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Musik für Dich, ein Büchlein von Dr. Fritz Bose

1934 war die Machtergreifung der Nationalsozialisten gerade mal 1 Jahr her und die deutsche Kultur wurde "neu ausgerichtet". Volk, Vaterland und die (etwas verfälschte) deutsche Geschichte wurde nun heroisiert und propagandistisch herausgehoben.

Dennoch stehen in diesem Büchlein eine Menge verständlicher neutraler Informationen über die Musik, die Arten und die Instrumente - und so schön aufgelistet, daß ich sie Ihnen ans Herz legen möchte. Schnuppern sie mal und wenn es ab und zu politisch komisch angehaucht scheint, lächeln Sie und überlesen Sie die "Zeitgeist Sprüche" - es ist hier noch 1934 und wir wissen es doch inzwischen besser. Überarbeitet im Januar 2015.

Anmerkung speziell zu diesem Teil aus 1934 :

Dieser Teil ist hier besonders übertrieben heroisch und ganz besondes dem Zeitgeist von 1934 zuzurechnen, denn der Verfasser war sicher nicht im 1. Weltkrieg auf den Kriegsschauplätzen rund um Verdun, als dort über 1 Million Soldaten verheizt wurden. Wie man heute in 2014 nachweislich weiß, sind die allerwenigsten freiwillig in den 1. Weltkrieg gezogen, ob mit oder ohne Musik. Im späteren 2. Weltkrieg waren es noch weniger, auch da konnte sie die Marschmusik nicht locken.

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Die Militärmusik (Betrachtung von 1934)

In langen Marschkolonnen ziehen die Regimenter vom Truppenübungsplatz heimwärts ins Quartier. Staubwolken, von den Kommißstiefeln, den Hufen und Rädern aufgewühlt, färben das Gras am Wege und die Blätter der Bäume grau. Die Sonne brennt auf den Stahlhelm, die "Dunstkiepe", der Affe drückt, und Koppel und Knarre sind zu schwer. Nur nicht schlapp machen! Plötzlich schmettern Trompetenklänge über die Chaussee, Trommelwirbel und Paukenschlag. Und schon sind Hitze und Müdigkeit vergessen, mitgerissen folgen die Beine im Gleichschritt der flotten Marschmusik.

Blonde Mädel winken den Soldaten zu

Wenn nun das Regiment mit klingendem Spiel ins Städtchen einmarschiert, dann öffnen sich die Fenster, und blonde Mädel winken Willkommen. Und auch die Alten treten schmunzelnd vor die Türen, die Pfeife im Munde, und denken an ihre eigne große Zeit, an ihre Kommißjahre. Beim Klang derselben Märsche sind sie einmal zum Manöver ausgezogen, zur großen Kaiserparade durchs Brandenburger Tor marschiert, als Freiwillige oder Reservisten ins Feld gezogen.

Soldatische Tradition und die alten Militärmärsche

Die Uniformen zwar haben sich geändert. An die Stelle der schillernden Buntheit ist das schlichte Feldgrau getreten. Geblieben aber sind die alten Fahnen, die alte soldatische Tradition und die alten Militärmärsche, von denen einige schon zur Zeit des großen Friedrich die preußischen Soldaten zu Kampf und Sieg geführt haben. Gerade diese alten Armeemärsche sind auch heute noch immer die beliebtesten, der Finnländische Reitermarsch, der schon während des Dreißigjährigen Krieges entstanden sein soll, der Dessauer, der Torgauer, der Koburger Iosias, der Hohenfriedberger, den der königliche Flötenspieler von Sanssouci, Friedrich ll., selbst komponiert hat. Die meisten dieser Märsche zeigen denselben Aufbau, der auch für alle späteren Märsche gilt: nach ein paar einleitenden Takten folgen zwei Hauptteile, die jeder wiederholt werden; an diese schließt sich das sogenannte Trio, eine mehr gesangliche Marschmelodie.

In dieser Anlage verrät sich die Herkunft von der Volksliedstrophe mit Refrain (Stollen, Stollen, Abgesang) und die Verwandtschaft mit den alten Tänzen, die auch immer aus Haupttanz (genannt Dantz) und Nachtanz (genannt Hupfauf oder Proportz) bestanden.

