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Wie sollen - und wie können Aufnahmen klingen?

Einer der bekanntesten Tonmeister im deutschsprachigen Raum erzählt :

Hifi-Stereophonie - allerletztes Heft 1983 - Was ist Klang ?

(aus der HiFi-Stereophonie 12/1983 von Peter Burkowitz)

Vorwort von Gert Redlich im Nov. 2015 - Die Tonmeister- Branche ist eine recht kleine Gruppe von medizinisch/körperlich befähigten und gelernten bzw. studierten Tonmeistern sowie ebenso erfahrenen Partnern aus der Industrie sowie aus der Musik-Kunst-Szene.

Von den Tonmeistern wird periodisch die Tonmeistertagung veranstaltet und dort werden die Technologien, alte wie auch neue, und natürlich auch die Geräte und Produkte kompetent von Spezialisten dem eigenen Kreis der anwesende Spezialisten vorgetragen und zur Diskussion gestellt. Dabei kann schon mal ein gnadenloser Verriß einer Idee oder eines Gedankens oder eines Produktes vorkommen.

Peter Burkowitz (1920 - Juni 2012†)

Peter Burkowitz war von 1945 an in der Tontechnik und der phono- grafischen Wirtschaft tätig, davon 8 Jahre beim RIAS Berlin, 14 Jahre bei EMI Electrola in Köln und 16 Jahre bei der Polygram-Gruppe, dort seit 1980 Vice President für den Bereich Studios, Audiotechnik und Aufnahmewesen.

Von 1945-1967 war er Mitglied des Fachnormen- ausschusses Elektrotechnik, Unterausschuß Phono, und der technischen Kommission des Bundesverbandes der phonografischen Wirtschaft; seit 1958 Mitglied der Nachrichten- technischen Gesellschaft im VDE; Audio Engineering Society (AES) seit 1960, deren Präsident 1979/80, zweimal Citations, Fellowships, Lifemember, Bronze- medaille. Seit Mitte 1983 ist Peter Burkowitz als Berater des technischen Vorstandes von Polygram tätig.

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Was ist Klang ?
(Hat das digitale Zeitalter schlafende Hunde geweckt ?)

Diesen Eindruck könnte man gewinnen angesichts der neuerlichen Flut kritischer Bemerkungen über den Klang mancher Aufnahmen.

Da sägt dem einen die Quantisierung ins Trommelfell; andere haben keinerlei Mühe, Polymikrophonie herauszuhören; besonders Sensible attestieren einer brandneuen elektroakustischen Wunderwaffe sogar Unten-oben- Wahrnehmungen. Und mittendrin sitzt die berufsmäßige Aufnahmegilde und weiß gar nicht recht, wie ihr geschieht.

Haben sie (die Aufnahmegilde ) etwas falsch gemacht ?

Haben sie etwa bisher alles falsch gemacht? Oder haben sich die analogen High-Ender und Puristen verschworen, um denen in den phonographischen Garküchen mal richtig eins auszuwischen? Oder hören die Wahrheitssucher vielleicht auch schon alle falsch? Was ist los in den heiligen Hallen der Klassik-Superproduktionen, den Elektronik- und Vielspurverdächtigen Kontrollräumen, den kommerzanheischigen Abmisch- und Auswertungskanälen?

Die Sehnsucht der Naturklangapostel

Man kann sie förmlich zwischen den Zeilen herauslesen, die Sehnsucht der Naturklangapostel:

  • Wieso wird der ganze Technik-Spuk nicht endlich verjagt und alles wieder schön natürlich mit einem einzigen Mikrophon aufgenommen? Wenn ihr wissen wollt, wie gut das geht, dann hört euch nur mal den Solo-Triangel auf der Demoplatte der Firma Reinschall an !

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Ja, wo soll man da anfangen?

Natürlich ließe sich jetzt ein ganzes Lehrbuch schreiben, oder besser noch ein Roman, denn in dem könnte man viel besser verarbeiten, was geschieht, wenn ein gelernter Aufnahmespezialist einem Startenor zu erläutern versucht, daß seine Stimme in dem Stück, das er gerade aufzunehmen hat, integraler Bestandteil der Gesamtkomposition ist und deshalb nicht fünfzig Meter vor der Rampe erscheinen darf.

Nein, dies soll kein Roman werden (obschon die Versuchung groß ist - also der "Roman" kommt hier), sondern nur ein kleiner Exkurs in die nüchternen Gefilde elektroakustischer Tatsachen - denn viel, viel mehr als der bestausgerüstete Audiophile ahnt, ist in unserem Geschäft nüchterner Sachverhalt geboten; auch wie es klingt! Beschränken wir uns auf das Wesentliche.

