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Aus der Funkschau 1979 Heft Nr. 03
"100 Jahre Ton- und Bildspeicherung"
Artikel Nr. 32

von Prof. Dr. hc. Walter Bruch in 1977

Der Weg zur Langspielplatte.

Man beachte: Das berühmte Tschaikowski Konzert Nr 1 in B-Moll - aber II.Satz, 1. Teil, 4. Fortsetzung - das war einfach unzumutbar.

4 1/2 Minuten sind wirklich zu wenig. - Für längere Programme, wie Symphonien, Opernquerschnitte usw., war die Spielzeit auch der großen 78er Platte mit 30cm Durchmesser viel zu kurz. Bei 4 1/2 Minuten verfügbarer Zeit für die Aufzeichnung auf einer Plattenseite mußten Dirigent und Orchester oder die Solisten auf der Lauer liegen, um beim Aufleuchten der Signallampe, die den Start der Wachsplatte für den Schnitt ankündigte, sofort mit dem Spiel zu beginnen, damit von der wertvollen Aufzeichnungskapazität nichts verloren ging.

Trotzdem wurde oft das ganze Musikstück nicht ,,geschafft", und die Aufzeichnung mußte mit beschleunigtem Zeitmaß wiederholt werden. Oft half auch nur das Auslassen einiger Takte, um ein nicht mehr aufteilbares Musikstück auf einer Plattenseite unterzubringen.

Gerald Moore erzählt :

Der schon einmal zitierte Gerald Moore schildert das in seinen Erinnerungen [45] so:

Mit dem Wachsverfahren wurden nur Platten in zwei Größen hergestellt; die große, die normalerweise vier Minuten fünfzehn Sekunden, und die kleine, die drei Minuten, zehn Sekunden lief. Eine zusätzliche halbe Minute konnte in besonderen Fällen in eine Platte hineingequetscht werden. Dies wurde aber tunlichst vermieden, denn die Tonqualität verschlechterte sich, wenn die Nadel dem Zentrum der Platte zu nahe kam...

Bei kürzeren Stücken wurde deshalb oft das Tempo in grotesker Weise beschleunigt, bloß damit die Aufnahmedauer für die Platte reichte. Wenn das rote Licht aufleuchtete, verloren wir keine Sekunde - wir legten gleich los. Sprinter in einem Hundertmerterlauf konnten nicht schneller starten als wir.

Wunschtraum ,,Langspielplatte"

Was alle gerne gehabt hätten, eine Schallplatte mit erheblich längerer Spielzeit, die ,,Langspielplatte", mußte sehr lange ein Wunschtraum bleiben.

Drei Möglichkeiten boten sich den Ingenieuren an, um zu einer Platte mit verlängerter Spielzeit zu kommen:

  • 1. Die Vergrößerung des Plattendurchmessers.
  • 2. Enger nebeneinanderliegende Tonspuren, um mehr davon auf einer Plattenseite unterzubringen.
  • 3. Mehr Zeit für eine Rille, also Herabsetzung der Umdrehungszahl je Minute.


Naheliegend war die Vergrößerung des Plattendurchmessers. Schon um 1905 stellten Neophone in England und Pathe in Frankreich erste 50cm Platten her, doch der Erfolg blieb ihnen versagt; unhandlich und zerbrechlich ließen diese Platten sich beim Publikum nicht einführen.

Einen Kompromiß, die 40cm Platte, ausschließlich für die sachkundigen Hände des Kinovorführers in der Zeit der Plattentonfilme bestimmt, werden wir noch kennenlernen.
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Die erste Langspielplatte auf dem Markt kam von Edison!

Bild 176. Der alte Edison bei der Entwicklung seiner Schallplatte

Der schon auf die 80 zugehende Erfinder krönte sein Lebenswerk mit einer ersten 40 Minuten Platte. Der überzeugte Anhänger der Walze, die ihm eine konstante Abtastgeschwindigkeit während der ganzen Spielzeit sicherte - im Gegensatz zur Platte, bei der die Geschwindigkeit nach innen zu abnimmt - mußte 1910 auf Drängen seiner Gesellschafter die Entwicklung einer eigenen Schallplatte aufnehmen [Bild 176).

