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Musik für Dich, ein Büchlein von Dr. Fritz Bose

1934 war die Machtergreifung der Nationalsozialisten gerade mal 1 Jahr her und die deutsche Kultur wurde "neu ausgerichtet". Volk, Vaterland und die (etwas verfälschte) deutsche Geschichte wurde nun heroisiert und propagandistisch herausgehoben.

Dennoch stehen in diesem Büchlein eine Menge verständlicher neutraler Informationen über die Musik, die Arten und die Instrumente - und so schön aufgelistet, daß ich sie Ihnen ans Herz legen möchte. Schnuppern sie mal und wenn es ab und zu politisch komisch angehaucht scheint, lächeln Sie und überlesen Sie die "Zeitgeist Sprüche" - es ist hier noch 1934 und wir wissen es doch inzwischen besser. Überarbeitet im Januar 2015.

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Musik im Hintergrund (Unterhaltungsmusik)

Wir unterscheiden neben der Kunst- und der Volksmusik noch eine besondere Gattung "Unterhaltungsmusik". Damit bezeichnen wir eine Musik, die ausschließlich der Unterhaltung dient, die keine Volksmusik ist, aber auch nicht eigentlich Kunstmusik, weil ihr zur Kunst die Voraussetzungslosigkeit fehlt. Sie hat immer den Zweck im Auge und ist nur insoweit kunstgemäß, als es ihr Zweck - zu unterhalten - zuläßt. Womit nicht gesagt ist, daß die Kunstmusik etwa weniger unterhaltend wäre, aber sie ist nicht in erster Linie oder gar ausschließlich darauf bedacht.

Die Musik als Ware

Betrachten wir einmal die Musik als Ware und uns, das Publikum, als die Verbraucher. Sofort wird uns klar, welchen Anteil die Unterhaltungsmusik am "Umsatz" der Musik hat: er überwiegt den Anteil der Kunstmusik und den der Volksmusik bei weitem! Schlagen wir eine Seite des Radioprogramms auf! Die Kunstmusik ist darin nur mit einer halben Stunde Abendprogramm und allenfalls noch einer Nachmittagssendung Lied- oder Klaviermusik, vertreten. Der Anteil der Volksmusik ist kaum größer.

Der ganze übrige Rest ist Unterhaltungsmusik - Vormittagskonzert, Schallplatten, Werbevortrag, Mittagskonzert, musikalische Nachmittags- und Abendunterhaltung, Tanzmusik. Uberlegen wir einmal, wie groß die Zahl der "Volksgenossen" (Anmerkung : es ist 1934) ist, die heute abend in irgendeiner Form Musik hören werden, und wie gering davon der Anteil derjenigen, die sie im Konzertsaal oder Theater genießen werden.

Diese konsumieren Kunstmusik, die anderen aber - die große Masse, die im Kaffeehaus, im Gartenlokal, in der Schankstube, in der Bar oder im Ballhaus einer Musikkapelle lauscht, die zu Hause oder im Gasthaus oder im Kino sich vom Lautsprecher unterhalten läßt, die vielleicht auch selbst am Klavier sich musikalisch ergötzt - sie alle konsumieren Unterhaltungsmusik.

Künstlerische Musik = Kunstmusik ? Immer ?

Damit ist der ganz überragende Anteil der Unterhaltungsmusik und der verschwindend geringe der reinen Kunstmusik an unserem Musikleben statistisch erwiesen. Und doch meint man immer die Kunstmusik, wenn man von Musik schreibt oder spricht. Uber die Unterhaltungsmusik spricht und schreibt man nicht, sie wird gar nicht beachtet, als eristiere sie gar nicht. Und das ist ganz in der Ordnung. Sie will auch gar nicht, daß man von ihr spricht. Es ist ja ihre Bestimmung, nicht aufzufallen, im Hintergrund zu bleiben.

Die Musik macht die Kaffeehaus-Stimmung . . .

