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Hier gibt es einen Einblick in die Anfänge von PCM 1982,
die Anfänge der digitalen Musikaufnahmen . . . .

Heute in 2013 lächeln wir über den gewaltigen Aufwand, der damals getrieben wurde bzw. getrieben werden mußte, um digital aufgenommene Musik neu zu montieren oder zu schneiden. Wie in den anderen PCM-Artikeln beschrieben, wurde der analoge Signalfluß in Echtzeit digitalisiert, so wie es heute auch geht - und in einzelne echte Fernsehbilder verpackt und auf einem handelsüblichen Fernseh-Videorecorder aufgenommen. Aber lesen Sie selbst, was Ingo Harden - einer der Musik-Redakteure der Hifi-Stereophonie 1982 - so erlebt hat.

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"Die digitale Schere" aus HiFi-Stereophonie Heft 03 / 1982

von Ingo Harden 1982
Mit einiger Spannung, fast so wie früher am Heiligabend vor der Bescherung, klingelten wir an der Tür eines Wohnhauses in einem Freiburger Vorort, einige Betamax-Kassetten mit digitalen Aufzeichnungen von Kammermusik in der Tasche:

Hinter dieser Tür sollte eine jener Anlagen stehen, mit denen man „digital schneiden" kann, die einzelnen "Takes" von digital gespeicherten Musikaufnahmen zur endgültigen Fassung zusammenstellen.

Anlagen dieser Art sind zur Zeit (noch) überall auf der Welt kostbare Raritäten, sozusagen die weißen Elefanten der Tontechnik zu Beginn der 80er Jahre.

Es war alles noch ganz neu bzw. in der Entwicklung

Das „Schneiden" der Bänder mit digitaler Signalaufzeichnung war ja von Anfang an das Nadelöhr der neuen, computerisierten Aufnahmetechnik. Zunächst war es überhaupt nicht möglich, man mußte sich mit einer einzigen, unkorrigierbaren Fassung zufriedengeben wie bei einer Direktschnittplatte. Erst ein paar Jahre nach Einführung der PCM-Aufzeichnung waren die ersten Geräte für das „Editing" entwickelt, bis heute lassen die Anlagen, auf denen man elektronisch schneiden kann, sich in Deutschland an den Fingern seiner beiden Hände abzählen:

Die digitalen Schnittplätze waren rar

Bei Sony in Köln steht eine Vorführapparatur, Polydor in Hannover ist damit ausgerüstet, auch der Bayerische Rundfunk kann mit einem „Digital Audio Editor" arbeiten, Telefunken in Berlin hat sich eine eigene Schneidanlage entwickelt. Sony-Anlagen stehen außerdem beim Tonstudio Bauer in Ludwigsburg und eben in Freiburg bei der "Harmonia mundi acustica", einer neugegründeten Tochter von HM.

Acustica-Chef Bernfeld am Steuerpult des DAE 1100.

Am Anfang gab es Engpässe

Da der Schwenk zur Digitaltechnik bei den großen Plattenfirmen in vollem Gange ist, gibt es zur Zeit erhebliche Schneid-Engpässe. Bei Sony etwa stehen die Produzenten Schlange, um ihre Einspielungen für die Plattenfabrikation „in Form" zu bringen. Viele Aufnahmen müssen Monate später als vorgesehen erscheinen, weil nicht genügend Schneidetermine zur Verfügung stehen und die Bänder nicht rechtzeitig zur Überspielung fertig werden.

Auch die Gerüchteküche brodelte

Außerdem wurde auch gemunkelt, daß das Umsteigen vom manuellen Schneiden der analogen Bänder per Schere auf die digitale Elektronik einige Umstellungsprobleme mit sich bringe. Bei unserer Aufnahme in Frankfurt war daher vorsorglich an die Musiker die Parole ausgegeben worden: Ganz große Konzentration! Möglichst ganze Sätze oder wenigstens große Abschnitte in einem Zug schallplattenreif durchziehen - nur so besteht die Chance, uns mit dem Schneiden in die Schlange der Wartenden zwischenzumogeln und zu einer baldigen Plattenveröffentlichung zu kommen !

Die Überrraschung (jedenfalls für uns von der "Zeitung")

Um so angenehmer überrascht waren wir, als Rudolf Ruby, "Harmoniamundi" Chef, uns (als das Redaktions-Team) sozusagen von heute auf morgen einlud, das „Editing" - es waren trotz allem noch rund zwei Dutzend Schnitte „angefallen" - auf der neuen Freiburger Anlage vorzunehmen: Da sie erst vor kurzem installiert worden war, hatte sich diese Arbeitsmöglichkeit noch nicht herumgesprochen, es war also (und ist noch) noch Kapazität frei.

