Sie sind hier : Startseite →  Hifi Historie und Geschichte→  Von Tonwalze bis Bildplatte 1-39→  W. Bruch - Hist. Artikel Nr. 23

Aus der Funkschau 1978 Heft Nr. 20 kommt hier
"100 Jahre Ton- und Bildspeicherung"
Artikel Nr. 23

von Prof. Dr. hc. Walter Bruch in 1977

Das Gehäuse mußte kleiner werden

Nachdem nun der Trichter in einer festen Stellung bleiben konnte, beschäftigten sich die Erfinder und die Konstrukteure damit, wie man ihn getarnt in einem Gehäuse unterbringen konnte, denn die Pionierzeit des Grammophons, in der man zeigen wollte, daß man eins besaß, war nun vorbei.

Von nun ab sollte es möglichst als Ziermöbel in der Wohnung stehen, anstatt den Besitz einer technischen Neuheit vorzuzeigen. Ein Wunder, das man von seinen Besuchern bestaunen ließ, war die Sprechmaschine schon lange nicht mehr.

Bild 119. Das erste Grammophon mit getarntem Trichter [63]
Bild 120. Eine weiter führende Erfindung [64]
Bild 121. Originell ist das von der Firma Holzweissig in Leipzig 1904 auf den Markt gebrachte Gerät Hymnophon.

Zwischenstufen bis zum Musikschrank

Bild 122. Und so kam das Gerät nach Bild 120 ab 1904 auf den Markt.
Bild 123. Das Tischgerät erhält später auch einen Exponentialtrichter. DKP 425 367 vom 30. Mai 1923 der Columbia Graphophone Ges.
Bild 124. Das Schrankgerät wurde zur Zierde eines jeden Wohnzimmers. - Die begnadete Künstlerin Frieda Hempel hört sich eine ihrer bei der Deutschen (Irammophon gemachten Aufnahmen an

Bis es zum Musikschrank der 1920er Jahre kam, waren noch einige Zwischenstufen zu erfinden. Man fing an, den Trichter in ein Gestell einzubauen (Bild 119 oben [63]).

Die Firma Holzweissig in Leipzig, die diese Geräte fertigte, ließ sie sich dann patentieren, was zum Grundmodell des Tischgrammophons wurde (Bild 120 oben [64]).
.
Dem Zeitgeschmack entsprechend fein verziert, kam es zuerst in der Ausführung nach Bild 122 (rechts) auf den Markt.

Amüsieren können wir uns heute nur noch bei der Betrachtung des „Sprechenden und singenden Bierfasses" (Bild 121 oben), von der rührigen Firma Holzweissig als „Hymnophon" hergestellt; der Trichter war in einem Faß getarnt.
.

Ein Trichter im Klappdeckel

Auch Eldridge Johnson mischte mit seinem Mitarbeiter English wieder mit, indem er das Grundpatent für das Tischgrammophon (Bild 120 [64]) durch einen Trichter im Klappdeckel umging [65].

Das war 1910, und erst 1923 folgte dann ein Patent über ein Tischgerät mit einem akustisch optimierten Exponentialtrichter [66], (Bild 123 rechts).

In dieser Zeit hatte man dann schon die Musiktruhe, ein wohlklingendes und je nach Gehäuseausführung mehr oder weniger teures Möbelstück (Bild 124 rechts).

Auch Edison baute für seinen Phonographen solche Truhen (Bild 125 unten) und später auch für seine noch zu besprechenden Schallplatten-Truhen mit einem ganz hervorragenden Klang.

Neu, das Koffergrammophon

Das Vordringen der Tanz- und Unterhaltungsmusik- Platten nach dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) bewirkte, daß ein ganz neuer Gerätetyp auf den Markt gebracht werden mußte, das Koffergrammophon.

Fast jede junge Familie hatte ein solches Koffergrammophon in den 1930er Jahren und bei denen, die keines hatten, brachte man zu einer Party sein eigenes mit, zumindest aber eine Aktentasche voller Platten.

Die Geräte hatten einen recht guten Klang, etwas auf Tanzmusik abgestimmt, viele davon wurden später mit einem an Stelle der Schalldose aufsteckbaren elektrischen Tonabnehmer zum Anschluß an das Radiogerät versehen.

Der Autor Walter Bruch über seine Erlebnisse:

Auch ich fing ganz früh so an! Sie hatten ein Federwerk, das je nach Preisklasse einmal aufgezogen eine Plattenseite oder zwei durchzuziehen erlaubte, - die Truhen konnten mit Federwerk (Bild 126) bis zu drei Plattenseiten mit einmal Aufziehen abspielen.

Bild 126 Typisches Federwerk a
Bild 126 Typisches Federwerk b
Bild 126 Typisches Federwerk c


Überall im Freien konnte man das Koffergerät aufstellen (Bild 127). Den Trichterklang des Koffergerätes versuchte einer der berühmtesten Erfinder seiner Zeit, Louis Lumiere, mit dem Ersatz des Trichters durch eine große Fächermembran zu umgehen [66].

Bild 127. Das Koffergrammophon eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Geschickt ist der Trichter in dem kleinen Gehäuse untergebracht. Der aufgeklappte Deckel dient als zusätzlicher Schallreflektor.

