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In 2000 war MP3 noch höchst umstritten - von den Gurus

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Nicht nur bei den Hifi-Experten, den selbsternannten Heilsbringern, den Analog-Audio-Verfechtern, also bei sehr vielen Hifi-Fans (ich spreche ganz bewußt nicht von Musikliebhabern) war sowohl "digital" als auch MP3 völlig indiskutabel.

Bei Gericht spricht der spitzfindige Anwalt (über seinen Gegenüber) immer von : Dieser habe sowieso nur mit "Nichtwissen" - dieses oder jenes - bestritten. Also im Klartext, der andere habe ja überhaupt keine Ahnung, wovon er da rede.

In der Hifi-Welt haben sich nur wenige über die komplizierten Grundlagen der Digitalisierung und der hunderttausend Möglichkeiten bezüglich der erreichbaren Qualität kundig gemacht und das Gleiche gilt auch für die diversen Kompressionsverfahren.

Einige haben das nicht auf sich sitzen lassen

Wir sprechen hier über die EDV Redakteure der Zeitschrift ct in Hannover im Jahr 2000. Hannover ist für uns heute in 2015 immer noch tiefste Hifi-Provinz, die gerade mal zu einer oder zwei Messen im Jahr erwacht.

Und dennoch, da hatte es im Jahr 2000 etwas gegeben, das ich 15 Jahre danach immer noch nicht vergessen hatte. Die EDV-ler der ct sind ausgeschwärmt, um den Hifi-Freaks mal so richtg auf den Zahn (ihres Wissens) zu fühlen.

Und das ging so :

Doppelt blind - MP3 gegen CD: Der Hörtest

von Carsten Meyer im März 2000

MP3 gegen CD: Der Hörtest

Die zum Teil heftigen Diskussionen um die akustischen Auswirkungen der MP3-Datenreduktion nehmen skurrile Züge an: Die einen verteufeln es als unverdauliche Klangpampe, andere erfreuen sich an der im Vergleich zu Bandaufnahmen oder UKW-Sendungen erfrischend klaren und differenzierten Wiedergabe. Selbst in der Redaktion treffen bisweilen konträre Meinungen aufeinander. Hört man den Kompressionsverlust wirklich?
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Kann man das wirklich alles messen ?

Grafikkarten, Festplatten und Mainboards kann man benchmarken, messen, zählen, einordnen - nicht aber Audio-Kompressionsalgorithmen. Messwerte wie Frequenzgang, Rauschabstand und Klirrfaktor sagen nichts über die Hörbarkeit, die Authentizität, den Klang eines Rechenprozesses aus. Es ist durchaus möglich, einen Übertragungsweg mit enormen Komprimierungsfaktoren zu konstruieren, der zwar Sinussignale von 5 bis 25 000 Hz mit atemberaubend niedrigem Klirrfaktor und winzigstem Rauschen reproduziert, bei einem komplexen Signal, wie es Musik nun einmal darstellt, aber jämmerlich versagt.
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Doch wie beurteilt man den `Klang´ eines Übertragungsmediums?

Ungeahnte Schwierigkeiten taten sich vor den bearbeitenden Redakteuren auf, denn jeder Mensch hört bekanntlich anders. Verdorben von miserabel abgemischten zeitgenössischen Produktionen, Hörnerv lähmenden Radio-Jingles und lieblos zusammengestellten Ramschmarkt-Paketangeboten ist der Durchschnittshörer von heute kaum mehr in der Lage, ein differenziertes Urteil über die Klangqualität eines zu testenden Gerätes abzugeben. Wir wollten uns daher nicht (nur) auf das eigene Urteil verlassen, sondern ließen geübte Hörer an die Lautsprecher - Entwickler von hochwertigen HiFi-Möbeln ebenso wie klangschaffende Künstler selbst, HiFi-Händler genau wie deren Kundschaft. In direkten A/B-Vergleichen sollten die Probanden Unterschiede zwischen MP3 (jeweils mit unterschiedlicher Komprimierungsrate) und konventioneller (digitaler) Konserve heraushören und gegebenenfalls mit eigenen Worten beschreiben.
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Unsere Testmedien : Von Zart bis Zackig