Im Kaffeehaus will sie nichts als Stimmung geben, farbiger, froher akustischer Hintergrund sein, auf dem sich unsere Gespräch abspielen kann. Warum gehen wir denn in ein Cafe? Wenn wir allein sind, um uns zu zerstreuen, um ein wenig Musik zu hören, Menschen zu sehen, evtl. noch in Zeitschriften zu blättern. Dazu brauchen wir Musik, die nichts ist als Unterhaltung.

Leichteste, unverbindliche Konversation; nichts, was nachdenklich stimmt, was zum Mitgehen zwingt, was als starkes Erlebnis in das Gefüge unserer Seele eingreift. Denn dann könnten wir nicht dabei lesen oder Umschau nach interessanten Gesichtern halten und dem Rauch unserer Zigarette nachträumen. Und wenn wir nicht allein sind? Was wir uns zu erzählen haben, könnten wir auch ebensogut zu Hause sagen.

Aber wir gehen ins Cafe, weil wir uns dort mit denselben Worten über denselben Gegenstand weit besser unterhalten. Auf dem goldglänzenden, blumigen Hintergrund der Unterhaltungsmusik, eingetaucht in die leichtbeschwingte Stimmung dieser Klangwellen gewinnen unsere Worte größere Wärme und tiefere Bedeutung. Was im grauen Einerlei der täglichen Umgebung nüchterne Prosa ist, klingt hier wie Poesie, und banale Gemeinplätze gewinnen das Gewicht philosophischer Weisheiten.

Wie nötig die Musik als Stimmungsfaktor und als Geräuschkulisse im Kaffeehaus ist, wird sofort klar, wenn sie pausiert: die Stimmung reißt ab, die Mienen werden stumpf und müde, die Gespräche werden alltäglich und versanden.

Die Musik im Kino

Auch im Kino darf die Musik nicht in den Vordergrund treten. Die Tonfilm- Begleitmusik ist um so besser, je weniger man sie bemerkt. Sie soll nur untermalen, die Stimmung der Bilder und Geschehnisse auch musikalisch zum Ausdruck bringen. Sie darf nicht hervortreten, darf weder durch starke Affekte noch durch besondere Kunst unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, weil sie uns dann von dem Wesentlichen des Kinos, dem bildhaften Geschehen und dem gesprochenen Wort ablenken würde. Die Musik ist notwendig nicht nur als Stimmungsfaktor, nein, auch als Geräuschkulisse, um die störenden Geräusche der Außenwelt, des Vorführraums und der Nachbarn zu verdecken.

Die Musik im Rundfunk

Ganz ähnlich sind die Funktionen der Unterhaltungsmusik im Rundfunk. Auch sie will nicht mehr sein als Stimmungshintergrund für die Arbeit der Hausfrau am Vormittag, für das gemütliche Beieinander der Familie am Abend, Ablenkung und Gntspannung, Anregung und Aufheiterung nach den Lasten und Sorgen des Tages. Die Tanzmusik macht davon nur insoweit eine Ausnahme, als sie noch stärker zweckbestimmt ist, indem sie sich ganz der Aufgabe unterordnet, Körperbewegung musikalisch treffend zu untermalen. Ihr unterhaltender und stimmungsschaffender Charakter ergibt sich mehr beiläufig. Doch soll davon in einem besonderen Kapitel die Rede sein.

Fast keiner Bücher über die Unterhaltungsmusik (1934 !)

Daß es über die Unterhaltungsmusik keine Bücher gibt, hat seinen Grund vor allem darin, daß sie es nicht nötig hat, erklärt zu werden. Die Kunstmusik wendet sich nicht nur an unser Gefühl, sondern auch an unseren Verstand, und muß deshalb - wie alle Verstandesdinge - gelernt und gelehrt, begriffen und erklärt werden. Die volle Schönheit einer Beethoven-Sinfonie kann nur der erfassen, der wenigstens eine ungefähre Kenntnis der sinfonischen Form und Technik hat.

