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1982 - Wer bestimmt, was Hifi wirklich ist ?

Ist es ein Abbild des Konzertes oder der Darbietung im engsten Sinne oder ist es einfach nur "gute" Musik oder was ist Hifi ? Warum treiben wir die Spezifikationen unserer Hifi-Anlagen so weit auf die Spitze, daß einem schon schwindelig wird ?

Bei Plattenspielern zum Beispiel
wird die Geschwindigkeit auf Promille genau aus- oder nachgeregelt und wehe, ein Modell weicht davon ab - das gibt ganz viele schlechte Noten in den Tests. Und dennoch kann das ganz großer Unsinn sein - wie die nachfolgende Kolumne beschreibt:

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Das mußte mal gesagt werden !

Wulf Konold 1982

von Wulf Konold im Februar 1982 - geboren 1946, studierte Musikwissenschaft, Deutsch und Geschichte in Kiel (Dr. phil. 1974) sowie Viola, Theorie, Komposition und Dirigieren an der Musikhochschule in Lübeck. Wissenschaftlicher Assistent und im Schuldienst, 1975-1976 Abteilungsleiter Ernste Musik beim Saarländischen Rundfunk, 1977-1978 freier Autor und Lehrbeauftragter an der Universität und Musikhochschule des Saarlandes, 1978-1981 Chefdramaturg des Musiktheaters Nürnberg, seit Sommer 1981 Künstlerischer Berater der Niedersächsischen Staatsoper. Arbeitet derzeit an einer Habilitationsschrift über die Symphonien Mendelssohn Bartholdys. Zahlreiche Buch- und Aufsatzveröffentlichungen,
Mitarbeiter aller deutschon Rundfunkanstaltcn. Seit 1976 Mitarbeiter der HiFi-Stereophonie. Herausgeber eines mehrbändigen „Handbuchs für Musikfreunde", das im Verlag G. Braun erscheinen wird.

Können Musiker Noten lesen ?

Dies mag eine Frage sein, die alle Mitglieder der Zunft entweder als überflüssig, da sie eine Selbstverständlichkeit berührt, oder aber als Unverschämtheit zurückweisen - wobei die letzte Reaktion sicher die ehrlichere ist, denn sie konzediert immerhin, der unverschämte Frager könnte irgendwo eine empfindliche Stelle im Selbstbewußtsein berührt haben.

Nun ist es ja keine neue Weisheit,
daß weite Teile unserer Musikkultur der Schriftform entarten. Nicht nur unter den Musikhörern, Musikfreunden und Musikkonsumenten ist das musikalische Analphabetentum fast die Regel, auch die Pop-Musik kommt weitgehend ohne Noten aus (Pop-Musiker differenzieren sich in dieser Hinsicht in „Notisten" und „Nicht-Notisten"). Doch Vertreter der ernsten Musik und keine Notenkenntnis - wahrhaftig eine Unverschämtheit.

Erläuternd sei eingeschoben, daß ich mit der Fähigkeit, Noten lesen zu können, natürlich nicht die einigermaßen richtige und flüssige Entzifferung der schwarzen Punkte auf den fünf Linien meine: Notenlesen umfaßt die Fähigkeit, aus der Partitur und/oder der Einzelstimme eines Werkes den komponierten Sinn zu erschließen und in Klang umzusetzen - und zum Notenbild eines Stückes gehören nicht nur die Tonhöhen- und Tondauernsymbole, sondern auch jene Zusatzzeichen und Bezeichnungen, die die Artikulation, die Dynamik, die Klangbalance und das Tempo festlegen.

Ist die Frage wirklich unverschämt ?

Und gerade hier erweist sich die unverschämte Frage als stichhaltig. Viele Musiker - berühmte durchaus, denn meine Analysen stützen sich in erster Linie auf Schallplatteneinspielungen - scheinen stillschweigend von der Annahme auszugehen, Komponisten litten alle unter partieller Unzurechnungsfähigkeit - nämlich immer dann, wenn sie das Tempo, die Dynamik, die Klangbalance eines Stückes festlegen.

Da kann sich ein Komponist noch so sehr anstrengen, präzis, unmißverständlich, ja „narrensicher" zu notieren (sei es, daß Beethoven eine Vielzahl seiner Werke mit Metronomziffern versah, sei es, daß Bartok seine Werke abschnittsweise stoppte und die Spieldauer in Sekunden notierte, sei es, daß Schönberg minuziös Haupt-und Nebenstimmen bezeichnete). -

Unsere Pultstars, Goldkehlchen und Klavier-Tiger scheinen vielfach der Meinung zu sein, wenn die richtigen Noten ungefähr zur richtigen Zeit kommen, könne der Komponist schon zufrieden sein - und irgendwo müsse ja auch noch Platz sein für „Interpretation", für die - modisch gesagt - Selbstverwirklichung des Interpreten, die ja nicht nur auf der Plattenhülle stattfinden soll.