Soldaten ziehen mit klingendem Spiel in das Feld

Solange es Kriege gibt, ziehen die Soldaten mit klingendem Spiel in das Feld. Aus grauer Vorzeit zeigen uns babylonische, assyrische, ägyptische Darstellungen marschierende und kämpfende Truppen, von Trompetenchören begleitet. Die römischen Legionen hatten große, sorgfältig ausgebildete Musikkapellen, die Marschmusik und militärische Signale zu blasen hatten.

Caesar und Tacitus erzählen von der anfeuernden Wirkung der römischen Militärmusik. Und Marcellinus beklagt sich, daß seine germanischen Elitetruppen hervorragende Krieger, aber schlechte Trompeter wären, da sie die
römischen Signale ständig verwechselten. Die Trompete ist das Kriegsinstrument aller Militärmusik, nur während des Mittelalters und zur Landsknechtszeit ist sie zeitweilig durch Trommeln und Pfeifen zurückgedrängt worden.

Die Dudelsäcke der Schotten

Heute (wir schreiben 1934) ist die Militärmusik in allen Ländern geradeso verschieden wie die Uniformen. Wer kennt nicht - aus Zeitschrift und Film, vom Rundfunk oder von Schallplatten her - die Dudelsäcke der Schotten, die quäkenden Oboen der bärenfellbemützten schottischen Garde, die auf dem Hinmarsch zum Buckingham-Palast ihre Hochlandweisen und altehrwürdige englische Märsche, auf dem Rückweg aber heitere Volks- und Tanzweisen spielen?

Die Franzosen

Geschwind wie die Lebensart der Franzosen ist das Tempo ihrer Militärmusik. Ihr Nationalmarsch, die Marseillaise, ist das klassische Beispiel für den "Sturmmarsch", die Schlachtenmusik der angreifenden Truppe.

Die Belgier

Bei der belgischen Militärmusik fallen uns besonders die Trompeterkorps der radfahrenden Truppenteile auf. Der Fremde wird in belgischen Städten oft durch ihre fröhlichen Weisen aus dem Schlaf geweckt, wenn sie im Morgengrauen in rasender Fahrt durch die Straßen radeln, mit der einen Hand die Lenkstange mit der andern die Trompete meisternd.

Die Österreicher

Für Österreichs Militärmusik ist der berühmte Radetzkymarsch von Johann Strauß-Vater Symbol und Paradestück zugleich.

Die Deutschen

Wie anders ist dagegen unsere deutsche Militärmusik! Anders als die liebenswürdigen Melodien der Österreicher, das hitzige Temperament der Franzosen und Belgier, der melancholische Humor der Engländer und Schotten: aus ihr spricht preußisch-soldatischer Geist. Dem wuchtigen Rhythmus der Melodie entspricht der kraftvolle Stechschritt, die straffe Disziplin der marschierenden Regimenter. Alte, ehrwürdige Tradition spiegelt sich in dem feierlichen Ernst der alten Präsentiermärsche, in der Gemessenheit und Wucht der langsamen Parademärsche.

Die Tambourkorps und die Jägerbataillone

Das Trommler- und Pfeiferkorps der Landsknechtzeit hat sich in der deutschen Militärmusik erhalten in den Spielleuten mit Trommeln und Pfeifen, die unter Führung des Tambourmajors der eigentlichen Musikkapelle unter der Führung des Musikmeisters voranmarschieren. Aus dem Marsch wechseln sich beide Musikchöre im Spielen ab, beim Parademarsch schwenken sie nebeneinander ein und spielen gleichzeitig. Dieses Tambourkorps gibt es bei den berittenen Truppenteilen nicht, deren Musikkapellen sich auch sonst von denen der Infanterie unterschieden: sie verwenden nur Blechblasinstrumente, während die Infanterie sehr viel Holzbläser braucht, Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagotte. Die Jägerbataillone haben gleichfalls nur Blechblasinstrumente, vor allem natürlich Hörner, da das Horn das typische Jagdinstrument ist. Die Musikzüge der SA, der SS und des Stahlhelm sind den preußischen Infanteriekapellen nachgebildet, haben also auch ein Tambourkorps aus Trommlern und Pfeifern. Die SA-Märsche verwenden in ihrem Trio die nationalsozialistischen Kampflieder, so das Horst-Wessel-Lied im Horst-Wessel-Marsch.  
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  • (Anmerkung : Aha, also daher weht der Wind.)

