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Ein Einblick in den Vergleich zwischen USA und Deutschland von 1955

Heute ist es schwer, zurück in die 1955er Jahre zu schaun und unsere damalige Position im Weltmarkt der Ingenieurtechniken zu verstehen und zu vergleichen.

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1955 - Bericht aus den USA

Von Heinz Werner Stamford
Bei meinem letzten Besuch in Deutschland bat mich Herr Baurat E. Wilke, diesen Bericht für „Die Freunde der Staatlichen Ingenieurschule in Hagen" zu schreiben.

Ich bin gern bereit, weitere Fragen an dieser Stelle zu beantworten in der zuversichtlichen Hoffnung, damit seinem Bemühen entgegenzukommen, einen engeren Kontakt aller Ehemaligen zu erreichen.
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Man liest die „NEW YORK TIMES" am Sonntag

Ein gutes Bild von Angebot und Nachfrage an Ingenieuren in den Vereinigten Staaten gibt die Sonntagsausgabe der „NEW YORK TIMES". Auf etwa 20 engbedruckten Seiten finden wir in acht Spalten ungezählte offene Stellen für Facharbeiter, Ingenieure, Wissenschaftler und Spezialisten in Maschinenbau, Elektrotechnik, Flugzeugbau und Atomentwicklung. Der Bedarf an Fachkräften ist im ständigen Wachsen.

Die verantwortlichen staatlichen und industriellen Kreise bemühen sich in enger Zusammenarbeit, dringend benötigten Nachwuchs heranzubilden, und weisen mit Sorge auf die ungleiche Entwicklung in den kommunistischen Ländern hin.

Eine ganz andere Art der Arbeitsvermittlung

Veröffentlicht werden diese Stellen durch selbständige Agenturen, die für jede abgeschlossene Vermittlung eine einmalige Provision von etwa 5 Prozent des Jahreseinkommens verlangen. Neben der Angabe des Jahresgehaltes, 4.500 Dollar für den Anfänger bis 20.000 Dollar für Spitzenkräfte, verspricht man angenehme Arbeitsbedingungen in klimatisierten Büros, bezahlte Feiertage, Urlaub, Pensionen und die unbegrenzte Möglichkeit, beruflich weiterzukommen.

Zunächst sieht das reiche Angebot für den eingewanderten Europäer sehr verlockend aus. Nachdem er einige Dutzend dieser Agenturen aufgesucht hat, wird er durch die Tatsache ernüchtert, daß weit über die Hälfte der Stellen nur für amerikanische Staatsbürger offenstehen, da die in Frage kommenden Firmen mit Verteidigungsaufträgen beschäftigt und an strenge Gouvernementvorschriften (Regierungsvorschriften) gebunden sind.

Die mangelnde Erfahrung amerikanischer Methoden sowie die Schwierigkeit, in ausreichendem technischem Englisch seine Fähigkeiten und Ideen zu unterbreiten, sind weitere nicht zu unterschätzende Faktoren bei der Suche nach einem passenden „Job". Zeugnisse oder Empfehlungen anders als amerikanisch werden im allgemeinen nicht beachtet.

Ganz von unten anfangen

Eine ausgezeichnete Möglichkeit für den Ingenieur aus dem „old country", mit den Dingen der neuen Welt vertraut zu werden, und der sichere Weg, Anerkennung in seinem Beruf zu finden, ist der Weg zum Zeichenbrett. Das bedeutet meist einen neuen Anfang.

Mit einem Wochenlohn von etwa 80 bis 100 Dollar übersieht er für eine Weile, daß „nur" Schrauben oder Lager zu entwerfen sind. Er hat genügend Gelegenheit, sich mit den neuen Symbolen vertraut zu machen, den Maßen und Passungen im Zollsystem und der verschiedenartigen Projektion der Teile. Kostenlose Lehrgänge in Abendschulen vermitteln neben einer großen Auswahl allgemeinbildender Fächer gründlichen Ausbau der englischen Sprachkenntnisse.

Der amerikanische Mitarbeiter begegnet dem neuen Kollegen zuvorkommend und hilfsbereit. Er wird bestrebt sein, ihn vorurteilslos zu verstehen und eine entspannte, „easy" erscheinende Atmosphäre zu bilden.

