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"Max Brauns Rasierer" Teil 4 (ab 1951)

Erinnerungen von Artur Braun (Nov. 2013 †) -
aufgeschrieben im Jahr 1996.

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Bezugsfertige Shedhallen
Thermoplastik-Spritzgießmaschinen
Richard Rohlf und Ernst Pauli

April 1954 - eine neue Zeit bricht an - Walldürn im Odenwald

Am 20.4.1954 wurde der Grundstein für unser neues Werk in Walldürn gelegt, und in einer Rekordzeit von nur 8 Wochen stand der Rohbau. Richard war in seinem Element. Er hatte mit seiner Frau Anne eine primitive Altbauwohnung in Walldürn bezogen. Elfi und ich besuchten die beiden fast an jedem Wochenende. Abends saßen wir oft an einem alten Kanonenofen und schmiedeten Pläne für die Zukunft.

Schon im Spätherbst 1954 waren Halle und Verwaltungstrakt bezugsfertig. Richard und ich bauten das erste Werkzeug in eine Spritzgußmaschine, füllten Granulat ein, brachten alles zum Laufen und hielten bald stolz die ersten Stücke der neuen Walldürner Produktion in der Hand. Es waren Ringe für das Netzkabel, glasklar und noch etwas eingefallen, weil der Nachdruck nicht stimmte, und die Ausstoßer hatten wir zu hoch eingestellt.

Es war nicht leicht, in der ländlichen Gegend Facharbeiter zu finden, aber alle gaben sich die größte Mühe. Einige Fachleute aus Frankfurt zogen mit nach Walldürn, unter ihnen Ernst Pauli, der an Asthma litt und sich dort in der guten Luft zusehends erholte.

Sommer 1954 - Ein Künstler "steigt bei uns ein".

Fritz Eichler
Betriebsspiegel „Für modernen Lebensstil"

Im Sommer 1954 kam Fritz Eichler zu uns. Erwin hatte ihn im Krieg beim Militär kennengelernt. Fritz hatte da seine Lieblingsbilder moderner Maler im Marschgepäck, die damals als „entartete Kunst" galten.

Er erzählte Erwin von Paul Klee und den anderen, und so waren sie Freunde geworden. Ein Kunsthistoriker in einem mittleren Elektrobetrieb! Zum Glück hatte Erwin die Phantasie, sich das vorzustellen, und Fritz Eichler sollte später unschätzbaren Einfluß auf Philosophie und Gestalt unseres dann viel größeren Hauses nehmen.

Er war uns ein wirklicher Freund und der ideale Gesprächspartner. Zahllose Stunden und Tage saßen er und Erwin zusammen, machten Spaziergänge im Vordertaunus und diskutierten bei jeder passenden und manchmal auch unpassenden Gelegenheit. Sie versuchten einen gemeinsamen Nenner zu finden, eine gemeinsame Aussage für unser doch so heterogenes Produktprogramm.

BRAUN wird anders : „Für modernen Lebensstil"

„Für modernen Lebensstil" war schließlich der Begriff, der alles verbinden sollte. Hier erscheint zum ersten Mal das Wort modern, wenn es auch mit dem, was wir später darunter verstanden, noch wenig zu tun hatte.

Unzufrieden mit den "überdekorierten" Rundfunkgeräten

Trotz eindrucksvoller Erfolge, die wir in kurzer Zeit vorweisen konnten, waren Erwin, Fritz und ich mit dem, was wir vorstellten, unzufrieden. Am wenigsten mochten wir unsere überdekorierten Rundfunkgeräte in polierten Holzgehäusen. Für uns waren es nur die „Goldkisten".

Auch eine Meinungsumfrage über unsere Firma, die Erwin machen ließ, war deprimierend. Wir brauchten andere Qualitäten, wir brauchten Fortschritt und Modernität.

