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Karl Breh über die Wirtschaftichkeit von Schallplatten

überarbeitet von Gert Redlich im Feb. 2015 - Es geistern immer wieder massenweise Legenden und Mythen durch die Hifi-Welt, wenn es um die immensen Gewinne der großen Plattenfirmen ging und geht. Teilweise stimmt es ja sogar, siehe James Last und H.v.Karajan. Von den teuren Flops wie der Quadro Phase von 1972 bis 1978 und von den sonstigen Verlusten redet niemand gerne, die werden verschwiegen, doch auch dafür gibt es Gründe. Vor allem kleinere Labels mit innovativen Produkten wie den Direktschnitt Platten oder speziellen Quadroaufnahmen rudern sehr sehr oft an der Grenze des Überlebens. Ein solch kleines Nischen-Label im Jazz-Bereich war zum Beispiel der SABA Ableger von Hans Georg Brunner-Schwer, die Firma MPS = Musikproduktion Schwarzwald. Dort mußte alles vom Fensten sein, vor allem die Technik.

Aber lesen wir mal, was Chefredakteur Dipl. Phys. Karl Breh im Februar 1971 über das Repertoire von Billigplatten herausgefunden hatte :

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SCHALLPLATTEN-REPERTOIRE UND BILLIGPLATTEN

Der Wandel - ist er zwangsläufig ?

Schon bald nach dem Tode von Ferenc Fricsay im Februar 1963 verschwand der größte Teil seiner zahlreichen Schallplattenaufnahmen aus dem Katalog der DGG, deren Stardirigent er gewesen war. Sie wurden kurzerhand gestrichen, um Platz für Neueinspielungen mit einem Dirigenten zu schaffen, dessen Virtuosität im Umgang mit werbewirksamen Massenmedien erfreuliche wirtschaftliche Perspektiven eröffnete: Herbert von Karajan.

Als erste Herbstsubskription brachte die DGG schon 1963 Beethovens Symphonien mit den Berliner Philharmonikern unter Herbert von Karajan heraus. Auf dem Kassetten-Titel prangte großformatig des Dirigenten farbiges Konterfei. Der Nachname des Komponisten erschien weiß, im gleichen Schriftgrad, der auch dem Orchester zugestanden wurde, während der volle Name des Dirigenten, doppelt so groß und rot, der Auffälligkeit wegen links und rechts über das Titelfoto hinausragte.

Diese Praxis, derentwegen die DGG zu schelten völlig unangebracht wäre, ist nur der auch von allen anderen Schallplattenproduzenten gepflegte Ausdruck der Tatsache, daß die Aufrechterhaltung eines die Kapazitäten auslastenden Produktionsrhythmus einzig dank der erfolgten Emanzipation des Interpreten möglich ist. Jeder Dirigent von Weltrang hat Anspruch darauf, den Kernbestand symphonischer Musik für die Schallplatte neu zu interpretieren.

Mit Ruhm Geld verdienen

Die Schallplattenfirma, die sich glücklich schätzt, einen Stardirigenten unter Exklusivvertrag zu haben, kann diesbezügliche Wünsche kaum ablehnen. Strahlt der Ruhm des betreffenden Pultidols nur hell genug, wozu sie nun wiederum ihren Teil beisteuern kann, denkt sie auch gar nicht daran, seine eventuellen Wünsche abzulehnen, denn der wirtschaftliche Erfolg wird sich mit größter Sicherheit einstellen. Um lästige Konkurrenz zumindest im eigenen Hause loszuwerden, fallen ältere Fassungen zunächst einmal dem Rotstift zum Opfer.

Billigserien der Electrola: C 045 „Gloria", C 047 „Emidisc" und „Erato", C 053 „Klassik Diskothek", von Vox Turnabout, meist mit Neuveröffentlichungen und von Bärenreiter Musicaphon „rote Serie" mit Wiederveröffentlichungen von Stereoaufnahmen oder stereofonisierten Mono-aufnahmen. Die Stereofonisierung wird von der Teldec nach deren Verfahren durchgeführt.