Was ist überhaupt Klang?

Diese Frage wäre natürlich besser mit den Ohren als mit Worten zu beantworten. Dennoch gibt es offenbar reichlich beschreibbare Kriterien.

Im neuesten Herder-Musiklexikon steht beispielsweise in Band 4, Seite 352, unter „Klang":

  • „Bezeichnung für akustische Erscheinungen im Bereich zwischen Ton und Geräusch, in der Umgangssprache häufig allgemein zur Charakterisierung akustischer Eindrücke verwandt.
  • Daneben hat sich in der musikalischen Fachsprache die Verwendung des Wortes Klang für das gleichzeitige Erklingen von Tönen eingebürgert, die -  z. B. aus terminologischer Vorsicht - nicht als Akkord bezeichnet werden sollen (z. B. Zweiklang, Mehrklang)."


Es folgen 134 Zeilen weitere Definitionen und Bezüge sowie 93 Zeilen Literaturhinweise. Man sieht, über Klang läßt sich reden.

Nun bezieht sich natürlich alles, was da gesagt wird, mehr auf musikwissenschaftliche und geschichtliche Inhalte als auf den Bereich der Klangempfindungen und -Wahrnehmungen, der hier in erster Linie interessiert. Und gerade über diesen Bereich gibt es kaum Aussagen, die man jetzt in die aktuelle Debatte werfen könnte.

Welche Aussagen brauchten wir denn?

Nun, als wichtigste wohl, was ein „klangästhetisch schönes" Klangbild ist, was mit „natürlich" gemeint ist, oder mit „unverfälscht"; und insbesondere, wieso - und wodurch - „zuviel" Elektronik und „zuviele" Mikrophone den Klang angeblich „denaturieren".

Präziser zu definieren wäre auch, was mit „zu trocken" oder „zu hallig" gemeint ist, ganz zu schweigen von den inzwischen locker eingedeutschten und mit audiophilem Gralshauch verklärten „Transienten".

Da ist immer noch der Schleier des Geheimnisses

Wenn dann noch ein Schleier des Geheimnisses etwas gelüftet werden könnte, der immer noch über den Hörhalluzinationen oberhalb 16 kHz und über Verstärkern mit mehr als 40 kHz Bandbreite schwebt, dann könnten sich der Aufsatz und der Preis für das Heft, in dem er steht, direkt bezahlt machen.

Gehen wir also in die Details; die auch in der Phonographie diejenigen sind, in denen der berüchtigte Teufel steckt.

Zunächst das „schöne" Klangbild.

Es gab sogar mal eine Zeitschrift - bis 1981, die ist hier aber nicht gemeint.

Gemeint ist damit meistens ein natürlich proportioniertes und balanciertes Klangbild, das durch angemessene akustische Umgebung wohltuend, angenehm, eben „schön" klingt.

Alles ist gut fokussiert, d. h., jeder Mitwirkende ist entsprechend der natürlichen Ausdehnung seines Klangerzeugers ortbar, plastisch gestaffelt von links nach rechts und von vorne nach hinten, man hört nicht die Obertöne in der Lautsprecherspinne und die Grundtöne fern im Raum-Mulm, sondern alles hübsch beieinander, der Streichkörper kommt wie ein Choral aus Seide, Hörner, Holzbläser und Blech satt, punktscharf und wie eine Scheinwerferbatterie aus dem Hintergrund; Celli als sonores Gefühlspolster breit und füllig, Schlagwerk mit gemeißelten Monumentalkonturen und Bässe - ja, die Bässe! man muß nicht nur ihre Töne hören, sondern ihr Gewicht fühlen können!

Das Mark muß mit in Resonanz geraten, und wenn die große Trommel dran ist, sollte man unwillkürlich die Vision von einem Elefanten haben. Es läuft einem direkt das Wasser im Mund zusammen, wenn man an ein so schönes Klangbild denkt.

Gibt es solche Klangbilder ?

Ja, es gibt sie. Ich habe selbst im Laufe vieler Jahre einige zuwege gebracht, und zwar immer dann, wenn das Stück entsprechend komponiert oder instrumentiert war, wenn der richtige Saal zur Verfügung stand und wenn niemand in den Regieraum kam, der partout noch mehr Präsenz oder höhere Aussteuerung von Einzelheiten verlangte.