Ein großer Fächer für die tiefen Töne

Bild 128. Ein anderer Weg, ein Vorläufer des späteren trichterlosen Lautsprechers. Der Schall wird über eine Fächermembran abgestrahlt. Der Sänger Fedor Schaljapin hört sich eine seiner Platten auf dem von Lumiere erfundenen Gerät an.
Bild 129. Auch als es schon mehr als 10 Jahre Plattenspieler mit elektrischem Tonabnehmer gab, Mitte der 1930er Jahre, waren die Koffergeräte immer noch Marktführer. Das Telefunkengerät Lido. Gut ist in diesem Bild die Schalldose mit der Glimmermembran und dem Halter für die auswechselbare Nadel zu erkennen.

Lange, ehe der trichterlose Lautsprecher für den Rundfunk erfunden war, hatte Lumiere die Schallabstrahlung auch tieferer Frequenzen mit dieser, aus Gründen der Steifigkeit zu einem kreisförmigen, geformten Fächer erreicht.

In Bild 128 sehen wir, wie der weltberühmte Bassist Fedor Schaljapin (1873-1938) sich mit diesem Gerät eine seiner Aufnahmen abhört. - Pathe hatte übrigens eine ähnliche Konstruktion, am Anfang der zwanziger Jahre verwendete er eine Konusmembran von 38cm für diesen Zweck  *1); schon ein Vorbild für den Konuslautsprecher, der Jahre später folgte.


*1) Für Pathe war das einfach, er schnitt auch Platten, wie Edison später die seinigen, in Tiefenschrift. Er braucht also den Konus an seiner Spitze nur mit der Nadel zu versehen und diese auf die Rille drücken lassen.

Auch für Platten mit Seitenschrift wurde diese Konusmembran verwendet, dann müßte über ein Hebelwerk die Bewegung erst in der richtigen Richtung auf das Membranzentrum übertragen werden. -

Übrigens, die Schallplättchen in den „Sprechenden Puppen" haben meist Tiefenschrift, das gibt eine besonders einfache Konstruktion für den Membranantrieb, wie seinerzeit bei Pathe.
.

Die Schallplattenfirmen in der Obhut der Elektrokonzerne

Da die Anwendung elektrischer Tonabnehmer im Vergleich zu den mechanischen Plattenspielern bis zum Wiederanfang nach dem letzten Krieg (dem 2.Weltkrieg) in der Minderheit blieb, schon weil die Rundfunk- empfänger keinen Tonabnehmereingang hatten, wurden Koffergeräte in klassischer Technik noch in großer Stückzahl verkauft, produziert auch von den Elektrokonzernen, die in diesen Jahren viele der großen Schallplattenfirmen übernommen hatten. Aus Leder war der Koffer des Luxusgerätes von Telefunken (Bild 129).

Eine Werbeanzeige der Firma Telefunken (Bild 131) möge als Beispiel veranschaulichen, wie breit das Angebot an billigen Koffergeräten vor Kriegsbeginn (1939) allein für diese eine Marke war.

Neben den Geräten mit aufklappbarem „Trichter" finden sich auch schon Spieler noch mit Federwerk und Tonabnehmer für den Anschluß an den Rundfunkempfänger.

  • Bild 131. Eine Serie von Koffergeräten der Firma Telefunken mit den Vorkriegspreisen:
    74 Reichsmark, 39 RM, 66 RM und 56 RM. Heute zahlt man auf dem Flohmarkt für solch ein Gerät viele hundert Mark!!
  • Anmerkung 2012: Auch das ist inzwischen Geschichte, viele Geräte werden achtlos weggeworfen.

Abschied vom Trichter

Zeichen eines Neubeginns, der durch den Kriegsausgang bei uns verspätet dann in den 1950er Jahren den nunmehr endgültigen Abschied vom Trichter *) (Bild 130) brachte, ein Übergang zu einer Technik, die etwa ab 1925 langsam Boden gewann, die der vollelektrischen und elektronischen Plattenspielanlagen.

*) Um eine ausreichende Trichterlänge in einem Standgerät unterzubringen, - und nur ausreichende Trichterlänge erlaubt eine genügend große Trichteröffnung -, hat man in den 1920er Jahren den gefalteten Exponentialtrichter für ein Grammophon der Spitzenklasse konstruiert
.

Bild 130. Ein Grammophon der Spitzenklasse
Bild 132. Ein Bild ohne Worte. Wie verkaufte man 1919 in London ein Grammophon?

Das Spektrum des Angebots dieser Anlagen bis zu Hi-Fi ist noch breiter geworden, als es einmal 1919 war, und die Bemühungen der Verkäufer werden sicher sich auch heute noch nach der Preislage der gefragten Anlage richten, so wie sie uns der Zeichner der englischen satirischen Zeitschrift „Punch" für 1919 aus seiner Sicht überliefert hat (Bild 132).

(Fortsetzung folgt)
.

Das Literaturverzeichnis (die Quellen) zu den Artikeln 1 bis 39

finden Sie am Ende dieser ersten Artikelserie auf einer eigenen Literatur-Seite. Die dann folgenden nächsten 32 Artikel über die Magnetband/Tonbandaufzeichnung finden Sie hier in unserem Magentbandmuseum.

- Werbung Dezent -
Zurück zur Startseite © 2007/2018 - Deutsches Hifi-Museum Wiesbaden - Copyright by Dipl. Ing. Gert Redlich - DSGVO - Privatsphäre - Zum Telefon der Redaktion - Zum Flohmarkt
Bitte einfach nur lächeln: Diese Seiten sind garantiert RDE / IPW zertifiziert und für Leser von 5 bis 108 Jahren freigegeben - kostenlos natürlich.

Privatsphäre : Auf unseren Seiten werden keine Informationen an google, twitter, facebook oder andere US-Konzerne weitergegeben.