Ein Artikel im Spiegel 1953 rüttelt auf

Schon im Dezember 1953 war im Spiegel ein Artikel über Raimond Loewy und seinen Bestseller „Häßlichkeit verkauft sich schlecht" erschienen. Erwin hatte damals einige Exemplare im Betrieb verteilt, und wir hatten ausgiebig darüber diskutiert. Ständig auf der Suche nach Meinungen von draußen, fragte er jetzt unseren ehemaligen Kunsterzieher Emil Betzier, wer uns bei der Suche nach modernen Radiogehäusen helfen könne, und Emil Betzier nannte ihm Wilhelm Wagenfeld, der gerade in Darmstadt einen Vortrag halten wollte.

Wilhelm Wagenfeld mit Gattin zu Besuch bei uns

Wilhelm Wagenfeld und seine guten Waren und guten Formen

Erwin ging hin und war von dem, was er sagte, so begeistert, daß er diesen hervorragenden Gestalter und ehemaligen Bauhaus-Mann bat, uns zu helfen. Ich war oft bei ihm in Stuttgart. Während wir an einem Phonokoffer und an einem Plattenspieler arbeiteten, sprach dieser wunderbare Mann über gute Waren und gute Formen, über viele Dinge, aus seiner mir damals noch wenig vertrauten Welt.

Herbst 1954 - Hans Gugelot wird engagiert

Hans Gugelot und Erwin
Messestand in Düsseldorf 1955

Auf Einladung von Erwin besuchte uns im Herbst 1954 Hans Gugelot. Herr Untied, Geschäftsführer unseres Holzgehäuselieferanten Thun in Jettingen, hatte Erwin geraten, sich wegen moderner Radiogehäuse an die Hochschule für Gestaltung in Ulm zu wenden, an der Hans Gugelot damals Dozent war. Erwin erteilte ihm den Auftrag, ein modernes Holzgehäuse zu entwerfen, das er uns wenig später in der Rüsselsheimer Straße vorstellte.

Fritz Eichler kommentierte den Verschwörer so :

Dazu schrieb ihm Fritz Eichler später:

 „Ich erinnere mich an unsere erste Begegnung in Frankfurt. Du brachtest - geheimnisvoll verpackt - das erste Modell für ein zukünftiges Radiogerät mit. Es war ein spannungsvoller feierlicher Moment - eine Art Denkmalenthüllung: Da stand das Ding - eine viereckige Holzkiste - auf der Vorderseite eine schwarze Kreisfläche und ein Rechteck - das war alles.

Und da standen wir - fünf Herren von der Industrie - und starrten das Ding an: In sportlicher Lederjacke, einen dicken wollenen Schal um den Hals (obwohl es im Zimmer sehr warm war) schautest Du Deinerseits skeptisch - fast ein wenig arrogant wirkend - diese fünf Herren an.

Ein Engel ging durchs Zimmer - Du hieltest ihn sicher für einen maskierten Teufel, der das Wunderding aus Ulm gleich mit einem Knall in die Luft sprengen würde.

Aber es blieb still - es scheint wirklich ein Engel gewesen zu sein - der Engel, der uns zusammenbrachte.
Später hast Du mir gestanden, daß Du diese Vorführung als eine Art Test in Szene gesetzt hast. Du wolltest uns provozieren - Du wolltest wissen, ob wir zu der Sorte von Indutriellen gehörten, die es auch einmal mit der sogenannten Moderne versuchen wollten.

Als Du merktest, daß es uns ernst war, ja daß wir sogar bereit waren, diesen aus einer Matrix entsprungenen Rohentwurf eines Radiogerätes zur Realität werden zu lassen - da wurden aus den fünf Herren der Industrie für Dich Menschen. Du legtest mit dem dickwollenen Schal die Skepsis ab und wurdest zum Mitverschwörer".

Die Düsseldorfer Rundfunkausstellung im Sommer 1955

Kleinradio SK I
Hans Gugelot und Fritz Eichler
Messestand 1955

Hans Gugelot und seine Mannschaft entwarfen und bauten weitere Modelle. Auf der Düsseldorfer Rundfunkausstellung im Sommer 1955 wurden sie zur Sensation.

Ein damals absolut progressiver genialer Messestand

Otl Aicher, Mitbegründer der Hochschule für Gestaltung, leitete zu dieser Zeit dort den Bereich „Visuelle Kommunikation".

