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Gab es vor 1963 schon so etwas wie "High Fidelity" ?

von Gert Redlich im April 2019 - Auf der Startseite des Hifi-Musuems hatte ich etwas populistisch geschrieben, "High Fidelity" fing bei uns in Deutschland West erst etwa nach 1963 an. Die Länder hinter dem damaligen eisernen Vorhang kann ich getrost aussen vor lassen, die hatten dort andere "stalinistische" Sorgen.

Meine Aussage ist (nach Radio Eriwan) im Prinzip richtig, denn das "Hi-Fi", wie wir - die nach 1945/49 im Westen Geborenen - es kennen oder wahrgenommen haben, das mauserte sich erst mit dem "DUAL 1009 Plattenspieler" und den Grundig Röhren Hifi-Verstärkern. Alles das da vorher war, war einigen wenigen Eingeweihten und auch finanziell potenten Mitbürgern vorbehalten.

Das ist übrigens sehr ähnlich zu den Zeitzeugen- Erzählungen über das Fernsehen vor 1939. Sehr viele der heutigen Mitbürger wissen ganz offensichtlich mehr über diese Olympia-Fernsehkanone samt der Fernsehstuben als die Deutschen bzw. die Berliner in Berlin von 1936.
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Doch beginnen wir mit dem Blick über den Tellerrand

Vor vielen Jahren fing in USA ein Historien-Besessener Internet-Fan an, die ganzen alten Radio- und Audio- Zeitschriften aus USA und den anderen Englisch sprechenden Ländern zu sammeln und einzuscannen, soweit die überhaupt noch verfügbar waren. Diese Magazine und Zeitschriften sind auf seiner Webseite als PDF Dateien für jedermann verfügbar.

Doch so einfach ist das nicht mit dem Lesen und Verstehen englischer Texte, geschrieben von "Eingeborenen Amerikanern (sogeannten natives)". Man müsste sich in der Materie und Technik und Geschichte schon ganz schön gut auskennen, um das alles aufzunehmen und zu bewerten. Auch darf man die gewaltige Menge der Magazine (fast überall 12 Exemplare pro Jahrgang) nicht unterschätzen.

Nach 3 Stunden ist der Kopf zu und man hat gerade mal 6 Hefte durchgesehen, von bis zu 30 Jahrgängen mit je 12 Heften und das von ertsmal nur einem von etwa 40 Magazinen.

Die Meilensteine (vor 1963) als Leuchttürme markieren.

Um das etwas zu strukturieren, sind die Meilensteine (vor 1963) als Ankerpunkte wichtig, sonst verrennt man sich völlig. - Es sind nur wenige Meilensteine, die bezüglich der Hifi-Qualität (und medialen Verbreitung) erhebliche weltweite Veränderungen oder auch Verwerfungen hervorgebracht oder erzwungen hatten.
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  1. Beginnen wir mit der Erfindung der Edison Walze - qualitatv mangehaft
  2. auch die erste Schallplatte von Emil Berliner - qualitatv mangehaft
  3. und die erste Erfindung des Magnetdraht-Gerätes - qualitatv mangehaft

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Selbst die Publikation des grandiosen AEG K4 Magnetophon's mit der HF-Vormagnetisierung im Jahr 1941 in Berlin wurde international nicht oder nur sehr begrenzt wahrgenommen - obwohl die Veranstaltung im UFA Palast überhaupt nicht geheim war, im Gegenteil, es waren über 2.000 Personen aus allen Bereichen der Diplomatie, der Politik und der Wirtschaft eingeladen.
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  • Hifi-Meilenstein 1 ist daher das Ende des 2. Weltkrieges und der "Intelligence Report" vom November 1945, in dem für alle Welt öffentlich diese Magnetophon Hifi-Qualität ausführlich beschrieben wurde.
  • Hifi-Meilenstein 2 ist die Festlegung der US amerikanischen UKW (FM) Richtlinie der FCC (der Federal Communication C.... ) von 1946, in der die Qualität der neuen UKW Sender (also von sofort an) genau beschrieben wurde.
  • Hifi-Meilenstein 3 ist 1948 die Vorstellung der ersten 33er Vinyl-Langspielplatte von Columbia Records in USA mit ernsthafter Hifi-Qualität etwa auf dem Niveau der ersten AEG K4-HF Magnetophone und der AMPEX 200 Maschine .
  • Hifi-Meilenstein 4 ist 1957 die Festlegung der Schallplatten-Stereo-Norm bei 33er Vinyl-Schallplatten auf die 45°-45° Technik.

