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Aus der Funkschau 1978 Heft Nr. 06 kommt hier
"100 Jahre Ton- und Bildspeicherung"
Artikel Nr. 09

von Prof. Dr. hc. Walter Bruch in 1977

Die Fabriken von Menlo Park (an der Ostküste)

Bild 44. sprechende Puppen
das Sprechwerk
die Walzen-Technik
Bild 45. In der Fabrik - Endmontage der sprechenden Puppen. 600 Puppen pro Tag

Auch heute verwendet man kleine gepreßte Platten in Edisonschrift - wenigstens ist es so in dem Lach-Sack (Anmerkung: Das war um 1978 der absolute Geck.), der auf meinem Schreibtisch gerade liegt. - Damals hatte man kleine Wachswalzen von 7,5 cm Durchmesser und 1,6 cm Breite, von denen jede eigens besprochen oder besungen wurde. Eine Reihe von jungen Mädchen machten dies.

1890 wurden 500 solche Puppen am Tag hergestellt, und entsprechend viele Walzen auch besungen.

Die Hälfte der Belegschaft von 500 Mann in der vom oben angeschriebenen Mr. English geleiteten Fabrik war mit der Herstellung dieser Puppen beschäftigt (Bild 45) [31].

Aus dem relativ kleinen Laboratorium, in dem einmal die Sprechmaschine erfunden wurde, waren größere geworden und Fabriken dazu gekommen, verlagert an einen anderen Ort, der ebenfalls wieder weltberühmt wurde.

Von Menlo Park nach West Orange

Der „Zauberer von Menlo Park" war zum ,,Zauberer von West Orange" geworden, denn nach diesem kleinen, herrlich in den Bergen von Orange an den Abhängen des Llewellyn Parks gelegenen Städtchen hatte man das Laboratorium verlegt, auf ein Gelände, das auch die Errichtung von Fabriken ermöglichte. Später, als die Phonographenfertigung Hochkonjuktur hatte, wurden dort täglich 6000 Phonographen und 80 000 Walzen fabriziert.

Frühjahr 1972 - Walter Bruchs Kurzbesuch

Im Frühjahr 1972 ergab sich endlich einmal die Möglichkeit zu solch einem Kurzbesuch. Nach eineinhalb Stunden Autofahrt von meinem Hotel am New Yorker Zentralpark stehe ich vor der „Erfindungsfabrik", einem riesigen Gebäudekomplex, Efeu überwachsen, heute der Nationalfoundation der USA „Edison Laboratory National Monument" zum Staate „States Department of the Interior" gehörend.

Eine Schar von Jugendlichen, offenbar Schulgruppen, Weiße und Schwarze, drängen sich am Eingang, bis sie kichernd und schubsend im Inneren verschwinden. Die im Foyer ausgestellten Geräte interessieren sie weniger, sie wollen so schnell wie möglich in den Kinovorführraum. Dort wird ihnen einer der ersten Filme der Welt vorgeführt, sie amüsieren sich dabei köstlich.

Nach längerer Korrespondenz angemeldet, werden mein Kollege und ich freundlich von den Verwaltern der Edi-sonstiftung, Mr. Abel und Mrs. Leah S. Burt, in Empfang genommen.

Und was es dort alles zu sehen gab . . .

Bild 46. Edisons Bücherei und Arbeitszimmer in „West Orange". Im Hintergrund vor einem Gemälde nach dem Foto vom 10. Juli 1888 sein Schreibtisch

Da ich mir einige Unterlagen aus dem Archiv beschaffen will, muß ich mich bei meiner Besichtigung auf das beschränken, was der Normabesucher nicht sehen kann und auf Unterhaltungen mit den Menschen, die den Erfinder noch persönlich gekannt haben (Bild 46).

Wir dürfen durch die alten Werkstätten wandern und durch die Laboratorien. In den Sälen mit Werkzeugmaschinen überzeugt man sich davon, wieviel Mechanik doch zu diesen Entwicklungen gehört hat, aber auch wieviel Chemie, wenn man durch das riesige chemische Laboratorium geht. Irgendwie versteht man jetzt besser, warum auch Bell sich zu einem mechanisch befähigten Entwickler gerade einen Chemiker in sein Laboratorium geholt hatte.

Fast wie im (Dual-) Phonomuseum in St. Georgen

Bild 47. In den Laboratorien von West Orange fanden sich Ecken wie diese, in denen Trichter und nochmals Trichter für Walzenaufnahmen herumstanden. Für jede Aufnahmeart ein spezieller Trichter.

Unsere Führer sind stolz auf diese Werkstätten und das Chemielaboratorium, ich dränge sie in den Raum, in dem einmal die Aufnahmen für die Wachswalzenproduktion gemacht wurden. An den Wänden die Bilder von den Künstlern jener Zeit, und irgendwo hängt auch eine Zeichnung, die Kaiser Wilhelm II bei der Vorführung eines Phonographen zeigt.

Überall stehen Trichter herum, große, kleine, lange, kurze, jeder wohl für eine spezielle Aufnahmeart gefertigt (Bild 47). Wahrscheinlich war die eine Art für die Aufnahme von Männerstimmen, die andere für die von Damen, u.s.w.

