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Wohin mit MP3 ?

von Detlef Grell im Jahr 2000
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Wenn der Fortschritt holpert . . .

Wenn milliardenschwere Branchenriesen in Interessenkonflikte mit sich selbst geraten, dann holpert der Fortschritt. Ich warte nun schon seit Jahren auf den Consumer-gerechten MP3-Player.

Ganz gegen den Trend begeistern mich MP3 und Co. beim aktuellen Stand der Dinge nicht. Ich konsumiere Musik üblicherweise nicht in Reichweite eines PC - und schon wird das gesamte Prozedere umständlich und reichlich teuer: Portable MP3-Player à la Rio kosten 300 bis 500 Mark und fassen gerade mal eine Stunde Musik in erträglicher Qualität. Die Dateien muss ich mir gegen Gebühr und zeitaufwendig aus dem Internet besorgen oder - genauso langwierig - selbst von CD zusammenkomprimieren. Nicht zu vergessen, wie umständlich diese Player mit Dateien befüllt werden, will man nicht noch ein paar hundert Mark mehr in Speicherkarten investieren.

  • Anmerkung : Das hat sich in den letzten 15 Jahren seit 2000 grundlegend geändert. Nichts davon ist übrig geblieben. Der mobile MP3 Player kostet unter 20 Euro.

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Die Ungewissheit im Jahr 2000

Ich bewundere dennoch die Computerindustrie für ihre Blitzreaktion, mit der sie diese Player an den heftigen Widerständen der HiFi- und Musik-Industrie vorbei auf den Markt gebracht hat, nachdem irgendwer `Ich würde so was haben wollen´ gerufen hat. Die HiFi-Geräte-Branche kann sich glücklich schätzen, dass ihr bisher nichts wirklich Schlimmes widerfuhr - aber das kann sich jeden Moment ändern.

Im Nachhinein - ein Wille vielleicht - aber kein Weg

Denn die Musikindustrie ist nach eigenem Bekunden (siehe Kasten Seite 126) höchlichst daran interessiert, Musikkonserven per Internet zu verkaufen. Aber was soll der Kunde mit MP3-Files anfangen? Außer dem PC gibt es dafür noch gar keine halbwegs vernünftigen Endgeräte. Die Probleme der Player ohne Wechselmedien à la Rio habe ich genannt.

Hier nur ein damals bereits falscher Ansatz

Daneben gibt es noch aufgebohrte Audio-CD-Player, die auch MP3-Dateien auf CD-ROMs abspielen können. Aber wie kommen MP3-Dateien auf CD-ROM? Im Laden findet man keine MP3-CD-ROMs, erst recht keine, die deren Kapazität ausschöpft und mit zehn Stunden Musik befüllt wäre. Das heißt, wenn ich MP3-Files aus dem Internet beziehe, brauche ich einen CD-Brenner; und wenn ich einen CD-Brenner habe und überall um mich herum CD-Player vorfinde, gibt es keinen Grund mehr, sich der Umstandskrämerei von MP3 auszusetzen.

  • Anmerkung : Die Standard CD hat 1 Std Spielzeit, die MP3 CD hat 10 Stunden Speilzeit - auch damals schon.

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Wer verdient an MP3 ?

Das ist - neben der Paranoia, mit der man Raubkopien zu verhindern sucht - das große Dilemma der Musikindustrie. Das Dilemma der HiFi-Branche besteht darin, dass sie derzeit nichts hat, womit sie vom MP3-Boom profitieren könnte, denn alle bisher am Markt befindliche MP3-Hardware stammt aus der Computerbranche. Nur die verdient derzeit an MP3.

Angedacht - der Single-CD Player - er kam aber nie.

Dabei haben die HiFi-Firmen alles im Hause, was man für schnuckelige und bedienerfreundliche MP3-Player braucht. Da gibt es CD-Brenner, mit denen sich selbstverständlich auch MP3-Files auf CD-ROMs - CD-R und CD-RW - schreiben lassen. Wenn die Standard-CD mit 12 cm Durchmesser und 650 MByte Kapazität zu unhandlich sein sollte, nun, das klappt auch mit 8-cm-Scheiben, also Singles.