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Und die Orchester ?

Ähnliches gilt für Instrumental- und Gesangssolisten, und in gemilderter Form, weil wirtschaftlich nicht gleichermaßen brisant, für Kammermusikvereinigungen.

Auch die führenden Orchester der Welt haben Repertoireansprüche anzumelden, die sie dann meist in geschicktem Junktim mit einem Dirigenten durchzusetzen wissen. So betrachtet wird jeder Dirigent, jeder Interpret, der für seine Plattenfirma das ihm Erreichbare (Monitäre) eingespielt hat, mit jedem Jubiläum zu einer stärkeren "Belastung".

Und die Dirigenten ?

Sollen auch noch andere Dirigenten zum Zuge kommen, muß sich der Schallplattenproduzent entschließen, einige Aufnahmen des Pult-"Methusalem" aus dem Katalog zu streichen und diesen mit Aufnahmen zu beschäftigen, von denen man zu Recht oder Unrecht, jedenfalls werbewirksam, sagen kann, daß sie als Vermächtnis zu betrachten seien.

Aber auch rüstige Sechziger, sofern sie nur jung genug schon die obersten Sprossen der Ruhmesleiter eroberten, können sogar sehr potente Schallplattenproduzenten in Bedrängnis bringen. Der Pultstar hat schon alles eingespielt, was ihm liegt, und schon viel zu viel von dem, wovon "nur er allein" überzeugt ist, daß es ihm liege.

Was also soll er für dieses Haus noch produzieren, das auch verkauft werden kann und nicht allein dazu taugt, der Kritik zum Fraße hingeworfen zu werden. Schließlich beschäftigt man gerade als Schallplattenfirma von Rang noch einige andere Herren mit großen Namen, die auch ihre Rechte geltend machen.

Eine Verbindung unter Druck auflösen ?

Unter solchem Druck der Umstände kommt es dann gelegentlich zum erstaunlichen Vorgang der Lösung einer Exklusivbindung. Die Last der Größe kann von einer Firma allein nicht mehr getragen werden. Da muß schon die Konkurrenz einen Teil abnehmen. Und diese tut es gern und freiwillig, weil die Medaille eben zwei Seiten hat und jeder denkt, er könne sich um die Kehrseite drücken.

Das sind Mechanismen, die sich weder besonders menschenfreundlich anhören, noch den Eindruck erwecken, sie würden aus schierem Verantwortungsbewußtsein der Kunst gegenüber gesteuert. Der Kunst mögen der Künstler und der zuständige Produzent sich verpflichtet fühlen. Die Schallplattenfirma als ganzes fühlt sich als freies Unternehmen in einer freien Marktwirtschaft der Bilanz verpflichtet. Täte sie's nicht, würde sie bald aufhören zu existieren.

Das Problem, unvermeidliches Gewinnstreben und wünschenswertes künstlerisches Verantwortungsbewußtsein unter einen Hut zu bringen, mag von Fall zu Fall mehr zu Gunsten des einen oder anderen gelöst werden, stellen wird es sich so lange, wie Kunst nicht in die völlige Abhängigkeit staatlicher Subvention geraten soll. Das Gebahren der Schallplattenindustrie ist so pluralistisch wie die Gesellschaft, in und von der sie lebt. Dabei werden Auswüchse nicht zu vermeiden sein. Solche anzuprangern ist Aufgabe der Kritik, und die Kritik zu ertragen, ist Pflicht der Produzierenden.

Wie es der Konsument - der Käufer - sieht :

Für den Konsumenten ist die Tatsache, daß sich auch das Geschehen innerhalb der Schallplattenindustrie nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage richtet, so nachteilig nicht. Denn was gestern unter dem Druck wachsender Repertoiresättigung aus den Katalogen gestrichen wurde, erscheint heute, in meist besserer technischer Qualität, innerhalb der diversen Billigserien.