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"Unsere" deutschen Musikkapellen

Unsere Musikkapellen spielen nun keineswegs nur Märsche und Signale, also nur militärische Gebrauchsmusik. Sie verfügen über ein großes Repertoire an klassischer und moderner Orchestermusik, denn ihnen fällt die Aufgabe zu, auch außerhalb des Dienstes für die musikalische Unterhaltung ihres Truppenteils zu sorgen. Oft ist in kleineren Garnisonstädten die Militärkapelle das einzige ausgebildete Orchester. Die Musiker beherrschen meist neben dem Blas- auch noch ein Streichinstrument, so daß auch Sinfonieorchestermusik in Originalbesetzung gespielt werden kann. Aber auch die reine Bläserbesetzung, wie wir sie vom Marsch und vom Platzkonzert der Kapellen kennen, hat unsere Komponisten immer wieder wegen der reichen Klangfülle, wegen der strahlenden und schmetternden Helligkeit der hohen Trompeten und Kornette angeregt, für diese "Harmoniebesetzung" eigene Musik zu schreiben.

In der großen offiziellen Sammlung der preußischen Armeemärsche befinden sich Beiträge unserer größten Meister, darunter der berühmte Yorcksche Marsch Ludwig van Beethovens. Unsere Militärmärsche gehören zu der beliebtesten Musik. Als Schallplatten, Noten und im Rundfunk wetteifern sie mit der Tanzmusik um den ersten Platz.

Das ist ganz natürlich und kann gar nicht anders sein.

  • Anmerkung : Das ist jetzt leider vorsätzlich gewollter historischer Schwachsinn, denn meine Eltern und Großeltern zum Beispiel konnten den ganzen Militärzirkus nicht mehr ausstehen.


Tanz und Marsch sind beide bestimmt vom Rhythmus. Die anfeuernde Leichtigkeit, die vorwärtstreibende Wucht des Marschrhythmus reißen jeden mit, sogar den weniger Musikalischen, der von der Ausdruckskraft der Melodien nicht
gepackt wird. Die Symmetrie, die strenge Regelmäßigkeit und Einfachheit des musikalischen Aufbaus und die Einprägsamkeit der knappen Motive machen es auch dem musikalisch nichtvorgebildeten Hörer möglich, diese
Musik zu "verstehen". Und nur was man versteht, kann man lieben.

  • Anmerkung : Hier wir ganz gezielt der heroische Schulterschluß zur Tanzmusik "konstruiert", den es aber nicht gibt, denn zu Marschmusik konnte man noch nie tanzen.

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Die Tanzmusik

Man merkt es unsern Modetänzen heute kaum mehr an, daß sie auf Volkstänzen fußen. Mit Ausnahme vielleicht des Walzers, von dem wir ja wissen, daß er um 1800 aus dem österreichischen Volkstanz in den Wiener Gesellschaftstanz drang und von da allmählich sich die Zuneigung der ganzen Welt eroberte und schließlich der beliebteste Gesellschaftstanz wurde.

Der Walzer hatte es schwer

Aber welche Kämpfe hatte er zu bestehen, ehe er sich durchsetzte! Denn der Walzer war etwas ganz Neues, Unerhörtes, Revolutionäres. Bis dahin kannte man nur Gruppen- und Paartänze, bei denen sich die Paare bei den Händen hielten und höchstens für einige Figuren sich einmal umfaßten. Der Walzer ist der erste Tanz, in der ganzen Welt der erste Tanz, bei dem während der ganzen Dauer des Tanzes der Herr die Dame im Arm hält, die Körper der Tanzenden sich berühren. Gegen diesen Körperkontakt ist verständlicherweise anfangs Sturm gelaufen worden. Er mußte den besorgten Gemütern moralisch bedenklich erscheinen.

