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Ein Artikel aus stereoplay 5/1980

von Gert Redlich im März 2017 - Diese sogenannten Tests in den Hochglanzmagazinen waren oft von trauriger Qualität mit einer ganz offensichtlichen beschönigenden Tendenz. Sie hatten recht schnell dazu beigetragen, unsere Meinung (damals) über diese super edel glanzlackierten bildzeitungsähnlichen Zeitschriften runter zu ziehen. Dieser Artikel aus der stereoplay ist ingenieurmäßig fair und ehrlich gestaltet und kann als eines der wenigen positiven Beispiele hervorgehoben werden. Er ist lesenswert.

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Tietel oder Aufmacher :
Die Homburger Aktivisten

Auf dem Weltmarkt gibt es nichts Vergleichbares, und ihre Gegenkopplung ist vielfach patentiert: die BM 6 der Firma Backes & Müller.

  • Anmerkung : Diese obige Lobeshymne gilt natürlich nur einen Monat lang, bis die nächst bessere Box in der Redaktion steht und wieder einen Tick besser ist. - Es gibt da irgendwo in der Wüste eine Pflanze (oder einen Kaktus), die alle 6 Jahre einmal mit einer gewaltigen wunderschönen bunt leuchtenden Blüte erwacht, genau eine Nacht (sorry: und einen Tag) lang - "die Königin der Nacht" - und dann wieder verwelkt. So geht es manchmal auch mit den Lautsprechern.

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Die Superlative oder die Lobeshymnen

Die Superlative reichen von der Waterkant bis an die Isar. Mike Reed, HiFi-Berater des Hamburger Fachgeschäfts Schaulandt, behauptet: „Ich kenne in Deutschland nur einen guten Boxenhersteller." Und Ekkehard Ernstberger, Inhaber des gleichnamigen Münchner Studios, formuliert: „Das professionellste Sound-Erlebnis nach Jahren." Beide meinen die Boxen BM 6 der saarländischen Firma Backes & Müller. (Anmerung : Homburg liegt an der Saar und ist nicht mit Bad Homburg im Taunus zu vergleichen - siehe Taunus Sound)

Die Frage ist nur: Stimmen die Behauptungen, oder sind sie übertrieben?
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Aktiv und gegengekoppelt

Mindestens in einem Punkt fallen die BM 6 völlig aus dem Rahmen. Es handelt sich nämlich um aktive und zugleich gegengekoppelte Lautsprecher; in dieser Kombination gibt es nichts Vergleichbares auf dem Weltmarkt. Aktiv heißt, daß jedes der drei Lautsprecher-Chassis (ein Tieftöner von 250 Millimeter Durchmesser, ein Mitteltöner von 130 Millimetern und ein
Kalottenhochtöner von 37 Millimetern) von je einem eigenen Endverstärker angetrieben wird, jeder von ihnen 70 Watt stark.

Eine elektronische Frequenzweiche teilt jedem Chassis den optimalen Arbeitsbereich zu. Der Tieftöner arbeitet bis 150 Hertz, der Mitteltöner bis 800 Hertz, ab dort setzt die Kalotte ein.

Im In- und Ausland patentierte Gegenkopplung

Die Gegenkopplung, die sich die beiden Firmeninhaber Wolfgang Backes und Friedrich Müller im In- und Ausland patentieren ließen, arbeitet im Tief- und Mitteltonbereich nach dem dynamischen, im Hochtonbereich nach dem kapazitiven Prinzip. Um sie zu verstehen, muß man zwei Dinge wissen.

Erstens die Voraussetzungen:

Ein Lautsprecher-Chassis arbeitet nicht exakt, sondern neigt zu mehr oder minder starken Eigenbewegungen. Die Membran verwindet sich sogar in sich selbst; das Ergebnis sind die berüchtigten Partialschwingungen, die unweigerlich zu Klangverfälschungen führen. Ein rigoroses, aber auch schwierig zu beherrschendes Mittel, um eine Membranbewegung exakt zu steuern, ist die Gegenkopplung.

Zweitens die Wirkungsweise:

Bei der dynamischen Gegenkopplung wird der Schwingspule des Chassis eine zweite Spule hinzugefügt, die sich in einem eigenen Magnetfeld bewegt. Eine spezielle Elektronik regelt nun die Geschwindigkeit dieser zweiten Spule und kontrolliert so die Bewegungen der Membran; ist sie schneller, als es das Musiksignal befiehlt, stoppt sie sozusagen die Membran ab, arbeitet sie zu langsam, bekommt sie in Bruchteilen einer Sekunde quasi einen Beschleunigungs-Befehl.

Bei der kapazitiven Gegenkopplung hingegen sitzt hinter der mit Hochspannung geladenen Metallmembran des Hochtöners ein winziges Gitter. Verändert sich der Abstand zwischen ihm und der Membran, ändert sich zugleich die Kapazität dieses kondensatorähnlichen Gebildes. Sie wird dann - sofern notwendig -augenblicklich auf den korrekten Wert gebracht.

