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Aus der Funkschau 1978 Heft Nr. 24 kommt hier
"100 Jahre Ton- und Bildspeicherung"
Artikel Nr. 27

von Prof. Dr. hc. Walter Bruch in 1977

Beginn einer neuen Ära :
Die elektronische Verstärkung für die Wiedergabe

Bild 148. Über Form und Dicke der Nadeln ließ sich die Lautstärke - in Grenzen - beeinflussen. Ein Sortiment vom Hersteller empfohlen ... weil es sich vorzüglich für Damenstimmen und Streichinstrumente eignet".
Bild 149. Mit vier parallel abgespielten Platten machte man Lautstärke (Foto: Decca)
Bild 150. Der stolze Besitzer eines "Kaffeehaus-Grammophons"

Die bestechende Einfachheit der mechanisch-akustischen Wiedergabe hatte dem klassischen Grammophon die große Verbreitung verschafft.

Doch in zwei Eigenschaften blieb es unvollkommen: Seine Lautstärke konnte nur unbefriedigend herabgesetzt werden, ebensowenig wie es auch nicht ohne weiteres auf Saallautstärke zu bringen war. Die Bewegung der Membran und die damit erzeugte Schallenergie wurden ohne Zwischenschaltung einer Verstärkereinrichtung ausschließlich von den Auslenkungen in der Schallrille gesteuert.

Die frühe Art der Lautstärkeregelung

Die Wiedergabelautstärke konnte man - allerdings in verhältnismäßig engen Grenzen - durch Verwendung entsprechender Nadeln verändern (Bild 148).

Bei den Schrankgrammophonen ließen sich die Türchen vor dem Trichterausgang schließen, und bei Altmeister Edisons Spitzentruhe war ein Hebel angebracht, über den man eine den Schallaustritt behindernde Blende zur Lautstärkeregelung mehr oder weniger in den Trichter hineinschieben konnte. Als Studenten steckten wir Wollsocken in den Trichter, wenn wir uns abends ohne Veto der Wirtin mit Musik unterhalten wollten.

Die Lautstärkeanhebung war nicht so leicht. Die aus der Schallrille entnehmbare Energie reichte bei weitem nicht aus, um eine Lautstärke zu produzieren, die für einen großen Saal ausgereicht hätte. Das Bedürfnis für solche Vorführungen war da, wie die Geräte in Bild 149 und Bild 150 beweisen. Doch das gleichzeitige Abspielen von zwei, drei oder vier Platten mit all seinen Gleichlaufschwierigkeiten kann nur als eine technische Verirrung angesehen werden, ein Notbehelf, dem der Erfolg versagt bleiben mußte. Was man brauchte war eine Verstärkungseinrichtung, die die von der Rille gesteuerte Schallenergie verstärkte.

Edisons „Aerophons" - ein pneumatischer Schallverstärker und das Auxetophon

Lange bevor man an den Elektronenröhrenverstärker auch nur zu denken wagte, hatte Edison für den Phonographen einen pneumatischen Schallverstärker vorgeschlagen.

Das Prinzip seines „Aerophons", angemeldet beim amerikanischen Patentamt am 4. März 1878 und dem Patentamt später auch als Modell eingereicht, entwickelte dann der weltberühmte Erfinder der Überdruckdampfturbine, Sir Charles Angernon Parsons (1854-1931), für die Schallplatte bis zur Perfektion. Das von „His Masters Voice" unter dem Namen Auxetophon gebaute Gerät rief eine Sensation hervor, als man damit im Dezember 1906 die riesige Albert Hall in London „beschallte".

Am 12. Mai 1912 konnte Tausenden von Besuchern im „Crystal Palace" noch einmal das Abschiedskonzert der Patti von Platten vorgeführt werden. Das Prinzip: Die Grammophonnadel bewegt ein Ventil (eine Blende), das einen von einem Kompressor in den Schalltrichter geleiteten Preßluftstrahl in seiner Stärke im Rhythmus der Tonschwingungen steuert. Das Ergebnis: eine in der Lautstärke fast unbegrenzt steigerbare Schallwiedergabe - daher in Deutschland der treffende Name „Starktonmaschine" für diese Wiedergabegeräte.

auch genannt die „Windmusikmaschine"

Bild 151. "Stentorphon" heißt dieses vom Kompressor mit Preßluft betriebene Starkton-Grammophon

In aller Welt entstanden Varianten des Auxetophons (Bild 151). Lange Jahre stand eine solche, von den Berlinern als „Windmusikmaschine" bezeichnet im Zirkus Busch in Berlin. Über ein von Pathe gebautes Modell, das Makrophon, aufgestellt 1907 in Wien, kann ich einen zeitgenössischen Bericht bringen [78]:

„Gegenwärtig werden mit dem Apparate in Wien, woselbst das erste Modell im Kärntnerhofe ausgestellt ist, täglich vormittags von 11-12 und nachmittags von 5-6 Konzerte gegeben, die sich stets eines großen Zuspruches erfreuen und deren kostenloser Besuch jedermann freisteht. Es war ein feiner Gedanke des Ausstellers, bei diesen Konzerten nur hochklassische Stücke zur Vorführung zu bringen, um den bloß neugierigen Mob in den ersten Tagen gleich möglichst fernzuhalten, und man muß gestehen, daß dieser Plan glückte.

