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Eine Nachlese:
HIGH END '95 - Was war los?

Ein Messereport von Klaus Staaden

August '95: Die Sommersonne steht über der Stadt. Frankfurt am Main: Metropole, Dreh- und Angelpunkt der Banken, Versicherungen und anderer Hochfinanz im Zentrum der Bundesrepublik, wenn nicht gar Europas. Unverkennbar von weitem die Silhouette des Messeturms - dort in der Nähe habe ich meine Unterkunft - er wird mir im Frankfurter Großstadtgewühl willkommener Wegweiser sein.

Das Auge schweift ein Stück weiter und bleibt, wie üblich, am Bankenzentrum hängen. Dicht gedrängt stehen dort die 'Geldbohr- und Fördertürme'. Alles ist vom Drang in die Höhe bestimmt, vom steten Übertrumpfen beseelt. Der Messeturm: ein geradezu utopisch, verrückt aussehendes Gebäude.

Die unteren acht Etagen beherbergen, ich möchte fast sagen in einem Glaszylinder in edlem Marmor eingefaßt, eine gigantisch überproportionierte Eingangshalle mit Rolltreppen und Liften. Darüber erhebt sich mit nahezu kreisförmigem Querschnitt der Büroturm. Auf seiner Spitze thront eine dreiteilige Pyramide, die sowohl drehbar, als auch nachts in ihren Konturen beleuchtet ist.

Ich stehe auf dem teuren Pflaster des Fundaments. Aus direkter Nähe wirkt der Turm gar nicht mal so besonders groß, aber dafür um so edler, verrückter und teurer. Konkav gewölbte, glatt polierte, bräunliche Marmorblöcke ziehen mit äußerster Präzision ihre Bahn senkrecht nach oben.

Damit der Turm nicht geklaut wird, ist an allen vier Ecken in den unteren Blöcken der 'Besitzer und das Kaufdatum' eingemeißelt: MESSETURM / Tishman & Spreyer Properties / 1988". Nebenan wachsen gerade zwei Rohbauten in atemberaubender Geschwindigkeit empor: „Castor" und „Pollux" sollen demnächst die höchsten Bürogebäude Europas werden, fragt sich nur wieder für wie lange?

Jetzt zum eigentlichen Bericht

Nein, Sie lesen wirklich meinen Bericht von der HIGH END '95. Früher war es für mich immer ein gewaltiger Kontrast zwischen der nuttigen Großstadt Frankfurt und dem Hotel Kempinski in Gravenbruch, also dem Veranstaltungsort, hin- und herzupendeln. Das ist auch heute noch so - ja, ich glaube sogar, daß das Niveau dort wieder anzusteigen beginnt.

Natürlich muß man differenzieren. Auf der einen Seite ist es erfreulich, daß der technische Wiedergabestandard einen kontinuierlichen Aufwärtstrend zeigt (gegenteilige Feststellungen zu diesem Thema beruhen wohl eher auf schöngefärbten Erinnerungen).

Auf der anderen Seite ist aber der Einsatzwille, der Enthusiasmus, ja die Begeisterung in Gefahr, unter die Räder zu kommen. Händler, die sich künftig nicht mehr die Mühe machen wollen, ihren Kunden in stundenlangen Beratungen das nötige Grundwissen und die Auswahlkriterien beizubringen, weil sie dann doch hilflos zusehen müssen, wie andere Billigheimer das Geschäft machen: „Dann machen wir statt Beratung auch nur noch Show, das ist es, was die Leute wollen, und verkaufen nur noch, was gut geht. Wir müssen ja schließlich auch leben!"
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Der Frankfurter Messeturm

Solche Hilferufe sind Vorboten einer traurigen Entwicklung, von der wir nur hoffen können, sie möge die "HIGH END Szene" verschonen. Dagegen steht jedoch ein letztes Häuflein der Aufrechten, seit eh und je eine Handvoll der echten Macher aus der HIGH END Großfamilie.

Unter ihnen hab' ich mich wirklich wohl gefühlt und sie sind auch der Grund, warum ich so traurig Abschied von der Messe genommen habe - mich fiebert schon wieder nach der HIGH END '96.

Bleibt noch etwas Zeit für einen kleinen Messebummel, Sie kommen doch mit, oder?

Ein kleiner Messebummel

Gebannt, wie wohl der Betrachter aus Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung", steht vor mir ein Messebesucher. Die Hand am Kinn, betrachtet er, wohl ebenso nachdenklich wie ich, den neuesten Schrei:

Das Bild an der Wand als gut getarnter Lautsprecher. Ein guter Trick, um aus Lokalen und Wartezimmern die Gäste zu vergraulen, ohne daß sie merken, woher die garstigen Geräusche kommen. Wie nur soll der Laie ahnen, daß sich hinter solch kitschiger Versandhauskunst Schallwandler verstecken, die, Zitat Branko Glisovic: „ ... den Tatbestand der vorsätzlichen akustischen Körperverletzung erfüllen".

Eine weitere Marktlücke, auf die ich nie gekommen wäre, konnte durch einen Vollverstärker für über 30.000 Mark geschlossen werden. Nicht nur daß das eigenwillige Design den Platz von drei Bausteinen beansprucht, die Optik zielt voll auf Show. Mit der kulturfrevierischen Assoziation „STAR WARS" komme ich zu spät, der deutsche Vertrieb hatte das bereits selbst erledigt.

