Mein Einstieg in die "moderne" Hifi-Technik
Mein Name ist Gert Redlich und ich bin ein Baujahr Juni-1949. Auf diesen Seiten möchte ich etwas von unserem Erleben der highfidelen Musikwiedergabe aufschreiben und für die Generationen aufheben, die es so turbulent nicht erlebt haben.
In den anderen virtuellen Museen gibt es bereits zwei Autorenseiten von mir (magnetbandmuseum.info und fernsehmuseum.info), die aber auf meine Hifi Begeisterung nur bedingt Bezug nehmen. Darum hier etwas mehr über die High-Fidelity.
So richtig los ging es 1969 in Frankfurt.
Ich bin (etwas zu früh) aus dem Gymansium "verabschiedet" worden (andere sagen rausgeflogen) und brauchte für die Ingenieurschule ein zweijähriges Industrie-Praktikum. Das "durfte" ich in Frankfurt bei der Bundespost / Fernmeldetechnik absolvieren.
Nachträglich bewertet, es war absolut hervorragend, allen Unkenrufen über die Post zum Trotz. (Wer nichts ist und wer nichts kann, der geht zu Post und Bundesbahn.) - Das also stimmte überhaupt nicht. Es war eine fachlich höchstqualifizierte Ausbildung. Unser Ausbildungsleiter war ein Herr Pfaff.- - -
Mit meiner neuen Bundesbahn Monatskarte fuhr ich gleich zu Anfang meiner Ausbildung ab und zu auch Samstags nach Frankfurt zum neugierigen Geschäfte- und Kaufhausbummeln, was es da denn mehr gab als in Wiesbaden. Es gab wirklich viel mehr. Es gab Radio Diehl und Main-Radio und Raum-Ton-Kunst in der Sandhof-Passage und das Phonohaus an der Hauptwache.
Und ganz am Ende der Zeil gab es "das Bieberhaus".
Das Bieberhaus in Frankfurt 1969
Das Bieberhaus hatte wie die anderen Hifi-Geschäfte auch ein richtiges Hifi-Studio. Eigentlich hatte ich nur eine Frage nach dem lowcost Preis für den Lenco L75 (also ohne System), die mir niemand beantworten konnte, weil just zu dem Moment (Mittagszeit) keiner da war. Zufällig inspizierte der Finanz-Chef die obere Etage und fragte mich nach meinen Wünschen. Auf meinen kecken Spruch, wo "die" denn alle seien und warum über 15 Minuten niemand da sei, sagte er ebenso keck, dann fangen "Sie" doch einfach bei uns an.
Gesagt, getan, ich bekam eine Aushilfsstelle immer Samstags von 9.oo bis 14.oo Uhr. Das war toll. Zuerst betreute ich die Bandgeräteabteilung vor der Glastür zum Hifi-Himmel. Dort drinnen (im Land der Träume) werkelte ein Josef Wetz, ein Bayer mit deutlichem Akzent. Und er hatte damals tolle Sachen dort stehen.
Nachdem ich immer öfter Kunden dort hineingelotst hatte und sogar etwas verkaufen geholfen hatte, wurde ich nach etwa 3 Monaten dorthin als Samtags-Aushilfe "delegiert". Und so verdiente ich mir meine HECO B230/8 und meinen Lenco L75 mit Shure M44 und noch einiges mehr und trug immer alles "stolz wie Leo" bis zum Frankfurter Hauptbahnhof, die ganzen 1,5 Kilomenter die Zeil entlang. Ich hatte mir alle meine Geräte redlich erarbeitet.
Ein Blick in das Bieberhaus Hifi-Studio von 1971
Hinten an der Wand standen sie, die Träume der Hifi-Jünger. Unten standen die QUAD Elektrostaten mit dem QUAD 33 und dem QUAD FM, dazu links und rechts die Goodmans Magnum K, links und rechts versteckt in der Ecke standen die Ladenhüter von Thorens. Oben drüber standen diverse Wharfdale Boxen sowie einige von Heco und Isophon und auch 2 von Scott waren dabei.
Die schwarzen Kugelboxen rechts und links unten auf dem Fußboden könnten 1969 schon die von Nivico von den Japanern gewesen sein. Grundigs Audiorama Kugel-Boxen so etwa ab 1973 waren später in den Hifi-Studios verpönt.