Die Wirkung der Unterhaltungsmusik

Anders aber bei der Unterhaltungsmusik. Sie ist für jeden verständlich. Ihre Wirkung liegt weniger im Formalen als im Klanglichen, Gefühlsmäßigen. Sie wendet sich kaum an unseren Verstand. Wir hören ja meist gar nicht hin. Und doch stehen wir ganz unter der Wirkung, die sie auf unser Gefühl ausübt, indem sie, ohne unserem Verstand allzusehr ins Bewußtsein zu dringen, ihre Stimmung auf uns überträgt.

Diese Wirkung ist so elementar und vollzieht sich in so tiefen Schichten unserer Seele, daß sie auch der "Unmusikalische" spürt. Hier gibt es nichts, was nicht auch der gefühlsmäßig empfände, dem es an musikalischer Bildung mangelt - und das ist die Mehrzahl der sogenannten Unmusikalischen. Es erübrigt sich deshalb jeder Erklärungsversuch, jede Anleitung des Ohres, jede Schulung des musikalischen Sinnes. Wer so weit musikempfänglich ist, daß er Melodien voneinander unterscheiden kann, wird alles empfangen, was die Unterhaltungsmusik zu geben beabsichtigt: Stimmung und Klangreiz.

Stimmung und Klangreize

Der Musikalische wird darüber hinaus auch an den formalen Reizen der Unterhaltungsmusik hin und wieder Gefallen finden. Er wird die ungeheure Mannigfaltigkeit der Formen bewundern, er wird sich an der technischen Qualität der Ausführung erfreuen und die Geschicklichkeit der Bearbeitung würdigen. Denn die meiste Unterhaltungsmusik ist bearbeitet. Das oberste Gesetz der Kunstmusik, alle Werke möglichst in der Gestalt zur Aufführung zu bringen, wie sie der Komponist gewollt hat, gilt nicht für die Unterhaltungsmusik. Hier kommt es allein darauf an, den Zweck der Unterhaltung mit den gegebenen Mitteln zu erreichen.

Die Mittel bestimmen die Ausführung.

Wo nur ein Geiger und ein Klavierspieler vorhanden sind, beschränken sie sich nicht auf die Originalliteratur für Violine und Klavier, also auf die wenigen Violinsonaten, die außerdem als Unterhaltungsmusik nicht einmal geeignet sind. Alle Stücke, die für die Unterhaltungsmusik in Frage kommen, gibt es in Bearbeitungen für Salonorchester, die so gehalten sind, daß sie in jeder beliebigen Besetzung von Violine und Klavier an aufwärts ausführbar sind.

Diese Bearbeitungen umfassen den gesamten Bereich der Musik. Ein großer Teil entstammt der reinen Kunstmusik, besonders der Opernmusik, ja sogar auch der Kirchenmusik. Wir haben Volksliederbearbeitungen für Salonorchester, aber auch Chormusik und Klavierwerke gibt es für Salonorchester bearbeitet - wie Franz Liszts "Ungarische Rhapsodie Nr. 2", die man ebensooft als Orchesterwerk wie als Klavierstück hört. Umgekehrt hört man auch wieder einzelne Sätze aus Sinfonien (meistens die lyrischen Mittelsätze Adagio und Menuett) von einer Zweimannkapelle gespielt. Doch kommt es darauf gar nicht an - die Musik ist hier Gebrauchsgut, Konsumartikel und nicht mit den Maßstäben der Kunstmusik zu messen.

