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Aus der Funkschau 1978 Heft Nr. 03 kommt hier
"100 Jahre Ton- und Bildspeicherung"
Artikel Nr. 06 (von 72)

von Prof. Dr. hc. Walter Bruch in 1977

Die Idee von einer Platte

Bild 26. Die Plattenapparatur in der Patentschrift [26] von Bell und Tainter
Bild 27. In dieser Konstruktionszeichnung, entnommen dem 1887 angemeldeten Am.Pat. 341 214 sind alle Merkmale einer modernen Plattenschneideinrichtung enthalten - zusätzlich noch der interessante Antrieb für konstante Schreib- geschwindigkeit.

Das Erfinderteam Chichester Bell und Sumner Tainter wagte sich schon 1885 an ein Diktiergerät mit einer Platte als Aufzeichnungsträger. Das realisierte Gerät zeigt die Handschrift des begabten Konstrukteurs Tainter, während alles dafür spricht, daß die Idee dazu von Graham Bell stammt. Wie er damals verlauten ließ, wollte er statt Walzen deshalb flache Platten aus unzerbrechlichem Material nehmen, weil man diese bequem mit der Post verschicken konnte.

Erinnern wir uns an die Geburt der TED-Bildplatte 1972: Dort hatte man ganz zielbewußt die dünne flexible Platte gewählt, weil man glaubte, und es auch heute noch glaubt, daß man solche Platten den Wochenzeitschriften beilegen kann, um damit am Montag z. B. die Fußballspiele vom Sonntag im Bild ins Haus zu bringen.
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Die Wachsplatte

Wie Plattenschreiber und Spieler aussahen, das kann man gut aus der sehr detaillierten Patentschrift (Bild 26) vom 27. Juni 1885 entnehmen [26 |. (Erteilt nach 10 Monaten, ein Beweis, daß Edisons britische Patentschrift dem neu dazu gekommenen nicht entgegenstand).

Die Platte besteht aus Pappe von 2,5mm Stärke, überzogen mit einer 1,25mm starken Wachsschicht, in die wie bei der Walze in Tiefenschrift geschnitten wird.

Die Rille ist eine Spirale wie heute, nur daß sie von innen nach außen läuft. Der Abnahmekopf ist, wie schon bei ihrem Walzengerät, beweglich so gelagert, daß er auch bei schlagender Platte in der Rille bleibt und mit der Schallgravur Kontakt behält. Auch die Funktion des Tonarmes beim modernen Plattenspieler ist irgendwie enthalten, nur ist hier der Abtastkopf feststehend, und dafür der sich drehende Plattenteller am Ende eines schwenkbaren Armes gelagert.

Sinnreich wird mit dieser Konstruktion noch konstante Schreibgeschwindigkeit in jeder Rille, innen und außen durch Änderung der Umdrehungsgeschwindigkeit erreicht, angepaßt an den jeweiligen Rillendurchmesser. Das wird auf eine ganz einfache Weise erreicht: Ein Friktionsantrieb greift mit seinem Antriebsrädchen genau unter dem Schreibstichel an, oder unter dem Abnahmestift, dabei ändert sich beim seitlichen Vorschub des Plattentellers die Umdrehungszahl mit dem Rillendurchmesser derart, daß die Schreibgeschwindigkeit konstant bleibt (Bild 27 und 28).

1887 die Volta Graphophon Gesellschaft

Bild 28. Ein interessantes historisches Foto. Bell und Tainter's Modell des Platten- „Graphophons" - aufgenom- men 1884 in Alexander Graham Bells Volta Laboratorium in Washington - Vorderansicht, bei Aufnahmebetrieb mit Sprechmuschel. Ein Hörschlauch liegt daneben.
Bild 28. Rückansicht. Man erkennt deutlich die Lagerung der Platten- drehachse am Ende eines pendelartigen Hebelarmes über den der Radial- vorschub erfolgt.

Zur Verwertung der Erfindungen wurde 1887 die Volta Graphophon Gesellschaft gegründet, deren technischer Leiter wurde Tainter. Man fertigte nur das Walzen-Graphophon, die Plattenapparatur verfolgte man nicht weiter. Die Gesellschaft kam bald mit Edison in Kollision, denn die mechanische Aufzeichnung in Tiefenschrift und die Wiedergabe von dieser Aufzeichnung war ziemlich grundlegend von Edison geschützt, aber irgendwie arrangierte man sich immer wieder.