Als `Software´ kodierten wir eine Anzahl repräsentativer Titel unterschiedlichen Alters aus den Bereichen Klassik, Pop und Jazz. Aktuelle Studio-Aufnahmen von Keith Jarrett und Sara K. fanden sich ebenso darunter wie Klassiker von Donald Fagen oder der kristallklare Transistor-Pop der Nits. Marla Glens rauchiges Stimmorgan galt es zu reproduzieren, die akustischen Gitarren von Adrian Legg oder Al Di Meola und die treibenden Funk-Bassläufe von Nile Rodgers.
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Klassik war dabei - und hier hätte Karl Breh gestaunt

Aus dem Klassikbereich wählten wir unter anderem die sehr dynamische Ouvertüre zu Verdis `Nabucco´ in einer Aufführung der Deutschen Oper Berlin unter Leitung von Giuseppe Sinopoli, die `Wahnsinnsarie´ aus Donizettis Oper `Lucia Di Lammermoor´ mit Joan Sutherland, bei der man förmlich das Parkett im Royal Opera House unter der umherschwebenden Protagonistin knarzen hört, Orffs `O Fortuna´ mit Seiji Ozawa und den Berliner Philharmonikern sowie den `Arabischen Tanz´ aus Edvard Griegs `Peer Gynt´ Suite Nr. 2, ebenfalls mit den renommierten Hauptstadt-Muckern, aber diesmal unter Herbert von Karajan.
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MP3 koditert mit dem Frauenhofer-MP3-Algorithmus

Verwendung fand eine aktuelle PC-Version des Frauenhofer-MP3-Algorithmus´ im Kleid der Jukebox 4.40 von MusicMatch, sowohl bei der Kodierung mit 128 kBit/s als auch mit 256 kBit/s.

Den Probanden wurden die Titel `blind´ vorgespielt

. . . . das heißt, es wurde willkürlich zwischen den im Pegel angepassten Signalquellen umgeschaltet, und die Testpersonen mussten die richtige Herkunft des synchron gestarteten Musikstücks heraushören. Als MP3-Zuspieler diente uns der Terratec M3po, der mit seiner Standard-Halbleiterbestückung stellvertretend für die überwiegende Anzahl von derzeit erhältlichen MP3-Playern steht: Sein Micronas/Intermetall-Chipsatz besteht aus dem MAS3507-Decoder, dem der messtechnisch recht anständige D/A-Wander DAC3550A zur Seite steht. Tragbare Player verwenden allerdings oft eine aktive Entzerrung (Bassanhebung) für den mitgelieferten Kopfhörer, sodass bei eigenen Hörvergleichen mit solchen Geräten Vorsicht geboten ist.
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Altlasten - also zuerst mal selbst getestet

Der erste Test fand im gut gedämpften Laborraum der Redaktion statt - ein `Erbstück´ aus Zeiten, als das Magazin HIFI-Vision noch in Hannover produziert wurde und hier Hörtests durchführte. Die vorhandene Sony-Anlage der 10.000 DM-Klasse sollte für eine überschlägige Beurteilung seitens hörerfahrener Redakteure genügen.

Zu diesem Personenkreis wurde nur offiziell zugelassen, wer selbst über eine gute HiFi-Anlage, über Studio- oder Musikererfahrungen verfügt. Neben geigenden, klampfenden und klavierspielenden Redakteuren war auch unser Messtechniker Wolfram Tege zugegen, der schon im ehemaligen HIFI-Vision-Testlabor Anlagen und Boxen auf den Zahn fühlte.