Dann sind wir auch gleich beim Thema Surround- und Heimkinosysteme. Lassen wir sie so gut sein wie sie nur wollen, das beste führte vermutlich P.I.A. mit Counterpoint-Elektronik vor, am fragwürdigen Inhalt dessen, was den Zuschauer per Leinwand und Lautsprecherarmada berieselt, kann auch die aufwendigste Technik nichts ändern.
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Ein Thema für die Rubrik "HAI ENTE WURM". Wenn's mir mal so richtig übel werden sollte, ich für eine Sünde echt büßen müßte, dann besuche ich eine der zahlreichen Surround-Shows.
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Jetzt das Positive

Nein keine Angst, das waren nur die wenigen unerfreulichen Ausnahmen. Das Positive überwog bei weitem. Accuphase stellte unter anderem eine neue kleinere Class-A Endstufe, die A-20, vor. Ebenfalls bei P.I.A. gab es die neuen Lautsprecher von Dunlavy (die jetzt auch so heißen wie ihr Entwickler, früher baute er die legendären Duntechs).

Das Auditorium 23 stellte erstmals aus. Zu hören war eine komplette Shindo-Kette (inkl. Boxen) mit einem Verdier-Laufwerk. Die Kette war vielleicht nicht jedermanns Fall, aber ideal für den, der sich entspannen, abschalten oder meditieren möchte.

Bei Audio Electronic konnte man nicht nur die neuesten STAX-Kopfhörer bewundern, Hans W. Steickart hatte auch rauhe Mengen der herausragendsten Kunstkopf-Produktionen dabei.

Bei Audio Exklusiv hatte man ohne großes Tamtam die Vorstufe PI2 verbessert. Eva Pütz zählt eben zum kleinen Zirkel derer, die es nicht nötig haben, ständig überflüssige Neuheiten präsentieren zu müssen.

Das gleiche gilt auch für 'Manni' Baier. Nach der letztjährigen Aufrüstung der Omtec Endstufe CA-60, war in diesem Jahr die kleinere CA-25 in der Frischzellenkur. Die Verstärker haben dadurch stark an Qualität dazugewonnen ohne dabei preislich aus dem Rahmen zu fallen. Wohl dem der solche Dauerbrenner hat, er braucht nicht ständig neue Typen zu entwickeln.

Ähnlich verhielt es sich bei Symphonie Line. Die liebevoll weitergepflegten Voll- Verstärker werden jetzt im Ausland (USA, Italien, Griechenland) hoch gelobt und ausgezeichnet.

Auch Rolf Gemeins neue Röhrenvorstufe hinterließ einen hochwertigen, aufwendigen Eindruck. Bei TE Audio Systeme gab es neue, kleine Endstufen nach typischer Tessendorf-Manier: klein aber oho! Ebenfalls bei Tessendorf zu bewundern: die neuen Lautsprecher von Heiner Martion, der es nach über 15 Jahren wieder mit Hornlautsprechern versucht. Die kleinen Böxchen mußten so allerhand an Lob von den Hörgästen einstecken. Lindemann präsentierte die Nachfolger der von Insidern
geschätzen Vollverstärker. Sie sollen nochmals besser geworden sein - nun, man wird hören.

Eine ordentliche Analogvorführung gab es bei „stst" zu hören, wie überhaupt die Zahl der genießbaren Analogvorführungen gegenüber dem Vorjahr stark zugenommen hat.

Steht doch glatt ein Zuhörer, im Flur des Austellungszimmers natürlich, so, wie sich's für den guten Banausen gehört, baff vor Staunen vor einer analogen Vorführung: „Die führen ja noch mit 'nem Grammophon vor!"

Den hätte ich gleich zu Walter Fuchs schicken sollen, denn der hatte tatsächlich ein schönes Trichtergrammophon als Ausstellungsstück dabei. Ob unser Banause dann vollends aus den Pantoffeln gekippt wäre? Bei Copulare wurden die Tonbasen weiter verbessert. Die Birkenholztragplatten haben jetzt eine Quarzsandfüllung bekommen.

Als Neuheit gab's Kabelträger zur akustischen Entkopplung der Lautsprecherleitungen. Jede Menge interessanter Leute gab's ebenfalls auf der Messe zu sehen und zu treffen. Bei der AAA im Ballsaal konnte man sich bei Wilfried Zahn persönlich über den Stand der Aufnahme- und Plattenschneidtechnik informieren.

Für Plattensammler stand Bertram Kinderdick parat. Bei A.J. van den Hul konnte ich mich persönlich dafür bedanken, daß er mein altes Grasshopper wieder auf den neuesten Stand gebracht hatte - eine wahre Meisterleistung.

Auch Tony Hawkins, der begnadete Schneidingenieur der DECCA, war zugegen. Ich konnte es mir nicht verkneifen, mir eine seiner heißgeliebten Remasterings auf dem Cover signieren zu lassen; als Plattensammler muß man auch manchmal nett zu sich selbst sein.

Und es gab noch unzählige weitere, interessante Begegnungen und Erlebnisse auf dieser Messe. Wie gesagt, es war wieder einmal ein großartiges Ereignis, und wer die Messe unbedingt verteufeln wollte, der hätte schon mit riesengroßen Scheuklappen und ohne Herz hindurchgehen müssen.

KS

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