Und wem zu teuer ist, was heute produziert wird, der warte, bis diese Aufnahmen morgen gestrichen und übermorgen in Billigserien wieder erscheinen. Bedenklich würde die Sache nur, wenn die Mehrheit der Käufer sich so verhielte. Dann wären aus wirtschaftlichen Gründen keine Neuproduktionen mehr möglich, und damit würde das Repertoire für Billigserien von morgen schrumpfen.

Der Aktualität folgen erweist sich als teuer. Wer sich Zeit läßt und aus der Fülle des Gebotenen kritisch auszuwählen versteht, kann seine Schallplattensammlung fast zum halben Preis ausbauen. Zumindest kann er auf diese Weise Lücken auffüllen, die, mit Neuerscheinungen zu schließen, wesentlich teurer käme.

Repertoire von gestern - Billigserien von heute

Wer sich vor einigen Jahren über die Streichung mancher Schallplatten-Aufnahme mit Ferenc Fricsay geärgert hat, kann diese Aufnahmen heute zum Teil für DM 10,- oder DM 16,- kaufen, während er damals noch DM 25,- bezahlen mußte. Dies ist nur ein Beispiel, das für zahlreiche andere steht.

Das Mono-Repertoire aus der Vor-Stereo-Zeit erscheint derzeit, teilweise mehr oder weniger gelungen künstlich stereofonisiert auf 10DM Platten. Aber auch Aufnahmen aus der jüngeren Vergangenheit erscheinen in 10DM Serien. Was aus dieser Zeit für gehobenere Geschmäcker attraktiv sein müßte, wird zum gleichen Preis pro Platte in Kassetten zusammengefaßt und nicht dem breitesten Vertriebsweg (Warenhäuser, Tankstellen, Supermärkte usw.) zugeführt wie die Einzelplatten der Billigserien.

Das Stereorepertoire aus der Zeit zwischen 1960 und, sofern es aus irgendwelchen markt- oder repertoire-politischen Gründen gestrichen wurde, der jüngeren Vergangenheit, erscheint, gelegentlich in anderer Kopplung und durchweg neuer Fassung, in neuen Taschen und meist neuer Überspielung in 16DM Serien. Auch in dieser Stückpreislage gibt es Kassetten-Ausgaben von Reprisen.

Billigserien der Teldec: „Musik für alle", NT, ND, RCA Victrola ViCS und „Meister der Musik", sowie als Beispiel für Billigkassetten eine RCA Kassette mit der Kennziffer RK. Sie enthält zum Preis von DM 29.- zwei Stereoplatten. Die Repertoirezusammenstellung erfolgte hier unter den Oberbegriffen „Gitarrenmusik" und „Julian Bream".

Im rechten Bildteil zwei Beispiele aus dem eurodisc- Programm: „Edition exclusive" mit neueren Stereoaufnahmen aus dem Supraphon-Repertoire und „Melodia-Auslese", meist stereofonisierte Original-Monoaufnahmen aus der UdSSR, aber auch ältere Stereoaufnahmen aus diesem Repertoire.

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Auf die Tabellen von 1971 möchten wir verzichten

Welche Billigserien von den E-Musikproduzenten angeboten werden und welches Repertoire sie auswerten, ist ohne Anspruch auf Vollständigkeit in der tabellarischen Übersicht in der Hifi-Stereophonie zusammengefaßt. Doch auf diese langweiligen Listen wollen wir hier verzichten.
Vieleicht kommt eine Aufzählung der Marken.
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Warum kosten die Platten nur 5 DM oder 7,50 oder 10 DM ?

Der Käufer muß sich nun fragen, wieso ein und dieselbe Ware 5, 7,50 oder 25,- DM kosten kann. In allen Fällen ist der Vorgang der Herstellung und die erforderliche Menge Kunststoff die gleiche. Das ist zweifellos richtig. Aber ebenso wahr ist, daß der weitaus größte Kostenanteil einer Schallplatte weder auf den Kunststoff, noch auf Pressung, Herstellung der Werkzeuge oder überspielung von Band auf Lackfolie entfällt, sondern auf die Produktion des Mutterbands.