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Das sind natürlich meine Kategorien, die ich aus den vielen AUDIO- und HIFI-Magazinen der USA vor 1963 extrahiert habe.
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Stetiges Dazulernen untergräbt meine Reihenfolge der Artikel

Als ich die echten Exemplare des US-AUDIO Magazins - eine ganze Kiste voll - in Karlsruhe von der Firma Schoeps geschenkt bekam, war ich ganz euphorisch, die Ausgaben 1959 bis 1962 und dann ab 1965 nahezu vollständig zum hochauflösenden Scannen vorliegen zu haben. Denn ab Mitte 1958 wurde die (unsere) 33er Stereo-Schallplatte "lanciert" und dort standen jede Menge Artikel, was es mit der noch dünneren Nadel und der Mono-Kompatibilität auf sich hatte.

Dann hatte ich aber in den 1959er Artikeln zu oft Verweise auf 1958er Vorläufer gelesen und in den 1958er PDF Dateien der US-AUDIO noch viel mehr Wissenswertes gefunden. - Am Ende war ich soweit geläutert, daß ich mit der ersten US-AUDIO vom Mai 1947 anfangen muß(te). Dort standen nämlich die ersten Artikel über diese neumodischen Magnettonband-Geräte sowie die neuen Vinyl-LP. Das Wort "Magnetophon" wurde übrigens seltenst in den Mund genommen. Auch wurden endlich mal die wirklichen technischen Daten der 78er Schellackplatte im Vergleich zur 33er Vinyl-Platte gegenüber gestellt.

Und es ging weiter. In der "Gazette" des Rohplatten-Herstellers AUDIO-DEVICE fand dann in deren 1946er und 1947er Ausgaben eine größere Anzahl kompetenter Darlegungen, was die Plattenhersteller über die physikalischen Eigenschaften "ihres" Mediums alles schon wußten.
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Es gab sie schon, die professionellen Plattenlaufwerke

Als in unseren wenigen Audio-Medien und Hausfrauenzeitschriften noch diese Plastikgurken von Siemens, Telefunken, PE, ELAC und DUAL beworben wurden, wie auch in den USA (unsere) Import-Wechsler, da habe ich in der US-AUDIO von 1948/49 Anzeigen gesehen, das waren schon richtig gute "Transscription"- Laufwerke und dazu gab es auch schon erstaunlich professionelle Tonarme.

Natürlich hatte auch drüben in den USA das alles seinen (hohen) Preis und als die ersten Moving-Coil Abtaster kamen mit unter 15 Pond Auflagegewicht, da schien dort drüben die Hifi-Welt aufzublühen.

Die Schattenseiten dieser Anzeigen waren auch deutlich zu lesen. Da versprach ein Hersteller, sein Abtaster könne jetzt 20 bis 20.000Hz abtasten. Zur gleichen Zeit  bewarb einer der ganz großen Schneidemaschinen Hersteller seine "Lathe", die jetzt (oder bald) sogar 10.000 Hz Frequenzen schneiden könne. Das waren alles noch die Anfänge der 33er Mono-LP.

