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Die "Infinity Servostatic 1" war damals einmalig.

Es war 1970 und viele Hifi Enthusiasten versuchten, mit dem ihnen bis dahin bekannten Wissen und der damaligen Technik, "den idealen Lautsprecher" zu bauen. Und einige Wenige schafften das auch. Nur - wirklich ideal war damals keiner dieser Lautsprecher.

Reden wir mal gar nicht vom Preis
solcher Sonderkonstruk- tionen, was gab es damals als herausragende Schallwandler im Hifi-Bereich ?

Da waren die Quad Elektrostaten mit den beiden Quad II Mono- Röhrenverstärkern,
es gab die damals edlen Lautsprecher von BRAUN aus Frankfurt und noch einige andere. Weiterhin gab es massenweise Durchschnitt aus USA, England, Frankreich, Deutschland, Italien, Dänemark.

Die edlen Teile aus den USA, deren Hersteller uns hier in Deutschland etwa 5 bis 8 Jahre voraus waren, die wurden von wenigen pfifigen und fleißigen Importeuren für teuerstes Geld an den Mann gebracht, jedenfalls wurde es versucht.

Ich war 1966/67 gerade mal 18 Jahre alt und durfte im Bieberhaus in Frankfurt (ganz hinten auf der Zeil) im damals elitären Hifi-Studio schnuppern, was es an Hifi alles schon gab. Manche der dort ausgestellten frühen Geräte bzw. deren (für uns neugierige Jungs recht hohe) Preise waren damit absolut tabu, weil bei uns wegen dieser Preise "jegliche Träume (bis auf weiteres) ausgeträumt" waren.

Die SS1 - von Mitte 1969 bis etwa 1973

Die "Servo Static 1" wurde von Mitte 1969 bis etwa Ende 1973 gebaut, die Servostatik 1a im Anschluss von etwa Ende 1974 bis Mitte 1977. Die SS1 hatte je 4 elektrostatische Hochtonflächen von Janszen und 4 eigen gefertigte Mitteltonflächen. Dazu kam der in einem eigenen großen in wunderschönem Palisander furnierten Spanplatten-Würfel untergbrachte 38cm (oder 46cm ?) Servo-Bass mit zwei Wicklungen auf der Schwingspule, der nach unten abstrahlte.
Die verbesserte SS1a hatte dann 7 dieser kleinen Hochtöner und 6 der bekannten Mitteltöner und der etwas kleinere Tiefbass strahlte nicht mehr nach unten, sondern nach vorne zum Hörer.

Die Hoch- Mittelton Einheiten
der Servostatic 1
auch Palisander furniert

Einer der Importeure saß in Frankfurt, die Firma Audio Int'l.

Die Anschlußplatte der SS1

Der Chef war Hermann Hoffmann. Und der hatte neben Crown (später Amcron) und SAE und anderen schönen Geräten auch den ursprünglichen Infinity Import. Und er hatte eine wirklich bildhübsche Frau, eine Französin. Alleine das war schon ein guter Grund, dort in Bonames öfter mal aufzukreuzen.

Er hatte die kleine aber lukrative Lücke entdeckt und mit großem Engagement die Hifi-Anlagen für die Upperclass (die deutsche Oberklasse) aquiriert und importiert. Und bei Hermann Hoffmann hatte alles seinen Preis. Wer nicht zur Oberklasse (= zur oberen Gehaltsklasse) gehörte, musste lange und akribisch sparen, so wie ich.

Die Besonderheiten der Servostatic 1

Die SS1 war kein normaler Lautsprecher und schon gar nicht für die 1970er Jahre. Bei der Verstärker-Elektronik musste man sich weit aus dem Fenster lehnen, zumindest finanziell gesehen.

Die Hoch- und die Miteltöner brauchten entgegen der Aussage der Verkäufer massig Leistung bei unter !! 2 Ohm Scheinwiderstand und bei sehr stark induktiver Last. Alles Andere war und ist Unsinn. Die Endstufe mußte (und muß immer noch) einen richtigen Übertrager ansteuern, der das Audio-Signal in die Hochspannung einmischte. Die 4 Hoch- und 4 Mitteltöner waren elektrostatische Flächenmembranen von edler Qualität (ähnlich wie die Quad) jedoch von nur minimaler Effizienz. Nur der Crown DC300A (2 x 190 Watt an 8 Ohm, / 2 x 350 Watt an 4 Ohm und nahezu 2 x 500 Watt an 2 Ohm) und der D150 (2 x 75 Watt an 4 Ohm und bis zu 2 Ohm herunter) waren damals geeignet.