Er hatte ein neuartiges System für Messestände entworfen und uns zur Präsentation unserer neuen Rundfunkgeräte in Düsseldorf überlassen. Es war ein typisches Ulmer System, grazil, transparent, leicht auf- und abzubauen und nur aus wenigen Teilen bestehend, die sich gut kombinieren und immer wieder verwenden ließen.

In einem Grundraster konnten kleine und große Stände gebaut und den jeweiligen Platzverhältnissen angepaßt werden.

Im Gegensatz zu den üblichen teueren Sonderanfertigungen, die nach jeder Messe herumlagen, weil niemand sich traute, sie wegzuwerfen, brauchten diese Messestände, wenn sie abgebaut waren, fast keinen Platz.

Otl Aicher definierte die BRAUN Corporate Identity

Otl Aicher und Fritz Eichler

Ich gehe so ausführlich auf die neuen Messestände ein, weil sie viel über Otl Aicher sagen. Otl dachte in Zusammenhängen, in Systemen.

Für ihn war ein Messestand, eine Schrift, eine Farbe, ein Radiogehäuse nur Teil eines Ganzen.

Ihn interessierte nicht nur unser Messestand, ihn interesssierte das ganze Unternehmen.

Zusammen mit Hans Gugelot hat er es in überaus positiver Weise viele Jahre beeinflußt. Er brachte uns auch neue Schrifttypen, die von da an in allen Drucksachen Verwendung finden sollten.

Und seine Hauptsorge war, daß diese Schriften gut zu lesen waren! So einfach und gleichzeitig komplex war das für ihn.

1955 - Jetzt war kräftiges Aufräumen angesagt

Fritz Eichler und Dieter Rams
Gerd Müller

Unter Leitung von Fritz Eichler entstand mit (dem neu eingestellten 23-jährigen) Dieter Rams, der eigentlich als Innenarchitekt gekommen war und mit Gerd Müller eine bescheidene Formgestaltungsabteilung, und von da an räumten wir unser Programm auf. Bei Elfenbein und Gold war das noch leicht. Wenn es aber an die Form ging, gab es Probleme. Sollte nun ein Formgestalter einem technischen Gerät eine Hülle anziehen, oder war ein Techniker gezwungen, seine Technik in einen Topf hineinzubauen?

Techniker und Gestalter unter einen Hut bringen

Beide Fälle schienen Fritz und mir nicht ideal. Schon damals ahnten wir, daß das Geheimnis guter Gestaltung in der Zusammenarbeit zwischen Technikern und Gestaltern zu suchen war. Natürlich sind Techniker von Haus aus sehr konservativ und mißtrauisch irgendwelchen Kapriolen gegenüber, mit denen sie hinterher nur Arbeit haben, und bei uns war das nicht anders.

Es hat viel, viel Überzeugungsarbeit gekostet, diese Widerstände abzubauen und so weit zu kommen, daß jeder vom anderen nicht nur Schwierigkeiten, sondern Anregungen erwartete. Beide Disziplinen müssen sich anerkennen, von der ersten Idee an zusammenarbeiten, das war das Geheimnis, und da verstanden wir uns, Fritz, der im weitesten Sinne Gestalter war, und ich, der Techniker.

Der neue „Special", frisch und sauber

Rasierer Special
Gebrauchsanleitung Special

Unser "300 de Luxe" bekam ein weißes Gehäuse mit einem Scherblattrahmen in frischer Farbe und die Netzschnur neue Stecker, die ich nach Anregungen von Prof. Wagenfeld entwarf. Nach vielen Experimenten hatten wir uns anstelle des Gummikabels für eine Kunststoffschnur entschieden. Das Ganze sah in einem hellen Metalletui frisch und sauber aus und hieß jetzt „Special".