Rechts auf dem Regal sieht man über den Kopfhörern (hochkant stehend) den Goodmans Tuner und den Verstärker sowie den Lenco L75 und den Thorens TD124. Oben ganz rechts steht einer der ersten japanischen Hifi-(Röhren-) Verstärker von Pioneer. Was das UHER Mischpult dort in der Mitte gesucht hat, ist mir schleierhaft.
Links im Regal standen oben die hochwertigen Receiver von McIntosch und Scott und auch dort schon der eine oder andere Japaner. Unten links erkennt man das Uher Royal, nach wie vor eine Referenz. Die Revox A77 bekam das Bieberhaus damals nur wiederwillig, weil es immer mit besonders billigen Preisen geworben hatte. Die Umschaltanlage in der Mitte wurde erst nach meinem "Ausscheiden" installiert.
Mein Bierberhaus Ende
Nach deutlich über eineinhalb Jahren kam ganz plötzlich kurz vor Toresschluß um 13.30 mein oberster Ausbilder (mit Frau und Kindern) in das sehr große Obergeschoß im Bieberhaus und sah mich dort im Verkäuferkittel hinter dem Tresen. Ganz kurz und bündig eröffnete er mir die Alternative, hier als Verkäufer zu bleiben oder im Fernmeldeamt (bei der Post) meine Ausbildung zu vollenden. Meine Ausbildung war mir dann doch wichtiger. So ging die sehr interessante Zeit sehr abrupt zuende.
Doch der Virus war eingedrungen, ich war infiziert und zwar unheilbar bis heute in 2011.
Was kostete Hifi um 1971 ?
War es erschwinglich oder war es viel zu teuer ? Rechts sehen Sie ein paar der Hifi-Weihnachtsangebote vom Bierberhaus. Das war schon sehr eng kalkuliert, um Appetit zu machen. Der Wettbewerb hatte da schon geschluckt und versuchte das irgendwie zu torpedieren. Doch das Bieberhaus war nun mal das größte Kaufhaus dieser Art in Rhein Main.
Es gab da noch Saturn Hansa in Köln, doch das war zu weit weg. Die dritte Anlage mit dem Marantz Modell 26, den zwei Heco P2000 und dem Thorens TD150 MKII für nur 2200.- DM, das war damals preislich sehr sehr gut. Auch die Anlage oben drüber mit dem Pioneer SX770 war ein kleiner Traum.
Bieberhaus - woher der Name ?
Das Bierberhaus hatte bereits 1961 in Offenbach als Kaufhaus angefangen und zwar in der "Bieberer Straße", eine der damaligen Offenbacher Einkaufsstrassen. Daher kam der Name. Dann kam die Expansion aus dem kleinen Offenbach ins benachbarte große Frankfurt und der Erfolgsweg war begonnen und nach ein paar Jahren auch gelungen. Obwohl es am hintersten Ende der Zeil ganz weit weg von Hauptbahnhof und Hauptwache gelegen war, es war ein absoluter Magnet, ein Hifi-Muß. Die Werbung und Aufmachung war sicher ein Vorbild für die heutigen Elektromärkte.
Nach dem Aufstieg kam der Niedergang
Nach 1972 wollten die Eigentümer unbedingt auch das Mainzer Hinterland "erschließen" und eröffneten in Mainz das dritte Bieberhaus, und fast so groß wie in Frankfurt. Doch die Rechnung ging nicht auf. "Diese" Kundschaft war "völlig anders" und eben vom tiefsten Land. Da haben nämlich die Westerwälder und die Alzeyer und die aus dem Hunsrück etwas gemeinsam. ("Wen" der (Wein-) Bauer nicht kennt, bei dem kauft er nicht.) Mit den hohen Inventarkosten (Kapitalbindung), der hohen Miete in einer Bestlage und den Personalkosten kamen sehr schnell recht deutliche Verluste und die mochten die Frankfurter Banken nicht mehr mittragen. Das Bieberhaus ging im März 1976 mit allen drei Häusern in Konkurs, lange bevor die Blödmärkte so richtig aufkamen.







