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Aus der Funkschau 1979 Heft Nr. 06
"100 Jahre Ton- und Bildspeicherung"
Artikel Nr. 35

von Prof. Dr. hc. Walter Bruch in 1977

Jetzt hatten beide Hersteller, Columbia und RCA-Victor, die 33er (30cm) Vinyl - Langspielplatte

ein 10fach Wechser für 45er Singles für US$ 29.-

Nachdem die RCA für längere klassische Musikstücke ebenfalls die LP hatte, war die ursprüngliche Bestimmung der 45er Platte, langes Spiel mit Schnellwechsler, gegenstandslos geworden; der Schnellwechsler konnte aufgegeben werden.

Für eine billige Einzelplatte sah man jedoch eine echte Marktchance. Mit einer neuen Werbekampagne erreichte man tatsächlich, daß die anderen Produzenten, darunter auch Columbia, die 45er-Platte als „Single" übernahmen. Für populäre Einzeltitel, insbesondere für Schlager, hat sie dann auch bald die 78er-Platte restlos abgelöst.

Das auf den eigenen Wechsler zugeschnittene große Mittelloch hat - von der Anwendung in Musikautomaten abgesehen - seine Bedeutung verloren. Von fast allen Herstellern werden heute die Platten mit einem bei Bedarf herausdrückbaren Kern geliefert, der das normale Mittelloch enthält.

Der Wechsler für 45er Platten wird obsolet

Bild 190. Wechselachse eines Wechslers für Platten mit normalem Mittelloch (78er-, 45er- und 33er-Platten) vermutlich Dual 1019

Als die 30cm LP in den 50er Jahren in Deutschland ihren Einzug hielt, lieferten viele Firmen dafür Plattenwechsler, obwohl das Stapeln auf der Normalachse (Bild 190) nicht so günstig war. Bei einer auf z. B. vier Platten aufgezeichneten Oper wurden die Teile 1, 2; 3 und 4 jeweils auf den ersten Plattenseiten, die Teile 5,6,7 und 8 jeweils auf den anderen Plattenseiten angeordnet, so daß der Wechsler vier Plattenseiten (oder mehr) nacheinander abspielen konnte und dann erst der Stapel umgedreht werden mußte.

Bei einigen der heute verkauften Plattenspieler mit automatischer Tonarmein- und -ausschwenkung wird eine gegen die normale Spielerachse austauschbare Wechslerachse mitgeliefert, mit der der Spieler auch als Wechsler betrieben werden kann. Die Wechslerachse wird heute jedoch wenig benutzt; (Anmerkung: jedenfalls in Deutschland, in den USA ist das wiederum anders gewesen.) viele Besitzer solcher Spieler haben vergessen, daß sie diese Wechslermöglichkeit haben.

Die technischen Daten (Norm) der beiden Platten-Formate

In Normblättern wird heute international vorgeschrieben, wie die Platten hergestellt werden müssen, damit sie auf den Abspielgeräten aller Firmen einwandfrei abgespielt werden können. Genormt sind auch die Ein- und Auslaufrille, die exakte Dimensionierung des Mittellochs und die Dicke der Schallplatte, denn all diese Maße sind wichtig, damit ein automatischer Plattenwechsler störungsfrei mit diesen Platten arbeitet.
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Bild 191. Die 30-cm-33er-Platte und die 17,5-cm-45er-Platte nach der Norm im Schnitt

Im Schnittbild der 30cm LP in Bild 191 sieht man den Wulstrand, der sicherstellt, daß sich die im Stapel des Wechslers aneinanderliegenden Platten im tonmudulierten Teil nicht gegenseitig berühren. Außerdem sorgt seine um 5° geneigte Schräge dafür, daß die Abtastnadel beim Aufsetzen sicher in die Einlaufrille rutscht. Die Einlaufrille führt von da mit einer Steigung von 0,8 bis 1,6 mm direkt zur ersten modulierten Rille.

Bei der 17,5cm 45er Schallplatte [Bild 191) ist
statt des Wulstes am Plattenrand das Mittelteil verstärkt. So können auch diese Platten gestapelt werden, ohne daß sich die Flächen mit der Tonmodulation berühren. Zur einwandfreien Mitnahme der nur in der Mitte auf dem Stapel aufliegenden Platten sind entweder am Außenrand des Mittelteils 0,15mm hohe Rippen angebracht, oder das Zentrierstück ist entsprechend geformt. Die Rippen der übereinanderliegenden Platten greifen ineinander und verhindern das Rutschenwährend des Abspielens. Weitere Daten der drei Platten (78er, 45er und 33er) enthielt bereits Tabelle 1 [96].

