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High-Fidelity - nicht nur Technik (1)

Februar 1982
Heinz Josef Nisius

von Heinz Josef Nisius im Feb. 1982 in der Hifi-Stereophonie veröfentlicht
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Ein neues Medium

Wer die High-Fidelity nur mit Geräten, mit Technik und mit Daten assoziiert, nimmt immer nur einen sehr engen Teilaspekt eines immer noch jungen, wenn auch schon von einigen totgesagten Mediums wahr. Vielleicht legen die kommerzielle Präsentation und auch einige HiFi-Spezialzeitschriften eine solche Sichtweise nahe. Daß das Medium High Fidelity aber tatsächlich auf vielfältige Weise unser Leben bereichern kann, erörtert unser Autor Heinz Josef Nisius in dieser Beitragsreihe unter verschiedenen Aspekten.

Auf die Frage, was High Fidelity sei, kann man sehr unterschiedliche Antworten erhalten. Wohl am weitesten verbreitet ist die Auffassung, High Fidelity sei naturgetreue Musikwiedergabe oder - das ist nicht ganz dasselbe - Musikwiedergabe in höchstmöglicher Klangqualität.

Über die Erwartungshaltung

Die einen erwarten von ihr ein Konzerterlebnis im Wohnzimmer, die anderen so etwas wie eine tönende Partitur. Viele sehen in ihr ein modernes Unterhaltungsmittel. Bereits vor zwölf Jahren bezeichnete Karl Breh sie im Zusammenhang mit der Stereophonie als einen zweiten Weg musikalischen Erlebens.

Techniker halten sie für einen besonderen Bereich der Nachrichtentechnik oder Konsumelektronik; dabei verweisen sie auf erhöhte Qualitätsanforderungen, strenge Normen und hochentwickelte Technik. Für Geräte- und Schallplattenhersteller, aber auch für Rundfunk- und Phonohändler ist sie vor allem ein Industrieprodukt, eine Umsatzgröße, eine Ware. Manche Käufer sehen in ihr ein Prestigeobjekt, ein Statussymbol, manche aber auch nur einen Ersatz für das alte Radio.

Die Antworten ?

Die umfassendste Antwort geben wohl jene, die sie schlichtweg als ein neues Medium bezeichnen. Diese Kennzeichnung mag auf Anhieb nicht sehr eindeutig sein, aber der Eindruck verschwindet, wenn man sich einmal vor Augen führt, was mit dem Ausdruck Medium gemeint ist.

High Fidelity als Medium ist im Grunde nichts anderes als beispielsweise ein Gemälde oder ein Film, ein Vortrag oder ein Buch, ein kokettierender Augenaufschlag oder ein Fußtritt, nichts anderes als die Fabriksirene, eine Buschtrommel, ein Klavierkonzert, ein Ballett oder ein Polizist, der mit seinen Handzeichen versucht, den Verkehr nicht zu behindern.

Diese Beispiele verdeutlichen, was Medien sind: Vermittler von Information, von Sinn- und Bedeutungsgehalten. Was einer oder mehrere wissen, denken, meinen, fühlen oder wollen, das teilen sie anderen in Form sinnenhaft wahrnehmbarer Zeichen mit.

Weil der Mensch kein rein geistiges Wesen ist und sich nicht unmittelbar dem anderen mitteilen kann, bedarf er eben hörbarer, sichtbarer, fühlbarer oder anders sinnenhaft wahrnehmbarer Vermittler.

Die elektronische Buschtrommel

Natürlich ist die High Fidelity kein Buch und ein Bild keine High Fidelity. Ein Fußtritt ist ein Fußtritt und ein Film ein Film. Aber ein Klavierkonzert kann sehr wohl High Fidelity ein, ebenso wie die Buschtrommel oder die Werksirene, weil sie aus akustischen Zeichen bestehen. High Fidelity ist nämlich ein auditives Medium; denn es spricht den Menschen ausschließlich über den Hörsinn an. Das erscheint auf Anhieb sehr banal, ist aber außerordentlich wichtig für die richtige Einschätzung beispielsweise einer HiFi-Rundfunkübertragung oder -Schallplattenaufnahme.

Klavierkonzert, Buschtrommel und Werksirene sind natürlich nicht von Hause aus bereits High Fidelity, sondern nur sozusagen deren Rohmaterial. Erst wenn sie mit elektronischen Mitteln aufgearbeitet und verbreitet werden, können sie High Fidelity sein.

ein elektronisches auditives Medium

High Fidelity ist also ein elektronisches auditives Medium. Sie gehört zu den sogenannten technischen Mittlern. Auch das ist keineswegs banal, sondern wiederum von ausschlaggebender Bedeutung für die Eigenständigkeit und Eigengesetzlichkeit des Mediums.

Von einer Musikaufführung unterscheidet sich die High Fidelity auch dadurch, daß man nicht bei der Darbietung anwesend zu sein braucht, wenn man ihrer teilhaftig werden will. Rundfunksendungen in High Fidelity können die natürlichen Grenzen des Raums überwinden.

Gleiches gilt für HiFi-Schallplatten und -Tonbänder. Solche Aufzeichnungen können zu beliebiger Zeit und an beliebigem Ort wiedergegeben werden, ohne daß sich der Inhalt der Übertragung erkennbar ändert. Auch diese Unabhängigkeit von Raum und Zeit und die beliebige Wiederholbarkeit sind wesentliche Kennzeichen technischer Medien.

Massenspeisung

Insofern ist die High Fidelity als Medium dem Film verwandter als der Aufführung eines musikalischen Werks. Schließlich können HiFi-Aufnahmen, ebenso wie Filme, in beliebiger Stückzahl produziert und vertrieben werden. Sie sind nicht mehr, wie ein Konzert, nur von einem ganz bestimmten oder verhältnismäßig begrenzten Publikum erlebbar, sondern praktisch von beliebig vielen Menschen zu beliebiger Zeit und an beliebigem Ort. Deshalb rechnet man den Film und die High Fidelity zu den Massenmedien, ebenso wie das Fernsehen und die Presse.

Zu den Massenmedien zählen bekanntlich auch der Rundfunk und die Schallplatte. Worin besteht aber dann der Unterschied zwischen der High Fidelity einerseits und dem Rundfunk und der Schallplatte andererseits? Rundfunk und Schallplatte können High Fidelity sein, sind es aber nicht ohne weiteres. Beispielsweise hat eine Nachrichtensendung oder die Schallplattenaufnahme einer Politiker-Rede nichts mit High Fidelity zu tun. Demgegenüber können die Rundfunkübertragung einer Opernaufführung oder eine Jazzschallplatte sehr wohl High Fidelity sein.

Ob wir es mit High Fidelity zu tun haben oder nicht, das hängt also auch davon ab, was und in welcher klanglichen Qualität es vermittelt wird.

Hieraus folgt: Rundfunk, Schallplatte und Tonband, können High Fidelity sein - und umgekehrt: High Fidelity ist eine Form der auditiven Massenmedien Rundfunk, Schallplatte und Tonband. Daß auch die audiovisuellen Medien Film und Fernsehen sich zu einer Form der High Fidelity entwickeln können, ist zumindest denkbar. An Ansätzen dazu fehlt es nicht.
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von Heinz Josef Nisius im Feb. 1982
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