Schon bei der Beurteilung mit der geringeren Qualitätsstufe
(128 kBit/s) kam die Gruppe nicht über eine Treffsicherheit von 50 % hinaus - was einer zufälligen Verteilung entspricht. Zwar meinte der eine oder andere der Juroren, bisweilen marginale Unterschiede in der räumlichen Abbildung heraushören zu können - wobei man sich aber außer Stande sah, MP3 und CD richtig einzuordnen; mit anderer Sitzordnung verschliffen sich die Feinheiten wieder. Ein klares Patt also, wobei man den verwendeten Sony-CD-Spieler X202ES sicher nicht als ultimative Referenz sehen darf.
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Zuerst mal nach Braunschweig zur Hifi-Manufaktur

Die Suche nach kompetenten Testhörern führte uns zur HiFi-Manufaktur nach Braunschweig - für preisbewusste Boxenkäufer und geschickte Praktiker eine beliebte Adresse. Einen guten Namen hat man sich dort nicht nur mit hervorragenden Boxen und -bausätzen gemacht, sondern auch mit dem selbstentwickelten, PC-basierten Akustik-Messplatz ATB Precision, der bei vielen Testzeitschriften und sogar bei VW und Opel zum `Sound Design´ eingesetzt wird.
Firmengründer Leo Kirchner suchte mit der "Analogon Studio" ein besonders analytisches Boxenpaar aus, das von einem Sansui-Verstärker X-1111 und dem Oberklasse-CD-Spieler Teac VRDS-25X gespeist wurde.

Leo Kirchner von der Hifi-Manufaktur: `Eigentlich ein erschreckendes Ergebnis. Da fragt man sich, was das ganze Highend-Getue soll.´

  • Anmerkung : Weder von deren Boxen noch von dem PC basierten Akustik-Meßplatz ist etwas bis zu uns herunter nach Rhein-Main gedrungen.

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Blind vertraut - bedeutet 50 ./. 50

Auch hier zeigte sich, zumindest in der zeitlichen Begrenzung und der örtlichen Gegebenheit des Tests, dass der MP3-Spieler keineswegs immer und eindeutig als solcher auszumachen war. Zufällig anwesende Kundschaft wurde in den Test kurzerhand mit einbezogen, und ein recht jugendlicher Zuhörer wusste die Signalquellen tatsächlich zu differenzieren - allerdings galten seine Sympathien überwiegend dem `etwas offeneren´ Klangbild des MP3-Spielers, wie sich später herausstellte. Ansonsten gab es wiederum einen Gleichstand zu vermelden.

Klangliche Vorteile brachte die 256-kBit/s-Kodierung selten - eher im Gegenteil: Sie verriet sich des öfteren durch kleine Aussetzer und Knackser. Mit etwas mehr als zufälliger Treffsicherheit ließen sich impulshaltige, komplexe Signale wie der Applaus auf Eric Claptons `Unplugged´ auf ihren MP3-Ursprung zurückführen; dies stellten wir auch schon beim Encoder-Vergleich (siehe Seite 138) fest. Doch auch hier war der direkte A/B-Vergleich zur Einordnung nötig; schon eine Umschaltpause von einigen Sekunden ließ die Juroren an ihrem Urteil zweifeln.

Früher gab es größere Unterschiede

Sollten die Vorurteile gegen die MP3-Kompression mit einem Schlage entkräftet sein? Kirchner zeigte sich überrascht: `Bei den alten DCC-Rekordern von Philips oder den ersten MiniDisc-Spielern hörte man die Verluste deutlich - ein bestimmtes Klavier war plötzlich ein ganz anderes. Auch die ersten MP3-Encoder waren eher schlecht. Die jetzige Qualität aber ist wirklich gut, wenn nicht sogar besser als die vom neuen MiniDisc-ATRAC.´

Die Flöhe husten hören ?

In Hannover fanden wir vor Ort weitere Hörgelegenheiten. Horst Tiedemann und John Walton aus der Highend-Abteilung von Thorenz (oder war es doch Thorens ?)nahmen sich die Zeit, den Terratec-Player an einer `sehr guten´ T+A-Anlage auszuprobieren.