Künstlerhonorare, Spesen, Studiomieten und Leihge- bühren für Notenmaterial fallen um so schwerer ins Gewicht, je größer der erforderliche Klangkörper ist und je berühmter die Namen der beteiligten Künstler sind. Diese Kosten sind überhaupt nur über die Auflagen zu decken.

Aber selbst bei Opernproduktionen, die von vornherein von der Besetzung, der Sprache und der Kassetten- ausstattung her für den Weltmark produziert werden, sind die Stückzahlen kleiner, als man allgemein annimmt.

Das ältere Repertoire hingegen mag sich amortisiert haben oder nicht. Auf jeden Fall entstehen bei Wiederveröffentlichung keine Produktionskosten. Anfallende Künstlerhonorare sind je nach Vertrag unterschiedlich. Deren Höhe ist daher sicher mit entscheidend, wenn es um die Frage einer Wiederveröffentlichung und deren Eingliederung in eine Billigserie bestimmter Preisklasse geht. Auf jeden Fall zu befriedigen sind Ansprüche der GEMA.

Die technische Qualität von Billigpreisplatten

Für den Hifi orientierten Schallplattensammler hängt die Beantwortung der Frage, ob er von der Möglichkeit preisgünstiger Schließung von Repertoirelücken seiner Sammlung/Diskothek Gebrauch machen kann, entscheidend von der technischen Qualität der Reprisen ab. Aus diesem Grund werden alle Billigpreisplatten, die uns erreichen, über eine hochwertige HiFi-Stereoanlage geprüft und unter der Rubrik „Eingetroffene Schallplatten" hinsichtlich Aufnahme-, Klangqualität und Oberflächengüte bewertet.

Besonderheiten werden in Stichworten angegeben. Auf vorausgegangene Rezensionen der entsprechenden Erstveröffentlichung wird unter Angabe der vollständigen Bewertung hingewiesen. Gelegentlich wird eine Platte, die, aus welchen Gründen auch immer, anläßlich ihrer Erstveröffentlichung nicht besprochen wurde, in diesem Kurzverfahren auch vollständig bewertet.

Die Bewertung in der Hifi-Sterophonie

Es sind dann eben vier Ziffern statt nur zweier angegeben. Bei vier Ziffern bezieht sich die Bewertung auf Interpretation, Repertoirewert, Aufnahme-, Klangqualität und Oberfläche, in der genannten Reihenfolge. Bei nur zwei Ziffern sind nur die beiden letzten Rubriken bewertet. Auf diese Weise können wir unsere Leser regelmäßig und in fast beliebigem Umfang darüber informieren, ob die preisgünstigen Angebote auch ihren HiFi-Erwartungen genügen oder nicht.

Im Januar-Heft wurden 46 Aufnahmen kurzbewertet, und in diesem Heft sind es vermutlich noch mehr. Da die Beurteilung immer unter gleichen Bedingungen von der selben Person vorgenommen wird, überschreitet die Streuung der Urteile nicht die von möglichen Stimmungsschwankungen abhängige Toleranzbreite.
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Vier Beispiele aus dem Billig-Angebot der DGG: „Heliodor historisch" mit älteren Monoaufnahmen von dokumentarischem Wert, „Heliodor" mit stereofonisierten Monoaufnahmen oder älteren Stereoaufnahmen, 135er-Serie mit neueren Stereoaufnahmen und „Privilege-Kassette", thematische Zusammenstellungen neuerer bis neuester Stereoaufnahmen auf zwei LP in moderner Aufmachung des Beihefts. Rechts oben eine PR-Platte von Intercord und rechts unten ein Beispiel aus der 16-DM-Serie von Cantate, in der stereofonisierte Monoaufnahmen oder ältere Stereoaufnahmen, aber gelegentlich auch Neuaufnahmen, erscheinen.