Übrigens hatte man bereits 1931 in USA Vinyl ähnliche LPs hoher Qualität im Labor fertig, doch die Abtaster mit ihren 30 bis 40 Pond Auflagegwicht kratzten die Rillen sofort raus bzw. leer. Das wars dann und das LP-Projekt wurde stillgelegt.
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Auch bei den Verstärkern tat sich Erstaunliches

Zu diesen Röhrenzeiten wurden jede Meng an sogannnten Ultra-linear- Schaltungen publiziert und ausprobiert. Auch dort protzen die Entwickler mit Frequenzgängen, die waren für einen Normalo nur Träume. Die Quellen gaben das gar nicht her.

Ein alter ehemaliger McIntosh Mitarbeiter schreibt auf seiner Homepage, alleine McIntosh und Brook Verstärker waren die wirkliche Krönung im Verstärkerbau.

Der später sehr bekannt Paul Klipsch schreibt, daß seine Klipschhörner mit einem 10 Watt Verstärker ganze Hallen füllen könnten. Dann wird der erste 30 Watt Hifi-Verstärker ganz ausführlich als herausragend beschrieben. Und als der erste 60 Watt Sinus Mono Hifi-Verstärker auf den Markt kam, war das eine Sensation. Die 60 Watt Leistungsklasse gab es zwar als "PA"-Verstärker für Sprachübertragungen in Hallen, Sportstadien oder Bahnhöfen bereits, doch Hifi, das war schon toll.
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Und Lautsprecher-Chassis wurden beworben

Anscheinend war es damals noch Usus, sich ein Lautsprecherchassis in eine Kiste oder Box oder "ein Möbel" seiner Wahl selbst einzubauen. Die Bauanleitungen sind schons ehr lustig. Das hörte erst auf, als Edgar M. Willchure in seiner Firma Acoustic Research Inc. die AR 3 entwickelte und als kleine erstmals geschlossene Box mit tiefem Bass bewarb.

Auch in Deutschland gab es vor 1963 High Fidelity

Bei den deutschen Spezialisten für den neuen Rundfunk in Westdeutschland gab es schon einige beachtenswerte Produkte von Neumann, Sennheiser und JKlein+HUmmel und weiteren Spezialisten. Doch die waren für den Otto-Normalverbraucher (finanziell) meilenweit entfernt. Bei den Herstellern von Consumer-Geräten gab es die Spitzenmodelle bei den Musiktruhen, die alles vom Feinsten drinnen hatten. Nennenswert ist die große GRUNDIG Mono Musik-Truhe von 1957, die es mit einen edlen Bandgerät zu insgesamt 3.880.- DM West fast auf den Preis eines neuen Autos brachte (VW Käfer Standard für 4.999.-DM). Dort war ursprünglich ein PE REX Deluxe Plattenwechsler mit einem PE 7000 Mono-Magnetsystem eingebaut. Die Angabe des Frequenzganges von 20 bis 30.000Hz war aber bereits sehr gewagt, weil das - jedenfalls 1956 - niemand prüfen konnte.

Auch von ELAC gab es (zwei) sehr gute Magnetsysteme, die insbesondere in USA beworben wurden. Und das sogar lange vor SHURE, die später das Patent von ELAC lizensiert hatten.
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In den USA wurden mehrere Abtastsysteme neu entwickelt.

SHURE, Pickering und GRADO waren bei uns später recht bekannt, von RCA, Faichild, GRAY und General Electric und vielen Anderen wußten wir nicht viel. Auch der Moving-Coil Vorreiter in den USA, die kleine Frma ESL ist irgendwann wieder verschwunden. BRAUN Chefentwickler Wolfgang Hasselbach hatte diese Firma mal in 1962 besucht und beschrieben.

Jedenfalls mit dem deutlichen Verbreiten - der Marktakzeptanz in den USA - der 33er LP sank Jahr um Jahr die notwendige Auflagekraft und die Tonarme wurden erheblich verfeinert. Als 1958 die Stereo-Platte kam und die Nadel(n) nochmals dünner wurde(n), gab es in den USA richtige Studio-Tonarme, die gar nicht so viel "schlechter" waren als die in Mengen angepriesenen Edelteile nach 1965.
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