Der Kärntnerhof, dessen Glashalle den Innenraum der größten Wiener Theater noch bedeutend übertrifft, ist gegenwärtig eine der ersten Attraktionen Wiens, und fast täglich fahren verschiedene Sänger vor, deren Stimme aufgenommen wurde, um sich an der eigenen Stimme zu ergötzen, die sie - nicht haben. Die Töne des Makrophons sind in ruhigeren Stunden, wenn der Wagenverkehr nicht allzu lebhaft ist, bis zum Operngebäude hörbar."

Die Schallplatte und der Rundfunk

Nachdem ein solches Bedürfnis nach der Lautsprecherwiedergabe der Schallplatten gegeben war, hätte man annehmen dürfen, daß 1923 mit der Einführung des Rundfunks auch schon die elektrische Schallplattenwiedergabe, besonders auch als Musikquelle für die Rundfunksender, gekommen wäre. Beim ersten deutschen Rundfunksender Berlin hätte das nahegelegen, war doch die „Vox Schallplattengesellschaft" zur Hälfte Mitinhaberin der „Berliner Funkstunde". Drei Jahre mußten jedoch noch vergehen, bis der Rundfunk elektromagnetisch abgetastete Schallplatten in sein Programm einspielen konnte.
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Vor mir liegt ein Artikel aus dem Jahre 1924 [79], in dem der bekannte Tonfilm- Miterfinder Hans Vogt unter dem Titel „Die Verwendung des Phonographen zur Steuerung des Rundfunks" für diese „Möglichkeit" Werbung macht. Dort heißt es noch:

  • „Das Grammophon vor dem Sendermikrophon würde die einfachste Anwendung dieses Verfahrens darstellen".


Ich habe mir von dem kürzlich verstorbenen ersten deutschen Rundfunksprecher, Alfred Braun, erzählen lassen, daß man im Vox-Haus tatsächlich gelegentlich ein Grammophon auf einem mit Telephonbüchern erhöhten Stuhl vor das Mikrofon gestellt hat! *)

*) Für die Schallplattendarbietungen von ihrem Sender hatten sich die cleveren Posttechniker schon 1923 einen elektromagnetischen Abtaster aus einem Telefonhörer gebastelt (G. Goebel, FUNKSCHAU 24/1970, S. 855].

Das Grammophon elektifizieren

Bild 152. Lautsprechersystem zum Aufstecken auf den Grammophontrichter (um 1925)
Bild 153. So sah es 1923 bei einem Radiobastler aus. Ein elektromagnetisches System (rechts) bewegt im Rhythmus des Radioemplanus die Nadel der Schalldose eines Grammophons und macht es so zum Lautsprecher.

Bei den Amateuren hatte das Grammophon schon in den ersten Tagen des Rundfunks eine ganz andere Anwendung gefunden: Man konnte elektromagnetische Schalldosen kaufen (Bild 152) oder sie sich aus einem Telephonhörer zusammenbasteln, sie statt der Schalldose an den Grammophontrichter stecken und diesen als Lautsprecher benutzen und das in einer Zeit, als ein Lautsprecher noch Seltenheitswert hatte (Bild 153).

Der elektromagnetische Tonabnehmer

Schlagartig änderte sich jedoch die Situation, als 1926/27 aus Amerika, woher schon zwei Jahre früher die elektromagnetische Schneidtechnik gekommen war, auch der elektromagnetische Tonabnehmer nach Europa kam; die Einspielung von Schallplatten in Rundfunkprogramme war nun gelöst.

Federführend für die ersten Entwicklungen waren Ingenieure der Forschungsabteilung der General Electric Corp. (GE), besonders Edward Kellogg, der seine Arbeiten 1927 veröffentlichte [80]. Zwei Jahre vorher hatte er schon, auch für die Schallplattenwiedergabe, mit Chester Rice den elektrodynamischen Konuslautsprecher (Rice-Kellogg-Lautsprecher) erfunden [81], einen Lautsprecher, dessen Grundprinzip heute fast ausschließlich verwendet wird.

(Fortsetzung folgt)
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Das Literaturverzeichnis (die Quellen) zu den Artikeln 1 bis 39

finden Sie am Ende dieser ersten Artikelserie auf einer eigenen Literatur-Seite. Die dann folgenden nächsten 32 Artikel über die Magnetband/Tonbandaufzeichnung finden Sie hier in unserem Magentbandmuseum.

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