Damit fängt nämlich die Crux an. Solange ein klangkundiger Tonmeister seinen Leitvorstellungen und seinem Wissen folgen kann, wird in vielen Fällen das unter den obwaltenden Umständen Bestmögliche herauskommen.

Die komischen Vorgaben der Auserwählten

Was aber, wenn eine Primadonna sich beim Abhören lauter als ein geballtes Orchestertutti hören möchte? Wenn der Dirigent kein Fagott hören mag? Wenn der Star-Schlagzeuger sich für den wichtigsten Mann der ganzen Besetzung hält. Und wenn dann ein Produzent kommt und bei 6 dB „im roten" auch noch ständig „mehr Streicher, mehr Streicher" brüllt.

Natürlich, der gewiefte Tonmeister weiß sich zu wehren. Wozu hat man schließlich die vielen Regler, an denen vorne gar kein Mikrophon angeschlossen sein muß!

Und es gibt auch die hübsche Geschichte, bei der jemand an seinem Mischpult ziemlich gut sichtbar einen Extra-Knopf montiert hatte, an dem stand „exicitement". Die Aufnahmen sollen in diesem Studio eine Zeit lang besonders gut gewesen sein.

Was kann nun wirklich gut werden oder nicht . . .

Aber Spaß beiseite, was kann nun wirklich gut werden, und was nicht, und wenn nicht, warum nicht ? Die Frage ist eigentlich schon rein theoretisch einfach zu beantworten; man muß es nicht erst in leidvoller Eigenpraxis jahrzehntelang „erhört" haben:

Gut wird alles - und das eigentlich schon fast von selbst - was ausgewogen komponiert und instrumentiert ist. Dann ergibt ein einziges, sauber placiertes Mikrophonpaar (Koinzidenz) das bestmögliche Resultat.

Aber wie sieht die Wirklichkeit aus?

In Wirklichkeit kann man ausgewogene Kompositionen und Instrumentationen mit der Lupe suchen. Und wenn man sie findet, sind es zunächst auch nicht gerade die begehrtesten. Oder sie bestehen nur aus wenigen Instrumenten.

Nicht von ungefähr finden sich denn auch entsprechende „Gradeaus"- Musikkategorien stark gehäuft auf audiophilen Marken, die zudem - wen wundert's - damit gleichzeitig ihre Abstinenz vom Cutten sehr elegant vermarkten können.

Welcher Kunde weiß schon, daß man diese Repertoirien sowieso noch am ehesten ungecuttet eingespielt bekommt? So läßt sich also auch hier aus der Not der Möchtegern-Elitärphonographie eine gewinnbringende Tugend machen.

Aber, dieses reizvolle Gedankenspiel soll nicht despektierlich denen gegenüber gemeint sein, die wirklich Marksteine setzen. Es gibt solche!

Allerdings sollte jeder hörbegeisterte Fan seine Marksteine selber suchen und finden, denn es wäre ein großer Irrtum anzunehmen, daß bestimmte Beispiele als Maßstab für alle gelten könnten.

Der Hörgeschmack

Und damit sind wir bei einem Punkt, der ganz entscheidend und bislang noch wenig beachtet ist: dem Hörgeschmack. Bei der Frage „wie kann eine Aufnahme werden" spielen nämlich der Hörgeschmack und das, was daraus resultiert, die Hörerwartung, eine fundamentale Rolle.

Der audiophile Bereich

Die audiophilen Marken, beispielsweise, geben schon eine Antwort, indem sie ganz klar auf einen Hörerkreis zielen, dem es in erster Linie nicht mal so sehr auf das Werk oder die Namen der Interpreten ankommt, sondern ganz eindeutig auf eine bestimmte Art der klanglichen Umsetzung, nämlich meistens die sogenannte „natürliche". Aber damit ist der audiophile Bereich noch nicht ausreichend charakterisiert.

Tatsächlich muß man "die Audiophilen" wohl dreiteilen:

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  1. erstens in die an natürlicher Klangumsetzung Interessierten (bzw, was diese für „natürlich" halten),
  2. zweitens in die speziell an technischen Klangeffekten und Klangfarben Interessierten (sie können sich stundenlang an Schlagzeug, Tempelgong, Sologitarre, Triangel, Schlüsselbund etc. begeistern),
  3. und schließlich in die Gerätefans, die den Leistungsverstärker und die Lautsprecher hauptsächlich als Fortsetzung ihrer körpereigenen Muskulatur empfinden.

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Für alle diese drei Kategorien - und viele Mischungen dazwischen - wird heute eine Menge produziert; aber zusammen machen sie nur wenige Prozent des Gesamtmarktes aus.