Schallvermittler spielten dabei zwei MBL 300 zum Stückpreis von knapp 5.000 DM - wobei selbst der kritische Redakteur zugeben musste, dass `viel Geld´ eben relativ ist, wenn man Entsprechendes dafür geboten bekommt. Credo der Fachhörerschaft über den MP3-Spieler: `Der Player klingt gut, keine Frage. Vielleicht eine Spur zu steril - es fehlt ihm etwas an der Wärme und dem Volumen, die einen guten CD-Spieler oder eine Analogaufnahme ausmachen. In einer Anlage der Preisklasse 3.500 Mark macht er aber durchaus Sinn.´

Einig war man sich hier über das schwindende Qualitätsbewusstsein des Verbrauchers. `Highend-Anlagen, mit denen der geübte Tester markante Unterschiede heraushören könnte, machen vielleicht noch zwei Prozent Umsatzanteil bei uns aus - noch vor fünf Jahren waren es über vier.´ Tiedemann befürchtet, dass mangelhaft kodierte MP3-Musik die Kritikfähigkeit des Hörers weiter herabsetzen wird. `Der einstige Musikgenuss verkommt leider immer mehr zum Nebenbeihören. Klar, dass man dafür keine 20.000 Mark Anlagen braucht.´

Horst Tiedemann von Thorenz: `Da muss man schon sehr genau hinhören!´

Besuch im Boxen-Paradies

Hannovers Highend-Mekka mit jahrelanger Erfahrung ist die `hifi-meile´, bekannt für das enorm umfangreiche Sortiment: kühlschrankgroße Superboxen findet man dort ebenso wie Regalwürfel aus edelsten Materialien. Eike Christian Radtke empfahl als Testgrundlage die TAG/McLaren-Kombination F3 mit getrenntem D/A-Wandler und Vorverstärker in der 10.000 DM Preisklasse. Als Schallwandler kamen zwei Dynaudio 255 zum Einsatz, die den Wert der beteiligten Komponenten auf einen Schlag verdoppelten - ein nicht unübliches Verhältnis in Highend-Kreisen.

`Auch Radtke zeigte sich von der Klangqualität der MP3-Quelle angetan, monierte aber: `Im direkten Vergleich mit dem F3-CD-Player fällt mir bei 128 kBit/s eine etwas engere Tiefenstaffelung auf, es hört sich so an, als ständen die Musiker eine Idee näher an der Wand. Das kann an der Kompression liegen, vielleicht aber auch an dem billigen eingebauten D/A-Wandler. Es wäre interessant, den MP3-Player mit einem guten externen Wandler zu hören, um diesen als Fehlerquelle auszuschließen.´ Als Ersatz für ein MiniDisc-Laufwerk kommt MP3 für ihn trotzdem nicht in Betracht: `Der notwendige Computer ist für den typischen HiFi-Konsumenten viel zu kompliziert. MiniDisc bietet die gleiche Klangqualität, ist aber um Längen einfacher zu bedienen.´ Echte Audio-Freaks lässt die Diskussion um MP3, ATRAC und CD ohnehin kalt. Hier hört man nach wie vor `spanabhebend´, sprich mit einem richtigen Plattenspieler, wie Radtke zu berichten weiß.

Eike Christian Radtke von der hifi-meile: `Der Player ist recht gut, vor allem gemessen am Preis, aber ich würde trotzdem zur MiniDisc greifen - schon wegen der einfacheren Bedienung.´

Voodoo und Wirklichkeit - die Hifi-Magazine

Nirgendwo teilen sich Scharlatane und seriöse Anbieter einen Markt so einträchtig wie in der HiFi-Branche. Wohldurchdachte Boxen-Konstruktionen bestehen neben klangverbessernden Stecker-Tinkturen, ehrliche Kleinserienfabrikate neben überteuertem Taiwan-Plastik-Schrott, Highend-Kabel zum Preis einer Wohnzimmereinrichtung neben wertigen Verstärkern, die für die Ewigkeit gebaut scheinen.