Von der Ouvertüre abgeleitet

Beliebtes Objekt der Unterhaltungsmusik ist die Ouvertüre. Und mit Recht, denn sie ist, besonders in der alten Oper, durchaus unterhaltenden Charakters. Sie will in die Stimmung der Oper einführen, die nötige Aufnahmebereitschaft schaffen, den Kontakt zur Bühne herstellen. Dabei ist sie selbständig und von der Oper ohne weiteres zu trennen, ein abgeschlossenes kleines Orchesterwerk von der richtigen Länge für ein Unterhaltungsmusikstück. Oft sind die Opern dazu schon längst vergessen, vermottet und verstaubt und nur die flotten Ouvertüren haben sich noch in der Unterhaltungsmusik gehalten: "Diebische Elster", »Felsenmühle", "Weiße Dame", "Stumme von Portici", "Dichter und Bauer", "Nachtlager von Granada", "Zampa".

Aber der Bereich der Kunstmusik, der der Unterhaltungsmusik dienstbar gemacht werden kann, ist nicht groß. Und so gibt es eine Reihe von Formen, die ausschließlich der Unterhaltungsmusik angehören. Da ist vor allem das "Charakterstück", ein Werk für Salonorchester, das einen bestimmten Inhalt wiedergibt, einen "Charakter" hat, das nicht absolute Musik ist, sondern etwas "bedeutet". Zum Beispiel "Der Rote Hochzeitszug", "Heinzelmännchens Wachtparade", "Auf einem persischen Markt", "Chinesische Straßenserenade", "Die Schmiede im Walde", "Japanischer Laternentanz", um nur einige der bekanntesten Stücke dieser Art zu nennen.

Ihre Zahl ist Legion. Der Form nach sind sie Märsche, Tänze oder Lieder. Zuweilen heißen sie "Intermezzo", ohne eigentlich Zwischenspiel einer Oper zu sein. Alle diese Charakterstücke haben kurze, mehrfach wiederholte Melodien von größter, schlagerartiger Einprägsamkeit - oft fehlt ihnen zum "Schlager" nur der Text.
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Das Kennzeichen ist die einprägsame Melodik

Einprägsame Melodik ist das Kennzeichen eigentlich aller Unterhaltungsmusik, deshalb nimmt sie auch gern beliebte und bekannte Melodien aus der Kunst- und Volksmusik und bearbeitet sie zu kleinen Orchestersätzen. Das kann in einer einfachen "Paraphrase" geschehen, d. h. in einer "Umspielung", einer gefällig frisierten, etwas verzierten und schön instrumentierten Wiedergabe der Originalmelodie durch das Salonorchester, meist mit wirkungsvollen Soli für Trompete oder Cello oder Klarinette, mit einem kleinen, vom Bearbeiter frei erfundenen Vor- und Nachspiel. Es kann auch in Form einer "Fantasie" geschehen, d. h. einer freien Komposition unter Verwendung der Melodie als Hauptthema. In der Regel erstreckt sich eine solche Fantasie aber auf mehrere Themen, man legt z. B. die Melodien einer Oper zugrunde, die, in freier Verknüpfung nacheinander erklingend, zu einem neuen, selbständigen Musikstück verwoben werden.

Das Potpourri

Im "Potpourri" endlich werden die Melodien lose aneinandergereiht, so wie sie im Original gegeben sind: Schlagerpotpourri, Studentenliederpotpourri, Opernpotpourri, Potpourris aus den Werken eines Komponisten (Johann-Strauß-Potpourri) und endlich ganz bunte Zusammenstellungen aus allen Gebieten der Musik, die schönsten Melodien zu bunten Sträußen vereinigt. Melodie reiht sich an Melodie, wie Perlen an einer Schnur, wie Bilder in einem Album. Das Potpourri ist die bequemste Art der musikalischen Unterhaltung, die ideale Form der Unterhaltungsmusik.

Bitte beachten Sie, das ist ein Büchlein aus 1934

Bestimmte heroische und deutschnationale Ansichten und die propagandistischen Einschätzungen sind dem damaligenn Zeitgeist geschuldet. Sie sollten darüber lächeln, wir wissen es heute besser. Die Texte wurden im Jan. 2015 eingefügt.

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