Eine komplizierte elektronische Wirklichkeit

Das hört sich alles so an wie die Beschreibung, ein Auto bestehe aus einem Motor, einem Getriebe und vier Reifen, und das Auto fahre, indem sich die Kolben auf- und abbewegen. Die elektronische Wirklichkeit ist im Falle der BM 6 weit komplizierter, und man brauchte eigentlich eine eigene Broschüre, um das Bündel der Ideen und Einfälle gebührend zu beschreiben, die in diesen Lautsprechern verwirklicht wurden.

  • Anmerkung : Das mag zwar hier gerade noch zutreffen, doch sind die Redakteure bereits so weit in die komplexe Technik eingestiegen, daß die Grundzüge doch erläutert gehören. Denn diese Gegekopplung oder Bewegungs-Korrektur hat doch einige Macken, die die Entwickler plausibel darlegen müssten.


Aber selbst ausgebuffte HiFi-Freaks erwarten von einer Box keine Beschreibung in Formeln und Schaltbildern, sondern ein unproblematisches Handling, Betriebssicherheit sowie die möglichst perfekte Wiedergabe von Musik.

Die Boxen sind recht klein

Die BM 6 sind gerade 54cm hoch, 38cm breit und 27cm tief; Platzprobleme gibt es mit ihnen also nicht. Sie besitzen eine Thermo-Automatik, die bei Überlastung beispielsweise durch zu hohe Pegel die Elektronik selbständig ab- und nach kurzer Zeit wieder einschaltet - die beiden ersten Bedingungen wären also erfüllt.

Die Messungen and der BM6

Und wie sieht es mit der letzten aus? Vor den Hörtest hatten die Götter den Schweiß gesetzt, denn die BM 6 mußten sich einer eingehenden Untersuchung im stereoplay-Meßlabor unterziehen. Da fiel zunächst der verblüffend gute Frequenzgang (ohne Raumeinfluß gemessen) auf, der mit Ausnahme eines Anstiegs bis hin zu 20 Kilohertz recht glatt verlief. Aber es gibt Lautsprecher, die besitzen einen bolzgeraden Frequenzgang und klingen trotzdem hohl wie die Tonne des Diogenes.

Auch der Klirrfaktor lag deutlich unter dem Durchschnittsniveau. Aber es läßt sich theoretisch ohne Mühe ein Lautsprecher konstruieren, dessen Verzerrungen unter die Einprozent-Marke rutschen, und der dennoch das Gehör beleidigen wird. Messungen bei Lautsprechern, das sollten HiFi-Fans berücksichtigen, dienen immer nur als Kontrolle, aber nie als Beweis.

Eher eignen sich zur Beurteilung schon andere Merkmale wie zum Beispiel die Art und die Dicke des Gehäusematerials. Die Wände der BM 6 bestehen aus immerhin 4cm dicken Spanplatten; Gehäuseresonanzen dürften bei dieser Stärke und der Dämpfungs-Charakteristik schon keine Rolle mehr spielen.
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  • Anmerkung : Es ist mir unerklärlich, daß die beiden Entwickler 1982 immer noch mit planparallelen Wänden beim Gehäuse gearbeitet hatten. Darum auch die 4cm dicken Wände.

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Der Hörtest mit der BM6

Zur Sache ging es dann beim Hörtest, in dem die BM 6 hauptsächlich mit dem Thorens-Laufwerk TD 126, dem Dynavector-Tonarm DV 505 mit Karat-Tonabnehmer sowie dem Accuphase-Vorverstärker C 240 betrieben wurden. Mit dieser Kombination ist eigentlich schon ein Ergebnis vorweggenommen: Die Backes & Müller legen ziemlich rüde die Qualitäten eines Vorverstärkers, eines Laufwerks oder eines Tonabnehmers bloß.

Wer glaubt, ihnen zum Beispiel ein Gespann aus massebehaftetem Tonarm und einem System mit hoher Nadelnachgiebigkeit zumuten zu können, wird für die falsche Wahl mit einem fast schrillen Klang belohnt. Ebenso schlimm kann es einem mit manchen Schallplatten gehen, deren zu hallige Aufnahme bei anderen Lautsprechern noch erträglich wirkt - über die BM 6 wirds garantiert nicht zu ertragen sein.

Diese Lautsprecher, das zählt zu den wichtigsten Resultaten des Tests, gehören zur winzigen Gruppe von Schallwandlern, die eine korrekte akustische Geometrie herstellen. Sie blasen kein Instrument zu unnatürlicher Größe auf, sie
täuschen keinen Baß vor, wo keiner ist, sie setzen einer Violine keinen falschen Glanz auf. Wer sie lange hört, bekommt ein fast instinktives Urteilsvermögen, ob die Musik richtig oder falsch klingt.
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  • Anmerkung : Das sind die Merkmale von den sogenannten Studiomonitoren, die sich per Definition aber nie so richtig für den Einsatz im Wohnzimmer eignen. Das wird hier nicht soklar und verständlich angesprochen, weil es absolut bremsend für den Verkauf wäre.