Unzählige HiFi-Magazine bedienen eine eher zahlungskräftige als rationale Kundschaft und drücken dem unbedarften Leser ihre sicher geschulten, aber doch sehr persönlichen Hörgewohnheiten auf. Da werden dann schon mal physikalische Grundgesetze ausgehebelt, Geister beschworen und Hexensüppchen gekocht - verpackt in blumige, wortreiche Phrasen:

So erschließen sich dem geneigten Leser die audiophilen Vorteile des gepriesenen, rund 500 DM teuren Euro-Netzkabels angeblich erst nach einer Einlaufzeit von 48 Betriebsstunden, natürlich klingt das SPDIF-Digitalkabel für 800 DM besser als jenes für 120, und als letzter Schrei wird das Einlagern von CDs im Gefrierfach empfohlen, damit die vielen Bits auch die richtige Festigkeit bekommen (kein Witz).

Es fehlen nur noch Klangvergleichstests von Schuko-Steckdosen und Sicherungsautomaten - wo wir dann vielleicht `Mit fünf Ohren Testsieger: die Schraubsicherung 16A träge´ lesen würden.

  • Anmerkung : Ich bin also mit meiner Kritik an manchen Hochglanzmagazinen nicht alleine auf der Welt.

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Da dreht sich einem der Magen rum

Gestandenen Nachrichtentechnikern und Toningenieuren dreht sich bei der dort zelebrierten Volksverdummung natürlich kräftig der Magen um. Für seriöse Händler ein Kampf gegen Windmühlenflügel: "Wenn ein Kunde unbedingt das beworbene Kabel für 700 DM den laufenden Meter haben will, bekommt er das eben", so ein Ladenbesitzer zu c't. Die Verdienstspanne für derlei Zubehör sei übrigens um einiges höher als bei einer gleich teuren HiFi-Anlage von der Stange.

Eher unwahrscheinlich, dass der gut betuchte Käufer der eingangs genannten Kostbarkeit auch ganz zufällig das passende Gehör mitbringt
- siehe auch unseren Kasten `Alterserscheinungen´. Und, würde er sich seinen körperlichen Mangel eingestehen, wenn er im Vergleich zu den NYFAZ-Strippen aus dem Baumarkt eigentlich keinen Unterschied hört? Letztere haben, nebenbei bemerkt, mindestens ebenso wenig Sauerstoffatome in den Adern wie die teuren OFC-Würste - Elektrolytkupfer für Leiterzwecke ist immer und implizit `oxygen free´. Auch in den Studios der Deutschen Grammophon (Anmerkung : Die sind auch in Hannover) verwendet man keine superteuren Highend-Kabel, sondern die gute Industrie-Qualität von der Rolle.
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Fundis vs. Realos

Für Leo Kirchner zählen ganz andere Dinge. `Was am Anfang und am Ende der Übertragungskette geschieht, ist sehr viel entscheidender als das Dazwischen. Wenn der Studio-Assistent eines der Aufnahme-Mikrofone um drei Grad kippt, Sie Ihren Lautsprecher im Wohnzimmer um 10 cm verrücken oder die Vorhänge zuziehen, hat das sicher einen größeren Einfluss auf den Klang als der Austausch eines 50 DM teuren Lautsprecherkabels gegen eines für 5000 DM.