Nun sind wir also da, und nach Einlaß in den digitalen Schneide-Sesam stellt uns Acustica-Chef Benjamin Bernfeld den modernen Nachfolger der „guten alten" Cutter-Schere und des Klebebands vor, den „Digital Audio Editor 1100" von Sony.

Der DAE, der „Digital Audio Editor 1100" von Sony

Sein Kernstück ist ein recht ansehnlicher Quader im Bierkastenformat, ein mit Elektronik vollgestopfter Computer. Er wird bedient über ein flaches Steuerpult, das sich mit einer knappen Hundertschaft verschiedenfarbig eingerahmter oder bezeichneter Tasten, digitalen Zählwerken, LED-Ketten und einem handlichen Schwungrad im Mittelfeld präsentiert. Dazu zwei Videorecorder von der Art, wie sie für den Hausgebrauch üblich sind und von uns im Studio zur Aufzeichnung gebraucht wurden, mit einem Digital/ Analog-Wandler und zwei der großen professionellen U-matic Bildaufzeichnungsgeräte:

Im ganzen eine Ausrüstung, deren Anschaffungswert weit ins Sechsstellige geht - gegenüber dem konventionell „analogen" Schneiden eine Steigerung des Aufwands um den Faktor 10.000, rund gerechnet...

Der „Rest" der Anlage. Von rechts: die beiden Umatic-Maschinen, der Schneidecomputer, der Digital-Analog-Wandler, Betamax-Geräte.

Ein Toningenieur muß immer noch sein

Bernfeld, promovierter Toningenieur, der nach seiner Emigration aus Rumänien vor knapp zehn Jahren unter anderem einige Zeit im Pariser JRCAM tätig war und dort die Elektronik aufbaute, macht sich ans Werk. Zunächst müssen die mitgebrachten Betamax-Kassetten auf Bänder im U-matic-Format überspielt werden, wobei ihnen ein Zeitcode hinzugefügt wird.

Ohne ihn geht überhaupt nichts beim Digitalschnitt, er bildet ähnlich der Millimeter-Einteilung am Lineal den „Maßstab", durch den später präzise die gewünschten Schnittstellen bezeichnet werden können. 500 elektronische Markierungen pro Sekunde erhält jede Musikaufzeichnung. Qualitätsverluste der Musikaufnahme durch das Kopieren braucht man hier und in den späteren Bearbeitungsstadien nicht zu befürchten. Einer der großen Vorteile des Digitalverfahrens ist ja, daß man von einer originalen Aufzeichnung beliebig oft ohne die geringste merkbare Verschlechterung der Information Kopien ziehen kann.

Das war neu - Cutten per Taste

Nach dieser Vorbereitung geht es dann mit der Hauptsache los: Die ersten beiden „Takes" sollen zusammengeschnitten werden. Zufällig ist der erste Schnitt eine einfache Sache. Denn es handelt sich um das Aneinanderfügen von zwei Sätzen. Die Musiker hatten den ersten Satz ihres Trios auf Anhieb glatt hinbekommen. Es wird also der Satz im ganzen überspielt, dann der Anfang des zweiten Satzes bis zur ersten Schnittstelle - beide Male mit ein paar Sekunden Überlappung. Die Länge der Pause wird festgelegt und der genaue Schnittpunkt nach Gehör kurz vor den Einsatz des zweiten Satzes gelegt und durch Tastendruck fixiert; ein weiterer Tastendruck, und der Schnitt ist gemacht. Das heißt in diesem Fall: Die gewählten Stücke werden in der vorbestimmten Ordnung von der zweiten U-matic aufgezeichnet.

Heute gängig, damals neu

"Elektronisch Schneiden" bedeutet also das nahtlose Übertragen bestimmter Ausschnitte aus Musikaufzeichnungen auf ein neues Band.

Daraus ergeben sich einige Vorteile: Einmal bleibt das originale Bandmaterial unbeschädigt, es wird nicht zerschnippelt. Zweitens kann man vor dem endgültigen „Schnitt" probehören und, wenn die Schnittstelle nicht „sauber" ist, einen anderen Punkt als Nahtstelle wählen. Ja, sogar nach einem ausgeführten Schnitt ist noch nichts verloren. Man kann auch dann noch die Entscheidung rückgängig machen und einen neuen Anlauf nehmen; das Computer-,,Memory" (Anmerkung: so wurde damals der Speicher genannt) läßt nichts verlorengehen.