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Manche Boxen entpuppen sich im Vergleich zu ihnen als regelrechte Sünder: Sie betonen den Mittenbereich zu stark und gaukeln damit eine vordergründige Präsenz vor, oder sie lassen den Baß knallen, was das Zeug hält, damit Disco-Musik auch ordentlich fetzt. Die Homburger hingegen verhalten sich neutral; wo nichts ist, da werden sie auch keinen Ton von sich geben.

Doch, hier steht es ganz deutlich

Diese Eigenschaft läßt sich auch umdrehen. Die BM 6 holen nämlich aus vielen Platten völlig neue Details heraus, die vorher ungehört blieben. Bei manchen Live-Aufnahmen nimmt man plötzlich einen Atemzug wahr, das Klappern des Taktstocks, oder das Nachschwingen der Kontrabaß-Saite: Plattenhören wird unversehens zur akustischen Entdeckungsreise.
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  • Anmerkung : Die "Entdeckungsreise" endet beim wütenden Zerbrechen der meisten teuren Langspielplatten und dem nie mehr weichenden Gefühl, von der MI und den Labels betrogen worden zu sein.

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Über die qualitativen Eigenschaften der BM 6

Kein anderer bisher von stereoplay getesteter Lautsprecher war auch in der Lage, dynamische Abstufungen so präzise zu reproduzieren wie die BM 6. Selbst die Fortissimo-Einsätze eines großen Orchesters geben sie mit großer Durchsichtigkeit wieder; sie durchleuchten die Instrumenten-Gruppen geradezu und trennen die vorn sitzenden Violinisten säuberlich von ihren weiter hinten sitzenden Kollegen.

Hand in Hand mit diesen Eigenschaften gehen die Verfärbungsfreiheit sowie die unerhörte Impulsfestigkeit. Nun stellen Sie sich unter Impulsen keine Schlagzeug-Wirbel a la Charlie Byrd vor - das sind Showplatten, die von Effekten leben. Impulse beschränken sich auch nicht ausschließlich auf Paukenschläge oder tiefe Klavieranschläge. Das Anreißen einer Cembalosaite, das Anblasgeräusch einer Blockflöte oder das hochfrequente Klimpern eines Schlüsselbundes gehören ebenso zur Gattung der Impulse.

Die BM 6 kann freilich mehr, als nur einen Trommelwirbel knallhart wiederzugeben. Sie schafft es sogar, die Luftsäule einer Orgelpfeife ebenso wie diejenige einer Flöte fast so realistisch in den Hörraum zu stellen, als sei das Instrument wirklich vorhanden.

Hier wird es nochmals betont, das mit dem Gefühl im Bauch

Vor zwei Irrtümern sei dabei gewarnt. Die BM-Boxen liefern ein analytisches, gestochen scharfes Abbild der Musik, wie sie auf der Platte enthalten ist. Manche Aufnahmen, über die BM 6 abgespielt, wirken enttäuschend flach und besitzen keine räumliche Perspektive. Voreilige werden diesen Effekt den Lautsprechern anlasten.

Daß der Fehler auf der Seite der Plattenfirmen liegt, läßt sich rasch beweisen: Machen Sie mal eine eigene Aufnahme mit zwei Mikrofonen und Ihrer Bandmaschine oder Ihrem Cassettenrecorder und spielen Sie das Ergebnis über die BM 6 ab - Sie werden die Stimmen und Geräusche exakt lokalisieren können. (Wenn übrigens Deutschlands Plattenfirmen und so manches Aufnahmestudio einmal je 6200 Mark in ein Backes & Müller-Pärchen investieren und ihre Produkte darüber abmischen würden, dann würde im stereoplay-Plattenteil ganz gewiß ein Sternregen niedergehen.)
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Eigentlich optisch unscheinbar - in grau Nextel lackiert

Der zweite Irrtum: Die BM 6 brüllen nicht los, sie brennen keine Strohfeuer-Dynamik ab; wer akustische Imponiergeräte braucht, die den Boden zittern lassen, ist mit anderen Modellen gewiß besser beraten.

Dazu ist auch das Erscheinungsbild der Backes & Müller gar nicht angetan. In der Standard-Ausführung sind sie mit einem grauen Nextel-Bezug versehen; die Chassis deckt ein dunkler Spezialschaumstoff ab.

  • Anmerkung : Dieser graue Nextel-Bezug ärgert heute alle Revox Besitzer, von Tonbandgeräten bis zu Verstärkern und Lautsprechern. Das Zeug ist absolut unansehnlich geworden und geht sehr schwer ab.


Für 400 Mark Aufpreis gibt es auf Sonderwunsch jede Furnierart und jeden Farbton, wofür ein Schreiner in Handarbeit sorgt.

Wer freilich bereit ist, etwas mehr Geld in sein Musik-Hobby zu investieren, und wer dazu einen guten Händler aufsucht der ihm diese Lautsprecher richtig erklärt und vorführt, der wird für diesen Betrag mit Sicherheit nichts Besseres finden können (Anmerkung : jedenfalls im Sommer 1982 !!).

Hannes Schölten im Mai 1982
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