Heute, da bei der Plattenaufnahme die akustischen Schwingungen über Mikrofone erst in elektrische umgewandelt werden, dann erst nach erheblicher Stromverstärkung den Schneidstichel elektromagnetisch bewegen, können wir kaum noch begreifen, daß damals die aus der menschlichen Kehle kommenden Schallschwingungen - in einem Trichter aufgefangen - über eine Membran den Schneidstichel unmittelbar in das Wachs trieben.
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Bild 48. Der Verfasser (Walter Bruch) am Schreibtisch des Erfinders mit dessen Diktiergerät anlaßlich einer Fernsehsendung

Beim Rundgang muß ich irgendwie an Pompeji denken, die Stadt, die in Emsigkeit lebend plötzlich im Aschenregen erstarrte und wieder ausgegraben wurde, als die Menschheit in einer völlig veränderten Umwelt lebte. So ähnlich kommen mir diese Werkstätten und Laboratorien vor. Alles liegt etwa so, als wäre die ganze Mannschaft und auch Edison am Wochenende nach Hause gegangen und am Montag nicht wiedergekommen (Bild 48). Sehr plötzlich muß man diesen Betrieb eingestellt haben.

Es war wohl am Ende der 20er Jahre, als die Walze und die Platte in Tiefenschrift von der Schallplatte mit Seitenschrift endgültig abgelöst worden war. War es aber nicht auch so, daß die Forschungsstätte, in der die Arbeiten fast nur durch die Initiative einer einzelnen Persönlichkeit angetrieben wurden, eingehen mußte, als diese Antriebskraft aufhörte? Aber auch die veränderte Arbeitsweise war daran Schuld in der Konzeption, in der die Laboratorien und Fabriken sich mehr als vier Jahrzehnte erfolgreich halten konnten, hätten sie nicht mehr weiter existieren können.

Doch die Zeit war zu Ende gegangen . . .

Mit Edisons Leben war die Zeit zu Ende gegangen, in der einzelne Universalgenies die noch nicht so komplizerte Technik vorwärts treiben konnten. Welche Ausbildung, welches mathematisches Wissen muß ein Forscher heute haben, um avantgardistisch mitarbeiten zu können.

Edison, einer der größten Erfinder auf dem Gebiete der Elektrotechnik, beherrschte noch nicht einmal das Grundgesetz der Elektrotechnik, das Ohmsche Gesetz, wie er in einem Patentprozeß um die von Ohm erfundene hochohmige Glühlampe zugeben mußte. Und doch hatte er ein einmaliges Gefühl für diese Zusammenhänge. Er war eben doch ein Genie.

Auf ihn trifft wie auf keinen anderen Goethes Ausspruch zu: „Genie ist Fleiß". Für seine Arbeitsweise typisch, hat er ihn in eine Form abgewandelt, die auch heute noch für viele Erfindungen zutrifft. Er pflegte nämlich zu sagen: „Erfindung, das bedeutet 1 Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration"; 1 Prozent an Zeit und Anstrengung für die Eingebung und dann jedoch 99 mal so viel harte Arbeit für die Vollendung und Verwirklichung der Erfindung.

Besessen von der Idee und das 72 Stunden lang

Bild 49. Ein Stündchen Ruhe auf einer improvisierten Liege im Laboratorium. Später wurde eine bequeme Liege in der Bücherei aufgestellt, in der sie heute den jugendlichen Besuchern als Museumsstück gezeigt wird.

Daran muß man denken, wenn man das karge Bett besichtigt, auf dem Edison sich gelegentlich ein Stündchen ausruhte, wenn er einige Tage und Nächte hintereinander im Laboratorium zubrachte, bis eine vorgegebene Aufgabe gelöst war (Bild 49); beispielsweise jene 72-Stunden-Schicht anläßlich der Vollendung des Phonographen.

Angefüllt mit vielen Informationen über die Frühgeschichte der Audiovision, die mich mit angeregt haben, diese Geschichte zu schreiben, verabschiede ich mich von meinen liebenswürdigen Führern durch die Laboratorien.

An der Theke - ein lebendes Museumsstück

Am Ausgang steht, von der Jugend umringt, hinter einer Theke mit Bildern und Schriften ein alter Amerikaner und verkauft kleine Büchlein und Poster an die Schüler, die es gerne dem großen Erfinder nachmachen möchten. Der Alte, der ausschaut, als käme er aus der viktorianischen Zeit, war einst einer der Mitarbeiter Edisons in der Phonographenwerkstatt. Übriggeblieben ist er selbst, ein lebendes Museumsstück. Der Mann, der den großen Erfinder gekannt hat, läßt sich nicht aushorchen, auf unsere Unterhaltung geht er nicht ein, versteht er unser Englisch nicht, oder ist er müde vom Ausfragen?

Zwei Jahre später, als ich wieder nach West Orange kam, um einige Aufnahmen für eine Fernsehsendung dort zu machen, war er in Pension gegangen und auch sonst hatte sich dort einiges geändert. In dem Zustand, in dem ich noch die Arbeitsstätten, in denen der Phonograph und Tausende von Musikprogrammen auf Walzen und auch auf Platten entstanden sind, gesehen habe, so kann man sie heute nicht mehr sehen. In den Arbeitsräumen, die jetzt auch Museum werden, wird nur noch das verbleiben, das für sie typisch ist. Lobenswert! Ich hatte noch die Gelegenheit, alles so zu sehen, wie es der Erfinder und seine Nachfolger mit der Atmosphäre von vor fast einem halben Jahrhundert hinterlassen hatten.

(Fortsetzung folgt)

Das Literaturverzeichnis (die Quellen) zu den Artikeln 1 bis 39

finden Sie am Ende dieser ersten Artikelserie auf einer eigenen Literatur-Seite. Die dann folgenden nächsten 32 Artikel über die Magnetband/Tonbandaufzeichnung finden Sie hier in unserem Magentbandmuseum.

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