Dicke Wälzer hat man über die gesundheitlichen und moralischen Schädigungen des Walzers geschrieben. Von allen Kanzeln hat man gegen ihn gewettert, mit Verordnungen und Gesetzen hat man ihn bekämpft, Skandale, Enterbungen, Ehescheidungen hat es seinetwegen gegeben.

Und doch hat es nichts genützt, er hat sich durchgesetzt, weil er notwendig war. Die neue Zeit, eine individuelle Epoche, brauchte ihn, weil er die Menschen einander nahe brachte, und weil jedes Paar für sich tanzen konnte, nicht wie im Menuett in einem Ensemble und nach vorgeschriebenen Formeln.

DerSieg des freien Bürgers über die höfische Weltordnung

Der Sieg des Walzers über das Menuett ist der Sieg des freien Bürgers über die höfische Weltordnung, der Sieg des Volkhaften über das Gekünstelte, der Sieg des Individuums über die Gesellschaftskaste. Das Prinzip des Walzers, das freie Tanzen einfacher Schrittfiguren in beliebiger Folge, wurde nun auch auf andere Tänze angewandt. So entstand aus dem Schottischen, der Ecossaise, die Polka, zuerst in Böhmen um 1830. Der Name ist tschechisch (pulka = Halbschritt) und hat nichts mit dem polnischen Tanz ("alla pollacca" = Polonäse) zu tun, der ein ruhiger, feierlicher Schreittanz ist. Auch der Galopp ist ein freier Paartanz. Rheinländer und Tyrolienne stehen dagegen mehr dem alten Gesellschaftstanz mit festen Touren nahe, der in dem Kontertanz, der Francgaise oder Quadrille noch bis in unsere Tage fortbestand.

Über die Kunst des Tanzens

Die modernen Gesellschaftstänze knüpfen alle an die Walzertradition an. Jedes Paar tanzt für sich die Figuren des betreffenden Tanzes in beliebiger Auswah- und Folge. Vom Walzer unterscheiden sie sich durch den größeren Reichtum an Schritten und Figuren. Die Kunst des Tanzens besteht aber nicht in der Beherrschung möglichst vieler und schwieriger Touren, sondern in der geschmackvollen Verknüpfung dieser Figuren in genauester Anpassung an die Musik. Der Tanz wird dadurch aus einem geselligen Vergnügen zu einem künstlerischen Sport. Ja, wie in andern Sportarten auch, gibt es sogar Turniere und Meisterschaften im Gesellschaftstanz.

Tanzmusik sei musikalisch völlig wertlos ???

Nach dem Kriege setzte ein starker Aufschwung des Tanzes ein. Eine Fülle neuer Tänze entstand. Wie immer nach großen Kriegen, waren die Sitten verroht und erst allmählich trat eine Verfeinerung ein. Die Tanzbegeisterung brachte auch der Tanzmusik einen ungeahnten Aufschwung. Auch hier gab es aber mehr Masse als Qualität. Der "Schlager", der schon die Vorkriegsoperette beherrschte, bildete die Tanzmusik, wobei Text und Musik an Geschmacklosigkeit und Trivialität wetteiferten. Zum überwiegenden Teil war und ist die Tanzmusik musikalisch völlig wertlos. Originelle, melodiöse und nicht gar zu banale Melodien sind immer noch selten.

Der Jazz und die Entwicklung der Tanzorchester

Bedeutender war schon die Entwicklung der Tanzorchester. Das Jazzorchester, das 1924 aus Amerika zu uns kam, brachte nicht nur bisher ungewöhnliche Instrumente und rhythmische Bereicherung, sondern vor allem auch eine neue Art des Musizierens. Die klanglichen Möglichkeiten der neuen Instrumente (Saxophon, gestopfte Trompete, Banjo, Akkordeon, Gitarre) regten zu immer neuen Klangmischungen an. Das führte dazu, daß jeder Spieler mehrere Instrumente beherrschen mußte, um während des Spiels wechseln zu können. Damit wurde aus einem Tanzorchester schließlich sein Ensemble von Solisten. Die Melodie wandert von Instrument zu Instrument, jede Wiederholung wird anders besetzt. Da die Spieler zugleich auch meist Sänger sind, so bieten sich dadurch noch weitere Möglichkeiten der Klangmischung.