Und wieder ein paar Tricks gelernt

Bei diesen Äußerlichkeiten blieb es aber nicht. Der Special hatte eine viel bessere Rasierleistung, ohne daß man es ihm ansah. Wir waren nämlich auf die Lochränder gestoßen, als wir untersuchten, warum die Leistung der Geräte so unterschiedlich war. Besonders Scherblätter aus verschlissenen Werkzeugen rasierten teilweise sehr gut. Das hing mit der Gratbildung an den Lochkanten zusammen. Im Extremfall lagen diese Blätter nur noch auf dem plangeschliffenen Grat um die Löcher herum auf und das ergab einen guten Schnitt.

Und man konnte den "Trick" sogar erzwingen

Karlheinz Halbig, damals Laborleiter, regte an, diesen Effekt durch gezieltes Ansenken der Schnittplattenlöcher herbeizuführen, und das funktionierte ausgezeichnet. Leider wurde aber die Standfestigkeit der komplizierten Werkzeuge dadurch so verringert, daß wir mit der Wartung nicht mehr nachkamen. August Siedler mußte helfen, und er fand nach langem Tüfteln eine besonders elegante Lösung. Er prägte die Kantenerhöhungen in die Scherblätter bevor sie gelocht wurden, und stanzte dann in diese Prägung hinein. Zu berichten, wie er das im Einzelnen machte, würde hier zu weit führen. Jedenfalls beherrschten wir diese Technik von da an in der Serienfabrikation, und die Käufer merkten es deutlich!

Suggeriert ein "Knistern" bessere Rasuren ?

Eine andere sehr wesentliche Verbesserung betraf den Messerkopf, mit dem Bodo Fütterer viel experimentierte. Er untersuchte jenes knisternde Geräusch, das einige Rasierer von sich gaben, die besonders gut ausrasierten, und das von den Benutzern als besonders scharf empfunden wurde. Er fand heraus, daß die Messer je nach Einspannlänge zurückfederten, bevor sie das Haar abschnitten, und dann nachschwangen. Es gelang ihm, diesen Effekt zu optimieren, indem er die Messerstärke von 0,2mm auf 0,12mm reduzierte.

Mit zwei Stanzautomaten gehts voran

Unterdessen war August Siedler unermüdlich dabei, die Fertigungstechnik zu verbessern. Wilhelm Mross und ich hatten zwei alte Prox-Stanzautomaten bei einem kleinen Blechverarbeiter, bei dem ihre große Leistung in keiner Weise ausgenutzt wurde, aufgetrieben. Wir überredeten ihn, uns diese Maschinen zu verkaufen.

Dann trimmten wir sie mit neuen PIV Getrieben und neuer Zentralschmierung auf die Leistung, zu der sie in der Lage waren. August Siedler konstruierte Stapelmagazine, und bald konnten wir Statoren und Anker von der Stange verarbeiten, hatten viel bessere Qualität und einen wichtigen Schritt zur Automatisierung getan.

Scherblätter - "gehärtet" und "angelassen"

Mit den hochkomplizierten Scherteilen war es ähnlich. August Siedler und ich knobelten an Möglichkeiten. Die Messer als Schüttgut zu härten, war ein Anachronismus, sie mußten vom Band direkt in die Magazine; aber glashartes Material konnten wir nicht stanzen. Wir entschieden uns für weiches Material und ließen die Messer an Punkten im Band hängen. So wurde es dann im Durchlauf "gehärtet" und "angelassen". Zuletzt wurden die Messer ausgebrochen und in die Magazine gefüllt.
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1956 ... und wieder bei Mr. Bond eingeladen ...

Mittlerweile hatte Bev Bond in der Commerce Road in Stamford, Connecticut, eine Fertigung für Ronsonrasierer aufgezogen und uns eingeladen, alles zu besichtigen.

April 1956 - Es geht erneut nach USA

Nein, nicht Lufthansa, es war KLM
Elfi Braun und Richard in Stamford
Wir sind bei Mr. und Mrs. Bond zu Hause

In einem alten Reisebericht steht, daß ich Mitte April 1956 mit Elfi und Richard losflog. Damals gab es noch keine Lufthansa und keine Direktflüge. Also ging es zunächst nach Amsterdam und von dort weiter mit einer Super-Constellation der KLM.