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Erstaunlich gute Qualitäten

Aus mehr als einjähriger Erfahrung im Umgang mit Billigpreisplatten heraus glaube ich zu deren technischer Qualität folgende Feststellung verantworten zu können:
Wer die Bewertungen unter der Rubrik „Eingetroffene Schallplatten" über längere Zeit verfolgt hat, wird vielleicht selbst schon mit Verwunderung bemerkt haben, daß die Aufnahme-, Klangqualität verschiedener Serien kaum hinter derjenigen ausgezeichneter Neueinspielungen zurücksteht. Tatsächlich habe ich im Laufe der Zeit die Erfahrung gemacht, daß sehr viele Reprisen wesentlich besser klingen als die mehrere Jahre zurückliegenden Erstveröffentlichungen. Am auffallendsten ist dies bei Electrola. Es trifft jedoch auch auf Philips und DGG zu.

Der Hintergrund - Die Wahrheit der "Bandbreite"

Vor einigen Jahren haben vermutlich alle Firmen, außer möglicherweise der Teldec, beim Überspielen vom Mutterband auf Lackfolie den Frequenzumfang mehr oder weniger beschnitten. Begründet wurde diese Maßnahme damit, daß die Platten ja bei der Mehrheit der Käufer ordentlich klingen müßten und nicht bei der Minderheit von HiFi-Enthusiasten. Die Mehrheit benutzte damals noch Kristalltonabnehmer, die in den Höhen ohnehin zur Schärfe und Aggressivität neigten, schlechtere Abtasteigenschaften aufwiesen und höhere Klirrgrade produzierten als die magnetischen Tonabnehmer.

Ein (zu) großer Ubertragungsbereich konnte sich beim Abtasten der Schallplatten mit Kristalltonabnehmern durchaus nachteilig bemerkbar machen. Diesen Standpunkt haben inzwischen alle Plattenfirmen zur Freude der hifi-orientierten Käufer aufgegeben. Sei es, daß sie nunmehr der Meinung sind, die Wiedergabegeräte seien bei der Mehrheit der Käufer besser geworden, was möglicherweise zutrifft, oder daß sie zugunsten der anspruchsvollen Minderheit auf die weniger kritische Mehrheit keine Rücksicht mehr nehmen.

Doch die Zeiten haben sich geändert . . .

Logisch wäre diese Auffassung, denn der kritische Käufer wird inzwischen über eine HiFi- Stereoanlage verfügen, und der unkritische wird auch der Platte gegenüber unkritisch sein. Hinzu kommt noch der erfreuliche Umstand, daß die Schallplatten-Schneidtechnik in den letzten Jahren (also vor 1971) nochmals erhebliche Fortschritte gemacht hat, die sich günstig auf die Klangqualität der Schallplatten auswirken.

Viele frühere Stereoplatten haben nicht deswegen dumpf oder undurchsichtig geklungen, weil die Aufnahmeingenieure versagt haben, sondern weil auf dem Weg vom Mutterband zur Lackfolie (von der über mehrere Zwischenglieder die Preßmatrizen gewonnen werden), gewollt oder ungewollt, zu viele die Klangqualität bestimmende Eigenschaften auf der Strecke blieben.

Drei Titel aus dem Billig-Angebot von Phonogram. Links alle Beethoven-Sonaten mit Clara Haskil und Arthur Grumiaux, vier Platten zu 39,- DM, ein Beispiel aus der Festivo-Serie zu DM 16.- mit neuerem Stereorepertoire und rechts ein Titel aus der 10-DM-Reihe Fontana Special, in der älteres Stereorepertoire wiederverwertet wird.

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Bei sehr guter Technik hängt es oft von Menschen ab

Selbstverständlich hat auch die Aufnahmetechnik Fortschritte gemacht. Manchen Produktionen aus den Anfängen der Stereofonie hört man ihr Alter schon an. Aber in dieser Hinsicht gibt es innerhalb ein und derselben Firma große Unterschiede. Sie sind darauf zurückzuführen, daß große Firmen mehrere Aufnahmeteams beschäftigen, wovon jedes mehr oder weniger seine eigene „Handschrift" hat.

