie" beschäftigt, bei der nur ein monophoner Aufnahmekanal vorhanden ist, die Wiedergabe dagegen über zwei oder mehr Kanäle erfolgt. Im Experimentalstudio Gravesano hat Wolfgang Grau solche Untersuchungen durchgeführt, die er unter dem Pseudonym Hans Raug veröffentlichte [107].

Für die Wiedergabe haben sie keine Bedeutung erlangt
, nachdem die zweikanalige Schallplattenstereophonie so hervorragend gelöst werden konnte, wohl aber geben sie Anregungen für die Umspielung alter einkanaliger Aufnahmen auf Stereoplatten.

Die heutige zweikanalige Schallplattenschrift
, 1958 in den USA eingeführt, wurde nicht nur bereits am 14. Dezember 1931 erfunden, sie ist darüber hinaus bald danach in einer ersten Platte auch schon ausgeführt worden.

Ich (Walter Bruch spricht von sich selbst) besitze einen Tonbandumschnitt von dieser ersten Platte; sie enthält all die Demonstrationsaufnahmen, mit denen man Stereo bei uns eingeführt hat, also: ,,Ich gehe jetzt von links nach rechts" usw.

Alan Dower Blumlein, ein Genie

Kurz nachdem die Western Electric durch ihre Patente die elektrische Schallplattenaufnahme zu blockieren begann, beauftragte der Forschungschef der EMI, Isaac Shoenberg, einen Ingenieur, eigene Methoden des Plattenschnitts zu entwickeln |108].

Dieser Alan Dower Blumlein war einer der ideenreichsten Erfinder, die ich je kennengelernt habe. Leider stürzte er Anfang des Krieges, gerade 35 Jahre alt geworden, bei einem Flug zur Erprobung neuer elektronischer Geräte tödlich ab, eine vielversprechende Laufbahn war zu Ende.

Viele Jahre nach der Wiederaufnahme des Fernsehens mußte die deutsche Industrie noch Lizenzen an die EMI für jeden Fernsehempfänger bezahlen; Blumlein hatte bei der EMI nämlich auch die stromsparende Zeilenablenkschaltung erfunden, die überall in der Welt verwendet wurde.

Das Ergebnis von Blumleins Forschung auf dem Gebiet der Schallplatte ist in dem genannten Patent [108] veröffentlicht. Seine 70 Patentansprüche geben eine Fülle von Informationen. Darunter befindet sich auch die orthogonale 45°-Stereoschrift (Bild 208).

Ich bin in der glücklichen Lage, an dieser Stelle einige Bilder von Blumleins Aufnahmeapparatur zu bringen, die meines Wissens noch nicht veröffentlicht wurden (Bild 209 und 210), sowie einen Tonabnehmer (Bild 211).

Bild 209. Mit dieser Apparatur wurde 1932 von Blumlein die erste Stereoplatte der Welt in 45/45°- Zweikomponentenschrift geschnitten
Bild 210. Blumleins Zweikomponenten- schreiber von 1932 im Detail

1932 - die erste Stereoplatte dieser Welt

Bild 211. Blumleins Stereotonabnehmer (1932)
Bild 212. Einkomponenten- schriften siehe Text
Bild 212. Einkomponenten- schriften siehe Text

Damit hat er 1932 die erste Stereoplatte der Welt geschnitten - eine 78er Platte. Doch für die Vermarktung der Stereoplatte war es noch viel zu früh. Erst in der Mitte der 50er Jahre machte sich das Bedürfnis nach einer Schallplatte mit zwei Tonsignalen in einer Rille für die zweikanalige Stereowiedergabe bemerkbar, nachdem die monaurale Platte inzwischen Hi-Fi-Qualität durch einen Frequenzbereich bis 15.000 Hz erreicht hatte.

Wieder tauchte auch hier der alte Vorschlag der Bell auf
, den einen Kanal durch Modulation der Rille in Tiefenschrift und den anderen durch die zusätzliche Modulation in Seitenschrift festzuhalten [109]. In England hatte man jedoch inzwischen ein anderes System bis zur Praxisreife durchentwickelt.

Das unter der Leitung von A.C. Haddy in den Laboratorien der Decca Record Co. Ltd. entstandene System (Bild 212b) arbeitete für den zweiten Kanal mit einem trägerfrequenten Signal - und wurde so Vorbild für das später in Japan entwickelte CD-4 Quadrophoniesystem (Bild 212 c), das mit zwei Trägern arbeitet.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig festzustellen
, daß grundsätzlich die Aufzeichnung eines Tonsignales in einer auf einen Träger modulierten Form schon vom Patent her seit 1925 bekannt war (Bild 212a).

Zu den Bildern 212 a,b und c :
a) Einkomponentenschrift
mit Träger: trägerfrequente Aufzeichnung mit einem Träger oberhalb des Hörbereichs (z. B. 20 kHz) nach RCA (DRP 483 542 vom 5. Mai 1925).

b) Zweikomponentenschrift mit Träger, das Stereosystem von Decca (1955): Dem normal niederfrequent aufgezeichneten Kanal 1 wurde auf einem Träger von 14 kHz (im oberen Seitenband moduliert) der Kanal 2 überlagert,

c) Vierkomponentenschrift mit 45 745 °-Schrift und Träger (Prinzip des CD-4-Verfahrens): In der 45 745 °-Stereoschrift werden für Vorne-Links und Vorne-Rechts (VL + HL) und (VR + HR) sowie auf einem Träger in Doppelmodulation mit 19 dB Amplitudenabstand die beiden Hinten-Informationen als Differenzsignale (VL-HL) und (VR-HR) aufgezeichnet. Durch Matrizierung nach der Demodulation mit den anderen beiden Signalen werden daraus die Signale HL und HR für die hinteren Lautsprecher gewonnen

(Fortsetzung folgt)

Das Literaturverzeichnis (die Quellen) zu den Artikeln 1 bis 39

finden Sie am Ende dieser ersten Artikelserie auf einer eigenen Literatur-Seite. Die dann folgenden nächsten 32 Artikel über die Magnetband/Tonbandaufzeichnung finden Sie hier in unserem Magentbandmuseum.

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