16 Stunden bis New York - plus Desinfektion

Mit Zwischenstops in Irland und Neufundland brauchten wir 16 Stunden bis New York, International Airport, der damals noch Idlewild hieß. Es mutet heute übertrieben an, daß die Fluggäste nach der Landung sitzenbleiben mußten, bis ein Sanitätsoffizier alle in Augenschein genommen hatte. Anschließend wurden Kabine und Passagiere mit DDT besprüht.

Damals noch : "Die spinnen ja, die Amis." (original Obelix)

Paß- und Visaformalitäten waren ähnlich rigide, und schließlich kam der Zoll. Die Einfuhr jeglicher Lebensmittel war strengstens untersagt. Einem Reisenden, offenbar mediterraner Herkunft, wurden ein paar Zwiebeln abgenommen und mit allen Zeichen der Abscheu in einen Container versenkt. Dann kamen wir an die Reihe.

1956 - So war der amerikanische Zoll damals ...

Ich hatte für Bev Bond einige Tüten mit metrischen Schrauben und sonstigen Kleinteilen mitgebracht, die dort schwer zu beschaffen waren. Der Zollbeamte fand sie mit sicherem Griff. Bei meiner Erklärung, daß dies Muster ohne Wert seien, wurden seine Augen immer größer, und dann mußte ich mir die typisch amerikanische Belehrung anhören: „Everything has any value!". Das leuchtete mir ein, und ich entrichtete pflichtgemäß meine Abgabe.

New York 1956 - Ein Erlebnis für Europäer

Mr. Duff, der geholfen hatte, die Verbindung zu Ronson herzustellen, und seine Gattin trafen wir am nächsten Morgen im Hotel Waldorf Astoria, damals für Europäer geradezu ein Pflichtaufenthalt. Die beiden zeigten uns die Stadt. Alles war unerhört beeindruckend. Besucher, insbesondere europäische, konnte man daran erkennen, daß sie immerfort nach oben schauten, was ein New Yorker gewiß nicht tat.

Central Park, Empire State Building, Rockefeller Center, zwischendurch mal ein Coffee Shop oder ein Self Service, abends ein Besuch in der Radio City Music Hall; es war eine wunderbare Stadt damals, sogar noch mit einer gewissen Beschaulichkeit, und nicht der Hexenkessel von heute.

Stamford in Connecticut

Dann ging es nach Stamford, Connecticut. Bev Bond hatte diesen Ort für seine neue Produktion gewählt, obwohl, oder vielleicht gerade weil die "Schick Shaver Corp." hier einmal ihre Rasiererfabrik hatte, von der Max Braun, wie ich mich erinnerte, so beeindruckt war.

Wieviel anders war es hier als in New York, von dem die Amerikaner sagen, daß es nicht Amerika ist. Wir wohnten im Roger Smith Hotel, einem alten, unerhört sympathischen Backsteinkasten, der heute leider nicht mehr steht. Da roch es so typisch, wie es nur in Neu-England riechen kann.

Pancakes, Maple Sirup und rosa Grapefruits

Wir genossen die Breakfasts mit frischgemachten Pancakes, Maple Sirup und rosa Grapefruits. Eine uralte, zierliche Dame, die am Nachbartisch jeden Morgen zum Frühstück ein riesiges, über den Tellerrand ragendes Rippenstück vertilgte, imponierte uns gewaltig.

Bev Bond und seine Frau Edna hatten ihr Heim in Wilson Point, wenige Minuten vom Long Island Sound. Wir fühlten uns dort bald wie zu Hause. Bev hatte uns zu Ehren sogar Münchner Bier beschafft.

Die USA waren uns hier in Deutschland in den Produktionsverfahren und im "know how" weit voraus

Vor dem Ronson Werk : von links nach rechts, Heinz Werner, Jim Schnapp, Arthur Braun, ein Buchhalter, Arthur Riley usw.

In den nächsten Tagen sollten wir sehen, wie man unseren Rasierer in den U.S.A. herstellt. Etwas Interessanteres kann man sich für einen Techniker kaum vorstellen, waren uns doch die Vereinigten Staaten damals in "know how" und Produktionsverfahren weit voraus.