Daß das vielfach auf Kosten des musikalischen Sinnes geht - wen stört's schon außer ein paar notorischen Notenlesern?
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Einige Beispiele:

Schon in der musikalischen Klippschule lernt man zumindest, daß eine Fermate den Wert der Note, auf der sie steht, verlängert - doch für Dirigentenweltmeister gilt dies - wie jüngst Einspielungen der „Zauberflöte" zeigen, offenbar nicht.

Oder: Wenn Noten in der Partitur übereinandergeschrieben sind, sollen sie in der Regel auch zusammen erklingen, doch scheint es für Violinvirtuosen Ausnahmen zu geben - so jedenfalls bei Beethovens Violinkonzert, wo Dirigenten mit Chuzpe taktweise Fermaten einlegen, bis auch der Schmalzfabrikant die nächste „Eins" erreicht hat: Musikalischer Sinn ist da natürlich beim Teufel.

Ein drittes Beispiel - Tempofragen und Temporelationen: Da werden Beethovens Metronomisierungen schlicht negiert (die „Argumente" bewegen sich auf dem Niveau des „sein Metronom war ja kaputt" bis „das kann ja keiner spielen"), da werden ausgewogene Tempo-Relationen zerstört: so in Schuberts großer C-dur-Symphonie, bei der langsame Einleitung und Kopfsatz auf demselben „Schlag" basieren, einmal auf die Viertel des „Andante", einmal auf die Halben des „Allegro non troppo" bezogen.

Wir sind die Wissenden - oder doch nicht ?

Doch musikalischer Alltag mißachtet diese für den „Notenleser" unzweifelhafte Komponistenvorschrift - das Andante ist zu langsam, und damit man irgendwie ins Tempo kommt, pflegt man in den letzten Takten der Einleitung ein kräftiges Accelerando einzulegen; der Schubert war ja ein Idiot, wir wissen schon, wie es richtig zu sein hat.

Woran es auch immer liegen mag: Ob an der oft unzureichenden Hochschulausbildung, bei der Finger- und Kehlfertigkeit, aber nicht Denkfertigkeit trainiert werden und „Notenlesen" ja selten im Lehrplan steht (man kann der Veranstaltung ja einen weniger ehrenrührigen Titel geben), ob an der Tatsache, daß Marktmechanismen die Unverwechselbarkeit der einzelnen Interpreten verlangen und diese bei immer demselben schmalen Repertoire nur über interpretatorische Exzesse zu erreichen ist - die Konsequenz ist immer die gleiche:

Gerade bei Werken, die jeder zu kennen glaubt, hat Aufführungsschlamperei dazu geführt, daß eine genaue, die Vorschriften des Komponisten beachtende Interpretation verblüffend, überraschend, aufregend neu klingt. Das wäre doch auch eine Chance für Unterscheidbarkeit, oder?

von Wulf Konold im Feb. 1982

Anmerkung zum Original : (über die Hifi-Puristen)

von Gert Redlich in 2014
In den Jahren der analogen Vinyl-Schallplatte war es "gang und gäbe", daß der Dirigent gebeten oder gar genötigt wurde, das eine oder andere klassische Stück doch bitte etwas zügiger "durchzuziehen", damit es komplett als ein Stück auf die maximal 23 Minuten Länge einer Plattenseite drauf passe.

Und so wurde von den Dirigenten ein Zahn zugelegt und die Musik wurde vom Tempo her forciert. Selbst Karajan hatte das in einem Inteview bestätigt, das seien eben die Zwänge von damals gewesen. Darum sei er vor 1983 auch so für die neue CD - aber mit mehr als 60 Minuten - eingetreten.

Das ist der Grund, warum obige Kolumne hier überhaupt Platz gefunden hat. Es war mitnichten alles Gold, das da glänzte, auch das goldene Logo der Deutschen Grammophon Gesellschaft (sowieso schon lange im Besitz von Philips) nicht. Aber der Plattenspieler mußte mit 0,0003% Abweichung die Sollgeschwindigkeit einhalten, sonst war er entweder gar nicht Hifi tauglich oder er wurde vom Tron des absoluten Testssiegers verstoßen.

So wurde ein völlig unsinniges Anspruchsdenken von eigentlich völlig irren (oder bekloppten) Hifi-Puristen erzogen, das weit jenseits jeder Realität war. Die großen Neumann Platten-Schneidemaschinen - die besten auf dieser Welt - waren mit ±0,01% Drehzahlgenauigkeit spezifiziert, die aber per Schieberegler um fast ±5% geändert werden konnte.

Darum :Was ist das für ein dämlicher Schmarren mit diesen Effekt hascherischen - völlig übertriebenen - virtuellen Genauigkeiten.

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