So klingen z. B. die neuüberspielten Beethoven-Symphonien mit Eugen Jochum, den Berliner Philharmonikern oder dem Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks, die in den Jahren 1959/60 aufgenommen wurden, durchsichtiger und anspruchsvoller als die vergleichsweise wattiert wirkende Aufnahme mit dem abstrusen Titel „hifi-Karajan", welche die DGG jüngst als Werbeplatte
zum Preis von DM 12,80 herausgebracht hat.

Aha - wieder das Karajan Syndrom bei der DGG

Es wäre nun sicher falsch, zu vermuten, die DGG-Produzenten hätten verlernt, klanglich anspringende, präsente Aufnahmen zu machen. Vielmehr glaube ich, daß sie der „Wie-Samt-und-Seide-Ästhetik" Karajans nachgeben mußten. Aufnahmen der DGG mit anderen Dirigenten lassen diese Merkmale nämlich nicht erkennen.

Besser bei DECCA

Daß man bei der Decca schon von Anfang an verstanden hat, ausgezeichnete Stereoaufnahmen zu machen (sie sind lediglich etwas baßlastig), beweisen auch die billigen Serien, während die Qualität älterer Telefunken-Aufnahmen sehr unterschiedlich ist.

Erfreulich gut ist auch die Klangqualität der in der Festivo- und Fontana-Special- Serie erscheinenden älteren Philips-Aufnahmen. Auch hier haben die Neuüberspielungen Verbesserungen gebracht. Recht unterschiedlich steht es um die Klangqualität bei Ariola-eurodisc.

Alte sowjetische Monoaufnahmen ?

In den Serien Melodia-Auslese und Baccarola-Auslese erscheinen zum Teil sowjetische Monoaufnahmen älteren Datums, die gelegentlich im Duplo-Sound-Verfahren künstlich stereofoniert sind. Hier findet man Platten, die miserabel klingen und nur vom Repertoirewert her interessant sind. In beiden Serien gibt es jedoch auch ordentlich klingende Stereoaufnahmen.

Besser bestellt ist es im allgemeinen um die Supraphon-Auslese, und sehr wertvolle, meist auch technisch zufriedenstellende Aufnahmen aus dem Supraphon-Fundus erscheinen in der 16 DM Serie „edition exclusive". Überhaupt hat euro-disc durch den Vertrieb der tschechischen Firma Supraphon, der nun erstmals auch wirklich funktioniert, ein insbesondere im Bereich der Kammermusik sehr hoch einzuschätzendes Repertoire hinzugewonnen.

CBS und die anderen Labels

Keine Erfahrung habe ich mit Billigserien der CBS, weil uns nur PR-Platten zugesandt wurden, die Zusammenstellungen von Neuproduktionen erhielten, also keine Billigpreisplatten im engeren Sinn sind.

Die Billigserien der Schallplatten-Verleger (harmonia mundi, Bärenreiter, Schwann, Da Camera, Pelca usw.) enthalten meist recht interessantes Repertoire in guter technischer Qualität.

Die Qualität bei der Herstellung

Was die Oberflächengüte betrifft, dürfte zwischen Billigserien und 25.- DM Platten eigentlich kein Unterschied sein, denn es werden die gleichen Verfahren und Pressen für deren Herstellung benutzt. Lediglich hinsichtlich der Qualitätskontrolle der laufenden Produktion wird bei Billigserien großzügiger vorgegangen als bei teuren Platten.

Die Stichproben - Intervalle

Beim Pressen wird eben nicht, sagen wir, jede hundertste Platte geprüft, sondern vielleicht nur jede drei- oder vierhundertste. Genaue Zahlen entziehen sich meiner Kenntnis. Tatsache ist jedenfalls, daß die Oberflächengüte von Billigplatten kaum nennenswert unter derjenigen von Normalpreisplatten liegt.