In der Commerce Road begrüßte uns Bev's Mannschaft.

Da waren u.a. Arthur Riley für Verwaltung und Einkauf, der Deutsche Heinz Werner, der Konstrukteur, und Jim Schnapp, der Werkzeugmacher.
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  • Anmerkung : Heinz Werner - nach seiner Ronson-Zeit nochmals fast 15 Jahre bei BRAUN - hat die Redaktion hier im August 2012 besucht und uns eine Menge BRAUN und RONSON Unterlagen überlassen. Dafür vielen herzlichen Dank. So läßt sich jetzt manche Frage beantworten.

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In einem gemieteten, ebenerdigen Flachdach-Gebäude waren Büros, Montage und Lager untergebracht. Maschinen sah man kaum. Wie in den USA üblich, wurde viel von hochspezialisierten Lieferanten bezogen. Die Fließbänder waren unseren ähnlich, die Arbeitsplätze aber schulbankartig angeordnet.

Mr. Bond zeigt seine neueste Version "unseres" Rasierers

Ronson-Rasierer und Braun-Rasierer
Bev Bond und sein Rasierer mit Langhaarschneider
Auszug aus einer Patentgazette
Richard am Ronson-Fließband
Neue Ronsonfabrik im Rohbau

Doch zunächst hielt Bev Bond eine besondere Überraschung für uns bereit. Stolz zeigte er uns seine neueste Version "unseres" Rasierers, den Jim Schnapp und Heinz Werner unter seiner Leitung deutlich verbessert hatten.

Im Scherkopf-Rahmen, jetzt aus verchromtem Metall, hatten sie einen zusätzlichen Langhaarschneider untergebracht, der, je nachdem wie man den Rahmen aufsetzte, ein- oder ausgeschaltet war. Bodo Fütterer und ich hatten viele zurückliegende Monate am Schneiden langer Haare geknobelt, sogar schon an einen zweiten aufsteckbaren Kopf gedacht, aber keine so elegante Lösung gefunden.

Großes Lob für Jim Schnapp und Heinz Werner

Bev und seine Männer erhielten uneingeschränktes Lob. Ihre Lösung wurde dann später, diesmal von uns verbessert, in unserem neuen „Combi" übernommen.

Bev Bond hatte noch weitere Verbesserungen eingeführt: So waren die Spulen im „paper section"-Verfahren hergestellt, bei dem bis zu 12 Spulen gleichzeitig und unter Einschuß von dünnem Papier zwischen jede Lage gewickelt werden. So entsteht ein regelrechter Stab, der dann auf einer Kreissäge zwischen den Wicklungen aufgetrennt wird. Zuerst tat es uns weh, wie in diese empfindlichen Gebilde hineingesägt wurde, aber es war ja ein in USA übliches, bewährtes Verfahren, das von Prüfbehörden wie „Underwriters Laboratories" vorgeschrieben war.

Thermoplastik im Spritzgußverfahren

Die Gehäuseschalen wurden erstmals aus Thermoplastik im Spritzguß hergestellt. Es hat noch Jahre gedauert, bis wir solche Thermoplastik-Gehäuse einführten. Das hing mit Konservativität, aber auch mit der unzureichenden Qualität der deutschen Kunststoffe zusammen.

Ein Etui aus Polyäthylen

Bev Bond hatte sich auch ein Etui aus Polyäthylen ausgedacht, in dem Rasierer und Schnur standen. Über das ganze wurde eine Kappe gesteckt und mit einem Druckknopf befestigt, der in eine biegsame Lasche des Unterteils genietet war. Eine preiswerte, sehr elegante Lösung.

Die vielen kleinen typisch amerikanischen Kniffe

Die Montage der Rasierer lief gerade an; es war noch nicht viel zu sehen. Trotzdem beeindruckten Richard Rohlf und mich die vielen kleinen Arbeitserleichterungen, die typisch amerikanischen Kniffe. So zum Beispiel eine Halterung für Sicherungsscheiben, die nicht, wie bei uns, wirr durcheinander lagen. Mit einem Spezialwerkzeug konnte man sie ganz leicht von einem Magazin, auf dem sie auch angeliefert wurden, entnehmen. Alles Dinge, die in einer Massenproduktion viel Zeit sparen.