Doch hier muß festgestellt werden, daß Bell und Tainter mit ihren Verbesserungen Maßstäbe für die Zukunft gesetzt haben. Edison, dessen Lieblingskind die Sprechmaschine war, wurde aufgerüttelt, er setzte sich mit all seiner Energie daran, den Vorsprung von Bell und Tainter aufzuholen; eine angebotene Zusammenarbeit lehnte er zunächst ab, auch eine Einladung der Graphophon-Gesellschaft zu einer Vorführung.

Edison nimmt den Kampf auf ... und vollendet den Phonographen

Die Berichte über Bell's und Tainter's Verbesserungen der Sprechmaschine nahm man draußen in der Nation zwar zur Kenntnis, aber mehr auch nicht. Mit dem Namen Bell war das Telefon verknüpft - auch wenn es diesmal sein Vetter war -, die Sprechmaschine gehörte zu Edison, und von ihm erwartete man das Wunder.

Es dauerte auch gar nicht lange,
bis er sich dazu äußerte, erste Berichte kündigten an, daß er am Phonographen wieder arbeite und Neuerungen zu erwarten seien. Er war gereizt, weil Bell und Tainter sich seines Lieblingskindes angenommen hatten, in einer Zeit, in der er von der Entwicklung des elektrischen Lichts voll in Anspruch genommen war.

Alle Angebote der Gruppe Bell/Tainter,
sich mit ihm, der doch das grundsätzliche Patent hatte, zu verständigen, lehnte er ab. An seinen englischen Vertreter telegrafierte er am 1. August 1878: „Will mit denen nichts zu tun haben! Sind die reinsten Piraten ... Habe begonnen den Phonographen zu verbessern. Edison."

Er nahm sich vor, aus dem Spielzeug von 1877
einen industriellen Apparat zu machen. Noch dachte er nicht daran, den Phonographen für die Zerstreuung der Menschen auszubauen, nach wie vor hatte er ihn als Ersatz für die Stenografen gedacht, doch diese Ansicht änderte sich schnell, nachdem er die Vielseitigkeit seiner neuen Geräte erkannt hatte.

Der 72 Stunden Endspurt

Bild 29. "Es ist vollbracht !" - Mit dem neuen Phonographen ließ sich Edison, erschöpft von der Nachtarbeit, am 16. Juli 1888 um 5 Uhr früh fotografieren (eine Nachzeichnung des nicht sehr scharfen Originalfotos)

Immer, wenn Edison ein Projekt gezielt verwirklichen wollte, kannte er in der Anspannung seiner eigenen geistigen und physischen Kräfte sowie der seiner Mitarbeiter keine Grenzen. Alles wurde an diese eine Aufgabe angesetzt, die Presse sowie seine Geldgeber regelmäßig davon unterrichtet, daß bald ein entscheidender Fortschritt zu erwarten sei.

Weltberühmt geworden ist der Endspurt, jene 72-Stunden-Schicht, an deren Ende, am 17. Juni 1888, angeblich morgens um 5 Uhr, das Foto aufgenommen wurde, das den völlig erschöpften Erfinder neben seinem neuen Phonographen zeigt (Bild 29). Als farbiges Gemälde nachgebildet, hängt es heute noch in der Bibliothek seines Laboratoriums in West Orange.

(Fortsetzung folgt)

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  • „Das Antlitz des Menschen läßt sich gestalten, sein Auge im Bilde fest sich halten, die Stimme nur, die im Hauch entsteht, die körperlose vergeht und verweht.
  • Das Antlitz kann schmeichelnd das Auge belügen, der Klang der Stimme kann nicht betrügen, darum erscheint mir der Phonograph als der Seele wahrhafter Photograph.
  • Der das Verborgne zutage bringt und das Vergangne zu reden zwingt. Vernehmt denn aus dem Klang von diesem Spruch die Seele von Ernst von Wildenbruch."
    (Wildenbruch, für die phonographische Aufnahme seiner Stimme im Jahre 1897.)

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Das Literaturverzeichnis (die Quellen) zu den Artikeln 1 bis 39

finden Sie am Ende dieser ersten Artikelserie auf einer eigenen Literatur-Seite. Die dann folgenden nächsten 32 Artikel über die Magnetband/Tonbandaufzeichnung finden Sie hier in unserem Magentbandmuseum.

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