Welche Fehler sind zu bemängeln ?

Die häufigsten Fehler sind, in der Reihenfolge ihrer Nennung: Unruhige Einlaufrillen, Schleif- oder Rumpelgeräusche, Knacker und Knistern. Alle diese Fehler treten auch bei teuren Platten auf, möglicherweise in etwas geringerem Umfang. Wollte man dies jedoch beweisen, müßte man über längere Zeit hinweg statistische Untersuchungen anstellen. Was den Rohstoff betrifft, gibt es meiner Erfahrung nach keinen Unterschied zwischen Billig- und Normalpreisplatten.

Was die Oberflächen-Bewertung gelegentlich drückt, ist das bei älteren Aufnahmen öfter vorhandene Rauschen. Dabei handelt es sich jedoch um Bandrauschen und nicht um „Rillenrauschen", das von Perösitäten oder Rauhigkeiten in der Oberfläche der Rillenflanken herrührt. Erhöhten Rauschpegel vermerke ich bei der Kurzbewertung immer gesondert.

In der Summe : erfreulich gut

Alles in allem sind die verschiedenen Billigserien aus dem Blickwinkel des hifi-bewußten Sammlers eine durchaus erfreuliche Erscheinung. Zwar wurden sie für ihn nicht erfunden, was ihn jedoch nicht hindern sollte, sie zu nutzen. Sie geben ihm Gelegenheit, vor Jahren Entgangenes billiger und meist in technisch besserer Qualität anzuschaffen.

Allerdings ist zu hoffen, daß die Billigserien nicht zu sehr auf die Verkaufsziffern drücken, deren Finanzierung auf der kaufmännischen Grundlage der Billigserien kaum möglich sein dürfte, zumindest dann nicht, wenn sie das gewünschte künstlerische und technische Niveau aufweisen sollen. Abgesehen von ihrem Aktualitätswert stellen die Neuproduktionen von heute das Repertoire der Billigserien von morgen. Daher sollten sie in ihrer Qualität so gut wie möglich und in der Quantität so zahlreich wie wirtschaftlich und künstlerisch eben vertretbar sein. Daran sollten die Kaufleute in den Schallplattenfirmen denken, wenn sie ihren Produktionsstäben die Jahresetats zuteilen.

Die letze Forderung : Angabe des Aufnahmedatums

Aus der Sicht des Käufers ist an die Adresse der Hersteller ein dringender Wunsch zu richten: Und zwar nicht mehr und nicht weniger als der nach redlicher Kennzeichnung der angebotenen Ware. Es mag noch entschuldbar sein, wenn die Plattentasche durch ein aktuelles Foto den Anschein erweckt, als handele es sich um eine Neuaufnahme mit dem betreffenden Künstler, während sie in Wahrheit schon über zehn Jahre alt ist, den Künstler daher unter Umständen in einer ganz anderen Phase seiner Entwicklung oder seiner Laufbahn zu Gehör bringt.

Aber es kann auf die Dauer nicht hingenommen werden, daß auf Plattentasche oder Etikett jeglicher Hinweis auf das Aufnahmedatum fehlt wie das, von wenigen Ausnahmen bei historischen Serien abgesehen, heute noch der Fall ist. Es handelt sich hier nicht nur um ein Gebot der Redlichkeit gegenüber dem Käufer, sondern auch gegenüber den Ausführenden, die sich möglicherweise von ihrer früheren Interpretation längst distanziert haben. Gerade auch für den Sammler ist es wichtig, zu wissen, mit welcher Periode eines Künstlers er es zu tun hat.

Die Schallplatte als Dokument eines Leistungsstandes muß den Hinweis auf das Datum der festgehaltenen Interpretation enthalten. Ich kenne keinen akzeptablen Grund, der die Firmen von dieser bislang leider vernachlässigten Pflicht entbinden könnte.

Karl Breh im Feb. 1971

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