1956 - Wir wurden als richtige Freunde betreut

Abschiedsfeier in New York

Für die nächsten Tage hatte Arthur Riley Besuchstouren zu den Lieferfirmen zusammengestellt. Da wurde es dann richtig interessant. Zunächst besuchten wir eine Firma, die sich auf das „paper section"-Wickeln von Spulen spezialisiert hatte. So ein Betrieb sah schon ganz anders aus als bei uns in Deutschland. Andere Maschinen, ganz andere Einrichtungsgegenstände und Farben, die Menschen anders gekleidet, die häufige Verwendung von Handschuhen, Schutzbrillen und anderen Schutzvorrichtungen, wenig Tageslicht in den Räumen, aber viel helles Kunstlicht. Das Arbeitstempo nicht höher als bei uns, aber vieles effektiver und besser durchdacht, kein Wunder bei den Dollarlöhnen. Ein Dollar kostete damals immerhin DM 4,20.

Ein Besuch bei Elektrolux in Ridgemont

Jim Schnapp hatte früher bei Elektrolux in Ridgemont gearbeitet und vermittelte uns dort die Besichtigung einer hochmodernen Staubsaugerfabrik, deren Automatisierungsgrad uns tief beeindruckte; da wurde uns klar, wieviel wir noch aufzuholen hatten.

Ein Besuch bei „Victor Cable"

Dann besuchten wir die Firma „Victor Cable", die die Netzkabel der Rasierer herstellte. Von der Kabelummantelung mit Strangpressen über die Konfektion auf hochmodernen Leesona-Automaten bis zum Anspritzen von 20 Steckern gleichzeitig war alles durchrationalisiert.

Wo unser Kabellieferant froh war, die Litze auf einer 1kg Rolle zu bekommen, liefen bei Victor endlose Litzen auf großen Trommeln von -zig Kilo Gewicht, die ein langes, störungsloses Arbeiten ermöglichten. Von den amerikanischen Zulieferbetrieben wurde mehr verlangt, und sie boten auch mehr als unsere, die gesamte Infrastruktur war besser.

Ein Besuch bei „Magnetic Metals"

Besonders beeindruckend war ein Besuch bei „Magnetic Metals". Dort stanzte man die Stator- und Ankerbleche auf Hochleistungsautomaten mit Hartmetallwerkzeugen, von denen wir nicht einmal zu träumen wagten. Die Werkzeugmacher, die solche Kunstwerke herstellen konnten, waren schon sehr alt, und irgendwie hatte man den Eindruck, daß es mit dem Nachwuchs haperte. In den U.S.A. gibt es ja keine Facharbeiterausbildung wie in Deutschland.

Ein Besuch in der neuen Ronson Fabrik in Straudsburg

Ein Tag war für die Besichtigung einer neuen Ronsonfabrik geplant, die sich gerade im Bau befand. Mit einer Cessna flogen wir von White Plaines mitten über New York nach Straudsburg am Delaware Water Gap. Der Pilot, ein Schrank von einem Mann, entschuldigte sich jedesmal, wenn wir in einem Luftloch durchsackten. Schon der Rohbau des Fabrikgebäudes war beeindruckend. So mußte Industriearchitektur sein! Thomas und ich arbeiten heute gern zusammen auf diesem Gebiet.

Weiter gin es zur weltberühmten "River Rouge Fabrik" von Ford

Unsere Reise ging weiter nach Detroit, wo wir Greenfield Village und die weltberühmte River Rouge Fabrik von Ford, eine ganze Industriestadt voller unglaublicher Eindrücke, besichtigten, und dann weiter nach Chicago.

Dort trafen wir Erwin, Fritz und Hans Gugelot, die inzwischen über Californien gekommen waren. Sie hatten den bekannten Designer Charles Eames besucht und sich nach Produkten in modernem Design umgesehen.