Die Kunst des Jazz ist also die Kunst der Abwechslung, der ständigen Veränderung der kurzen Schlagermelodie durch immer neue Klangwirkungen. Auch die Melodie selbst wird verändert, man liebt es, in der zweiten und dritten Wiederholung des Refrains kleine Variationen zu machen. Diese sind bei vielen, besonders amerikanischen, Kapellen frei improvisiert, bei andern werden sie schriftlich festgelegt. Alle besseren Jazzorchester spielen die Schlager in eigener Bearbeitung. Das musikalisch Reizvolle steckt bei der Jazzmusik also nicht in der dürftigen Schlagermelodie, sondern in der Kunst der Ausführung - in der Abwechslung des Klangkörpers, in der Virtuosität des Solospiels, in der Originalität der Bearbeitung.

Die drei Haupttypen des Tanzes

Alle unsere Modetänze lassen sich auf drei Haupttypen zurückführen: den Tanz im Dreivierteltakt, den Walzer - den geschwinden Marschtanz, den Fortrott, Onestep usw. - und den langsamen Schreittanz, den Tango.

Neben diesen dreien hat es immer Modetänze gegeben, die sich über eine oder zwei Saisons hielten. Sie waren meistens, vor allem musikalisch, nur Abarten der drei Haupttypen, die sich über alle Modewechsel hinweg gehalten haben.

Der Tango

Der Gesellschaftstanz Tango ist nicht spanischer, sondern südamerikanischer Abstammung. Der spanische Tango oder Jota ist etwas ganz anderes. Die Paare stehen sich gegenüber und tanzen, jedes auf seinem Platz, Kastagnetten
in den Händen, mit schönen Armbewegungen, mit vielem Stampfen und Hackenklappen. Die Melodie, die von den Umstehenden gesungen wird - meist mit Gitarrenbegleitung - ist dreivierteltaktig und sehr schnell. Der spanische Tango geht also eigentlich im Walzertakt!

Unser Tango stammt von der Habanera, einem westindischen Volkstanz, ursprünglich von den schwarzen Farmarbeitern erfunden. Er wurde zunächst ziemlich wild und ausschweifend getanzt. Nach Argentinien kam er schon in einer verfeinerten Form als Gesellschaftstanz der weißen Bevölkerung. Von Argentinien wurde er 1911 nach Europa importiert, aber hier zunächst nur von Einzelpaaren als Solotanz getanzt.
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Der Tango in Deutschland ab 1923

Man tanzte ihn mit schrecklichen Verrenkungen, und es gab entrüstete Proteste und manchen Gesellschaftsskandal. In Deutschland wurde er als Gesellschaftstanz eigentlich erst um 1923 heimisch. Argentinische Tangokapellen, die damals in Europa gastierten, machten ihn beliebt. Inzwischen hatte er seine ursprüngliche Wildheit ganz verloren, und so, wie wir ihn heute tanzen, ist er ein ruhiger, vornehmer Tanz, ein adliger Tanz, der wie kein anderer edle und große Bewegungen und vornehme Haltung und Linie erlaubt.

Die wilden, aufpeitschenden Rhythmen des noch ziemlich schnellen "Tango argentno" wurden zu der weichen fließenden Bewegung des Tango milango gemäßigt, wie man den europäischen Gesellschaftstanz von 1921 nannte. Später wurde der Rhythmus immer mehr vereinfacht, das Tempo wieder etwas beschleunigt zu einem ehernen, langsamen Marschrhythmus (????). Gerade bei uns in Deutschland ist der Tango in Melodie, Rhythmus und Bewegung so stark nationalisiert, daß er fast ein moderner Nationaltanz genannt werden könnte. Das Ausland tanzt viel weniger Tango.