Ab einer gewissen Güte der elektronischen Komponenten steht und fällt der Wohlklang einer Anlage in erster Linie mit den eingesetzten Boxen und deren Aufstellung, denn aufnahmeseitig haben Sie ja keinen Einfluss darauf. Ob Sony oder Accuphase, Vollverstärker oder Kombination, ATRAC oder MP3 ist dann eher zweitrangig.´

Der Pianist und Studiomusiker Martin Regener aus Braunschweig hält die hartnäckigen Vorurteile gegenüber diesen Kompressionsverfahren denn auch für `rein historisch bedingt´. So seien die ersten Versionen mit nur 64 kBit/s Datenrate tatsächlich `grottenschlecht´ gewesen, und diese pauschale Einschätzung hält sich bis heute - Jahre später. Einen Unterschied zwischen MP3 und CD, mit Kopfhörer vorgetragen, konnte er beim besten Willen nicht ausmachen: `Aber ich bin ja auch schon 47!´

Fazit

Das Ergebnis unserer vergleichenden Hör-Sitzungen überraschte selbst uns Redakteure. Kein `Fachhörer´ konnte auf Anhieb und ohne direkten Vergleich eine MP3-Quelle als solche identifizieren oder lehnte sie gar wegen gravierender Fehler ab. Erst mit Wissen der Herkunft offenbarten sich dem einen oder anderen kritischen Ohr marginale Fehler in der Reproduktion; dabei waren jüngere Hörer treffsicherer.

Von der Psyche beeinflußt

Die Abneigung gegenüber MP3, ATRAC und anderen Kompressionsverfahren liegt wohl auch auf psychologischer Ebene: Zu wissen, dass irgendetwas irgendwie an den kostbaren Bits der Digitalaufnahme gedreht haben könnte, bereitet vielen Highend-Adepten offenbar größeres Kopfzerbrechen als die akustischen Unzulänglichkeiten des heimischen Wohnzimmers. Natürlich kann MP3 per Definition keine CD-Qualität sein, denn die setzt ein bitgenaues Abbild des Originals voraus - auch wenn das eine oder andere LSB dem Ohr völlig egal ist.

Dass die mit 128-fachem Oversampling gesammelte Bitfolge der audiophilen CD aber auch schon dann eine ganz andere wäre, wenn Sara K. bei der Aufnahme ein Neumann-Mikrofon statt eines von AKG besungen hätte oder das Dargebotene anders klingen würde, wenn die Sektkelche im Barschrank nicht leise mitsirrten, gerät in diesem Zusammenhang oft völlig in Vergessenheit.

Auch hier - die immerwährende Unzufriedenheit

So wird denn in bestimmten Kreisen gestöpselt, getestet, gespart, gekauft, getauscht - auf der immer währenden, aussichtslosen Suche nach dem vollkommenen Klang. Dass dies zum reinen Selbstzweck gerät, liegt allein an der wissenschaftlich bewiesenen kulturellen Inhomogenität der menschlichen Hörwahrnehmung, so Gernot von Schultzendorff von der Deutschen Grammophon - Jugendliche hören anders als Erwachsene, Frauen anders als Männer, Asiaten anders als Europäer, Tester anders als Toningenieure und womöglich Leser anders als Schreiberlinge. Bilden Sie sich einfach Ihre eigene Meinung - nur so kommen Sie in Fragen des Geschmacks weiter.

Auch bei Fachleuten Meinungsverschiedenheiten

Auf der anderen Seite laufen bei vielen Plattenfirmen derzeit intensive Hörtests, ob die 96 kHz Abtastrate und 24 Bit Auflösung der DVD-Audio oder Super-CD gegenüber der konventionellen CD Vorteile bringen. Schultzendorff: `Auch da gibt es unter unseren Tonmeistern Meinungsverschiedenheiten.´

So bleibt denn abschließend festzustellen: Hören ist Geschmackssache und die MP3-Komprimierung - aktuelle Encoder, seriöse Quellen und Bitraten von wenigstens 128 kBit/s vorausgesetzt - besser als ihr Ruf. Sie liefert Ergebnisse, die selbst HiFi-Fachleute verblüffen; im Umfeld einer für den Normalverdiener erschwinglichen Anlage bildet die Datenreduktion nicht das schwächste Glied der Übertragungskette. Das sitzt leider nur zu oft vor den Lautsprechern - auf der Couchgarnitur.