Die Aufteilung der Frequenzen wurde aktiv über eine (der Frühzeit entsprechend recht primitive) elektronische Weiche für drei Bereiche vorgenommen und die Pegel waren in Grenzen per Schieberegler einstellbar. Der Bass ab ca. 170 Hz abwärts ging direkt auf einen 70 Watt Monoverstärker (angelich 110 Watt laut Prospekt) mit einer damals völlig irren elektronischen Gegenkopplung. Im Konus der Schwingspule waren zwei unterschiedliche Wicklungen, eine dicke zum Powern und eine ganz dünne kleine, um das damit generierte (echte !) elektische Signal zum Regelkreis zurückzuführen.

In 2006 habe ich den 70 Watt Verstärker mal durchgemessen
, das war enttäuschend. Es war damals aber erst 1970 und bis 120 Hz brauchte man nichts als Stabilität. Klanglich ist das Teil heute eine Katastrophe. Auch die Frequenzweiche war nach heutigen Maßstäben nicht mal mittelmäßig von Übersteuerungsfestigkeit und Phasenlage. Weiterhin hatte der im eigenen Metallgehäuse "gekapselte !! " Netztrafo auf die Frequenzweiche ein 50Hz Brumm eingetreut. Also habe ich dieses Teil komplett aus dem Verkehr gezogen und mit den beiden Panelen an einen "Liebhaber" verkauft.

Elektrostaten kann man nicht powern

Elektrostaten gehen nicht (wirklich nie !!) sehr laut, klingen dafür aber bei "Streichern aller Art" absolut herrausragend, auch heute noch. Und damit sind sie für Popmusik und große Orchester live ungeeignet wegen der Impulsspitzen beim Schlagzeug. Und die SS1 kam ja auf den Markt, als man von der digitalen CD mit der dann möglichen Dynamik nicht mal geträumt hatte, jedenfalls wir Hifi-Fans. Und an richtige Studioaufnahmen mit 65 oder 70 dB kamen wir ja sowieso nie ran. Damals hatte ich zum alternativen "Krachmachen" noch zwei Tannoy Arden. daneben stehen.

Es wurde gefährlich (und dann teuer) : Auch oder gerade, wenn der Crown DC 300A an 2 Ohm über 500 Watt Sinus an die Mitteltöner lieferte, die metallisierten schwingenden Folien dürfen nie an die begrenzenden Metall-Gitter anstoßen bzw. anschlagen. Dann knallt es, das ist nämlich ein Kurzschluß für das Hochspannungssystem und es brennen kleine Löcher in die Folien ein. Außer, daß man die Funken sprühen sieht, hat man nur noch Probleme. Die Mitteltonflächen würden bei vielen Löchern einen akustischen Kurzschluß bekommen und noch leichter anschlagen bei noch geringeren Lautstärken. Und dann ist das Ende abzusehen. Ist die Folie erst einmal an vielen Stellen zerfetzt, "lautspricht" der Lautsprecher nicht mehr. Die Jecklin Float Kopfhörer lassen grüßen.

Es geht nicht jeder Verstärker

Auch wenn in den Spezifikationen von Infinity etwas von 8 Ohm und 4 Ohm für die Hochtöner steht, die Endstufe muß extrem stail auf induktive und kapazitive Lasten reagieren. Auch wurden in den amerikanischen Labors Scheinwiderstände von um die 2 Ohm im Mitteltonbereich gemessen. Und da brauchen die Elektrostaten an die 200 Watt Impulsleistung - und manchmal an 2 Ohm.
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Der Basswürfel der SS1 ist nach wie vor gigantisch.

Die SS1 bestand also aus 4 Elementen, den beiden Hoch-Mittelton Panelen, der Frequenzweiche mit Servo- Bassverstäker und dem eigentlichen Basswürfel, natürlich auch Palisander furniert. Und dort lächelte ein 48cm Basslautsprecher in einem geschlossenem Gehäuse. Und wenn fast schon die ganze Hütte kracht, hatte die Membran immer noch keine sichtbare Auslenkung, völlig konträr zu den Braun L710.

Die gummierte Leinensicke ist nach 40 Jahren immer noch wie neu und jetzt an der Denon 5 Kanal Anlage mit 110 Watt Sinus an 8 Ohm, jetzt kommt ein Tiefbass, wie ihn sich George Lukas auch zusammengebaut hatte.

Darum habe ich diesen Würfel nicht mit den Panelen mit verkauft.


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