Der Fortrott

Der Fortrott wetteifert mit dem Walzer an Beliebtheit. Wir tanzen ihn heute in zwei Abarten, als schnellen (Quick-) und als langsamen (Slow-) Fox. Cakewalk, Onestep, Twostep, Shimmy, Blues, Charleston, Black-Bottom, Paso doble, Rumba waren Vorläufer oder Abarten, im Prinzip aber alle verwandt: mehr oder weniger schnelle Marschtänze. Der Fortrott selbst betrat zuerst in USA im Jahre 1911 das Parkett. Er war die Sensation dieses und der nächsten Jahre. Nach dem Walzer ist kein Tanz so bekämpft worden wie er. In den ersten Nachkriegsjahren hingen noch in allen bürgerlichen Tanzstätten Plakate "Schiebertanzen verboten !". Er hat sich sehr verändert, ehe er sich durchsetzte. Anfangs hüpften die Tänzer wie die Lämmer. Dann gab es wilde Verrenkungen, aber schon in geschlossener Tanzhaltung.

Endlich Wurde er "geschlichen". Die anfangs sehr komplizierten Figuren wurden immer mehr vereinfacht. Heute kommt man mit wenigen einfachen Schritten aus. Die Herkunft des Foxtrott ist dunkel. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß er zuerst von Negern getanzt wurde. Die Rhythmik, vor allem der älteren Foxtrotts und ihrer Vorläufer, ist keine Negerrhythmik. Denn die ist so kompliziert, daß kein Europäer danach tanzen könnte. Die Melodien wie die Rhythmen dieser frühen amerikanischen Fortrotts sind angloamerikanisch, es sind die schottischer Volksweisen mit den typisch schottischen Synkopen.

Der Walzer

Der Wiener Walzer war der Tanz des 19. Jahrhunderts bis zum Kriegsende. Dann trat der Foxctrott zeitweilig an seine Stelle. Aber der Walzer verschwand nicht, er blieb. Als Wiener Walzer und in zwei modernen Abarten, dem amerikanischen Boston und dem Englischen Waltz, einer Vereinfachung des Boston, der den nüchternen Engländern zu kompliziert und vor allem zu ekstatisch war. Der Boston entstand in Amerika 1911, kam aber erst nach dem Kriege nach Deutschland. Man tanzte ihn anfangs sehr virtuos, mit schwebenden, wiegenden Figuren, mit Dehnungen und verzücktem Verweilen, dann wieder mit raschen Laufschritten forteilend. Er war so recht Ausdruck seiner Zeit, des Expressionismus, letzten Aufflackerns der Romantik.

Wie alle Modetänze der Nachkriegszeit wurde er mehr und mehr gemäßigt. Nach und nach verschwanden alle komplizierten Figuren, die schleppenden Schritte über ganze Takte, die Bewegung gegen den Rhythmus, das Stehenbleiben, das langsame Schleifen und Sichwiegen. Der neue Langsame Walzer, aus England bezogen, ist eher dem Wiener Walzer als dem alten Boston ähnlich. Er ist schneller im Tempo, ruhiger in der Linie, gleichmäßig in der Bewegung, sparsam in den Figuren, ganz unkompliziert, sportlich.

Die Musik des modernen Walzers ist wie die des Tangos oder Foxtrotts ein Schlager, d. h. ein Refrainlied. Der Wiener Walzer hat eine andere musikalische Form. Er ist nicht Tanzlied, sondern ein Stück reiner Instrumentalmusik. Der klassische Walzer, wie ihn Lanner, Strauß Vater und Sohn, Waldteufel, Millöcker u. a. schufen, vereinigt viele Walzermelodien zu einem Tanz. Der klassische Walzer beginnt mit einer - nicht getanzten - Einleitung, der dann sechs bis acht verschiedene, potpourriartig zusammengefaßte Walzersätze folgen, die selbst meist wieder aus zwei Melodien bestehen. Die abschließende Eoda, bei der alle Hauptmelodien noch einmal vorüberziehen, wird wie die Einleitung beim Tanz weggelassen. Der Walzer ist also eine lange Folge immer neuer Einfälle und Motive, ein ganzer Melodienstrauß. Dieser Reichtum an Melodien ist sicher einer der Gründe für die Unsterblichkeit des Walzers.

Bitte beachten Sie, das ist ein Büchlein aus 1934

Bestimmte heroische und deutschnationale Ansichten und die propagandistischen Einschätzungen sind dem damaligenn Zeitgeist geschuldet. Sie sollten darüber lächeln, wir wissen es heute besser. Die Texte wurden im Jan. 2015 eingefügt.

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