Tricks muß man noch üben

Nur eines kann man nicht: Wenn einem eine Pause zwischen zwei Sätzen zu kurz erscheint, läßt sie sich nicht einfach durch das Zwischenfügen von Gelbband verlängern: Pausen gelten beim elektronischen Schneiden genauso viel wie die Musik. Und wenn man etwa bei einer vielsätzigen Suite nach Ende der Schneidearbeit auf die Idee kommen sollte, die Pause vor dem 17. Stück ein bißchen länger oder kürzer machen zu wollen, so muß man ganz von vorne, beim ersten Satz, neu anfangen und die ganze Überspielung zum zweiten Mal durchführen. Die neue Technik erfordert da auch ein gewisses Umdenken.

Kritische Schnittstellen

Die nächsten Schnitte sind dann heikler. Es muß zum Beispiel die Nahtstelle mitten in eine Phrase gelegt werden. Bernfeld und wir legen anhand der Noten die Stelle des „Schnitts" fest.

Dann wird sie auf dem Band gesucht, der Übergangspunkt nach Gehör durch leichtes Drehen des Schwungrads am Steuerpult genau eingestellt und die Stelle per Tastendruck fixiert. Kontrollhören, Druck auf die „edit"-Taste - den Rest besorgt der Computer, dessen Befehlen auch die U-matics mit viel mechanischem Lärm folgen.

Prüfen, prüfen und nochmals prüfen

Nach jedem Schnitt wird sofort abgehört. Nicht nur, um zu prüfen, daß der „Schnitt" wirklich unhörbar ist. Es könnte auch sein, daß die eingebaute automatische Fehlerkorrektur kurzzeitig überfordert wäre und auf die endgültige Fassung Fehler in Form von „Löchern" durchgeschlagen wären, kurzzeitige völlige Aussetzer der Musik. Drei- oder viermal kam dies an den beiden Freiburger Schneidetagen tatsächlich vor.

Aber in der Mehrzahl der Fälle war es blinder Alarm: Die Dropouts waren in der Wiedergabe dazugekommen, das Band hatte die Informationen lückenlos festgehalten. Wenn allerdings ein Dropout auf dem Band ist, muß die ganze Partie noch einmal bearbeitet werden.

Die Feinheiten üben

Im Laufe der Arbeit kann der "DAE" noch ein paar Mal beweisen, daß er alle Tricks einer erfahrenen, altgedienten Cutterin drauf hat - und noch einige dazu. Schneiden auf einem ausgehaltenen, langen Ton? Kein Problem. Denn der Übergang an der Nahtstelle kann auf eine Ein- oder Ausblenddauer zwischen einer Tausendstel- und einer Zehntelsekunde eingestellt werden - beim analogen Schneiden eines 38-cm-Bandes entspräche dies einem Spielraum von einem fast senkrechten bis zu einem 4 cm langen Schrägschnitt.

Ganz zum Schluß ist dann noch eine Stelle dran, die mich wochenlang beunruhigt hatte: Es war da im Klavierpart einer Violinsonate ein zusätzlicher Baßton mit angewischt worden. Im Studio hatten wir es nicht gehört, aber hinterher wirkte diese „Verzierung", einmal entdeckt, so störend, daß der Pianist großen Wert auf eine Korrektur legte.

Noch ist nicht alles perfekt - aber

Nur: Was tun, wenn es vom ganzen Satz nur eine einzige Fassung gab und noch ein paar Ausschnitte, die aber noch nicht in der endgültigen Mikrophon-Aufstellung gemacht worden waren? Das Klavier klang da deutlich „weiter weg". Ich hatte schwere Bedenken, ob das überhaupt reparabel sein würde.

Aber „DAE" und Bernfeld machten es spielend. Zwar hörte man nach dem Probeschnitt das Klavier, das an der Fehlerstelle Gottseidank allein zu spielen hatte, erwartungsgemäß etwas leiser. Aber es gibt beim elektronischen Schneiden eine Möglichkeit der Pegelanpassung - die Sache ließ sich mit einem Handgriff „hindrehen". Und zwar perfekt: Ich wette, auch Profis werden später beim Hören der Platte nicht auf die Idee kommen, hier sei geschnitten worden.

Fazit:

Der Computer, der die Schere ersetzt, ist zwar ein teurer Spaß. Aber was dieser Roboter unter den Händen eines Könners leistet, unterscheidet sich von allerbester Cutterinnen-Arbeit immer noch ungefähr so wie eine perfekt störungsfreie Digital- von einer „guten alten" Analogaufzeichnung. Die Zukunft hat auch hier schon begonnen.

von Ingo Harden im März 1982
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