In Deutschland wurden zunächst die neuen Plattentypen nur zögernd eingeführt, schließlich mußte man erst die Folgen des verlorenen Krieges verkraften. Für 1954 wies eine Statistik aus: 77,5% der Plattenproduktion bestanden aus 78er Platten, 18,3% aus 45er- und nur 6,2% aus 33er Platten. Wie schnell hat sich das geändert! Die 78er Platten sind längst vergessen, und das gilt auch für die monofonen Platten, deren Entwicklungsgeschichte wir soeben beschrieben haben; auch sie sind schon fast Historie, durch Stereo abgelöst.

Doch vor Stereo gab es noch eine andere Entwicklung . . . .
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Mit der „Füllschrift" wird die Spielzeit noch einmal verlängert

Bild 192. Auszug aus der Patentschrift, in der erstmals der von der Signalamplitude gesteuerte Rillenabstand angemeldet wurde

Ohne die Aufzeichnungsnorm zu verändern, läßt sich die Spielzeit der Platten verlängern - bei geeigneten Musikstücken bis auf das Doppelte - wenn man einen der jeweiligen Signalamplitude, also den seitlichen Ausschlägen angepaßten Rillenabstand verwendet.

Eduard Rhein, Erfinder, Journalist und Romanschrift- steller, Gründer und langjähriger Herausgeber der „Hör zu", hat für diese Technik den einprägsamen Namen „Füllschrift" geprägt, so wie er schon einmal den neuen UKW-Rundfunk „Welle der Freude" genannt hatte. Eduard Rhein, der diese Technik mit viel Leidenschaft vorangetrieben hat, glaubte, sie auch grundsätzlich erfunden zu haben. Doch wie viele andere Erfinder mußte auch er nach dem Einreichen seiner ersten Patentschrift vom Patentamt erfahren, daß das Prinzip schon patentiert war [97].

Das Patent der Columbia Graphophone Comp., in London angemeldet am 19. April 1928 (meines Wissens nicht verwirklicht), schlägt vor, die radiale Bewegung der Schneiddose, also den Vorschub, von der jeweils aufzuzeichnenden Amplitude abhängig zu machen. Die für die Vorschubsteuerung notwendigen Steuerspannungen müssen allerdings bereits vor dem Aufzeichnen der Nutzamplitude bekannt sein. Das erfordert eine Zwischenaufzeichnung, die nach einem Vorschlag im Patent auf einer Platte mit zwei den Zeitversatz bewirkenden Tonabnehmern erfolgen sollte (Bild 192).

Für Rhein und seine Konkurrenten stand jedoch schon die Zwischenaufzeichnung auf Magnetband zur Verfügung. (Heute würde man die Zeitverzögerung mit elektronischen Verzögerungsketten bewirken, damit wäre sogar Direktschnitt möglich!)

Eduard Rhein erhielt dennoch eine Menge Patente

Rhein wurde eine Reihe wichtiger Patente erteilt [98]. Diese Patente waren während ihrer Laufdauer alle im Besitz der Teldec. Bei Teldec haben Horst Redlich und W. Schmacks das Rhein'sche Verfahren zuerst realisiert.
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Bild 193. Das Prinzip der Füllschrift von Eduard Rhein. Die Mikrofonströme führt man dem Tonschreiber S über ein Verzögerungsglied zu. Sie gelangen aber auch zu einem Regelorgan, das den Schneidkopf S schon etwas vor dem Eintreffen der verzögerten Tonfrequenzen über die Welle A - je nach Lautstärke der aufzuzeichnenden Rille -mehr oder weniger schnell vorwärts oder zeitweilig auch rückwärts bewegt. Da jede neue Rille sich der vorher geschnittenen eng anschmiegen muß, werden z. B. von einem Tonabnehmer Lage und Lautstärke der vorhergehenden Rille bei 1 und 2 elektrisch gemessen und ebenfalls dem Regelorgan mitgeteilt. Es errechnet und bestimmt dann aus den ihm zufließenden drei Werten auf Tausendstelmillimeter genau die endgültig richtige Lage des Schneidkopfes.