Die Familie hat einen hohen Stellenwert

Es überrascht den Europäer, der noch etwas verlegen und unselbständig der neuen Arbeit entgegensieht, welche Beachtung man seinem persönlichem Wohlbefinden, seiner Familie und seinem „hobby" schenkt, bevor man — scheinbar nebenbei — das Thema Arbeit erwähnt.

Familie, Haus, Automobile und Freizeit stehen allgemein im Mittelpunkt des Amerikaners. Der Beruf ist von sekundärer Bedeutung und stellt lediglich die Mittel zu hohem Lebensstandard und Ansehen. Ein großer Name wie „General Electric" läßt das Herz des jungen Ingenieurs nicht höher schlagen, wenn nur ein mageres Gehalt damit verbunden ist.

Sein Hochschulabschluß und Titel werden erst dann von Bedeutung sein, wenn er damit mehr Geld „machen" kann als der Kolonialwarenhändler oder Eiscreme-Verkäufer an der nächsten Straßenecke.

Eine andere Mentalität auch in der Firma

Es nimmt kein Wunder, daß sich diese Einstellung in den Werkhallen und Büros widerspiegelt und von Generaldirektor und Laufjungen in gleicher Weise aufgefaßt wird. Angestrebt wird ein hoher Verdienst in kurzer, wirkungsvoll ausgenutzter Arbeitszeit, mit Verzicht auf „Angabe" mit edelholzbeschlagenen Räumen, Unterputzinstallation und Betriebsschwimmbädern.

Einen wesentlichen Bestandteil amerikanischer Ingenieurausbildung bildet die Auswahl und Behandlung geeigneten Personals oder des Mitarbeiterstabes. Von der einfachen Feststellung ausgehend, daß in einem Betrieb nichts „geschehen" kann ohne die Hilfe jedes einzelnen, wird eine vernünftige Betriebsphilosophie aufgebaut, die einen angenehmen, reibungslosen Arbeitsablauf gewährleistet.

Ein anderer Sprachgebrauch

Danach vermeidet man geschickt, einen direkten Befehl auszusprechen: Ich brauche deine Hilfe ... Ich möchte gerne, daß du dir einmal Gedanken über diese Arbeit machst . . . Wenn du nicht zu sehr beschäftigt bist, möchte ich ein paar Sätze diktieren . . Diese sind die üblichen Umschreibungen von Arbeiten, die dringend erledigt werden sollen und die man besser keine Minute aufschiebt.

Der Ton macht bekanntlich die Musik, und man geht nicht fehl in der Annahme, ein gutes Betriebsverhältnis vorzufinden, wo der Meister an das Mikrofon der Lautsprecheranlage tritt, der Belegschaft einen guten Morgen wünscht, die Zeit ansagt und die Leute bittet, an ihre Arbeit zu gehen.

Andere amerikanische Grundlagen

Es wird eine Arbeitswilligkeit geschaffen, die „kostenlos" gebildet wird, welches dem rationellen Denken des Amerikaners entgegenkommt und sich als außerordentlich wirkungsvoll erwiesen hat. Die Führung der amerikanischen Wirtschaft ist vorläufig noch unangetastet. Bei einer vergleichenden Betrachtung werden oft die zur Verfügung stehenden reichen Rohstoffquellen in den Vordergrund gestellt. Dieses trifft aber nur bedingt zu.

Durch Einsatz von Automaten hat man den Lohnanteil an Massengütern auf ein Minimum gebracht, bedingt durch einen gesetzlich vorgeschriebenen stündlichen Mindestlohn von einem Dollar für die geringste Arbeitsleistung. Auf deutsche Verhältnisse umgerechnet, würde dies der Kalkulation eines Gerätes entsprechen, basierend auf einem Stundenlohn von 4,— DM für ungelernte Arbeiter, 8,— bis 10,— DM für den ausgebildeten Facharbeiter — ohne eine Erhöhung des Einzelhandelspreises oder bei einem Grundlohn von 1,— bis 2,— DM eine entsprechende Verkleinerung des Endpreises.

Damit wäre eine Grundlage gegeben, sich an den hohen Lebensstandard des Amerikaners anzugleichen. Es erscheint, daß die Konkurrenzfähigkeit laufend nach den USA exportierter europäischer Präzisionsinstrumente wesentlich durch das aufgezeigte ungleiche Lohngefüge begünstigt wird.

Das war !! ein Bericht aus den USA aus 1955.

Von diesen Idealen ist man in den letzten Jahrzehnten vor der Lehman Brothers Pleite aber weit abgewichen.

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