von Carsten Meyer im März 2000
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Glosse 1 (Kasten 1)

Die schönsten Hits

Stichwort Radio:
Was heute so aus dem Äther quillt, befriedigt zumeist nur noch niedrigste Qualitätsansprüche
- nicht nur wegen der Otto-Normalverbraucher- kompatiblen, computergenerierten Titelauswahl, der ständigen Stations- Selbstbeweihräucherung und der penetrant gutlaunigen Moderatoren. Mit der Bandbreitenbegrenzung auf weniger als 16 kHz könnte der nicht mehr ganz so jugendliche Musikliebhaber durchaus leben, nicht aber mit der allerorts angewendeten heftigen Dynamikkompression, die den Sender beim Suchlauf besonders `laut´ und `stark´ erscheinen lässt.

Doch damit nicht genug:
Ein auf das Programm und die Station zugeschnittenes `Soundprocessing´ [2] mit gewollt krummen Frequenzgängen, einer nichtlinearen Höhenanhebung per Exciter und manchmal sogar einem Timestretching zur tonhöhenkompensierten Laufzeitkorrektur raubt dem Musikprogramm auch noch das letzte Quäntchen Natürlichkeit. Insofern ist die Bezeichnung der MP3-Qualitätsstufe `FM Quality´ mit 96 kBit/s schon fast eine Beleidigung: MP3 klingt hier deutlich besser, und das hört schon derjenige, der seine Anlagenkomponenten gemeinhin von der Palette - also beim Boxenschieber - kauft.
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Keine Glosse (Kasten 2)

Alterserscheinungen

Die obere Grenzfrequenz des Ohres nimmt pro Lebensdekade um 1 bis 2 kHz ab, die Enddreißiger unter den Hörtest-Redakteuren dürften also bestenfalls noch eine `Bandbreite´ von 16 kHz aufweisen. Entsprechend leidet natürlich die Differenzierbarkeit oberwellenreicher Klänge - dagegen hilft die teuerste Stereoanlage nichts. Trotzdem lässt sich durch ausgedehnte Hör-Sessions und sehr konzentriertes Hören die Wahrnehmung schulen. Dieser Vorgang ist ebenso langwierig wie anstrengend, und nur wenige Menschen sehen sich überhaupt dazu in der Lage - meist aufgrund ihrer beruflichen Laufbahn als Musikproduzent, Tonmeister oder Boxen-Konstrukteur.
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Kasten 3

Ein Unterschied - Nicht auszumachen

Wir haben auch Michael B. Schmidt, besser bekannt als `Smudo´ von den Fantastischen Vier, gebeten, ein paar Stücke seiner Wahl im direkten Vergleich Probe zu hören. Er wählte dazu `MfG´ und `Buenos Dias, Messias´ von der letzten Fanta-4-CD und einige Stücke von Carleen Anderson und den Jungle Brothers, aus denen der Fraunhofer-Encoder MP3-Dateien mit 64, 128 und 256kBit/s erzeugte.

Aufnahmen mit 64 kBit/s fand Smudo indiskutabel, sie klängen einfach schrecklich. Bei 128 kBit/s lokalisierte er jedoch nur noch einen leichten `Nebel über den Höhen, so als läge ein leichter Dunst über allem, was sich in den hohen Frequenzbereichen abspielt´. Besonders auffällig sei dies bei den Hihats in `Buenos Dias´. Dies fiel ihm allerdings nur im direkten Vergleich auf.

Die Qualität der 256-kBit-Aufnahmen hingegen hat den Hip-Hopper wirklich überrascht. Mit dem zeitlichen Abstand von wenigen Sekunden, der sich durch den CD-Wechsel ergab, konnte er keinen Unterschied zwischen Original und MP3 mehr ausmachen. `Vielleicht haben HiFi-Fans, die auch noch auf die Qualität ihrer Boxenkabel achten, noch etwas auszusetzen, aber für mich reicht das aus´, lautete sein Fazit.
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