Der „Major Appliances Park" in Louisville, Kentucky

Richard und ich nutzten noch die Gelegenheit, „Major Appliances Park" von General Electric in Louisville, Kentucky, zu besuchen, wo es uns endgültig die Sprache verschlug.

So etwas gab es im guten alten Europa nicht, wir kamen aus dem Staunen nicht heraus. Am Ende der Besichtigung wurden wir Europäer unter Absingen des Liedes „My Old Kentucky Home" zu Ehrensheriffs ernannt.

Mit der „Independence" zurück nach Neapel samt Vergiftung

Mit dem Flugzeug kamen wir kurz vor einem Hurricane bei 24°C nach Chicago zurück. Bei unserem Abflug am Morgen waren 10°C Frost. Wir schleppten uns in eine kleine Kneipe zu einem kühlen Bier.

Es waren herrlich erlebnisreiche Tage in Amerika. Die „Independence", ein mittelgroßes Passagierschiff, das damals noch Atlantikdienst versah, brachte uns von New York nach Neapel, von wo es weiter nach Turin und Ivrea ging. Wir konnten dort die hochmodernen Anlagen von Necchi und Olivetti besichtigen. Alles war aufregend interessant.

Und schließlich kam das dicke Ende: Unsere Reisegruppe zog sich in Italien eine Lebensmittelvergiftung zu, unter deren Folgen wir noch viele Jahre zu leiden hatten.

1956 - Die USA Erkenntnisse "einpflegen"

Zu Hause berichtete ich von den vielen Eindrücken und Anregungen der Reise. Bodo Fütterer ging daran, den Bond'schen Langhaarschneider zu verbessern. Leesona-Wickelmaschinen für das paper section winding wurden geordert, und Richard Rohlf richtete in Walldürn eine komplette Kabelfabrik nach amerikanischem Muster ein.

Mai 1957 - unser Ronson Langhaarschneider

eine Seite aus dem Buch
Metallrahmen mit Langhaarschneider
Rasierer Combi DL 5

Konstruktion, Arbeitsvorbereitung, Einkauf und Bau der Werkzeuge dauerten ein Jahr. Erst im Mai 1957 konnte unser neuer DL5 mit Langhaarschneider unter dem Namen „Combi" auf den Markt kommen. Neue Modelle brauchen ihre Zeit. Wir hatten z.B. die verchromten Metallrahmen bei einer bedeutenden deutschen Spezialfirma für galvanisierte Druckgußteile in Auftrag gegeben, und das Resultat war niederschmetternd, die Teile waren völlig unbrauchbar!

Wenn etwas voll daneben geht, gibts Stress.

Daraufhin stellte unser Werkzeugbau in Sonderschichten eigene Werkzeuge her, eine Warmkammermaschine mußte beschafft und installiert werden, und schließlich verchromte unsere Galvanik die Teile. Es war die reinste Hektik. In Wochen mußten wir nachholen, was ein schlampiger Lieferant in Monaten versäumt hatte. Die gute Zusammenarbeit zwischen Bodo Fütterer, Ernst Kunz, August Siedler und den vielen anderen machte es möglich, binnen Wochen eine neue Technologie einzuführen.

Unser neuer BRAUN Combi, eigentlich ein neues Gerät

Jedenfalls kam unser neuer Combi sehr gut an. Wieder ein Meilenstein war geschafft. Auch die Formgestaltung, damals noch unter persönlicher Leitung von Fritz Eichler hatte hervorragend gearbeitet. Alles war frisch und modern. Sogar das Bond'sche Etui war neu gestaltet und nicht mehr wiederzuerkennen.

Jeder Beteiligte wurde für "voll" genommen

Es waren Sternstunden der Zusammenarbeit zwischen Formgestaltung und Technik, nicht die geringste Anregung wurde abgetan, jeder ging bereitwillig auf den anderen ein. Fritz Eichler, immer auf Ausgleich bedacht, führte vorbildlich Regie, und die persönliche Zuneigung zwischen uns beiden überbrückte die sonst übliche Kluft zwischen den so verschiedenen Disziplinen.

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