Für die erdrückende - oder sollte man besser sagen : - überzeugende - Mehrheit spielen offensichtlich andere zentrale Kriterien die wichtigere Rolle. Diese Mehrheit möchte Namen und Werke, sie möchte eine plastisch-präsente Illusion von der Aufführung, ein brillantes Bild von den wichtigen Einzelheiten wie in einem guten Photo und, nicht zuletzt, einen normalen Konsumentenpreis.
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Die richtige Lautheitsbalance

Richtige Lautheitsbalance der in einer Aufnahme zusammenwirkenden Elemente ist daher, neben akustisch angenehmer Darstellung, eines der wichtigsten Kriterien. Und nicht von ungefähr ist das auch genau die Wichtigkeit Nummer 1 für fast alle bedeutenden Musikschaffenden und Interpreten.

Selten wird einer von diesen mal anmerken, daß Geigen zu nahe oder zu fern klingen, daß Holzbläser vielleicht nicht ganz in der Mitte sind oder daß die Kontrabässe womöglich mikrophonverstärkt daherkommen.

Künstlerischer Impuls und virtuoses Handwerk

Künstlerischer Impuls, richtige Lautheitsverhältnisse und virtuoses Handwerk sind gefragt. Richtige Akustik setzt man meist als selbstverständlich voraus. Wo es sie nicht gibt, wird man sich unter Umständen schwer tun, eine Aufnahme nur deswegen nicht zu machen.

Aber es gibt Unterschiede. Auch unter den renommierten Großproduzenten gibt es ganz bestimmte Präferenzen für bestimmte Säle, und ebenso entschiedene Verweigerungen. Aber das sind Nuancen.

Nach wie vor - alle Mittel nutzen

Wie nun Aufnahmen für diesen Kreis werden können, ist nach dem Gesagten ziemlich klar. Sie werden unter Einsatz aller Mittel gemacht, die eine plastischpräsente Illusion von der Aufführung und ein brillantes Bild von den wichtigen Einzelheiten geben. Und die akustische Umgebung wird zweckentsprechend gestaltet.

Wenn für das alles ein Mikrophon reicht, wird eben nur ein Mikrophon genommen. Wenn dafür zehn nötig sind, werden es zehn sein. Wenn es auf zwei Spuren geht, werden auch nur zwei aufgenommen. Wenn 24 nötig sind, werden es eben 24 sein - so man sie hat.

Das klangliche Ziel diktiert die Mittel

Das heißt, das klangliche Ziel diktiert die Mittel, nicht umgekehrt. Übrigens ist das in anderen Kunstbereichen auch so, oder hat man schon mal davon gehört, daß sich photographische Motive gefälligst nach der Kamera zu richten hätten?

Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Die weiteren, anfangs erwähnten Begriffe wie „hallig", „trocken" usw. treten als Einzelmerkmale gegenüber den hier behandelten Zusammenhängen zurück. Es nützt dem Laien auch nicht viel, wenn man sie lehrbuchhaft zu erklären versucht, denn in der Praxis äußern sie sich doch auf ganz andere Weise; manchmal sogar sehr widersprüchlich, wenn z. B. von sechs Hörern drei ein und dasselbe Klangbild als zu trocken und die anderen drei als zu hallig bezeichnen.

Ein harmonisches, ausgewogenes Klangbild

Bliebe vielleicht noch zu erwähnen, daß ein harmonisches, ausgewogenes Klangbild - auch akustisch betrachtet - für jeden, auch in der „Großindustrie" tätigen Aufnahmemann eine schlichte Selbstverständlichkeit ist.

Kontraste sind hier, wie überall, zu erwarten; sie sind darüber hinaus sogar eine Art Echtheitsbeweis, weil „Klang" ja keinesfalls nur Physik ist, sondern inhärenter Bestandteil einer von Menschen vollzogenen künstlerischen Veranstaltung - auch im Regieraum!

Der bewußt von Menschenhand und Menschenohr gestaltete Klang ist daher alles andere als ein Verstoß gegen eine vermeintliche Reproduktionsethik. So wenig wie ein Landschaftgemälde ein Verstoß gegen die Malerethik ist, nur weil der Bach auf dem Bild vielleicht "etwas blauer" als in der Natur geraten ist. Oder bahnt sich mit der Kritik an der künstlerisch freien Klanggestaltung etwa so etwas wie eine Sound-Ökologie an, biologisch-dynamische Aufnahmen, Grünschall ?
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P. K. Burkowitz in 1983
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