Quadrophonie - Zu früh gejubelt?
Mit großem Aufwand wurde zur Funkausstellung 1973 dem Publikum die Quadrophonie vorgestellt. Heute (im Februar 1976) ist es darum merklich stiller, und es ist von einigen Mitmenschen der Verdacht geäußert worden, die Quadrophonie sei nur ein Werbegag gewesen, um den Hi-Fi-Freund zum Kauf einer neuen, teureren Quadroanlage zu animieren.
Und dabei stand - Sie werden es nicht vermuten, liebe Leserin, lieber Leser - eine ganz vernünftige Idee hinter der ganzen Affäre. Wenn man nämlich davon ausgeht, daß alle unsere schönen Stereogeräte die Aufgabe haben, uns ein möglichst originalgetreues Musikerlebnis zu übermitteln, dann muß man sagen: Das ist noch nicht vollständig gelungen.
Zum ersten kehrt die uns bekannte Stereophonie das Verhältnis zwischen Direktschall und reflektiertem Schall um: Während wir zum Beispiel im Konzertsaal etwa 20% des Klanges direkt vom Orchester und 80% von Decken und Wänden vernehmen, ist das in unserem Wohnzimmer genau umgekehrt: Hier kommt dreiviertel dessen, das wir hören, direkt aus den Boxen, etwa 20% als Reflex und der Rest wird gemeinerweise verschluckt.
Verschluckt, sagte ich, denn in einem Wohnzimmer stehen Bücher, Sofas, Sessel, hängen Gardinen, liegen Teppiche. Alle diese Einrichtungsdinge, die unser Wohnzimmer gemütlich machen, sind meistens schlechte Reflektoren, sie sind für Klänge das, was blinde Spiegel für das Licht sind: Sie schlucken.
Das macht den Ton ärmer: Wenn bestimmte Klanganteile nicht mehr vorhanden sind, dann fehlt es an der Präsenz, der Durchsichtigkeit, der Brillanz. Die Klangfarben verschwinden. Zurück bleibt, was wir eigentlich auch ohne große Hi-Fi-Anlage hören können: ein muffiger, topfiger, nur wenig definierter Klangbrei.
In schlimmen Fällen spielt das halbe Orchester vergebens. nd da sagten sich die Entwicklungsingenieure: Wir können unseren Mitmenschen nicht die Wohnungen ausräumen und in schmucklose Lagerhallen verwandeln, nur weil wir für unsere Klangvorstellungen akustisch harte Wände fordern. Darum wollen wir etwas erfinden, das die zufälligen Dämpfungseigenschaften, die wir nicht bestimmen können, schachmatt setzt.
Dies kann nur gelingen, wenn der Zuhörer in den optimalen Ausbreitungsraum von genau bestimmten Klangereignissen gesetzt wird. Es nützt alles nichts: Wir müssen den Zuhörer von der Rückwand seines Wohnzimmers unabhängig machen. Wir brauchen zwei weitere, also vier, Boxen im Zimmer. Und auf jede dieser Boxen geben wir das Signal, das dort gebraucht wird, um ein originalgetreues Musikerlebnis zu übermitteln.
„Das Ziel der Quadrophonie also ist es, die Wiedergabe des räumlichen Schallfeldes durch zwei zusätzliche Kanäle und zwei rückwärtig angeordnete Lautsprecher zu vervollkommnen und insbesondere den Raumeindruck zu verbessern. Mitte 1975 gibt es immer noch kein einheitliches Verfahren. In der Diskussion stehen vor allem die diskrete Quadrophonie und die Matrixquadrophonie." (Aus: Unterhaltungselectronic von A bis Z von W. Roth, hgg. v. Pressezentrum Funkausstellung, August 1975.)
Es war also nicht so, daß die modernen Menschen auf einmal vier Ohren haben sollten. Ein paar Zusatzohren wären auch ganz überflüssig. Die Ohren, die der Mensch hat, sind so
phantastische Sinnesorgane, daß die Elektronik noch lange hinter ihrer Sensibilität herhinken wird. Nicht nur winzigste Lautstärkenunterschiede, sondern auch Laufzeitdifferenzen von 1/1oo.ooo sec werden von den Ohren des Menschen noch wahrgenommen und im Gehirn zu einem räumlichen Klangerlebnis verarbeitet.
Leider hat die Quadrophonie ihr Klassenziel noch nicht erreicht. Einmal stellte sich heraus, daß es noch nicht möglich ist, die gleiche Übertragungsgüte zu erreichen wie bei der Stereophonie. Die Kanaltrennung, vor allem in der Diagonalen, liegt noch unter den zu fordernden Werten.
Dann konnte man bald feststellen, daß die Mitmenschen sich in der Vielfalt der Quadrosysteme nicht zurechtfanden. Ambiophonie, Pseudo-Quadrophonie, Quasi-Quadrophonie, Codierte und Diskrete Quadrophonie - zu viele Begriffe, die verwirrten. Die Vielfalt der Systeme zeitigte noch weitere unerfreuliche Ergebnisse: Das Angebot an Software (also Platte, Musicassetten, Bänder) war nicht sehr zahlreich, die Rundfunkanstalten weigerten sich, sich für eines dieser Systeme zu entscheiden.
Niemand wußte, welches System eine Chance für die Zukunft hat, und in einer solchen Lage ist ja nun mal jeder vorsichtig mit seinem Geldbeutel, egal ob Privatmann oder Industriekonzern oder Sendeanstalt. Und darum kräht jetzt kaum noch ein Hahn nach der Quadrophonie, und wenn, dann nur ganz leise.
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