Die von ihm zunächst mit Widerwillen aufgenommene Arbeit begeisterte ihn bald so, daß viele Patente von ihm und seinen Mitarbeitern angemeldet werden konnten.
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Bild 177. Edisons Schallplatte. Daß es sich um Tiefenschrift handelt, sieht man an dem in der Breite nur geringfügig verändertem Lichtband.

1912 kamen die ersten Edison-Platten (Bild 177) auf den Markt, zusammen mit den ausschließlich für diese Platten bestimmten Abspielgeräten; denn getreu seiner Überzeugung, daß die Tiefenschrift der Seitenschrift qualitätsmäßig überlegen sei, wurden es Platten mit Tiefenschrift, die mit dem normalen Grammophon nicht abgespielt werden konnten.

(Die Vorteile der Tiefenschrift hat übrigens in den zwanziger Jahren die Bell-(Telefon-) Gesellschaft noch einmal herausgestellt; bei Bell wurden sogar elektromechanische Abtaster entwickelt, die sowohl Tiefen - wie auch Seitenschrift abtasten konnten.)

25 cm Durchmesser und 80 U/min

Edisons Platten hatten zunächst nur 25 cm Durchmesser und waren für 80 U/min bestimmt; wir ordnen sie unter die 78er ein. Man könnte den schwerhörigen Erfinder auch als den Vater von Hi-Fi bezeichnen, denn unermüdlich arbeitete er an der Qualitätsverbesserung seiner Aufnahmen; Aufnahmen, die seinen Qualitätsansprüchen nicht genügten, kamen nicht auf den Markt.
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Bild 178. Der Abnahmeraum für die fertigen Platten in West Orange. Im Regal viele nicht freigegebene Platten.

Davon zeugt in seiner Fabrik in West Orange ein Saal [Bild 178), in dem alle neuen Platten vor der Freigabe noch einmal einem sachkundigen Kreis vorgeführt wurden. Da finden sich an den Wänden Regale mit unzähligen Platten, darunter viele, die nicht auf den Markt gekommen waren.

Auch von letzteren habe ich bei einer Fernsehsendung
zusammen mit H. Gotzmer einige von einer dort stehenden Truhe über ein Mikrophon abgespielt, um die Fernsehteilnehmer mit dem hervorragenden Stand von Edisons Technik vertraut zu machen, selbst bei den von ihm kritisierten Platten.

Als Abtaster wurde die schon für die Walze entwickelte Dauernadel aus Diamant verwendet [Bild 179), schiffchenförmig geschliffen und poliert, eine Spitzenleistung der damaligen Technik.

Bild 179. Der Diamant-Abtaster

Und Edison nahm kein Schellackmaterial

Von Anfang an waren diese Platten, abweichend von der üblichen Schellacktechnik, aus eigenen Materialmischungen hergestellt. Als nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges einige der aus Deutschland bezogenen Ingredienzien nicht mehr erhältlich waren, . . . . .
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. . . . begann der leidenschaftliche Chemiker mit Experimenten, die ihn auf einen eigenen Kunststoff führten, den er mit „condensite" bezeichnete.
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Es stellte sich bald heraus, daß er identisch war mit dem 1915 von dem Amerikaner H. Bakeland erfundenen härtbaren vollsynthetischen Kunstharz, das nach seinem Erfinder den Namen „Bakelite" erhielt und weltbekannt wurde.

  • Anmerkung: Bakelite hatte bei uns in Deutschland West genau solch ein negatives Plastik-Image wie damals die "Plaste" aus dem Osten Deutschlands.

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Oben zwei Bakelite-Knöpfe, - unten ein typisches Bakelite Telefon der 50er Jahre

Dieses Material bildete dann gehärtet die Oberfläche eines massiven Kerns aus billigerem Material. Damit waren die ersten Platten in die Fabrikation gekommen, bei denen die Nadel auf synthetischem Kunststoff lief.
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30cm Platten mit Bakelite

Als dann auch noch 30cm Platten aus diesem Material hergestellt werden konnten, - Edison hatte lange Schwierigkeiten mit der Vergoldung des 30cm Masters -, war alles beisammen für die Herstellung einer Langspielplatte.

(Fortsetzung folgt)
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Das Literaturverzeichnis (die Quellen) zu den Artikeln 1 bis 39

finden Sie am Ende dieser ersten Artikelserie auf einer eigenen Literatur-Seite. Die dann folgenden nächsten 32 Artikel über die Magnetband/Tonbandaufzeichnung finden Sie hier in unserem Magentbandmuseum.

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