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Das mußte mal gesagt werden

von Dietmar Polaczek im Februar 1982 - geboren 1942; studierte Architektur, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Komposition; Komponist und Publizist, seit 1975 Mitarbeiter von HiFi-Stereophonie, 1976-81 Musikredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, seit 1981 deren Kulturkorrespondent für Italien.

- erschienen in der Hifi-Stereophonie 1982 Heft 02

Kulturgut und Sittenverfall

Schallplatten werden hergestellt. Dann verkauft. Jedenfalls wünscht sich das der Hersteller. Sonst würde er sie in vielen Fällen nicht erst herstellen. Da dieser Zusammenhang auch für Bücher gilt, wurde er lange vor der Erfindung der Schallplatte entdeckt - von Geheimrat Binsen, nach dem die "Binsen"-Weisheit seither benannt ist.

Zur Erleichterung des Verkaufs werden Messen veranstaltet, für Bücher wie für HiFi-Komponenten. Hingegen gibt es so etwas wie die hifi Düsseldorf oder die Frankfurter Buchmesse nicht auf dem Gebiet der Schallplatte.

Wie wird der Kunde eingeschätzt ?

Vielleicht rechnen die Plattenhersteller damit, die HiFi-Kunden kämen schon von selber drauf, daß die schöne Anlage ohne die dazugehörenden Tonträger wenig nützlich ist ?

Damit würde aber den Platten-Käufern von den Platten-Herstellern ein ( Anmerkung: erstaunlich hohes ) Maß an Intelligenz zugeschrieben, das sonst, betrachtet man die Werbestrategien, von denselben Herstellern !! oder ihren Marketingabteilungen als "vernachlässigbar klein" angesehen wird.

Denn Bücher und Schallplatten haben eine prekäre Entwicklung gemeinsam:


  • erstens die immer raschere Tätigkeit der Produktionsmaschinerie, über die schon Herbert Lindenberger (in HiFi-Stereophonie 5/81) geklagt hat. Seit zehn Jahren ist der Bielefelder Katalog um zwei Drittel seines Umfangs gewachsen.
  • Zweitens aber hat dieses hektische Wachstum eine - statistisch gesehen - bemerkenswerte Qualitätsverschlechterung zur Folge.

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Über die Qualität des „Kulturträgers" Schallplatte

Nicht von der "Preßqualität" ist die Rede, sondern von der Qualität des - um den abgelutschten Begriff noch einmal in den Mund zu nehmen - „Kulturträgers" Schallplatte. Diese Qualität hat mehrere Komponenten.

Die erste ist die gewiß schwierige und kritische Partnerschaft zwischen Produzenten und Künstlern. Man betrachte aber, wie sehr sie aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Wer sitzt am längeren Hebel ?

Die Primadonnen beiderlei Geschlechts, handle es sich nun um Taktstock-, Stimmband-, Steinway- oder Stradivari-Benutzer, können sich, wenn sie nur einen gut verkäuflichen Namen haben, jede Rücksichtslosigkeit wider Treu und Glauben leisten.

Der Produzent, das Gespenst der Rezession vor dem inneren Auge, schluckt und kuscht. Aber dieses Freibeutertum mancher Stars, die etwa mit der Freigabe von Aufnahmebändern, mit der Einhaltung von Aufnahmeterminen oder mit Koppelungsgeschäften pokern, um ihre Wünsche durchzusetzen, hat sich erst entwickelt, als diese Partnerschaft schon gestört war.

Als umgekeht manche Firmen mit auch nicht feinen Methoden „ihren" Interpreten, als wären es Leibeigene, das "Was" und "Wie" von Produktionen zu diktieren suchten. Als die künstlerische Verantwortbarkeit weniger wichtig zu werden schien als die Verkäuflichkeit und ein „wirtschaftlicher" Kostenrahmen.

Ein Beispiel:

Beispiele für den Sittenverfall gibt es genug. Etwa wenn in klassischen Sonatensätzen oder in Menuetten die Wiederholungen, wenn sie nicht überhaupt weggelassen werden, einfach nochmals vom Band kopiert werden. Das verringert Kosten, Zeit und Fehlerquellen.

Wenn der Künstler sich in solchen Fällen nicht wehrt (oder es gar vorschlägt), wenn der Produzent seinerseits nicht mehr als künstlerischer, sondern nur noch als geschäftlicher Gesprächspartner des Interpreten wirkt, dann ist ein Verständigungsdraht gerissen, den es früher in aller Regel gegeben hat.

Auch viele Autoren beklagen sich, daß der Lektor im Buchverlag nicht mehr sei, was er einmal war: kritischer Gesprächspartner, einfühlsamer Geburtshelfer, Korrektiv und Beichtvater. Ein Interpret, von mir gefragt, wie er den Zusammenhang zwischen dem Text, der auf einem Plattencover abgedruckt war und die aufgezeichnete Musik angeregt haben sollte und seiner Improvisation erklären würde, antwortete: ich habe diesen Text nie gesehen, ich bin auch nicht gefragt worden, ich kann dazu nichts sagen.

Er hat keinen „großen" Namen und glaubt, es würde ihm schaden, wenn er sich gegen die Verhunzung und Verfälschung seiner Musik zur Wehr setzt.

Sparen ist nicht immer das Allheilmittel !

Buchverlage sparen an den Lektoraten, an der Betreuung ihrer Autoren, am Korrekturenlesen, am Übersetzen, an allem, was Aufwand und Zeit kostet. Es ist wichtiger, zum Messetermin „da" zu sein, als ein möglichst gutes, vielleicht gar langlebiges Produkt anzubieten.

Ähnlich sparen Plattenverlage (nicht immer, nicht alle) an allem, was Mühe und Zeit kostet. Ein Lektorat für Covertexte und Beihefte, das diesen Namen verdiente, haben die wenigsten mehr. Die Fälle, in denen der Plattenkäufer mit PR-Sprüchen und Interpretenfotos abgespeist wird, wo er doch ernsthafte Information erwarten könnte, häufen sich.

Werden die Kunden somit übervorteilt ?

Es ist bekannt, daß die Plattenhülle um ein mehrfaches teurer ist als das „eigentliche" Produkt, die gepreßte Scheibe. Daß aber bei diesem Kostenanteil fast nur aufs Design, immer weniger auf die Optimierung der Information geachtet wird, ist symptomatisch. Das Design entscheidet eben auf den ersten Blick, alles andere erst im längeren Umgang mit dem Produkt.

Wie die Frage, ob die Henne oder das Ei zuerst da war, ist auch die Frage müßig, ob die Vermehrung der Produktion, diese Novitätendiarrhoe, die Qualität hat sinken lassen, oder ob die Methode, Wegwerfprodukte herzustellen, und die Kurzlebigkeit der Attraktionen den Zwang zur hektischen Produktivität nach sich zieht. Von einer „Produktpflege" im guten Sinn des Wortes ist kaum mehr die Rede.

Vielleicht bewirkt der Zwang zum Kürzertreten auch ein Umdenken. Viel Hoffnung habe ich nicht.

von Dietmar Polaczek im Februar 1982
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