Eine solche bietet etwa 200 MByte Platz; das sind ein bis zwei Stunden MP3-Musik - eine Portionsgröße, die sich so auch wunderbar im Laden verkaufen ließe. Ein solches System ist viel einfacher zu handhaben als Rio-Player und Co, und die Speichermedien sind im Vergleich dazu spottbillig. Ferner würden portable Player auf Single-Basis in der Gehäusegröße ohne weiteres mit Minidisc-Playern konkurrieren können.

Oder gleich die Mini-Disc ?

Oder man bedient sich gleich der Minidisc, die der HiFi-Industrie schließlich auch zu Gebote steht. Das Minidisc-Konzept bringt alles mit, was man für einen Datei-Player braucht. Allerdings müsste Lizenzinhaber Sony dazu über den eigenen Schatten springen:

Einerseits gilt es, das Atrac-Verfahren (ein Verwandter 1. Grades von MP3) auch für die Nutzung auf Computern zugänglich zu machen, andererseits den PC-basierten Dateizugriff auf den Minidisc-Player/Recorder beziehungsweise auf dessen Audio-Medien zu gewähren. Daneben stieße Sony sicher auch nicht auf Protest, wenn die nächste Generation Minidisc-Player MP3, Liquid und Real Audio und andere mehr wiedergeben könnte.
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Die verwünschten verlustfreien Kopien

Doch all diese Varianten laufen auf die Möglichkeit hinaus, per Datei-Copy bitgenaue, also verlustfreie Kopien zu erzeugen - der digitale Albtraum der Musikindustrie. VHS bei Video, Tonband-Kassette bei Audio, in der analogen Welt verdumpfte und verblasste jede Kopie deutlich spürbar. Ein zuverlässiger Kopierschutz durch Qualitätsverlust.

SONYs schamlose Werbelüge

Anfangs war das auch bei der Minidisc die Idee: Selbst bei Kopien über Digital-In und -Out expandiert das wiedergebende Gerät jedes Mal die Musikdaten, und das aufnehmende dreht das bereits reduzierte Material erneut durch die Reduktionsmühle. Inzwischen ist Sony aber ein Opfer seiner eigenen Werbung geworden: Bei den Minidisc-Geräten der ersten Generation war `CD-Qualität´ eine schamlose Werbelüge - es reichte bestenfalls für `Kassettenrecorder mit Rauschunterdrückung´. Doch heute ist man tatsächlich dicht dran an der CD, und Kopierverluste stören erst in der fünften Generation.

Die (MP3-) Flut ist nicht mehr aufzuhalten

Doch was soll´s? Seit Jahren erlaubt der CD-Recorder bitgenaues, direktes Kopieren von Audio-Scheiben; der Damm, der die gefürchtete Kopierflut aufhalten sollte, ist längst gebrochen. Warum also der Kopierschutztanz um MP3, wo es - zumindest bei kompakten Dateien zum Transfer im Internet - fast immer um drastisch reduzierte Qualität geht?

Seinerzeit wurde das von der Tonbandkassette bedrohte Schallplatten-Business angeblich erst durch die Einführung der viel besser klingenden Compact Disc gerettet. Die HiFi- und Musikbranche muss sich im Highend-Bereich folglich wieder etwas Besseres, nicht so bald Kopierbares ausdenken: Super-CD oder DVD-Audio mit vielen Surround-Kanälen, gigabytefressende 24-Bit-Technik bei 96 kHz Sample-Rate - bis man wieder bei den gut verkäuflichen maximal 75 Minuten Musik pro Konserve angelangt ist.

Fazit:

Wenn die dafür zuständige HiFi-Industrie nicht endlich Player für MP3 und Konsorten auf den Markt bringt, die den Bedürfnissen der Kundschaft entsprechen, wird es die Computerbranche tun. Die reagiert schnell, aggressiv und - überlässt das Thema Kopierschutz anderen.

von Detlef Grell im Jahr 2000

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