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Zu ihrem Bericht darüber [99] hat E. Rhein folgende Einleitung geschrieben:

Als ich 1942 mein Verfahren zum Patent anmeldete, glaubte ich, die erste zuverlässig arbeitende Schneid-Apparatur im Laufe eines Jahres bauen zu können. Doch der Krieg, der Zusammenbruch und die Geld-Entwertung wirkten stark verzögernd. Außerdem hatte ich die praktischen Schwierigkeiten unterschätzt; hätte ich sie gekannt, so hätte ich mich als Privatmann an diese Aufgabe schwerlich herangewagt, denn ich konnte mich mit ihr immer nur nebenbei beschäftigen.
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Bild 194
Bild 195
Bild 196

Bild 194. So sieht eine normal geschnittene Schallplatte unter der Lupe aus. Die Rillen sind ohne Rücksicht auf den wirklichen Raumbedarf gleichmäßig nebeneinandergelegt (links: sieben Rillen ohne Tonmodulation)

Bild 195. Das Füllschriftverfahren räumt mit der Platzverschwendung auf. Von einem elektrisch gesteuerten „Rechengerät" wird der Rillenabstand so eingeregelt, daß jeweils gerade noch der notwendige, konstant gehaltene Steg übrig bleibt (links wieder die sieben Rillen ohne Tonmodulation). Technischer Stand von 1950

Bild 196. Ein weiterer Fortschritt; jetzt verändert Rhein auch noch die Stegbreite mit der Lautstärke. Die sieben Rillen ohne Musik (links) liegen so eng wie möglich nebeneinander. Aber dort, wo die Tonmodulation besonders große Amplituden hat, wird zusätzlich die Stegbreite vergrößert. Technischer Stand von 1951

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Bild 198. 45er-Füllschriftplatte in der Hülle mit der Werbung für die Füllschrift. Dargestellt ist auch, wie der Kern herauszudrücken ist, wenn das große Mittelloch zur Anwendung kommen soll.

Am 14. Juli 1950 führte ich dann der Öffentlichkeit zum erstenmal die nach meinem Verfahren geschnittenen Platten vor. Sie wirkten sensationell.

Die Teldec übernahm meine Apparatur 1953. Mit ihr wurden Hunderte von Platten geschnitten und wertvolle Erfahrungen gesammelt. Diese führten dann zu einer Reihe erfreulicher Verbesserungen.

Aus dem empfindlichen Laborgerät ist eine Gebrauchsmaschine geworden: robuster, präziser, einfacher und billiger.

Das Verfahren läßt sich elementar an Hand der Bilder 193, 194, 195, 196 und 197 beschreiben, sie sind z. T. der FUNKSCHAU [100] entnommen.
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Bild 199. Ausschnitt aus der Plattentasche mit der Aufschrift „Schallplatte mit verlängerter Spieldauer durch variable Micrograde 78"
Bild 200. Etikett einer Platte der Deutschen Grammophon mit „Variable Micrograde 78" (1950)

Eine Platte mit der für die Füllschrift werbenden Platten- tasche zeigt Bild 198.

Eduard Rhein hat die Füllschriftplatte durchgesetzt. Diese Leistung wird ihm niemand streitig machen, doch die erste auf dem Markt erschienene Platte mit gesteuertem Rillenabstand kam von der Deutschen Grammophon Gesellschaft. Daß dieser Beitrag zur Geschichte der Langspielplatte in Vergessenheit geraten ist, wird verständlich, wenn man sich die unglücklich gewählte Bezeichnung, die auf die Plattentasche aufgedruckt war, vor Augen hält: „Verlängerte Spieldauer durch variable Micrograde 78" (Bild 199).

Dazu war es noch eine 78er Platte, deren Zeit sowieso vorbei war. Die beiden Ingenieure, die diese Platte entwickelt haben, sollen hier einmal der Vergessenheit entrissen werden; es waren Dr. Gerd Schöttler (Grammophon) und Alexander Schaaf (Siemens). Auch sie erhielten Patente.

Bild 200 zeigt das Etikett einer der ersten Platten aus dem Jahr 1950.

(Fortsetzung folgt)
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Das Literaturverzeichnis (die Quellen) zu den Artikeln 1 bis 39

finden Sie am Ende dieser ersten Artikelserie auf einer eigenen Literatur-Seite. Die dann folgenden nächsten 32 Artikel über die Magnetband/Tonbandaufzeichnung finden Sie hier in unserem Magentbandmuseum.

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